Kuba – Der Rum, die Baumratte und diese komischen weißen Dinger, die nach nichts schmecken

Mein Kuba-Bericht lümmelt sich schon eine ganze Weile auf der Festplatte und fragt sich, warum er überhaupt geschrieben wurde.
Nun hatte ich endlich „Demon Inside“ veröffentlicht und überlegte müßig, was ich als Nächstes in Angriff nehme, als die Nachrichten über Hurricane Irma berichteten, der auch Kuba heimsuchte.
Wer einmal durch die bröckligen Seitenstraßen Havannas gestreunt ist, kann sich sehr gut ausmalen, dass Irma leichtes Spiel hatte. Wie die Bewohner mit den verheerenden Schäden zurechtkommen sollen, entzieht sich meiner Vorstellung. Kuba ist keine Industrienation, gehört nicht zur Ersten Welt und schafft es gerade eben so, seine Bevölkerung nicht verhungern zu lassen. Die alten, dicht besiedelten Stadtteile in Havanna, in denen mein Männe und ich im Frühjahr unsere Unterkünfte fanden, wurden überflutet, viele Gebäude stürzten ein. Auch die Regionen Matanzas und Camargüey haben es dick abbekommen
Die Katastrophe in Kuba spielt in den Medien nur eine Nebenrolle. Wenn überhaupt, gibt es vor allem Artikel über kaputte Hotelresorts und ruinierte Urlaube.

Angesichts der Ereignisse fühle ich mich reichlich beklommen, über unseren Backpackertrip auf die Karibikinsel zu berichten. Andererseits kann ich nur aufgrund dieser Reise ansatzweise verstehen, was eine solche Naturkatastrophe für Kuba bedeutet. Die Zeitungsartikel hätte ich sonst bestenfalls überflogen und bald darauf vergessen.
Meinen Bericht schrieb ich, bevor Irma über Kuba hinwegtobte. Lediglich eine Anmerkung habe ich nachträglich hinzugefügt.

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Centro Viñales
Foto: C.Cudd

Der triste deutsche Vorfrühling (der nahtlos in einen nicht weniger tristen Sommer überging), weckte auch in mir den innigen Wunsch, sofort diesem kalten Dauerregen zu entfleuchen, am besten in die Karibik.
Und weil ich ich bin, heißt Sofort bei mir: Scheiß drauf, ich buch jetzt nen Flug, bevor ich wieder bei Verstand bin.
Also: Zwei Flugtickets gekauft. Der Rest wird sich finden.
So laufen übrigens alle meine Trips ab. Erstmal ankommen, dann weiterschauen. Backpacker-Mentalität.
Mein Männe sagte: „In drei Tagen? Echt jetzt?“, packte unnütze Dinge in seinen Rucksack, die ich heimlich wieder rausräumte (seine dicke Jacke, eine handliche Machete und ein Ché Guevara-T-Shirt – man muss ja keine Eulen nach Athen tragen) und kaufte immerhin ein Büchlein namens Spanisch für Nicht-Kubaner oder so ähnlich.
Kubanisches Spanisches unterscheidet sich hier und da vom Standard-Spanisch, aber das lernten wir erst vor Ort. Mein Spanisch reicht sowieso auch unter optimalen Umständen gerade mal für eine Pizza-Bestellung beim Italiener umme Ecke, der eigentlich ein Kosovare ist.
Wir schulterten unsere Rucksäcke, fuhren im frostigen Nieselregen zum Köln-Bonner Flughafen und landeten irgendwann in schwüler Wärme unter ausgebleichtem Himmel auf dem Aeropuerto Internacional José Martí in Havanna.

Kuba ist immer noch kommunistisch. Also quasi die DDR unter Palmen. Man sieht erst einmal viel buntbemalten Beton, viele Leute in Uniform, dazu Reklametafeln mit revolutionären Parolen und kein einziges McDonalds.
Erfahrene Backpacker wissen, dass man immer irgendwie zurechtkommt, wenn man nur sein Maul aufmacht und fragt. Wir fanden einen Taxifahrer, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte … Er fuhr uns mitten hinein ins Labyrinth von Centro Havana und setzte uns vor einer Casa Particular ab.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Casa Particulares sind Privatunterkünfte meist mit Familienanschluss. Das Angebot reicht vom einfachen Zimmer mitten in der kubanischen Wohnung bis zum eigenen Haus. Bekocht wird man oft auch und bekommt viel Unterstützung bei der Erkundung des Landes. Die Vermieter müssen für das Casa einen festen Betrag an den Staat zahlen, auch wenn es nicht vermietet ist. Während unserer gesamten Tour hatten wir nie Probleme, eine Unterkunft zu finden.

Centro Havana sieht auf den ersten Blick aus wie ein Slum, über den ein Weltkrieg hinweggetobt ist und wo die Trümmerfrauen noch nicht durchgefegt haben. Verfallene Fassaden mit schnörkeligen, rostzerfressenen Fenstergittern, massenhaft herabhängende Kabel, morsche offenstehende Holztüren, die den Blick nach innen freigeben, Schutthaufen am Straßenrand, Straßenkreuzer ohne Räder und viel Improvisation.

Metzgerei in Havanna
Foto: C. Cudd

Die meisten Leute verlagern ihr Familienleben vor die Haustür. Wenn man niesen muss, ruft jemand aus der übernächsten Gasse „Gesundheit!“ und aus der anderen Richtung kullert eine Vitamin C-haltige Zitrone heran. Zwei Häuser von unserem Casa entfernt lebte ein Irrer, der unregelmäßig hinter einem Gitterfenster schrie.

 

Trinidad
Foto: C.Cudd

Hinter der knarzenden Eichentür unseres Casas verbarg sich ein überraschend schöner gefliester Innenhof mit Palmen und ein luftiges, gelb gestrichenes Zimmer mit hohen schmalen Fenstern ohne Glas, dafür mit geschnitzten Holzläden. Unsere Wirtin Olga war ein Schatz und tischte das weltbeste Frühstück im Patio auf – nach kubanischen Verhältnissen. Der Fruchtsaft wird aus Guave gepresst und schmeckt mit viel Wohlwollen gesund, das Brot ist Baguette und ansonsten legt man Wert auf tierische Proteine und schwitzenden Käse. Wenn du Vollkornbrot- und Müslifan bist, hast du ganz schlechte Karten. Kuba ist Seitenbacher-freie Zone.
Kubanische Kaffeebohnen werden nicht geröstet, sondern getrocknet; der Kaffee ist Hardcore für ein Weichei wie mich. Wer nach Hafermilch fragt, darf ein verständnisloses Lächeln erwarten. Milch besteht hierzulande aus Pulver und Wasser; echte Milch ist den Kleinkindern und den Hotelgästen vorbehalten.

Dominospiel in Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Das Leben in den Gassen von Centro Havana findet rund um die Uhr statt. Im Erdgeschoss vieler Häuser sind Friseursalons, Cafés und Imbisse untergebracht; alles wirkt improvisiert und irgendwie reingequetscht. Manche Privatwohnungen wurden zu Paladares umfunktioniert. An den Fassaden entdeckt man kunstvolle Graffitis, schnörkelige schmiedeeiserne Balkongitter und hübsche kleine Kacheln.
Auf den Straßen wird Domino gespielt, zu Musik getanzt und laut geschwatzt. Hunde streunen durch die Gassen, Hahnengeschrei wirft dich morgens aus dem Bett, der Zwiebelverkäufer schiebt unter lautem Singsang seinen Karren über den maroden Asphalt. An manchen Plätzen drängen sich Marktbüdchen, wo man sehr günstig frische Lebensmittel kauft. Ohne diese Bauernmärkte müssten die Einwohner den Gürtel erheblich enger schnallen.

Trinkgefäße für Rum
Foto: C.Cudd

Obst und Gemüse haben beste Bio-Qualität, da Pestizide in Kuba gegen Devisen importiert werden müssten – zu teuer. Auf manchen Hausdächern wird „Urban Farming“ betrieben

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Kubaner erhalten eine Art Bezugsheftchen, die monatlich die allernötigste Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen sollen, aber maximal 14 Tage ausreichen. In den normalen Läden sieht es tatsächlich aus wie zu schlimmen Zeiten in Ostberlin: leere Regale, draußen lange Schlangen.
Die Dinge des täglichen Bedarfs werden mit der hauseigenen Währung Peso Cubano (CUP) bezahlt. Für uns Touristen gibt es den Peso Convertible (CUC), dessen Wert an den US-Dollar gekoppelt ist und mit dem man auch Luxusgüter und seine Unterkunft bezahlt. Beim Einkauf sollte man aufs Wechselgeld achten; manchmal wird man mit den geringwertigen CUP ausbezahlt.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Havanna ist eine Wahnsinnsstadt, deren Eindrücke flashen. Wunderschöne Paläste, noch schönere blankpolierte Straßenkreuzer unter Palmen, viele geschichtsträchtige Orte, die an Hemingway, Cocktails und an elegante, scharfzüngige Frauen in Twinsets erinnern. Um Hemingways Liblingsbars Florita und La Bodeguita schlägt man übrigens besser einen Bogen – da drin herrscht Sardinenbüchsen-Touristenflair.
Havanna hat sich in eine kapitalistische Metropole gewandelt und das Zentrum gehört den Touristen (der kubanische Otto Normalverdiener kann sich hier fast gar nichts leisten), den Geschäftemachern, Anlockern und penetranten Schnorrern. An den Rändern tickt die Stadt aber noch nach altem Rhythmus.
Wir trafen eine junge Funktionärin, die uns erklärte, welche Paläste sich einst hinter den Ruinen verbargen. Überall sieht man den Che, überall sind Säulen, kleine bunte Stände und üppige Bougainvilleen, viel Lärm, tausend Gerüche. Musiker an den Straßenecken, Männer, die dich zu einem obskuren Festival einladen wollen (meist geht es um illegalen Zigarrenverkauf), Frauen, die in bunten Kleidern für Fotos posieren und umgestülpte Kanonenrohre, die zu Straßenpollern umfunktioniert wurden.

Havanna Vieja
Foto: C.Cudd

In den Seitengassen entdeckt man die kleinen baumbestandenen Plätze voller junger Leute, weil es hier WiFi gibt. Die dunklen Läden, die nur heute Mädchenkleider anbieten. Versteckte kleine Krammärkte, komische Buchläden, die Revolutionslektüre anbieten, und Markthallen mit Kunstkrimskrams. Die unglaublich tiefen Löcher im alten Pflaster, die halb zusammengestürzten Palacios mit den schönen Kacheln und dazu die Paladares, in denen das beste Essen serviert wird.

Innenhof in Havanna
Foto: C.Cudd

Paladares sind Privatrestaurants. Ebenso wie die Casa Particulares werden sie mit staatlicher Erlaubnis von Familien betrieben und haben oft nur sehr wenige Tische. Hier wird gute kubanische Küche serviert, manchmal garniert mit einer Salsaband. Kubaner stehen auf Musik. Es ist kein Klischee: Sie singen und tanzen tatsächlich ständig herum und erfüllen die Straßen mit Musik. Ja, auch die Männer singen und tanzen und sind trotzdem extreme Machos.
Kleiner Tipp am Rande: Speise niemals in einem staatlichen Restaurant oder einem Hotel! Erstens zu teuer, zweitens unlecker, drittens hat das Personal keinen Spaß an seinem Job. Und viertens sind Paladares sowieso viel gemütlicher.
Empfehlenswert: 1. Das Nao an der schönen Plaza de Armas, Seitengasse rechts vom eleganten Hotel Santa Isabel. Restaurant und Bar, oft mit hervorragender Live-Musik.
2. Paladar Doña Eutimia an der Plaza de la Central in Habana Vieja, in einer Privatwohnung gelegen. Authentische kubanische Küche und kubanisches Ambiente, nette Leute. Rechnung vorm Bezahlung checken!

Havanna – Plaza des Armas
Foto: C.Cudd

Auf der Plaza de Armas weht immer noch kolonialer Wind, ebeso wie auf der Plaza Vieja und der Plaza de la Catredal. Auch die alten Apotheken, zu lebendigen Museen umfunktioniert, und die vielen historischen Gebäude lohnen einen Besuch. Ich empfehle jedoch, einen Abstecher in die Seitengassen zu machen und dort all die Details und den morbiden, pittoresken Charme des modernen Havanna zu entdecken.
Kubas Hauptstadt sollte man spätestens dann verlassen, wenn das erste gigantische Kreuzfahrtschiff seine Ladung ausspuckt und die Altstadt von zighunderten buntgemusterten Souvenirjägern mit Tagesrucksäcken und Flipflops überschwemmt wird.

Unser Haus in Trinidad
Foto: C.Cudd

Mit einem Taxi Colectivo ging es für uns weiter nach Trinidad. Vergesst Leihwagen; die Straßen in Kuba sind scheiße, die Beschilderung auch und GPS ist eh verboten. Auf den Autobahnen trocknen Bauern ihr Getreide oder treiben ihre Rindviecher voran. In den Schlaglöchern könnte ein Panzer auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich schwöre, ich habe Löcher gesehen, die bei uns als Tagebau durchgingen! In Kuba spannt man nicht mal ein Flatterband drumherum. Dazu kommt die rudimentäre Straßenbeschilderung. Selbst erfahrene Colectivo-Fahrer müssen sich durchfragen, um ans Ziel zu gelangen. So auch unser Fahrer: er rumpelte mit uns durch krumme Kopfsteinpflastergassen, bis wir endlich im historischen Kern von Trinidad in einer bogenförmigen mittelalterlichen Gasse vor einem Kolonialhaus hielten.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

Taxi Collectivo waren für uns das Mittel der Wahl, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Mit großem Auto (oftmals alte amerikanische Schlachtschiffe, seltener moderne Vans) fuhren wir von einer Stadt in die nächste und der Fahrer lud seine Passagiere direkt vorm Eingang ab. Gerade auf solchen Fahrten lernten wir die interessantesten Leute kennen.
Die Gehälter in Kuba sind mickrig; 2017 beträgt der Durchschnittslohn (den jedoch nur etwa 40% der Bewohner erhalten), umgerechnet 28 Euro. Oftmals sitzt ein Arzt oder Akademiker hinterm Steuer eines Taxi Colectivo, das in Deutschland mitunter niemals durch den TÜV käme. Auf Kuba gibt es übrigens weder TÜV noch Abgasverordnung.
Die privaten Taxis sind selten gekennzeichnet, dafür zahlt man für die Fahrt einen läppischen Preis.
Allein mit dem Tourismus lässt sich auf Kuba gutes Geld verdienen. Viel Wirtschaft gibt es nicht und die ist größtenteils staatlich kontrolliert. Der Tourismus ermöglicht auch, dass das einst extrem verfallene Havanna nach und nach wieder instand gesetzt wird – allerdings vorrangig im touristischen Zentrum.
Taxis Colectivo lohnen vor allem, weil man unterwegs tolle Bekanntschaften schließt. Wir lernten ein unterhaltsames Punkerpärchen aus Hamburg kennen, die Leute aus der Szene kannten, die wir wiederum kannten (die Welt ist ein Dorf undsoweiter), einen jungen Belgier, der sich nach einem Burnout eine lange Auszeit genommen hat und mit dem wir ein paar Tage in der Schweinebucht verbrachten, zwei überforderte Japanerinnen, die nicht wussten, wo sie waren, Mario, den durchgeknallten Italiener, und natürlich viele Kubaner, die richtig viel zu erzählen hatten und immer jemanden kannten, der gerade eine Unterkunft zu vermieten hatte.

Irgendwo im Nirgendwo
Foto: C.Cudd

Auch schön waren die Unterwegs-Stopps an urigen kleinen Fincas mitten im Nirgendwo, wo es lecker Essen, frisch gepressten Zuckerrohrsaft und Holzbauten auf Stelzen gab, das Ganze garniert mit Hühnern, die im Straßenstaub pickten, frisch gebauten Sandwiches und traurig guckenden, mageren Hunden.
Auf Kuba hilft man sich gegenseitig. Wenn Reisende sich auf den Lebensrhythmus des Landes einlassen, empfängt man sie gemeinhin mit offenen Armen und gibt ihnen hilfreiche Tipps. Je weiter man ins Landesinnere dringt, desto offener und weniger abgezockt sind die Menschen – und desto schlechter kommt man mit Englisch zurecht. Macht nix, auch mit ein paar Brocken Spanisch hat es immer irgendwie geklappt. Unser kluges Buch „Spanisch für unvorbereitete Deppen“ war sehr hilfreich.

Der Tourismus ist wirtschaftlich gesehen ein Segen, zeigt aber bereits seine schäbige Seite. Varadero, das Paradies der Pauschaltouristen und faktisch gesehen eine Sonderregion, ist sozusagen No Go-Area für Einheimische. Nur wer dort arbeitet, darf die Halbinsel betreten. Varadeo wird von schönen Hotelresorts und Strandbars dominiert und man ist von all den Leuten umgeben, vor denen man eigentlich flüchten wollte. Wer das echte Kuba erleben möchte, macht einen Bogen um die Region. Wer jedoch karibischen Strandurlaub und All Inclusive bevorzugt, steuert Varadero an.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

In Trinidad kamen wir in einem wahnsinnig schönen Casa keine vierhundert Meter von der Plaza Major entfernt unter. Unser Zimmer befand sich auf der grün bewachsenen, herrlichen Dachterrasse. Schmiedeeiserne Möbelchen, pastellfarbener Anstrich und der obligatorische Gecko an der Wand rundeten das Ambiente ab. Die Aussicht über die einstige Schmuggler- und Sklavenhandelsstadt war göttlich und unsere Gastfamilie superlieb und sehr hilfreich. Wenn wir das Haus verließen, führte der Weg die Treppe hinab durch ihre ordentliche Erdgeschosswohnung und immer gaben sie einem Tipps mit.
In Trinidad ist man am besten zu Fuß unterwegs und möglichst nicht mit den schicken High Heels. Das Kopfsteinpflaster stammt noch aus dem 18. Jahrhundert und fällt zur Mitte der Gassen hin ab zu einer Rinne, durch die früher der Unrat mit dem nächsten Regenguss zum Meer hinuntergespült wurde.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

Die Plaza Major mit ihrem mittelalterlichen Stadtbild und den schönen alten Fassaden erwacht abends zum Leben, mit winzigen Bars, an den man sich seinen Cocktail holt, den man draußen schlürft, während man einer Band lauscht. Auf der großen Treppe sitzen hunderte Leute, manche tanzen.
Direkt daneben befindet sich das liebevoll hergerichtete Los Conspiradores mit einem winzigen hölzernen, von Bougainvilleen überwucherten Balkon. Das Essen dort ist sehr empfehlenswert, die Mojitos waren naja.

Paladar Sol y Son in Trinidad
Foto: C.Cudd

Aber auch das nahegelegene Paladar Sol Y Son (Calle Desengaño) mit seiner kolonialen Wohnung, dem schönen Innenhof und dem edlen Geschirr samt Silberbesteck ist einen Besuch wert.
In Trinidad lohnt es sich, in all die Palacios, Kolonialbauten und Häuser reinzuschauen, die zum Besuch offernstehen. Die verfallene Kathedrale und all die ersteigbaren Türme sollte man sich nicht entgehen lassen. Trinidads Umland von oben zu sehen, versetzt einen in die Zeit der Piraten und der East India Company zurück.

Ausblick über Trinidad von unserem Casa
Foto: C.Cudd

Wir haben einen Abstecher zur Halbinsel Ancon gemacht, an der sich Trinidads Hausstrand befindet; genauer ließen wir uns etwa fünf Kilometer davor in einem stillen Kaff absetzen und liefen unter sengender Sonne an der Küste entlang. Dort entdeckten wir zahllose zauberhafte einsame Buchten mit glasklarem Wasser und exotisch buntem Fischzeugs. Für die läppischen fünf Kilometer brauchten wir dann entsprechend länger. Wir mussten ja die Wasserqualitäten testen. Außerdem freundeten wir uns mit Chica an, einer gefleckten Straßenhündin, die zufällig Langeweile hatte. Chica schloss sich unserer Tour an, weil wir Proviant im Rucksack hatten. Unterwegs kreuzten immer wieder aggressive Krebse unseren Weg, die drohend die Scheren erhoben.
Kaum erreichten wir Ancon, verließ uns Chica, die vierbeinige Schlampe, zugunsten eines Amerikaners, der mit Salami-Sandwiches punkten konnte. Ancon mit seinem Palmenstrand könnte wunderschön sein, wenn da nicht dieser sechziger-Jahre-Beton-Bettenbunker in den Himmel ragte. Waschechter Ostblock-Urlaubscharme. Wir trösteten uns mit eiskaltem Cristal-Bier, das in etwa so gehaltvoll wie Wasser ist.
Am nächsten Tag fanden wir einen Fahrer, der uns ins Valle de los Ingenios brachte, dem Tal der Zuckerrohr-Plantagen. Neben dem Tourismus ist der Zuckerrohranbau immer noch der wichtigste Wirtschaftszweig Kubas. (Anmerkung: Hurricane Irma hat 40% aller Zuckermühlen zerstört).

Valle de los Ingenios
Foto: C.Cudd

Wir besuchten die spektakuläre Seilbahn übers Tal (Nix Kabine; man bekommt Helm und Handschuhe und einen Gurt um die Hüften), anschließend eine ehemalige Zuckerrohrplantage, auf der Archäologen und Arbeiter zugange sind, ein altes Herrenhaus samt Sklavenunterkünfte, Lagerhäuser und Destillerien wiederaufzubauen. Das Hauptgebäude und den Glockenturm hat man bereits hergerichtet und augenblicklich bekommt man so ein Vom Winde verweht-Gefühl, sobald man die Stufen hinaufschreitet. Ich war drauf und dran, meinem Männe einen Rhett Butler-Schnäuzer ins Gesicht zu malen.

Archäologen im Valle de los Ingenios
Foto: C.Cudd

Mit etwas Glück findet man vor Ort einen englischsprachigen Führer, der einen für ein paar CUC in die Welt der Zuckerrohrbarone entführt. Wir allerdings fanden einen jungen Arbeiter, der für uns Mangos pflückte. Als Gegenleistung gaben wir ihm ein paar unserer Haribo-Gummibärchentüten. Kubaner lieben Süßigkeiten, besonders die von weit, weit weg. Kugelschreiber, bunte Notizblöcke und Pflegeprodukte werden auch sehr gern angenommen. Wir hatten massenhaft dieser kleinen Gummibärchentüten im Gepäck. Im Verlauf der Reise schmolzen einige zu einer festen Masse zusammen, aber die Kubaner, vor allem die Kiddies, freuten sich trotzdem.
Trinidad und das Valle de los Ingenios tragen noch dieses unverfälschte Kolonial-Flair in sich, das einen unvermittelt in Fluch der Karibik oder alte Erroll Flynn-Piratenfilme katapultiert, doch auch hier schleicht sich der Massentourismus sichtbar ein. Der weithin sichtbare Turm Manaca Iznaga ist fest in Hand der Souvenir- und Snackhändler. Trotzdem sollte man sich die Kraxelei zur Turmspitze gönnen; der Ausblick entschädigt für das Treiben untenrum. Das Restaurant sollte man links liegen lassen, doch beim Straßenhändler kann man mit Rum gefüllte Kokosnüsse kaufen und alles wird noch bunter.

Zwei KS (Kuhstärken)
Foto: C.Cudd

Ein Wort zu den Sehenswürdigkeiten: Die Kubaner sind noch lange nicht in der deutschen Vollkasko-Mentalität angekommen. Viele Wege, Denkmäler, Höhlen und Gebäude sind eher rudimentär abgesichert (oder auch gar nicht) und man sollte nicht auf gerade Stufen, ordentliche Geländer und warnende Schilder hoffen. Barrierefreiheit kennt man hier nicht. Der Reisende passt auf, wo er hintritt, bringt eine gewisse Fitness mit und erfreut sich daran, dass Kuba einem vieles ermöglicht, was in Good Old Germany zu empörten Das ist doch viel zu riskant!-Beschwerden führen würde. Hier kann man eh niemanden verklagen, wenn man sich mit Schmackes den Kopf am niedrigen Türsturz eingerannt hat.
Von Trinidad aus reisten wir mit einem Taxi Colectivo irgendwann weiter zum Playa Largo nahe der berühmten Schweinebucht. Eigentlich hatten wir geplant, dort in einem Hotelresort am Strand unterzukommen und ein bisschen luxuriös abzuhängen, doch der Securitymann an der Schranke verwies uns auf eine winzige Siedlung auf der anderen Seite der Bundesstraße, direkt am Mangrovendschungel und sagte, dass es dort weitaus bessere und günstigere Unterkünfte gäbe.
Er hatte Recht.

Mitbewohner
Foto: C.Cudd

Die Siedlung bestand aus drei unfestigten … nennen wir sie mangels besserer Bezeichnung Straßen, und einem Dutzend hübsch hergerichteter Fincas. Eine davon hatten wir ganz für uns allein, samt hervorragend gefülltem Weinschrank, einem tropischen Aquarium und opulenten Mahlzeiten. Die Tagesdecke war mit Rüschen besetzt und der Kühlschrank mit Kaltgetränken überfüllt. Vorm Haus standen Schaukelstühle und die Klimaanlage hatte Flüstermodus. Der obligatorische Gecko klebte auch an der Wand und war hier ein Frosch. Zum Abendessen bekamen wir frisch zubereitetes Krokodilfleisch serviert, gebratenen Fisch mit den üblichen Moros y Cristianos (Mauren und Christen = Reis und Bohnen) und komische weiße Dinger, die nach nichts schmeckten. Das war quasi die Zucchini-Version der Kubaner. Den Namen habe ich mir mehrmals sagen lassen und konnte ihn mir trotzdem nicht merken. Ist auch besser so.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Wir blieben drei Nächte in dem kleinen Luxushäuschen und zahlten inclusive Mahlzeiten umgerechnet um die fuffzich Euro. Der Strand befand sich auf der anderen Straßenseite.
Playa Largo: Herrliche leere Strände, einsame Buchten, in denen man riesengroße gewundene Muscheln sammeln kann – und Krebse. Große Krebse. Rote, schwarze und graue Krebse. Massenhaft Krebse. Die Straßen dort sind übersät mit plattgefahrenen Krebsen. Ständig huschen die scherenbewehrten Viecher über den Asphalt und bäumen sich aggressiv auf, wenn sich ein Wagen nähert. Ein fischiger Geruch hängt in der Luft. Unsere Vermieterin sagte uns, dass sie zur Hauptwanderzeit wochenlang sämtliche Türen und Fenster geschlossen halten muss, um das Kroppzeug draußen zu halten. Invasionen von Krebsen schwappen über die Fassaden und Dächer in die Mangrovenwälder; Klicken und Klacken überall. Gegessen werden übrigens nur die Grauen, die eher selten anzutreffen sind. Die roten und schwarzen Krebse sollen Gift enthalten.

Krokodile in Guama
Foto: C.Cudd

Mit unserem Mitreisenden, dem ausgebrannten jungen Belgier, besuchten wir eine Krokodilfarm in Guama keine dreißig Kilometer entfernt. Dort legte mir jemand ein Jungreptil mit zugebundener Schnauze um den Hals und wir beide fühlten uns ziemlich beschissen. Von dort kam übrigens auch unser Abendessen. Es wurde mit Pferde- und Ziegenfleisch gefüttert und wir durften mithelfen. Sagte ich schon, dass ich Vegetarier bin? Ich habe keine Ahnung, wie Krokodilfelisch schmeckt. Männe sagt, es schmeckt wie Hühnchen, das im Sumpf gestorben ist.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Veggies werden auf Kuba nicht glücklich. Lediglich in Havanna und Viñales habe ich Pflanzenfresser-Restaurants gefunden – oh, und eine Art Pizzeria, die lange herumexperimentiert hat, bis sie den Teig richtig hinbekam. Salat und Fischgerichte gelten als Arme-Leute-Mahlzeiten. Hühnchen ist Status Quo, danach kommt Schweinefleisch. Kuba ist kein Land, in dem man alles zu jeder Zeit bekommt. Da merkt man wieder, wie verwöhnt man ist. Sehr vieles muss importiert werden; Kartoffeln sind kein Alltagslebensmittel, Rum hingegen schon. Die kubanische und auch die kreolische Küche hält keine kulinarischen Offenbarungen bereit, aber in den Paladares und den meisten Casas bekommt man dennoch richtig gutes, üppiges Essen serviert.

Der Hafen von Playa Largo
Foto: C.Cudd

In dieser namenlosen kleinen Siedlung am Playa Largo lernten wir einen jungen Masseur kennen, der im Hotelresort reihenweise einsame Amerikanerinnen flachlegte und der seinen Elektroroller liebte (den ihm seine ausländische Freundin finanziert hatte. Auf Kuba kostet so ein Ding ungefähr so viel wie ein Reihenhaus). Am Rande des Magrovendschungels direkt am Dorfrand hatte ein kanadischer Backpacker sein Zelt aufgeschlagen. Der drahtige junge Mann war der Inbegriff des smarten Hippies: langes blondes Lockenhaar, leicht bekifftes Lächeln, weite bunte Klamotten und ein Haifischzahn am Lederriemen um den Hals, dazu Gitarre samt Sangesbegabung. Er kam bestens zurecht. Abends klimperte er sein Repertoire im „Zentrum“ von Playa Largo – ein paar staubige Straßen und ein Hafenbecken voller Fischerboote und öliger Wasseroberfläche –, anschließend ließ er sich auf Partys einladen oder verbrachte die Nacht bei einer geneigten Touristin. Er war unterhaltsam und immer ein wenig verträumt und wir hatten lustige Gespräche.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Sein bester Kumpel war ein kubanischer junger Lehrer und Dokumentarfilmer mit dem typisch sarkastischen Pseudo-Patriotismus, der seine Generation auszeichnet. Er hat an einem Film über die Ernst Thälman-Insel mitgewirkt, die die kubanische Regierung mal feierlich der ostdeutschen Regierung geschenkt hatte. Die „Insel“ bestand aus einer Sanddüne mit zwei Büschen und einer hübschen Ernst Thälmann-Büste, die halb aus dem Wasser ragte. Die Doku, auf Arte ausgestrahlt, kennzeichnete ein Highlight im Leben des Mannes. Wir sahen uns seine Mitschnitte an, lauschten seiner Erzählung über den kubanischen Alltag, tranken Crystal und erfuhren, wie junge Intellektuelle und Künstler in dem Land zurechtkamen. Sein Vater war glühender Fidel Castro-Anhänger und weigerte sich, mit dem Kapitalistenpack (also uns) auch nur ein Wort zu wechseln. Hühner gluckerten um unsere Beine herum, während wir der Familie die Aufschiften auf deutschen Baby-Pflegeprodukten übersetzten, die man ihnen geschickt hatte: Baby-Puder, Baby-Shampoo, Zeugs, das man auf man wundgenuckelte Nippel schmiert (ja, lustig; wir waren eh besoffen, also doppelt lustig). Im Mangrovenwald schrien die Nachtwesen und die Zirpsen zirpten. Ein kleines Schwein kam neugierig angegrunzt und Wäsche flappte träge im Nachtwind. Von irgendwo waberte Musik. Salsa, natürlich. Die Luft roch nach Salz und Schlick und toten Krebsen. Um die wenigen Laternen taumelten irrsinnig große Falter.

Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Ein paar Tage später fuhren wir ins Valle de Viñales, mitten in Kuba. Es ist der geologisch älteste Teil der Insel und die Mogotes, die buckligen Berge, die sich aus dem Flachland erheben, muss man gesehen haben, um an ihre Existenz zu glauben. Viñales ist grün und karstig und rau und ungemein fruchtbar. Wir kamen in einem Casa nicht weit vom Centrum unter. Hinter dem Haus begann bereits das sattgrüne, üppige Tal. Die Gastfamilie besaß ein paar Pferde und betrieb Landwirtschaft (ohne Traktor, dafür mit Kuhgespann und Handhacken wie so ziemlich alle Bauern auf Kuba). Unser Casa war ein Teil des Hauses mit eigenem Eingang; zwei Zimmer plus Bad und Terrasse, die auf den Garten hinausging. An unserem ersten Abend wurde ein Schwein im Garten abgestochen. Man schlitzte ihm flink die Halsschlagader auf und es rannte quiekend herum, bis es zusammenbrach. Auf Kuba gibt es keine Schlachthöfe, keine Fleischbeschau und keine gelben Clips im Ohr des Viehs. Man mästet sein Vieh mit allem, was man kriegen kann und schlachtet meist selber mithilfe der Nachbarn. Mein Männe hatte am nächsten Morgen überrraschenderweise keinen Hunger auf Schinken.

Bullhead
Foto: C.Cudd

Das Valle de Viñales schreit geradezu danach, erforscht zu werden. Ich empfehle einen Abstecher in den Botanischen Garten „Jardin de Caridad„, den man keinesfalls mit dem botanischen Garten der Bochumer Uni vergleichen sollte. Dieser lauschige, bunt bewucherte Garten wird privat betrieben und ist problemlos fußläufig vom Zentrum Viñales‘ erreichbar. Die beiden Schwestern, die den Garten begründet haben, sind bereits bereits verstorben; nun führt der Sohn den Garten weiter. Skurrile Dinge wie Plastikpuppen, ausrangierte Stühle und Bettgestelle säumen die karibischen Pflanzen. Kolibris surren um die tropischen Pflanzen und in der Mitte gibt es eine kleine offene Bar mit frischen Säften und reichlich gutem Essen. Man kann einen Guide anheuern, aber eine Spende sollte so oder so selbstverständlich sein.

Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Für den nächsten Tag fanden wir einen Vaquero, mit dem wir zu Pferde das Tal erkunden konnten. Zuerst besuchten wir eine Höhle mit unterirdischem Schwimmbassin. In meiner Naivität stellte ich mir türkisgrünes Wasser unter einer luftigen Felsenkuppel vor, möglichst noch dezent verborgene Beleuchtung und vielleicht eine Felsen-Cocktailbar. Aber Höhle bedeutet nun mal: No Tageslicht. Diese Höhle war kein offizieller Sightseeig-Point, sondern ein tiefes, tiefes Loch im Berg mit Wasser.
Wir gaben dem Führer, einem knittrigen alterslosen Vaquero, einen CUC und er führte uns mit einer Funzel ins Innere des Mogote. Wir waren nicht allein; Marco, unsern verrückter Italiener, wollte auch mal im Dunkeln schwimmen. Unterwegs rutschte ich auf dem Gestein ab und landete in einem seichten Flusslauf; im Halblicht hatte ich Schwierigkeiten, festen Untergrund von Wasseroberfläche zu unterscheiden. Gottseidank herrschten die üblichen tropische Temperaturen und nasse Klamotten waren eine Wohltat.
Das Wasserbassin war einfach nur schwarz, genau wie sein Umgebung, dazu kühl, bodenlos und mineralisch. Die Luft schmeckte nach Stein. Aber ich musste trotzdem eine Runde schwimmen.

Finca Raoul Reyes
Foto: C.Cudd

Die Rückkehr ans Tageslicht tat richtig gut. Wir ritten zu einer Finca samt Freiluft-Bar mitten im Tal, wo wir uns und den Pferden eine Pause gönnten. So langsam dämmerte mir, warum Ernest Hemingway hier so begeistert gesoffen hat. An jeder Ecke, sogar im ländlichen Nichts, wurde Rum, Rum-Cocktail oder Rum in Kokosnuss zu Spottpreisen kredenzt. Entsprechend fröhlich ritten wir weiter zu einer Tabakfarm. Der dortige Betreiber zeigte uns, wie der erfahrene Kubaner seine Zigarre raucht – mit Honig, aber ohne dieses Zigarrenspitzenabschneidegerätdingens, das die Mafia gerne zum Fingergliederabtrennen benutzt – und er erklärte uns, dass die Tabakpflanzer den Großteil ihrer Ernte (ich glaube, etwa 90%) an die Regierung liefern müssten, die die genormten Montecristos, Cohibas und Romeo y Julietas produziert. Den Rest dürften die Bauern zu „nonkonformellen“ Zigarren verarbeiten und verkaufen. Ach ja, Honig spielt auch bei der Herstellung eine gewichtige Rolle. In den staatlichen Fabriken werden Zigarren mit einer Art Leim geklebt, die Bauern benutzen kubanischen Honig. Unser Tabakpflanzer teilte seinen selbstgebrannten Schnaps mit uns und sagte ehrlich, dass er ohne den Nebenher-Verkauf am Arsch wäre.

Tabakschuppen
Foto: C.Cudd

Die Arbeit der Tabakpflanzer ist mörderisch; im Valle kann man keine Maschinen einsetzen, alles wird bei gleichbleibend tropischen Wetterbedingungen von Hand erledigt.
Wir kauften brav ein Zedernholzkistchen voller handgewickelter Zigarren und beendeten den Tag in einem der vielen Paladares, die die Hauptstraße von Viñales säumten. Möglicherweise suchten wir danach diese schöne Bar auf, die gegenüber des maroden kleinen Baseballstadions liegt und die von einem langhaarigen katzenliebenden Deutschen mit langen weißen Haaren betrieben wird.
Wenn ihr Zeit habt: Besucht dort ein örtliches Baseball-Spiel und genießt anschließend einen feinen Mojito an einem der rustikalen winzigen Holztische gegenüber. Ehm ja, Mojito enthält Rum. In dieser Bar ist es hervorragender Rum.
Eine Höhlentour sollte man sich im Valle de Viñales keinesfalls entgehen lassen. Die Cueva del Indio ist gut erschlossen, aber überlaufen. Cueva del Santo Tomas verlangt hingegen eine gewisse Anstrengung und ist entsprechend weniger stark frequentiert: Man muss einen halbwegs gesicherten steilen Berghang hochkraxeln (ganz recht, kraxeln), dafür darf man sich anschließend ein bisschen wie Fitzcarraldo fühlen im größten Höhlensystem Kubas.

Die vierbeinige Lara Croft in der Cueva de Santo Tomas
Foto: C.Cudd

Auf der Fahrt zur Höhle überholte ein Cadillac unser Taxi; im geöffneten Kofferraum saß ein junger Mann mit baumelnden Beinen, hielt mit einer Hand die Klappe fest und winkte uns mit der anderen lachend zu. „Das ist euer Guide Miguel“, sagte unser Taxifahrer.
In der riesigen Cueva del Santo Tomas gibt es keine Wegweiser oder Beleuchtung, keine Notausgang-Schilder, keine Drahtseilabsicherungen. Die oberen drei der sieben Etagen dürfen begangen werden, aber nur in Begleitung eines Führers. Miguel, von Beruf Speläologe, geht grundsätzlich davon aus, dass seine Schäflein schlau genug sind, ihm zu folgen und die Lichter oben an ihrem Helm zu benutzen. Er verzichtete aufs Durchzählen und marschierte voran ins wahrhaft beeindruckende Höhlenlabyrinth. Unser Trupp wurde von einer kleinen getupften Hündin begleitet, die irgendwann unten am Gebäude auftauchte und seitdem bei jeder Höhlentour dabei ist. Füttern der vierbeinigen Lara Croft ist erlaubt. Nach einem halben Tag kamen wir wieder unversehrt ans Tageslicht – ich glaube, sogar vollzählig.

Valle Viñales, von irgendeiner Höhle aus gesehen
Foto: C.Cudd

Das üppige Valle de Viñales war mein persönliches Highlight während unserer Backpackertour, obwohl der nächste Kokospalmenstrand von hier ziemlich weit entfernt liegt. Wir pflückten Bananen und Mangos im Tal und hingen ungefähr die Häfte der Zeit auf Raouls großartiger Finca ab, die am Wegrand des Pfades zu einem Kletter-Mogote lag. Der weißhaarige, freundliche Raoul Reyes baut Ananas an und betreibt eine kleine, gemütliche Outdoor-Bar unter Palmenblätterdach. Die Finca besteht aus Holzbauten auf Stelzen, aus der kleinen Bar, wo man Rum in Kokosnüssen bekommt sowie frisch gepressten Ananassaft und aus Hängematten zwischen Palmen. Dort kann man bei der netten Mulattin (Mulatta ist auf Kuba kein Schimpfwort) auch Kaffee kaufen, der in Plastikwasserflaschen abgefüllt wird. Zahme Baumratten betteln um die Kokosnussschalen, die vom Rum getränkt sind. Baumratten sehen aus wie Biber, nur ohne den platten Schwanz, und werden wegen ihrer Harmlosigkeit gerne als Haustier gehalten. Den Großteil ihres Lebens scheinen sie mit Fressen zu verbringen, alternativ mit der Suche nach etwas Fressbarem. An der Wand der Finca-Bar hinterließ ich, wie es Tradition ist, meine Catalina Cudd-Visitenkarte zwischen all den anderen Karten, Zetteln und Fotos.

Finca Raoul Reyes im Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Raouls Finca hätte das Potential, mein Lieblingsort zu werden. Palmen, Holzhütten und krummbeinige Vaqueros mit Schlapphüten, dazu diese knuffigen Baumratten, die um Kokosnussstückchen betteln, und die Stille. Die Finca liegt außerhalb von Viñales an der Sandpiste und ist vor allem bei Freeclimbern, Backpackern und Wanderern bekannt.
Von Viñales aus ging es zurück nach Havanna. Wir besuchten den gigantischen Friedhof – tausend schneeweiße Grabmäler und Mausoleen, eines prunkvoller als das andere – und lernten zwei uralte knittrige Totengräberinnen kennen, die wussten, wo die Gräber der ganzen Persönlichkeiten lagen. Pyramiden, Säulen, symbolträchtige Figuren und eiserne Bacardi-Fledermäuse: Das komplette morbide Programm unter Palmen. Der Friedhof ist einen Abstecher wert.

Blick nach Havanna von der Festung aus
Foto: C.Cudd

Das Museo de la Revolución im Präsidentenpalast stellt gefühlt massenhaft benutzte Hosen, Hemden und kopierte Zeitungsartikel aus. Im Hof stehen säuberlich angepinselte Panzer, Flugzeuge und die aufgehübschte Yacht Granma, mit der Castro samt seinen Mitstreitern am 25. November 1956 von Tuxpan (Mexiko) nach Kuba übersetzten, um das Batista-Regime zu stürzen. Der „Che“, der unsterbliche Popstar der kubanischen Revolution und allgegenwärtig in Havanna, war auch mit an Bord. Che war sexy, aber verpeilt. Fidel Castro war … nicht Gott, aber anscheinend nahe dran.
Ich persönlich hatte mehr Spaß an den maurischen, kulturgeschichtlichen und künstlerischen Ausstellungen, die in überall in Havanna zu finden sind.
Leuchtturmwärter Fernando lud uns auf seinen Arbeitsplatz auf der Festung von Havanna (Castillo de los Tres Reyes del Morro) ein und zeigte uns die säuberlich zusammengelegte ostdeutsche Flagge, das handgeschriebene Logbuch und wie man „Deine hässliche Schaluppe kommt nicht in meinen Hafen!“ mit dieser riesigen Messinglampe morste.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Nach knapp vier Wochen düsten wir zurück in die Heimat. Auf unserem Trip haben wir die linke Hälfte Kubas erkundet und werden uns die andere, bergigere Seite im nächsten Frühjahr vornehmen. Wir hatten keinen Reiseplan, nur ein schlaues Lonely Planet-Büchlein unser unser „Kubanisch für hoffnungslose Fälle“-Wörterbuch. Mit den 65-L-Rucksäcken waren wir bestens ausgestattet und hatten noch reichlich Platz für Mitbringsel.
Mach dir Kopien deiner Dokumente und lass die Originale in deinem Casa. Das Visum für Deutsche hat eine Dauer von 30 Tagen und kann um weitere 30 Tage verlängert werden. Unser kanadischer Freund durfte 6 Monate bleiben.

Trinidad
Foto: C.Cudd

Auf Safetykram kann man getrost verzichten: Kuba ist eines der sichersten Länder der Erde. Verliert man etwas, wird das komplette Dorf auf den Kopf gestellt und eine Telefonkette in Gang gesetzt.

Was wir gelernt haben:

  • Kubaner sind Helden der Improvisation. Sie können aus einer Ventilatorabdeckung und etwas Draht eine Fischreuse basteln.
  • Wird man zum Essen eingeladen, bringt man einen Teil des Essens mit.
  • Die jungen Kubaner haben meist mehr Kultur als wir und anscheinend mehr Spaß am Leben. Wir haben nur mehr Geld, das neueste EiFon, einen Sack voller Versicherungen und meckern trotzdem (meist über das Essen). Japaner brechen weinend zusammen wegen des rudimentären WLANs, Neuseeländer nehmen in Flipflops an Höhlenexkursion teil und bei Amerikanern fällt einem manchmal gar nichts mehr ein. Es gab Momente, da war ich froh, sagen zu können: „No, I’m from Dschörmäni.“
  • Die Kubaner lieben ihren Zusammenhalt und erlauben sich mehr Freiheiten als wir prüden Europäer. Sie sind liebenswert, sarkastisch, hilfsbereit und unglaublich locker. Alleinerziehende sind keine Seltenheit, One Night-Stands und wechselnde Partner nicht verpönt.
  • Auf drei Kubaner kommt ein Polizist – oder war es umgekehrt?

Ein Fazit: Wenn du das echte Kuba kennenlernen möchtest, bevor der Tourismus es vollständig okkupiert hat, dann beeil dich. Kuba ist (noch) ein Paradies für Individualreisende, für Freaks und Backpacker, die bereit sind, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Das Land lebt und pulsiert und ist voller Musik, Gerüche und ungewöhnlicher Begegnungen.