Nachtgeboren – Kurzgeschichte

Die folgende Short Story ist mein Beitrag als Patin zum Oktober-Schreibwettbewerb von The Lounge – Books and More.
Die Vorgaben lauteten: 2500 Wörter Umfang (ich bin ja prädestiniert für kurze Geschichten, muhaha), außerdem mussten die Worte Nacht, zart, Bann, Kirche und verhüllt im Text vorkommen.
Die Gewinnergeschichte des Wettbewerbs stammt von Pat Rone und ist wirklich lesenswert. Ihr findet ihre Story hier. Sie wird zusammen mit meinem Beitrag in einem Sammelband veröffentlicht, in dem alle Siegerbeitrage sowie die Storys der Paten zu finden sind.

Und hier nun mein Beitrag:
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Catalina Cudd
Nachtgeboren
(Oktober 2016)

Tree

Foto: Pixabay

Wir stolperten zu siebt und reichlich angetrunken in die verlassene Kirche. Die Strahlen unserer Taschenlampen enthüllten kahle graue Wände, einen leeren Altarraum und dreckblinde Fenster. Über unseren Köpfen wölbte sich Dunkelheit.
Kichernd öffnete Maggie den Rucksack und schüttete den Inhalt auf den Steinboden. Eine dicke gelbe Kerze rollte davon. Joe kickte sie ein paarmal durch das leere Gebäude. »Tor!«, schrie er, als sie gegen einen Pfeiler knallte.
Ellie zischte: »Nicht so laut!« Vorsichtig zog sie das Buch aus ihrer Umhängetasche, mit den Fingern über den brüchigen Ledereinband streichend.
Dana reichte die Weinflasche an mich und hockte sich nieder, um mit Kreide ein riesiges krummes Pentagramm mitten in den Raum zu malen. Staub kitzelte meine Nase, die Nacht schmeckte nach feuchtem Stein, von außen drang kein Geräusch durch die dicken Mauern. Ich fröstelte und nahm einen langen Schluck, obwohl sich in meinem Kopf bereits alles drehte. Maggie, Linda und Steve pflanzten Kerzen an den Wänden auf. Ein Feuerzeug klickte.
Als sämtliche Dochte entzündet waren, schalteten wir die Taschenlampen aus. Ellie hatte die gelben Stumpenkerzen an die Spitzen des fünfzackigen Sterns platziert. Sie sahen plump aus und rochen unangenehm, aber niemand machte eine Bemerkung darüber, also hielt auch ich meinen Mund. Die tanzenden Flammen erweckten die Schatten in den Ecken zum Leben. Im orangefarbenen Schimmer sah Steves markantes Gesicht noch schöner aus.
Linda versetzte mir einen Rippenstoß. »Starr ihn nicht so an, Frischfleisch. Hast eh keine Chance.«
Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte.
Steve war Mittelpunkt der lässigsten Clique an der Uni und der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte. Ich kam vom Dorf, wo alle Männer mit dem gleichen rotwangigen Quadratschädel ausgestattet sind. Außerdem war ich im ersten Semester; für Lichtgestalten wie Steve oder Linda existierte meinesgleichen gar nicht. Meiner Zimmergenossin Dana – Lindas Cousine – war es zu verdanken, dass ich Steve jetzt aus der Nähe anschmachten konnte. Ich gehörte nicht zu ihner Gruppe, noch nicht, aber ich arbeitete daran. Die ersten Seminare hatte ich bereits verschlafen und ich gab Geld für Dinge aus, die ich mir nicht leisten konnte. Ihr Lifestyle und ihr Selbstbewusstsein schüchterten mich ein. Aber nur so konnte ich ihm nahe sein.
Linda musterte mich von der Seite. »Die Klamotten, die du trägst, gibt es die auch in schön? Oder trägt man das bei euch beim Stallausmisten?«
Ich sah an mir herab. Nagelneue Jeans, Halbstiefel, mein hübscher Parka. Was stimmte damit nicht?
Mit verächtlichem Auflachen stolzierte sie zu Maggie und tuschelte mit ihr. Ellie öffnete derweil ein Glasfläschchen und träufelte dunkle Tropfen auf den Boden. Sie murmelte vor sich hin.
»Was macht Ellie da?« Dana pflückte mir die Weinflasche aus der Hand.
»Likör vergeuden.« Ich versuchte, nicht ständig zu Steve hinüberzusehen, der sich zwischen Linda und Maggie schob und ihnen die Arme um die Schultern legte. Die Kapuze seiner Jacke verhüllte sein Gesicht, aber ich war überzeugt, dass er grinste. Er hatte das süßeste Grinsen der Welt. Zu gern hätte ich es gesehen.
»Sie nimmt den Scheiß echt ernst«, murmelte Dana. »Manchmal ist sie total unheimlich.«
Widerwillig tauchte ich aus meinen verliebten Gedanken auf. Ellie schritt mit dem geöffneten Buch um das Pentagramm herum und las leise daraus vor. Es klang gruselig. Definitiv kein Latein.

Foto: unsplash

»Woher hat sie dieses Buch?« Keine Ahnung, warum ich flüsterte.
»Flohmarkt oder Antiquariat. Keine Ahnung.« Dana rieb sich über die Arme. »Verdammt kalt hier drin.«
Ein Windhauch strich über mein Gesicht, warm wie eine Berührung. Gänsehaut kroch mein Rückgrat hinauf. Milchiger Dunst stieg aus den Steinfugen.
Joe ließ sich schwer zu Boden plumpsen und zauberte einen Flachmann aus seiner Jacke. »Auf Satans Jünger!« Seine Stimme wurde von den Wänden zurückgeworfen. Die Kerzenflammen loderten auf. Joe lachte, es klang erschreckend dünn. »Dauert der Zirkus noch lange, Ellie? Mir ist arschkalt.«
Seltsam, mir wurde von Minute zu Minute wärmer. Ich öffnete den Reißverschluss meines Parkas. Die Flammen der fünf Stumpenkerzen wuchsen schnurgerade in die Höhe, doch alle anderen Lichter flackerten hektisch. Feuchtigkeit hing in meinen Wimpern.
Steves Hand rutschte zu Lindas Brust hinab. Sie schickte einen triumphierenden Blick zu mir herüber, der mich zusammenschrumpfen ließ. Gleichzeitig kämpfte ich gegen die Eifersucht, konnte jedoch nicht wegschauen. Warum tat er das?
»Vergiss ihn lieber«, flüsterte Dana. »Der Arsch treibt es mit jeder. Angeblich macht er dabei sogar Selfies. Für seine Kumpels«
Schockiert starrte ich sie an. Steve? Niemals! Er hatte wunderschöne braune Augen. Ich war überzeugt, dass er sehr liebevoll sein konnte.
Die Luft über dem Pentagramm geriet in Bewegung. Mir schwindelte, meine Kehle schnürte sich zu. An den Rändern meines Blickfeldes blühte Dunkelheit; Schatten krochen die Wände herab und breiteten sich aus wie Ölpfützen.
»Ellie, ich will jetzt gehen.« Dana trat an die Kreidelinie heran.
»Nicht berühren!« Ellie stellte eine Kupferschale mit trübem Wasser in die Mitte. Die Oberfläche zitterte.
»Weißt du überhaupt, was du da tust?«, fragte Joe mit schleppender Stimme.
Ellie ignorierte ihn. Ihre Augen glänzten im Kerzenschein, als sie mit ihrem unverständlichen Gemurmel fortfuhr. Die Kreideumrisse des Fünfzacks verschwammen. Ich blinzelte, doch das Bild blieb unruhig. Aus der Dunkelheit hörte ich Linda kichern, dann das Ratschen eines Reißverschlusses. Ich konnte die beiden nur noch schemenhaft erkennen. Mein Herzschlag beschleunigte sich.
»Mit solchen Sachen sollte man nicht herumspielen.« Dana zog die Schultern hoch. »Ich hau ab. Kommst du mit, Becca?« Bange Hoffnung lag in ihrem Blick. Dabei war Dana die Ältere von uns beiden. Viel cooler, viel erfahrener als ich.
»Ich bleibe«, flüsterte ich. Die seltsame Atmosphäre hielt mich gefangen, außerdem wollte ich Steve nicht mit Linda zurücklassen. Albern, ich weiß. Er kannte ja nicht einmal meinen Namen.
Rauchfäden verwirbelten über der Wasserschale ineinander, ihr träger Tanz zog mich in ihren Bann. Meine Beine fühlten sich an, als wären sie mit warmem Blei ausgegossen. Mein Verstand rüttelte an imaginären Gitterstäben und brüllte Verschwinde von hier!, doch ich konnte mich nicht rühren.
»Becca?« Dana stupste mich an. »Alles okay mit dir? Du guckst so komisch.«
Bevor ich antworten konnte, ging ein WHOOOSH! durch das Kirchenschiff. Sämtliche Kerzenflammen wurden niedergedrückt, flackerten wild, richteten sich wieder auf. Aus dem Dunkel hörte ich ein erschrecktes Kreischen, dann Maggies unsicheres Kichern. »Boah, ich dachte …«
»Die besoffene Kuh sieht schon Geister.« Lindas Spott ging in einen Seufzer über. Ein Schmatzen folgte. »Oh, Steve …«
Meine Wangen brannten, als wären sie der Hitze zu nahe gekommen.
»Ich habe ein echt mieses Gefühl«, flüsterte Dana.
»Ich auch.« Maggie war nur ein schwarzer Fleck im dunstigen Dunkel. »Wo seid ihr? Dana?«
»Ich komme zu dir.« Danas Schritte entfernten sich, noch bevor ich mich regen konnte.

Foto: Catalina Cudd

Der Nebel fühlte sich schwer an, wie ein warmes feuchtes Tuch auf meinem Gesicht. Ich wischte mir über die Wangen.
Jemand gesellte sich zu mir, ein hochgewachsener Schemen, der das Licht verschluckte. Er beugte sich zu meinem Ohr. »Hast du Angst?«, raunte er mit einer Stimme, die meine Eingeweide vibrieren ließ. Steve!
Ich hickste zur Antwort und er lachte leise unter der Kapuze.
»Glaubst du an Beschwörungen, kleine Unschuld?«
»Nein«, brachte ich hervor. »Nur … Es ist schon unheimlich.« Ich rechnete mit einer spöttischen Erwiderung.
»Aufregend.« Steves Atem strich über meine Schläfe. Seine Schulter berührte mich.
Dort vorn glaubte ich, Ellies Bewegungen zu sehen. Die anderen konnte ich nicht ausmachen. Mein Blick wurde magisch von dem Pentagramm angezogen. Die Kreidestriche wirkten unnatürlich hell, als leuchteten sie. Sie schienen zu vibrieren. »Ich rühre nie wieder einen Tropfen an«, stöhnte ich.
Das Lachen dicht neben mir stellte meine Nackenhärchen auf. Steve hatte ein überraschend tiefes Lachen. »Du bist interessant«, wisperte er. »Ich habe dich beobachtet. Diese Sache macht dich an.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht mal ansatzweise. Es ist krank.« Er hatte mich beobachtet? Wow.
»Lüg nicht.« Finger strichen mein Haar hinters Ohr, so zart, dass ich es kaum spürte. »Ich werde deinen wunderschönen Hals küssen. Und nicht nur ihn.«
»Du …. was?«, Ich schaffte es endlich, den Kopf zu drehen. Sein Gesicht lag in der Schwärze der Kapuze verborgen, lediglich die Augen glommen im orangenen Licht der Kerzen. Von seiner Gestalt ging fiebrige Hitze aus. Es war, als stünde man neben einem lodernden Feuer. Er war größer, als ich gedacht hatte. Ein breitschultriger Scherenschnitt, der mich um fast zwei Köpfe überragte. »Bist du gewachsen?«, nuschelte ich.
»Vielleicht«, hauchte er. Sein Mund … so weich und sanft an meiner Wange.
Ich krampfte die zitternden Finger in den Saum meiner Jacke. Mir fehlte die Erfahrung mit Männern wie Steve – na gut, mit Männern allgemein. Das diffuse Kribbeln in meinen Eingeweiden mischte sich mit wachsender Furcht. »Steve, bitte … nicht hier.«
»Hier oder gar nicht, Unschuld.« Finger krabbelten durch mein Haar, Lippen berührten meinen Nacken. Schwindel erfasste mich.
»Aber die anderen …«
»Sehen nichts, hören nichts. Es ist ihnen egal.« Die kiesige Stimme penetrierte meine Gehörgänge und echote in den Hirnwindungen. Eine Hand legte sich auf meinen Bauch und beschrieb langsame Kreise. Trotz des dicken Pullovers, den ich trug, brannte sich die Berührung durch die Haut. Meine Muskeln verwandelten sich in Wackelpudding. Ein winziger Laut kam über meine Lippen.
Den attraktiven Steve aus der Distanz anzuhimmeln, war eine Sache, aber ihm unerwartet nahe zu sein, jagte mir Angst ein. Seine Gegenwart überforderte mich. Er war ganz anders, als ich gedacht hatte. Überwältigend, bedrohlich.
»Wen, denkst du, hat sie hierher gerufen?« Seine Gegenwart umzingelte mich. Groß und hitzig und kraftvoll. »Einen Toten? Einen Dämon?«
Ich brauchte einige Augenblicke, bis ich verstand, dass er von Ellies Ritual sprach. »Ich glaube nicht an diesen Unsinn«, wisperte ich brüchig.
»Warum bist du dann hier, Unschuld?« Seine Hand wanderte meinen Leib hinauf und hinterließ eine Feuerspur unter meiner Kleidung. Sein Duft – Sandelholz, Rauch mit einer Spur Schwefel – kitzelte meine Nase.
»Ich … ich weiß nicht.« Matt ließ ich mich gegen seinen Körper sinken, dann nahm ich allen Mut zusammen. »Wegen dir.«
»Immerhin bist du ehrlich« Er drehte mich herum.
Ich hörte Maggie jammern: »Können wir jetzt bitte gehen, Leute?«
»Nein. Bleib im Licht!«, bellte Ellie.
»Welches Licht, verdammt? Die Kerzen sind ausgegangen.« Ein Klacken, dann: »Mist! Die Taschenlampe tut’s nicht mehr.«

Foto: Catalina Cudd

Jenseits des Pentagramms war Lindas Kichern zu hören, begleitet von einem heiseren »… dich total geil.« Joe findet Linda geil? Ich dachte, er wäre smart.
Ich nahm die Gesprächsfetzen nur am Rande wahr. Steve hob mein Kinn mit zwei Fingern und küsste mich. Er. Küsste. Mich.
Und wie er mich küsste! Mit weichen, warmen, unbarmherzig hungrigen Lippen. Seine Zunge wand sich um meine und spielte mit ihr. Ich weiß nicht, was ich schmeckte. Es war, als hätte ich etwas Brennendes, betäubend Scharfes in die Kehle bekommen. Ein Stromstoß nach dem anderen raste durch meinen Körper. Ein wildes Pochen erwachte in meinem Unterleib. Ich versuchte, seinen Kuss zu erwidern, aber weder meine Lippen noch die Zunge wollten gehorchen. Ich wurde von diesem Wahnsinnskuss einfach mitgerissen. Die Zeit strudelte davon, die Dunkelheit um uns herum geriet in Bewegung. Ich klammerte mich an Steve fest, meine Augen suchten seine. Alles, was ich erkennen konnte, waren zwei schimmernde Flecken im Schatten der Kapuze.
»Wir werden jetzt gehen.« Seine Rechte wanderte unter meinen Pullover und strich über die nackte Taille. Er presste sein Becken gegen meine Hüfte, hart, pulsierend, fordernd, ganz anders als das langsame Streicheln. »Komm mit mir, kleine Unschuld.«
Ich wäre zu Boden gegangen, wenn Steve mich nicht festgehalten hätte. Mein Atem kam stoßweise, mein Kopf schien wie mit Watte gefüllt. »Wohin willst du denn?« Himmel, ich hörte mich an wie ein kleines Kind.
Er knabberte sich an meinem Kinn entlang, während die steinharte Beule in seiner Jeans sich regelrecht in mich hineinbohrte. »Egal wohin«, wisperte er. »Ich will die Welt entdecken. Ich will dich entdecken.«
Etwas stimmt hier nicht. Die Erkenntnis kämpfte sich mühsam ihren Weg durch die Betäubung. »Linda hat gesagt, du stehst nicht auf Erstsemester.«
»Linda weiß gar nichts.« Spott schwang in den Worten mit. »Ihr alle wisst gar nichts.«
»Steve …«, begann ich, doch seine Lippen verschlossen meinen Mund. Mein Körper wurde nachgiebig unter seinen Händen, seinem Kuss. Seine Erektion schwoll spürbar an, ich schnappte nach Luft. Ich konnte nicht sagen, ob das, was mich im Griff hielt, eine verrückte Art von Lust war, oder eine unbekannte, archaische Angst. Steve fühlte sich gefährlich an – eine andere Beschreibung fiel mir nicht ein. Er war so unnachgiebig, so hitzig, als stünde sein Inneres in Flammen. Bisher hatte ich ihn nur als attraktiven jungen Mann betrachtet, doch hinter diesem Äußeren lauerte ein fremdartiges Wesen. Eines, das sein hungriges Auge auf mich geworfen hatte.
Ein ersticktes Stöhnen kam aus meiner Kehle, als Steve mich Schritt für Schritt rückwärts drängte, fort von den fünf dicken Kerzen, die eine Ahnung von Licht verbreiteten. Seine Konturen verwischten trotz der Nähe. Das Glimmen seiner Augen wurde stärker. Meine Finger krallten sich in seine Jacke, mein Herz schwoll mit jedem Schlag an, als wolle es bersten. Der Steinboden unter mir schwankte.

Foto: Pixabay

Während Steve mich von den anderen fortschob, hinein ins Dunkel, glitt seine Hand an meiner Hüfte herab und zwischen meine Beine. Zwei Finger pressten sich gegen meinen Spalt. Ich taumelte und bekam mehrere Sekunden lang keine Luft.
»Du willst mich. Du willst mich.« Seine kaum hörbaren Worte krochen tief in meinen Verstand, bis ich nichts anderes mehr hörte, nicht einmal meine abgehackten Atemzüge. »Du willst mich.« Ein leichter Druck auf meine Klit, und ich wäre fast zur Decke hinaufgeschossen. Unwillkürlich bewegte ich das Becken. Ich glaube, mein Höschen war bereits klatschnass, doch noch immer wurde ich von dieser erschreckenden Betäubung beherrscht.
»He, wo steckt Becca?« Maggies Stimme kam von weit, weit weg. »Becca? Sag etwas!« Klang sie verängstigt? Es war mir egal. Ich schmiegte mein Gesicht an Steves Brust, versuchte, seinem Herzschlag zu lauschen.
Da war nichts.
Ich spürte nur diese unnatürliche Hitze, die durch seine Kleidung sickerte. Vielleicht hatte er Fieber. Seine blanke Haut zu berühren, musste sich anfühlen, als greife man in ein loderndes Feuer.
Mein Rücken stieß gegen Widerstand. Ein Hauch von Nachtkälte strich über mein Genick. Das alte Kirchenportal stand einen Spalt weit offen, ich tat einen tiefen Atemzug.
»Du willst mich.« Steves leise Stimme hielt mich gefangen. »Komm mit mir.«
Tu es nicht!, schrie eine verzweifelte Stimme aus meinem Unterbewusstsein. Ich schaffte es, den Kopf zu bewegen und an Steves Arm vorbei zurück ins Innere zu schauen. Sechs Gestalten bewegten sich wie unter Wasser um das Flackerlicht der Kerzen herum. Kurz tauchten Joes Züge aus dem Dunst auf, dann Danas weit geöffnete Augen. Sie schaute sich hektisch um. »Becca! Verdammt, wo bist du?« Ich glaubte, Maggie zu sehen, die eindringlich auf Ellie einredete. Linda schob die Kapuze des Mannes zurück, mit dem sie herumknutschte. Sie grub ihre Hände in sein Haar. Steves gekonnt zerzauste Frisur hatte ich schon immer gemocht.
Mein Mund öffnete sich. Doch es kam kein Laut heraus.
Der harte, heiße Körper an meinem drängte mich durch den Türspalt nach draußen. Keine Sterne standen am Himmel; die Umgebung war so schwarz, dass ich oben und unten nicht auseinanderhalten konnte. Ich tat einen Schritt rückwärts und wäre beinahe hintenüber die Stufen hinabgestürzt. Der Mann packte mich flink um die Taille. Er hielt mich fest und das war gut so. Denn als das Kirchenportal krachend ins Schloss fiel, gaben meine Beine endgültig nach. Eine eisige Windböe zauste mein Haar. Das Glühen seiner Augen gewann an Intensität. Sie waren tatsächlich orangefarben.
»Nun bist du mein.« Er schob die Kapuze zurück und lächelte.

2 Gedanken zu „Nachtgeboren – Kurzgeschichte

  1. Hallo Catalina, zuerst möchte ich sagen, dass das gesprochene Wort meine Stärke ist und nicht das geschriebene, aber ich werde mich bemühen.
    Wichtig ist mir, mich für deine wundervollen Bücher zu bedanken. Sie schicken mich immer auf wundervolle Reisen in geheimnisvolle Geschichten, gespickt mit allem was es an Würze für das Leben gibt:)
    Du hast mein absolutes Verständnis für deine Zorn auf dieses Diebesgesindel, das deine Bücher so absolut schamlos stiehlt, aber bitte höre nicht auf zu schreiben. Gerne hätte ich auch mehr für Brother’s Keeper gezahlt, nicht weil ich dieses miese Pack finanzieren möchte, sonder weil sie wirklich mehr wert sind.
    Zum e-reader, ohne Amazone hätte ich deine Bücher nicht kennen gelernt. Also gib nicht auf, werde jetzt alle gedruckten Ausgaben von den Bullheads für mich kaufen, kann ich sie über dich bekommen, und auch welche verschenken. Deine Protagonisten schmeißen auch nicht alles hin, sondern finden Mittel und Wege. Jeder entscheidet sich im Leben immer wieder für den einen oder anderen Weg, ich denke du bist schon oft den mutigeren gegangen, bleib dabei. Freue mich auf deine nächsten………was auch immer

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