Lächeln, nicken, Fäuste schwingen – Die Frankfurter Buchmesse 2017

Die Frankfurter Buchmesse hätten Shakey und ich also erfolgreich überlebt.
Es ist eine sehr wichtige Messe, die in den ersten drei Tagen traditionsgemäß von furchtbar wichtigen Anzugträgern und Damen im Businesskostüm dominiert wird. Wichtige Reden werden gehalten (Festredner: „Glücklicherweise muss ich keine Gemeinschaft beschwören, die es zwischen uns nicht gibt.“) und noch wichtigere Preise werden verliehen. Margaret Atwood bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. „Wer ist die Frau?“, fragte eine Freundin an meinem Stand.
Ich outete mich als Groupie, da ich nach „Der Report der Magd“ alle Bücher von Frau Atwood verschlungen habe, und schob vorsichtshalber hinterher, dass sie nicht so ganz im Bad Boy Romance-Genre veröffentlicht. Die Laudatorin Eva Menasse bezeichnete Frau Atwood in ihrer Rede als „boshaft kichernde weise Frau“ und Frau Atwood nickte lächelnd zu jedem Satz.
„Beeindruckende Preise werden immer an Autoren verliehen, die stinklangweilige Bücher schreiben, welche man nur kauft, um sie auf dem Wohnzimmertisch zu drapieren“, sagte meine Freundin unbeeindruckt.

Meinem winzigkleinen Stand gegenüber befand sich das Universum von Random House, wo Kellnerinnen mit Silbertabletts voller Häppchen und Sektgläser umherhuschten. Heyne, Blanvalet, Blessing, Goldmann, C. Bertelsmann und andere wichtige Namen sind unter Random Houses Dach vereint. Wenn Random House die Sonne ist, um die all diese Namen kreisen, dann bin ich der kleine klapprige Sputnik, der irgendwo unbemerkt seine Bahnen zieht. „Seien Sie froh“, sagte der graubärtige Mann vom Börsenverein. „Wenn Sie einen Spiegel-Bestseller landen, werden Sie von denen schneller aufgekauft, als Sie Hups! sagen können.“
Da habe ich ja Glück gehabt, haha.
Wann immer ich zu Ramdom House hinüber schaute, begegnete ich dem missbilligenden Blick von Kazuo Ishiguro, der mich von einer überdimensionalen Werbewand fixierte. Man sah ihm förmlich an, wie er dachte: „Wieso muss ich auf diese Indie-Autorin gucken? Wer ist die überhaupt?“
Herr Ishiguro hat den Literaturnobelpreis gewonnen und ich habe zuvor nie von ihm gehört. Vielleicht sollte ich eines seiner Bücher kaufen und auf den Wohnzimmertisch legen, damit ich mich weniger dumm fühle. Blöderweise stecke ich derzeit in einer ausgedehnten Bad Boy-Romance-Phase.
Aber auch mit Kochbüchern kann man Ruhm erlangen, wie wir auf der Open Stage erleben durften. „Ich bin der Mario Barth der Fernsehköche“, sagte Steffen Henssler und es wurde wild gejubelt. Thomas Anders, die Ex-zweite Hälfte von Modern Talking, hat übrigens auch ein Kochbuch veröffentlicht, ebenso wie Roberto Blanco. Allerdings muss man sich bei Letzterem erst durch zig Seiten Lebensgeschichte wühlen, bis man zu den Rezepten kommt. Ein bisschen Spaß muss halt sein.
Das Lachen verging Herrn Blanco allerdings, als er auf der Messe während der Vorstellung seiner (jetzt aber richtigen) Autobiografie von seiner Tochter Patricia attackiert wurde. Zuuufällig hatte die Dame einen Kameramann im Schlepp und konnte sich ordentlich medienwirksam von Securitys abführen lassen.

Das Eklätchen war natürlich nichts gegen die handgreiflichen Tumulte rund um Björn Höckes Auftritt und dem Gerummse am Stand des Antaios-Verlages. Beim Sieferle-Podium, das dem Fachpublikum vorbehalten war, ging es noch sehr gesittet zu, doch am Samstag prallten Links und Rechts aufeinander und plünderten im Vorfeld noch einen Stand.
Jan Böhmermann twitterte später spöttisch: „Gastland der Buchmesse in diesem Jahr? Dunkeldeutschland!“ und fragte: „Was suchen Fans von Leuten, die Bücher verbrannt haben, eigentlich auf einer Buchmesse?“
Jutta Ditfurth kritisierte, dass die Leitung der Buchmesse mit der Ausrede „Meinungsfreiheit“ die Enthemmung und Ausbreitung von Nazis zugelassen habe. Der Veranstalter verteidigte sich, er könne Ausstellern, deren Werke nicht gegen das Strafrecht verstoßen, schlecht die Ausstellungsfläche verweigern. Ebensowenig könne er am Eingang Männer mit Seitenscheitel und Schnürstiefeln abweisen.
Natürlich bekam das Fest der Bücher durch die Ereignisse einen sehr schalen Beigeschmack. Kann Meinungsfreiheit solche Eklats ab oder sollte der Veranstalter zukünftig nach politischer Gesinnung selektieren, um Übergriffe zu vermeiden? Vielleicht war auch einfach nur das Sicherheitskonzept scheiße.
Mein Männe fand das Sicherheitskonzept gut; er wurde jeden Tag gründlichst gefilzt, bevor er in die Hallen durfte. Das könnte daran liegen, dass er aussieht wie ein tätowierter, langhaariger Bombenleger und die scharfen Kanten seines Ausstellerausweises dazu nutzen könnte, Herrn Macron oder Frau Künast zu attackieren.

Die arme Frau Künast hat weitestgehend unbeachtet ihr Interview am Random House-Stand gegeben. Im Hintergrund lungerte eine aufgeregte Mama mit ihren beiden Kindern herum, die auch mal ins Fernsehen kommen wollte. Draußen standen silberne und schwarze Bonzenkarren aufgereiht, bewacht von Anzug-von-der-Stange-Trägern, die an ihren Zigaretten zogen und drinnen machte man Literatur. Oder was man in den ersten drei Tagen auf der Buchmesse halt so macht, bevor man das Fußvolk – uns Leser – in die heiligen Hallen lässt.
Wer wichtig ist, trägt eine schwarzlederne Mappe unterm Arm, durchaus auch einen wehenden Schal um den Hals und nascht Häppchen. Nach Feierabend besucht man eine der unzähligen Partys, wo die Krawatten skandalös locker sitzen und man sich singend in den Armen liegt.
Wir hatten im Vorfeld viele Einladungen bekommen, aber für mich am interessantesten war die Digital Night, weil ich dort mit dem Chef und IT-Tüftler einer kleinen Dienstleistungsfirma etwas Konspiratives aushecken konnte.

Ich mag die Buchmesse. Sie ist bunt und illuster und voller spannender Menschen. Die unbekannten Autoren feiern sich selbst, weil es sonst niemand tut, die ganz Großen kommen, lächeln und gehen wieder. Ständig stehen irgendwo Leute an, und wenn man sich dazustellt, bekommt man ein Autogramm von Ken Follett auf das frisch gekaufte Thomas Anders-Kochbuch.
Ich hätte allerdings wirklich gern ein Autogramm von Till Lindemann (Rammstein-Frontmann) abgestaubt, der zusammen mit Joey Kelly einen interessanten Bildband namens „Yukon – mein gehasster Freund“ veröffentlicht hat (und dessen Ex zufällig Lektorin ist). Den Auftritt von Kelly und Lindemann habe ich leider verpasst, weil ich ja zum Arbeiten auf der Messe war und nicht zum Herumstromern. Das verdammt teure Buch habe ich trotzdem gekauft.
Aber Ken Follett habe ich in voll echt gesehen, sowie Kai Meyer, Poppy J. Anderson, Sebastian Fitzek und dann waren auch noch Reinhold Messner da, Daniel Kehlmann uuund Sven Regener. Hachz. Und Tad Williams!!! (Hier bitte enthemmtes Kreischen einfügen). Und noch viele andere, die aber schnell wieder abreisten, so wie Martin Walser oder Jan Brandt, dem niemand ein Hotelbett spendieren mochte. Der Buchbranche geht es nämlich schlecht, wird mal wieder gemunkelt. Selbst der Taschen Verlag hat sich dieses Jahr gar nicht erst blicken lassen. Und Ebooks laufen ja ü-ber-haupt nicht!
Für eine Buchmesse gab es auffallend viele Non-Book-Produkte zu bestaunen, von Eierbechern und Handtaschen über eine Flotte Audis bis hin zum Computerspiel.
Die FAZ-Redakteurin Lena Bopp schrieb: „[…] und während einige renommierte Buchhandlungen schon konkret darüber nachdenken, Kaffee und Geschenke ins Sortiment aufzunehmen, um die Ladenmieten zahlen zu können, schlug auch auf der Buchmesse die große Stunde des Nichtbuchs, und das Ergebnis war eine betretene Stille.“
Also, von Stille habe ich herzlich wenig mitbekommen. Ich hatte meinen Spaß.

Shakey

An meinem Stand gab es keine Eierbecher und auch keine teuren deutschen Autos, nur Bücher, Goodies, Leckerchen und viele großartige Gespräche. Mit Protesten konnte ich auch nicht dienen. Meine Bullhead-Rocker sind nicht kontrovers genug und an Shakey, der alles im Blick behielt, war auch nichts Anstößiges. Ich habe mich trotzdem wie Bolle gefreut, dass man auch bei mir Schlange stand. Ich durfte Bücher, Postkarten, Lesezeichen signieren, habe professionell in Kameras gelächelt (oder es versucht; ich bin scheiße unfotogen) und viele großartige Gespräche und Begegnungen erlebt. Und ich habe viele tolle Mitbringsel und Geschenke von euch bekommen, unter anderem einen selbstgemachten Schoki-Orden, dazu Bücher (weil ich öffentlich geschworen hatte, dieses Jahr aber ganz wirklich kein Buch auf der FBM zu kaufen) und den besten Kaffee der Welt. Sogar an Herrn Hund wurde gedacht.
Tausend Dank, ihr Lieben!
Mein persönliches Higlight waren also all die großartigen Leser und Fans, die Neugierigen und KollegInnen. Ihr habt alle meine „Lucky Bastard“ weggekauft 🙂 Und natürlich waren auch die engagierten Damen vom cuddifiziert!-Clubhaus zu Besuch sowie meine wunderbaren Testleser! Allein wegen euch habe ich meinen Stand aufgebaut.
Auch der Herr Börsenverein des deutschen Buchhandels (wiederum der Veranstalter der FBM) hat mich gezielt aufgesucht und ausgiebig mit mir über Dieses und Jenes geplaudert. Vor allem über Jenes. Darum darf ich mich nun auch auf die Vorweihnachtszeit freuen, ich kleine Indie-Autorin.
Vor allem sehr viele Blogger kamen zu Besuch an meinem Stand – freiwillig und freudig, und das war wirklich großartig. Netzwerken ist nämlich geil!
Ich lernte die supersympathischen Damen vom Plaisir d’Amour Verlag kennen sowie das engagierte Team von CounterFights, außerdem habe ich fast Bruderschaft mit dem tätowierten Gabelstaplerfahrer und dem kroatischen Shuttlebus-Lenker getrunken (nur fast wegen „kein Alkohol im Dienst“ und „Sorry, aber ich stehe nicht auf rosafarbenen Prosecco“). Sehr kompetente Jungs, an denen sich der eine oder andere wichtige Anzugträger mal ein Beispiel nehmen sollte. Die wussten nämlich, wann man wo was finden würde.
(Notiz an mich: Das nächste Mal einen Kasten Männer-Bier für die kompetenten Jungs einpacken).
Das kryptische System der Buchmessen-Standbeschilderung war allerdings uns allen ein unlösbares Rätsel. Am chaotischen Aufbautag irrte ich mit meinem Kastenturm-Rollwagen durch die Halle (die zu dem Zeitpunkt noch absolut null Buchmessen-Glamour hatte; überall Holzpaletten, Akkuschrauber-Geheule und blanker Betonboden) und fragte jeden, der nicht schnell genug wegrannte: „Tschuldigung, ist das hier Gang E?“
„Sehen Sie die Pissoirs dort an der Wand? Sie sind in der Herrentoilette! Ich kann nicht pinkeln, wenn jemand zuguckt.“
Apropos Toiletten: Die waren vor allem während der Publikumstage so begehrt wie das einzige saubere Dixi auf Wacken. Es sei denn, man ging zur Halle 6.2 (International Publishers); dort herrscht angenehme Leere.
Frankfurt selbst lernte ich auch ausgiebigst kennen, weil ich einmal auf dem Weg zum Hotel eine Straße zu früh abgebogen bin. Eben waren da noch die schicken gläsernen Banken-Türme, im nächsten Moment tuckerten wir durch ein schmales, zugeparktes Einbahnstraßenlabyrinth mit Handy-Shops, Mini-Markets und „All you can fukk“-Etablissements.
Unser Hotel lag ein wenig außerhalb und hat sich als echter Geheimtipp entpuppt. Große, gemütliche Zimmer; grandioses Restaurant; weltbeste Bar; familiäre Atmosphäre mit schicker Innendeko; Hammer-Ausblick auf die Skyline und Goethe war auch schon mal da. Ist allerdings ein Weilchen her. Den Namen behalte ich für mich, sonst bekomme ich zur nächsten Messe kein Zimmer mehr. Sorry, da bin ich Egoist.
Letztes Jahr residierte ich übrigens in einem süßen kleinen Renaissance-Hotel mitten im weniger schnuckligen Bahnhofsviertel. Dort lernte ich einen Ex-wichtigen-Superduper-Manager kennen, der wegen Wirtschaftsspionage aus China ausgewiesen wurde, stantepede in die Frankfurter Drogenszene abrutschte und nun mit den hiesigen Hells Angels verschwippschwägert ist. Jetzt sind wir Freunde.

Die Organisation der FBM war vornehm ausgedrückt für’n Arsch. Jede Vororts-Tattoo-Messe ist besser organisiert. Da kann der liebe Vadim Soundso von der Veranstaltungsleitung mir tausendmal mit geduldigem Lächeln sagen: „Ja, bei über 7000 Ausstellern und diversen Eklats ist das nun mal …“ Nein, ist es nicht! Ihr macht diese dämliche Mega-Messe nicht erst seit gestern. Ihr wisst seit Jahren, was da auf euch zurollt.
In meiner grenzenlosen Naivität war ich ja der Meinung, dass Lastenaufzüge dazu da sind, Lasten rauf- und runterzutransportieren. Dazu müssten die verf…ten Dinger natürlich in Betrieb sein. In den Personenaufzug passen die Rollwagen nämlich nicht hinein, lieber Vadim. Am Stand selbst fehlten so ziemlich alle Regale, die dort sein sollten. Der Hallenmeister fehlte auch. Die Palette, auf der die vermissten Regale sein sollten, war immerhin da. Allerdings ohne Regale.
Von meinem lautstarken Vortrag über „Warum kann ich meinen Scheiß Transporter nicht vor der Messehalle abladen, wie es sich gehört, sondern muss ihn im oberf…tken PARKHAUS lerrräumen und den ganzen Kladderadatsch durch die mehrstöckige Messe-Pampa wuchten?“ klingeln Vadim vermutlich noch immer die Ohren. Ich glaube, er nuschelte etwas von „Ja, wenn Sie zufällig Frau Random House wären, könnte ich …. Seien Sie froh, dass wir Sie überhaupt reingelassen haben, Frau WieheißenSienoch?“
Vadim hat mich auf Facebook entfreundet.

Fürs nächste Jahr planen wir jetzt auch einen medienwirksamen Eklat. Dazu benötigt man im Vorfeld lediglich ein skandalöses Buch; eine Art verbalen Brandbeschleuniger mit einem Titel, der wirklich jeden auf die Palme bringt. Vielleicht: „Kim Jong Un und ich – Eine Bad Boy-Romance“ von Donald Trump. Oder „Wer Bücher liest, ist zu blöd für Sex“. Das nenne ich mal provokant!
Der Rest ist Marketing, garniert mit breitschultrigen Männern mit Knopf im Ohr, die dem Ganzen eine gewisse bedrohliche Souveränität verleihen.

Ken Follett

Die Frankfurter Buchmesse war also bunt, kontrovers, kistenschleppig, spannend und die Teppiche – auch die roten – waren keine drei Millimeter dick. Etwa zwanzig Minuten nach Torschluss der FBM rissen kernige osteuropäische Arbeiterinnen den schicken Bodenbelag wieder raus, während wir noch unsere Stände abbauten. Zack – Glamour weg.
Männe und ich haben anschließend ein wenig über die Höhe des Müllbergs sinniert, den so eine Buchmesse hinterlässt. Halde Hoheward in Recklinghausen oder doch eher Mount Everest?

Der Rest war maßgeschneiderte Wichtigtuerei und empörtes Herumschreien. Und Bücher natürlich. Hier und da gab es noch etwas Bigotterie obendrauf. Der richtige Spaß fand bei uns kleinen Guerillas statt, wenn man mich fragt.
Man kann sich feiern, wie man will: Unterm Strich zählt allein der Leser, der das Buch entweder begeistert liest oder den Schmöker nach wenigen Seiten in die runde Ablage wirft und ein Kochbuch kauft.

Hier noch ein paar wichtige Sätze, die auf der FBM fielen:
– „Gibt es Suhrkamp-WLAN?“
– „Ich lese grundsätzlich keine Bücher unter 500 Seiten.“
– „Bei denen am Stand bekommt man nur Häppchen mit Lachsersatz.“
– „Der da drüben, der ist doch auch ein Berühmter.“
– „Da wünscht man sich glatt die Zensur zurück.“
– „Ich wollte auf keinen Fall barockes Deutsch emulieren.“ (Daniel Kehlmann)
– „Ich wusste, dass die Dings … wie heißt sie noch? … dass sie den Preis bekommt.“
– „In die Augen schauen, sonst gibt’s sieben Jahre schlechten Sex. Stößchen!“
– „Sind Sie Self-Publisher oder gehören Sie zu den richtigen Autoren?“

Sabber in der Tastatur – Autoren und das liebe Vieh

Die Frautorin blickt stirnrunzelnd auf den Bildschirm und liest: >>>>>>>>>>>>>>>,
gefolgt von einem Cursor, der penetrant am linken Bildschirm hängt und sich nicht ins Textfenster bewegen lassen will, egal wie wild sie über das Trackpad des Laptops wischt.
Der Mann schaut ihr über die Schulter und murmelt was von: »Ich verstehe ja nix von Literatur, aber ich prophezeie mal, ein Roman, dessen Text aus lauter liegenden Vs besteht, könnte es schwer haben, sich auf dem Markt zu behaupten. Sind die Vs umgekippt oder hat das eine künstlerische Bedeutung, für die ich noch nicht besoffen genug bin?«
»Das habe ich so nicht geschrieben«, zischt die Frautorin. »Und das blöde Trackpad spielt auch verrückt. Der Cursor klammert sich hartnäckig am linken Bildschirmrand fest. Ich kann so nicht arbeiten, stöhn!«
»Dann ist wohl der Laptop kaputt«, merkt der Mann hilfreich an. Neben dem Schreibtisch hockt der große schwarze Hund und lächelt sein unschuldiges Hundelächeln.
Frautorin ruft den Apfel*-Support an und folgender Dialog spielt sich so oder so ähnlich in vielen Autoren-Haushalten ab:
»Tach, hier ist der deutsche Apfel-Support, mein Name ist Madhukar Pratap, wie kann ich …?«
»Mein Cursor hängt am linken Bildschirmrand und ich habe eine Reihe umgekippter Vs in meiner Textzeile stehen … äh, sagten Sie, deutscher Support? Ihr Name klingt ein gaaanz klein wenig exotisch.« (Man beachte meine geschickte Political Correctness)
»Sie haben in Bielefeld-Sennestadt angerufen und die haben Sie zum nächsten freien Chat-Mitarbeiter durchgestellt, nämlich mich. Unsere Zentrale befindet sich in Varanasi am oberen Ganges. Sie haben also umgekippte Vs auf Ihrem Bildschirm?«
»Ja, und der Cursor weigert sich, den Bildschirmrand loszulassen.« Aus den Augenwinkeln sieht die Frautorin, wie ihr Mann peinlich berührt die Augen schließt.
»Aha, ich verstehe«, sagt der Supportmitarbeiter sehr sachlich, denkt eine Sekunde nach und fragt dann: »Sie haben nicht zufällig ein Haustier?«

 

Sean Vader Othello (Foto: Privat)

Mein Hund ist etwas groß geraten und recht gemütlich. Seine Mutter war eine Dogge, sein Vater ein Labrador und der Onkel ein Müllcontainer. Wenn wir gefragt werden: »Was ist denn das für einer?«, dann sagen wir: »Ein turkmenischer Otterwürger, sehr selten.« Wir benutzen ihn gerne als Beistelltisch, wenn wir Leute zu Besuch haben, die wir schnell wieder loswerden wollen. Tischdecke drüber und einfach warten, bis sie ihre Gläser abstellen, hehe.
Der Hund legt gerne seinen schwarzbehaarten Kopf überall da ab, wo es sich anbietet: auf Oberschenkeln (bevorzugt die mit den teuren weißen Hosen), dem Küchentisch mit dem Sonntagsbraten oder auch mal der Tastatur. Er hat einen großen schweren Kopf, weil er so viel nachdenken muss. Wann es zum Beispiel Zeit ist fürs Abendbrot oder wie man die Leckerlidose aufbekommt. Ob Katzen immer noch gut schmecken, wenn man sie einmal gründlich um den Hof gejagt hat und was ich mir dabei gedacht habe, als ich diesen verfickten Rollrasen auslegte.
Man kann ihm nicht böse sein, wenn er seinen Kopf auf die Tastatur legt, weil er dabei so süß-treudoof schaut, dass man erst Stunden später merkt, wie geschickt er einen wieder manipuliert hat.
Leider hat er ein chronisches Sabberproblem. Dass mein Hund irgendwo gewesen ist, erkennt man daran, dass man eine Oberfläche berührt, angewidert auf das klebrige Zeugs zwischen den Fingern starrt und anschließend diverse Szenen aus dem Film Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt** im Kopf hat. Üblicherweise die, wo die Nebenfigur – die genau zwei Sätze im Drehbuch stehen hat, nämlich: »Hi, wie geht’s?« und »Aaaargh!« – in was Eklig-Schleimiges packt und zwei Sekunden später kreischend und zappelnd von der außerirdischen Mörderkreatur gemeuchelt wird.

Mechanisches Texterzeugungsgerät (Foto: Privat)

Hundesabber ist der neue Kontaktkleber. In Kombination mit schwarzen Hundehaaren kann man interessante Skulpturen daraus formen oder man ist genötigt, den Laptop einzuschicken, drei Wochen lang wie weiland Ernest Hemingway auf einer ächzenden mechanischen Tastatur rumzuklappern, eine Sehnenscheidenentzündung zu bekommen, verzweifelt nach der cmd-Z-Tastenkombination zu suchen und Papier zu zerknüllen. Der Hund findet das toll und schleppt die Papierknüddelchen in den Garten, wo er sie für schlechte Zeiten verbuddelt – im niegelnagelneuen Rollrasen.

Richtige Autoren haben natürlich keinen schnöden Hund, sondern eine Katze, die sich majestätisch auf der Tastatur ausstreckt und darauf wartet, dass man nach dem Handy greift, um ein Oooh-wie-süß-Foto zu machen. Sobald man auch nur eine Sekunde wegschaut, schubst sie dezent die Kaffeetasse um, gähnt und wedelt träge mit dem Schwanz.
Autoren, die zu Messen fahren wollen, dürfen ihren Koffer NIEMALS in Gegenwart der Katze packen. Denn dann muss man sich nicht wundern, wenn man im Hotelzimmer den Deckel öffnet und den blinden Passagier erblickt, der sich ein kuscheliges Nestchen aus der schicken Seidenbluse gebaut hat.

Foto: Pixabay (Alexa)

Echte Autoren erkennt man übrigens nicht daran, dass sie regelmäßig Bücher veröffentlichen, sondern an den Tierhaaren an der Kleidung. Hier und da zieren Kratzspuren den Unterarm oder Glitzerspuren getrockneten Sabbers den Oberschenkel.
Autorentiere erfüllen mehrere wichtige Zwecke auf einmal:

1. Prokrastination
»Lieber Lektor, ich hätte heute mein Schreibsoll ja durchaus geschafft, aber Soraya hat so komisch gemaunzt, also habe ich sanft ihren Bauch massiert und ihr eine feine Lachspastete zubereitet. Leider hatte ich keine feldfrische Petersilie mehr im Haus, also bin ich zum Bio-Bauernhof geradelt und brauchte dort eine Stunde, um die Hofkatze von meiner Jeans zu pflücken, in die sie sich verkrallt hatte. Als ich zurückkam, hatte Soraya sich schon eine extrascharfe Sardellenpizza bestellt und ich musste mit ihr zur Tierklinik, um ihr den Magen auspumpen zu lassen. Darum konnte ich heute nur diese eine romantische Szene schreiben, in der meinem Protagonisten der Magen ausgepumpt wird.«

2. Gesundheit
Mens Sana in Corpore Sano (auf gut Deutsch: Die Sahne muss abtrainiert werden). Autoren sitzen viel und müssen daher besonders auf körperlichen Ausgleich achten. Sabberspuren aus den Textilien schrubben oder den Rollrasen flicken zum Beispiel. Mein großer schwarzer Hund geht gerne spazieren, es sei denn, es regnet, es scheint die Sonne oder in der Küche steht eine Leckerlidose. Es könnten ja perfide Einbrecher vorbeikommen und die Dose klauen. Mein Patentrezept gegen Bewegungsmangel: dreimal täglich fünfzig Kilo widerspenstigen, klebrigen Köter die Waldwege entlangschleifen. Treffen wir unterwegs ein Reh, dann tauschen wir die Rollen – falls ich so dämlich war, die Leine in der Hand zu behalten.
Die nächsten Stunden verbringe ich damit, Brombeerdornen aus meiner Haut zu zupfen.

Sean Vader Othello und sein Dosenöffner (Foto: Privat)

3. Abenteuer
Die Deadline rückt näher, das Finale muss noch geschrieben werden, doch im Kopf herrscht gähnende Leere. Du greifst nach dem lebensrettendenden dicken Notizbuch, in dem du letztens diesen genialen Einfall notiert hattest – und greifst ins Leere.
Den zerkauten Umschlag des Notizbuches findest du unterm Rollrasen im Garten, wo ihn der Hund sorgfältig verscharrt hat. Die einzelnen Seiten entdeckst du

a) im Hamsterkäfig, wo Matze sich ein Nest aus den zerfetzten Seiten gebaut hat – bei der Gelegenheit stellt sich heraus, dass Matze eine Matzine ist und dreiunddreißig Hamsterkinder zur Welt gebracht hat. Nun beginnt das Rätselraten um die Vaterschaft und alle schauen misstrauisch den Leguan an, der betont gleichgültig seine Abendbrot-Fliegen zerkaut;

b) im Katzenklo, weil die Katze die neue Katzenstreu nicht mag, aber das handgeschöpfte Papier aus deinem sauteuren Notizbuch immer schon faszinierend fand;

c) im Wespennest am Badezimmerfenster;

d) nie wieder, aber dein Haustier sieht heute ungewöhnlich pummelig aus. Außerdem hat es Tintenflecke auf der Zunge.

4. Stressabbau.
Haha, das war ein Witz (siehe Punkt 3)

5. Bildung
Wer eine freigängige Katze besitzt, lernt sehr viel über die heimische Fauna.
»Schatz, da liegt so ein blutiges Fellfetzendingens auf meinem Kopfkissen. Ist das eine Springmaus?«
»Jetzt nicht mehr. Allerdings tippe ich eher auf ein … sieh mal, es hat ein hübsches Glitzerhalsband um. Oh verdammt, das war der Chihuahua der Nachbarin!« An dieser Stelle reibt sich der Blutige-Thriller-Autor die Hände, erspart er sich doch mühsame Recherche bei der Beschreibung einer zerstückelten Leiche.
Wer einen Hund besitzt und auf einem Hof lebt, auf dem es von freigängigen Katzen wimmelt, lernt sehr viel über sportliche Höchstleistungen von Tieren und darüber, dass Katzen nachtragend sind. Immer dann, wenn man arglos Gassi gehen will, lassen sie sich in bester Ninja-Manier mit ausgefahrenen Krallen vom Dach direkt auf den Hund fallen – und wieder erinnert die Frautorin sich daran, dass sie besser die Leine losgelassen hätte.
Wer ein exotisches Haustier, also ein Chamäleon, einen Piranha oder einen Mann besitzt, lernt bald, dass diese Lebewesen ganz gut ohne den Autoren zurechtkommen. Ab und zu mal eine Sardellenpizza ins Gehege werfen und alle sind glücklich. Leider hat man keine Ausrede mehr, warum man sein Schreibsoll für heute nicht erreicht hat.

Ein Fisch (Foto: Privat)

Wer kein Haustier besitzt, aber seine Schreibklause auf dem Land hat, lernt schnell, dass er mehr Haustiere besitzt, als ihm lieb ist. Das beginnt mit der Feldmaus, die mal in deiner Klause nach dem Rechten sehen will und ein bisschen am Computerkabel knabbert – Brizzel! Maus tot – (gleichzeitig klingelt das Lektorat durch und fragt zum X-ten Mal, wo das überfällige Manuskript bleibt), es geht über die Rotte Wildschweine, die den Anblick deines frisch ausgerollten Rollrasens nicht verknusen kann, und endet mit ihrer Majestät, der Wespenkönigin, die kraft ihres Amtes entschieden hat, ihren neuen Palast an deinem Badezimmerfenster zu errichten – selbstredend aus den Seiten deines handgeschöpften Notizbuches. Wespen können ziemlich laut kauen, das ist kein Scherz. Sie rupfen kleine Stückchen aus allem, was sich in zellulosen Baustoff verwandeln lässt und zerkauen es zu einem Brei, um ihre Nester daraus zu bauen. Wer auf dem Balkon so einen Sichtschutz aus ungeschältem Schilf besitzt, kann manchmal an lauen Sommernachmittagen dem lieblichen Malmen und Knispeln der Wespen lauschen.
Wer kein Haustier besitzt und nicht auf dem Land wohnt, lernt bald seine neuen Nachbarn kennen. Nämlich dann, wenn deren Futterheimchen, die als Frühstück für die zahme Boa Constrictor gedacht waren, ausbüxen und bei dir um Asyl flehen. Heimchen sind kleinfingerlang und zirpen. Sehr laut. Die ganze Nacht. Bevorzugt hinter Möbeln, die sich nicht fortrücken lassen. Vorteil: Wenn der Nachbar kommt, um die Heimchen einzufangen, kannst du mal wieder hinter den schweren Möbeln staubsaugen.
Wenn der Nachbar keine Boa Constrictor hat, dann hast du eine Nachbarin und die wiederum hat einen Chihuahua, der nicht allein bleiben kann. Du lernst, dass kleine Hunde eine überraschend strapazierfähige Lunge besitzen. Und du denkst ernsthaft darüber nach, dir eine freigängige Katze zuzulegen, die sich elegant von Balkon zu Balkon hangeln kann auf der Suche nach einem kleinen pelzigen Happen mit Glitzerhalsband.

6. Sympathiepunkte
Wenn dein neuer Thriller Nur der Rollrasen war Zeuge nicht so gut ankommt und die Ein-Sterne-Rezensenten sich über die widerliche Magen-Auspump-Szene mit der haarklein beschriebenen halbverdauten Sardellenpizza beschweren, dann postest du einfach ein paar Bilder von deinem Haustier, das sich elegant auf deiner Tastatur fläzt und du hast zumindest ein paar Sympathiepunkte wiedergewonnen.
Poste bitte NICHT die überraschend hohe Rechnung für das ausgetauschte Trackpad oder die Fotos von der frischen Buchlieferung, deren sämtliche Seiten mit Sabber verklebt sind. Nutze diese Gegebenheit lieber, um einen Sciencefiction-Horrorroman über ein schleimiges Alien zu schreiben, das sich in einer Schreibklause eingenistet hat und als schwarzer Hund tarnt.

7. Kreativität
Selbst der gemeine Autoren-Wellensittich heißt nicht einfach Hansi, sondern Sancho Pansa oder Blade Runner. Unser Hund – das ist die traurige Wahrheit – heißt Sean Vader Othello (wir konnten uns einfach nicht einigen. Und nein – ich bin NICHT der Star Wars-Fan bei uns!). Meist nennen wir ihn aber: »Musst du denn alles vollsabbern, du Mistvieh?«

Sean Vader Othello (Foto: Privat)

Autoren-Haustiere brauchen einen inspirierten Namen oder wenigstens einen schön ironischen wie Schantall oder Danke, Merkel.
Und Tiere, die in deinem Roman vorkommen, brauchen auch noch einen coolen Namen. Hier hilft das eigene Haustier immens weiter. In meinem Fall ist es der hauseigene sabbernde schwarze Beistelltisch, der bei mir Assoziationen an Alien weckt. Darum heißt Frau Funkes korrupte Hündin in meiner Bullhead MC-Romanserie auch Ripley, nach der Heldin in der Alien-Filmreihe.

8. Illustre Gesellschaft
Günter Grass schrieb Hundejahre und Katz und Maus möglicherweise nur, weil eine wuschelige Hündin namens Kara bei ihm wohnt. Als er 1999 den Literaturnobelpreis erhielt, erfuhr die Hündin als erste davon (keine Ahnung, was Frau Grass dazu gesagt hat).
In Edgar Allan Poes bekanntesten Werken taucht immer ein Tier auf; der Rabe Nimmermehr, ein schwarzer Kater, eine gruselige Ratte oder ein Affe wie in der berühmten Story Doppelmord in der Rue Morgue. Poe lebte in völliger Armut und starb unter nie geklärten Umständen. Sein treuester Gefährte war eine Katze, der er auch alle Werke vortrug und die er seine Muse nannte.
Thomas Mann hält große Stücke auf seinen Sennenhund Bruno. »Ohne Hund würde ich schon lange nicht mehr leben«, hat er gesagt, und dass sein Bruno für augenöffnende Erfahrungen gesorgt habe. Vermutlich hat Herr Mann mal Rollrasen ausgelegt und kurz darauf sein wichtiges Notizbuch vermisst.***

Worauf ich hinaus will: Wenn du nicht in irgendeiner Form ein Haustier hast, bist du eigentlich kein richtiger Autor. Da kannst du noch so preisverdächtige Bücher schreiben: Es fehlt dir das gewisse Etwas (also die Hundehaare an der teuren weißen Hose oder die Katze im Messeköfferchen, die du erst entdeckst, wenn du dein frisches Manuskript dem erwartungsfreudigen Diogenes-Verlagschef übergeben willst und in einen Haufen Konfetti greifst).
Und nein, die Sardellen auf deiner Pizza zählen nicht als Haustier.
Wenn du mir nicht glaubst, wie ungemein wichtig Haustiere fürs Autorendasein sind, dann solltest du dir anschauen, was meine Kolleginnen zu dem Thema zu sagen haben:

Lisa Skydla – Viecher! Lisa ist stolze und schwer beschäftigte Besitzerin eines kleinen Zoo samt Greifvögeln. Und trotzdem schreibt sie irgendwie nebenher noch tolle Bücher.

Margaux Mavara – Von Katern und Katzen und sinnvollem Leben an sich Der Chef im Haus Margaux ist nicht der zweibeinige Dosenöffner, soviel steht fest. Ihr Kater hat einen sehr interessanten Namen … aber lest selbst.

Katharina V. Haderer – Der zuckende Mauscursor und die Katze vor dem Bildschirm
Agathe! Gott, ich bin verliebt in Agathe! Kathis Katzenanalyse ist großartig – und die Fotos sind es sowieso.

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*ich wollte den Markennamen nicht laut rausschreien. Aber ich möchte erwähnen, dass ich PCs aus tiefstem Herzen hasse, und wenn sie noch so Sabber-resistent sind.

**Die Handlung von Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt ist schnell zusammengefasst: Raumschiffbesatzung wird von schleimiger, tödlicher Kreatur dahingerafft. Es überleben nur die Offizierin Ripley und (sic!) eine Katze.
Der Film verhalf übrigens erstmals einer Frau (Sigourney Weaver) zum Durchbruch im Actiongenre.

*** Dass Katzen sich einen Dosenöffner halten, ist nichts Neues:
Musen auf vier Pfoten: Schriftsteller und ihre Hunde
Musen auf vier Pfoten: Katzen und ihre Schriftsteller

Demonized-Wallpaper fürs Handy

Ein Amon zum Mitnehmen?
Kein Problem, die Frautorin hat fein gebastelt. Hier könnt ihr euch, falls ihr mögt, ein (selbstverständliches kostenloses) Demonized-Hintergrundbild für euer Smartphone herunterladen. Drei verschiedene Größen stehen derzeit zum Angebot.

Die Installation ist recht einfach (sogar ich hab’s hinbekommen):
Speichert das Bild auf eurem Handy und ändert das Hintergrundbild über „Einstellungen“ (Android und iOS; je nach Modell ändert ihr dort den Hintergrund über „Anzeige“, „Hintergrund“, „Mein Gerät – Anzeige“ …)

Download - Demonized 480x854
Download - Demonized 960x854
Download - Demonized 1040x1538

 

 

Und bevor ihr fragt:
Ja, der Bullhead MC bekommt irgendwann auch noch sein eigenes Wallpaper
und
Ja, ich denke intensiv über eine Fortsetzung zu Demonized nach …

Weihnachtsbaum-Beschaffungskriminalität und unartige Mädchen

Facebook nörgelt, weil ich fünf Tage lang in besinnlicher Versenkung abgetaucht bin. Vielleicht hat Herr Zuckerberg ja Angst, dass der opulent geschmückte Tannenbaum mich unter sich begraben oder dass mein experimenteller Maronenbraten mich dahin gerafft hat. Es ist sehr nett, dass er sich so um mich sorgt. Bestimmt hat er sich schlaflos in seinem Triple-Kingsize-Bett umhergewälzt, weil die Frautorin 5 (in Worten: FÜMPF!) lange Tage nix gepostet hat.
Nun, ich habe augenscheinlich überlebt. Und ein schlechtes Gewissen, weil der arme Mark wegen mir seinen goldenen Learjet mit dem eingebauten Whirlpool nicht so recht genießen konnte. Tschuldigung, kommt nicht wieder vor.
Mein Maronenbraten war gar köstlich, auch wenn er gewöhnungsbedürftig aussah (für den Notfall hatte ich ausreichend Rotwein bereitstehen, also zum Schöntrinken und so …) und da politische Diskussionen unterm Weihnachtsbaum strikt verboten sind, gab es auch sonst keine Toten.
Kennt ihr den Begriff Zwischen den Jahren? Das sind die seltsamen, halbproduktiven Tage nach Weihnachten und vor Silvester.
Heute gibt es also ein Zwischen-den-Jahren-Post:
 
Naughty Night  – ein kleiner, wilder Vorweihnachts-Roadtrip – war ein interessantes Experiment, ein ungeplantes dazu. Die Geschichte ist NICHT die eigentliche Fortsetzung der Bullhead MC-Serie (darum heißt sie – aha! – auch Special), sondern war dazu gedacht, euch die hektische Vorweihnachtszeit ein wenig zu verschönern. Wenn ihr anschließend bessere Laune hattet als vorher, ist die Mission geglückt.
Die Idee zu der Story kam mir am 11. Dezember (Jepp, ich war echt früh dran, haha). Ich habe nie zuvor eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, erst recht in solch kurzer Zeit, aber sie hat mir mächtig viel Spaß bereitet und mich tatsächlich in schöne  Weihnachtsstimmung versetzt.
cover_brotherskeepersp_ebookaktuell_50Eines meiner Hauptmerkmale ist ja, dass ich etwas lauthals verkünde und dann etwas ganz anderes tue. So habe ich einige Male in Interviews angegeben, nienichtniemals (!) Kinder in die Bullhead-Serie einzubauen. Weil: Heitere Familienromane sind nicht mein Feld. Die klingen immer ein bisschen so, als wolle man sich selbst bzw dem Leser etwas schön reden, so wie Montagmorgens aufstehen oder Steuern zahlen.

Als ich noch jung war (also etwa gestern) hat meine Oma mir zu Weihnachten immer Bücher aus der in den Dreißigern erschienenen Jugendserie „Professors Zwillinge“ von Else Ury geschenkt, jedes Jahr eines (da war sie hartnäckig). Zu der Zeit las ich begeistert Isaac Asimov und George Orwell und war zu blöd, mit der Strickliesel diese langen bunten Kordeln zu stricken. Dafür hatte ich ständig aufgeschürfte Knie und kam nie nach Hause, wenn die Straßenlaternen angingen, weil wir mit dem Blechdosen-Kicken gegens Garagentor noch nicht fertig waren.
Meine Oma sah anscheinend dringenden Handlungsbedarf geboten.
„Professors Zwillinge“ also – Ganz, ganz, GANZ schlechte Lektüre für ein Ruhrpott-Blag! (Falls wer von euch diese Bücher kennt, wisst ihr, wovon ich rede). Man verspürt anschließend den dringenden Wunsch, nachts auszureißen, mit einer Dose Neon-Sprayfarbe und ner Flasche Cognac aus Papas Hausbar in Richtung Rathaus zu laufen, unterwegs Mercedessterne zu …ehm … sammeln (natürlich nur wegen der Besinnlichkeit; sind ja Sterne) und die eine oder andere Mülltonne umzutreten. Für eine Neunjährige zugegebenermaßen eine etwas seltsam anmutende Freizitbeschäftigung. Aber ich wette, all die Punker, Sprayer und Randalierer hatten früher zu Weihnachten „Professors Zwillinge“ unterm Baum liegen gehabt.
Nach einer solchen bildungsbürgerlichen Lektüre bleibt einem Arbeiterkind nur die Möglichkeit, in tiefste Depression zu verfallen ob der eigenen Unzulänglichkeit und der Tatsache, dass Papa bloß ein kohlestaubiger Bergmann oder KFZ-Meister im grauen Overall ist und die Mama, statt mit Schürze und warmem Lächeln noch wärmere Milch zu servieren, sich lieber mit ihren giggelnden Freundinnen auf einen Roadtrip zum Gardasee begibt. Fünf aufgedrehte Frauen in einem orangenfarbenen Opel Manta, und ihr Reiseproviant hatte ordentlich Umdrehungen  – eat this, Professorenmutti!
Im Laufe meines Leser-Lebens habe ich nicht viele fiktive Charaktere aus tiefstem Herzen verabscheut, aber bei den Zwillingen Herbert und Suse – liebevoll „Bubi“ und „Mädi“ genannt – habe ich mir innigst gewünscht, sie wären real. Damit ich sie ein bisschen auf dem Schulhof verprügeln kann.
(Meine Oma hat mir übrigens auch immer Yogurette geschenkt, obwohl sie wusste, dass Yogurette und „Professors Zwillinge“ sich auf meiner persönlichen Geile-Geschenke-Skala um den letzten Platz kloppten. Bis heute grüble ich darüber nach, was meine Oma mir mit ihren Geschenken mitteilen wollte.)

„Professors Zwillinge“ hatten jedenfalls maßgeblichen Anteil an meiner straighten Entwicklung zum unartigen Mädchen.
„Die Hauptsache bei dem kleinen Mädchen sind Ordnung und Betragen, das ist mehr wert als alle sehr gut“. Zitat von Annemarie Brauns Mutter („Nesthäkchen“; Ausgabe von 1983), weil das Mädel in allen Fächern eine Eins bekommen hat, aber in Betragen und Ordnung eine fette Fünf. Ich weiß nicht, was aus Annemarie Braun wurde, aber ich hoffe, sie hatte eine wilde Zeit als Luxus-Escort-Girl und datet einen dominanten Trilliardär nach dem anderen.
Die Bücher der Erfolgsautorin Else Ury enthielten immer diese mehr oder weniger dezenten Hinweise, welche Eigenschaften ein anständiges Mädchen erwerben sollte. Harleyfahren oder Blechdosen-Kicken waren nicht darunter zu finden.
Zur Ehrenrettung von Else Ury muss man allerdings anfügen, dass sie schon 1906 ein Buch namens „Studierte Mädels“ heraus brachte, mit dem sie verdeutlichen wollte, dass eine akademische Ausbildung nicht zwingend dem weiblichen Ehe- und Familienglück im Wege steht.

Unartige Mädchen

Eine ungenannte Person hat mir vor Jahren mal das Buch „Ich hab mein Herz im Wäschekorb verloren“ von Emma Bomberg (Blomberg?) geschenkt. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass jene Person meinen Büchergeschmack nicht kannte und dachte, ein heiterer Familienroman kommt immer gut.
Kleiner Hinweis: Nope.
Ich möchte über den Inhalt des Buches keine weiteren Worte verlieren; mit dem Titel desselben ist bereits alles gesagt.
Aber wenigstens konnte ich mal von meinem Kindheitstrauma berichten und warum mir bei Familienromanen so komisch im Kopf wird. Der letzte Bikerroman, den ich gelesen habe, endete mit einer hochschwangeren, verheirateten Protagonistin. Damit endete auch die Geschichte dieser Portagonistin und mein Interesse an ihr. In den folgenden Bänden tauchte sie nur noch als Sidekick mit einem Kind am Rockzipfel auf, immer dann, wenn eine anständige Feier im Clubhaus stattfand.

Ah, verdammt, ich schweife ab.
Was ich damit sagen wollte, ist: Ich habe keine Ahnung, warum plötzlich eine Emma in einer Bullhead-Geschichte auftaucht. Es machte irgendwie Plopp! und da stand sie. Klein-Emma hat ein bedenkliches Faible für Sniper-Gewehre und heimlich geguckte Horrorfilme, aber immerhin flucht sie nicht. Sie wird eines Tages ein herrlich unartiges Mädchen sein, davon bin ich überzeugt.
Ich habe auch keine plausible Erklärung, warum ich überhaupt eine verrückte kleine Bullhead-Weihnachtsgeschichte geschrieben habe. Außer – mir war eben grad danach. Wegen der Besinnlichkeit und des Lichterglanzes und so. Der hastig genossene Glühwein auf dem Velener Wald-Weihnachtsmarkt hatte rein GAR NICHTS damit zu tun – ischschwör, hicks.

Der Überraschungs-Kurzroman kam richtig gut an bei euch und ich habe sehr viele sehr tolle Feedbacks erhalten. Dafür danke ich euch von Herzen! Wir hatten Spaß, oder?
Einige Leser bemängelten natürlich, dass sich auf den knapp 130 Normseiten kein episches Liebesdrama ausbreitete (dazu sage ich mal nix), andere meckerten über den geringen Umfang als solchen. Möchte denn im Ernst jemand eine 700-Seiten-Weihnachtsgeschichte lesen? Sollte ich in diesem Fall einfach auf das Alte Testament verweisen?
***
Einen Tag nach Erscheinen konnte man den 0,99€-Titel übrigens auf allen einschlägigen Piratenportalen finden. Dafür bedanke ich mich mal nicht.
Echt jetzt, Leute: Müsst ihr denn ALLES klauen? Sogar eine verfickte warmherzige Weihnachtsgeschichte? (Hoffentlich ist euch der Tannenbaum auf den Schädel gekracht und hat euch dabei die kriminelle Energie rausgedroschen.)
 ***
Naughty Night wird aufgrund des geringen Umfangs nicht als Taschenbuch erscheinen (das hätte nämlich knapp 95 TB-Seiten), aber es wird entweder als Bonus einem der folgenden Print-Romane beigefügt oder zusammen mit weiteren Short Stories rund um die Bullheads in einem Sammelband erscheinen.
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Noch etwas: Wer Naughty Night gerne als eBook lesen möchte, aber nicht auf dem Kindle und daher ein anderes Format benötigt, schicke mir eine Nachricht.
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Falls wir uns in 2016 nicht mehr lesen: Kommt gut ins Neue Jahr! Ich habe euch alle lieb (außer, du klaust meine Bücher, dann mögen dich „Professors Zwillinge“ holen)!

Von der Kunst, einem Autor in die Fresse zu hauen, ohne ihm gegenüber zu stehen

Derzeitiger Aggregatzustand der Autorin: Schockgefroren.

Eigentlich wollte ich heute einen schönen launigen Artikel über die Frankfurter Buchmesse schreiben, immer noch leicht beduselt, in Anekdoten schwelgend und an tolle Begegnungen zurückdenkend. Anschließend wollte ich euch erzählen, wie ihr an die schicken Tassen, Kühlschrankmagnete, Patches, Buttons und Co herankommt. Ich habe da nämlich so eine tolle Aktion geplant, die …

Wenn du heute Scheißlaune hast, solltest du an dieser Stelle die Lektüre abbrechen. Es folgt nämlich Gejammer.
Stell dir vor, du bist Inhaber eines kleinen Restaurants. Inhaber, Koch, Kellnerin, Putze und Buchhalter in einer Person. Du liebst das Kochen. Du liebst es, Menschen mit deinen Gerichten glücklich und satt zu machen. Morgens um vier kaufst du massenhaft frische Zutaten auf dem Großmarkt und wuselst den ganzen Tag in der Küche herum, wischst dir Soßentropfen von der Wange und kannst die abendliche Eröffnung kaum abwarten.

Foto: JamesDeMers_Pixabay

Foto: JamesDeMers_Pixabay

Die Gäste kommen. Es sind viele, viele Gäste und sie ordern fleißig. Alle loben deine Mahlzeiten. „Das Beste, was du je auf den Tisch gebracht hast“, sagen sie. Du bist überglücklich und tischst zum Dank Desserts auf Kosten des Hauses auf. „Kann ich ein Sahnehäubchen bekommen?“, fragt ein Gast, „und dazu diese leckeren belgischen Pralinen?“ Ein anderer hätte gerne einen Espresso zum Dessert. Kein Problem.
Dann steht der Großteil deiner Gäste auf und geht.
„Hallo, Sie müssen doch noch bezahlen!“, rufst du ihnen nach.
Die Leute drehen sich auf der Schwelle um und tauschen beredte Blicke aus. „Denkt die grenzdebile Nuss allen Ernstes, wir würden für unser Essen bezahlen?“, sagt einer.
Ein anderer Gast lächelt spöttisch. „Wir sind smart. Wir zahlen nicht unsere Mahlzeiten. Essen ist ein Grundrecht und so. Und außerdem ist es nur Essen.“
„Aber …“, du ringst die Hände. „Ich muss doch die Stromrechnung und die Pacht … und wie soll ich Zutaten kaufen?“
„Wenn du unbedingt Kohle verdienen willst, dann werde Supermarktkassiererin“, brummt jemand.
„Geldgeil ist sie auch noch“, wispert ein anderer. „Von wegen: Ich liebe das Kochen. Miese Kapitalistenseele!“
„Aber das Essen war echt gut“, sagt der erste.
„Jepp, war gut.“ Nummer zwo mustert dich. „Hör mal, du grenzdebile Nuss, was steht denn morgen auf deiner Speisekarte? Ich mag Straußensteaks, nur so als Hinweis.“
An diesem Abend rufen sehr wenige Gäste nach der Rechnung und zücken ihre Börse. Nachdem du die Tür hinter dem letzten Gast geschlossen und das Licht gelöscht hast, wirfst du einen flüchtigen Blick zur Kasse. Du musst nicht nicht hineinschauen, um zu wissen, dass ein Kassiererjob im Discounter vielleicht doch nicht so utopisch ist.

Als Brother’s Keeper konkrete Züge annahm, häuften sich Nachrichten mit dem Inhalt: „Wann zum Deibel ist es denn endlich so weit, Frautorin? Ich will nicht mehr warten!“
Das Buch wurde sehr, sehr dick. Die neunhundertsechsundachtzig Seiten wurden in meiner persönlichen Rekordzeit von knapp fünf Monaten geplottet, geschrieben, überarbeitet, noch mal … undsoweiter. Ich verlor diverse Gehirnzellen und meine Mutter hat vergessen, dass es mich gibt. Als ich letzte Woche endlich mal wieder zum Friseur ging, sagte man mir, dass man keine Yaks frisiere.

Foto: jai79-pixabay

Ein Yak. Foto: jai79-pixabay

Das Buch wurde veröffentlicht und bisher lautet die einhellige – übrigens auch meine – Meinung: Der dritte Band der Bullhead MC-Serie ist der bisher beste! Ich bekomme viele tolle eMails, Rezensionen, Postkarten und sogar handgeschriebene Briefe. Hachz!
Seltsamerweise hat Brother’s Keeper weitaus weniger Amazon-Rezensionen als die Vorgängerbände … aber dazu später.
Die Leser erwarten natürlich einen vierten, fünften, sechsten Teil – nicht zu Unrecht. Viele spekulieren, wie es weitergehen könnte, oder sie machen mir konkrete Vorschläge, über wen ich als Nächstes schreiben sollte.
Weil ich mich so sehr über das positive Feedback freue und etwas an meine Leser zurückgeben möchte, lasse ich diesmal richtig viele richtig schöne Goodies produzieren. Den Großteil davon gebe ich wie üblich für Omme heraus. Maximal ein frankierter Rückumschlag ist notwendig, um an signierte Lesezeichen, Postkarten, Sticker zu kommen. Nicht wenige Leser fügen ihrem Briefumschlag noch eine Notiz bei, in der steht: „Bitte packe alle Goodies zwei- oder dreifach in den Umschlag, für meine Freundinnen. Und lege doch noch ein paar Patches, Buttons, Kulis und gerne auch eine Tasse bei.“ So ein mit siebzig Cent frankierter Standardbrief darf maximal 20 Gramm wiegen. Die Post wiegt nach (Im Ernst, das tut sie! Muss an meiner Yak-Frisur liegen). Wenn der Brief 21 Gramm auf die Waage bringt, werde ich draußen vorm Postamt an so einen gelben Briefkasten gekettet und muss zur Strafe zehn Jahre lang öffentlich Briefmarken anlecken.
Na und? Wenn der Brief schwerer ist, kann die Autorin doch nachfrankieren, da soll sie sich mal nicht so anstellen.

Das eBook wurde gleich nach der Veröffentlichung von einigen Lesern gekauft, die es kurz darauf – ohne es zu öffnen – gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgaben. Es handelte sich nicht um Fehlkäufe. Das eBook wurde kopiert, in ein anderes Format umgewandelt und an Amazon zurückgeschickt.
Zwei Tage nach Veröffentlichung, am 02. Oktober, brach der Verkauf von Brother’s Keeper um 80% ein.
Grund: An ebendiesem Tag ist das eBook auf sämtliche einschlägigen eBook-Piraterieportale hochgeladen worden, wo man es umsonst downloaden konnte. Das Anti Piracy-Unternehmen, das für mich Raubkopien meiner Bücher im Netz aufstöbert, verfolgt diese Uploads seit drei Wochen. Täglich veranlasst es die Löschung, täglich werden neue Kopien hochgeladen. Katz und Maus.
Brother’s Keeper wurde auf einer Piraterieseite in kürzester Zeit etwa 3.500mal heruntergeladen, auf einer anderen Seite knapp 5000mal, auf der nächsten Seite …
An dieser Stelle habe ich den Rechner ausgeschaltet und bin heulend ins Bett gekrochen.

Foto: Geralt_Pixabay

Foto: Geralt_Pixabay

Wer Bücher schreibt und veröffentlicht, lebt zwangsläufig mit der bitteren Erkenntnis, dass eine bestimmte Gattung Mensch nicht bereit ist, für digitale Inhalte zu bezahlen, scheiß drauf, ob Schweiß, Blut, Tränen und eine Yak-ähnliche Frisur in der Erschaffung stecken. Eine Tankfüllung fürs freitagabendliche Herumcruisen im Kneipenviertel darf Geld kosten, eine Markenjeans, die in Pakistan von kleinen Kindern zusammengeklöppelt wurde, darf viel Geld kosten (es steht ja ein geiler Markenname darauf), ein Energydrink mit Gummibärgeschmack darf Geld kosten. Aber bei Bits und Bytes hört der Spaß auf, bitteschön. Wir sind ja alle smart. Wir zahlen nicht für Dinge, die wir nicht anfassen können. Wo kämen wir hin?
Es ist für mich nichts Neues, dass gestohlene Kopien meiner Bücher regelmäßig im Netz verbreitet werden. Damit muss ich leben. Klappte bisher ganz gut. Ich tu einfach so, als wäre ich smart und als wäre es mir schnuppe, dass ich wie ein Yak aussehe.
Doch diese Erfahrung hier ist ein saftiger Schlag in die Fresse.
Zwei von drei Lesern haben mich bestohlen. Somit hat mir der überwiegende Teil meiner Leserschaft deutlich gezeigt, was ihnen meine Arbeit wert ist. Nuscht. Null. Nada.

Man könnte jetzt argumentieren, dass diejenigen, die illegale eBooks herunterladen, es sowieso nie kaufen würden, aber das stimmt nicht. Ich habe die Verkaufskurve hier vor mir liegen. Ich weiß, wie die Verkaufskurven der Vorgängerbände aussehen. Ich kann Vergleiche anstellen zu jetzt und damals. Beim dritten Band haben viele Leser entschieden, dass sie ihn gefälligst umsonst haben möchten. Schließlich haben sie die beiden ersten redlich erworben, das muss reichen.
Es ist kein Geheimnis, dass andere, teils sehr bekannte Autoren eine ähnliche bittere Erkenntnis zu verdauen haben. Wer vom Schreiben lebt, gerät spätestens jetzt ins Grübeln.
Warum Menschen willentlich andere Menschen bestehlen oder ihnen sonstwie vorsätzlich Schaden zufügen, wird wohl nie geklärt werden. Vielleicht ist es eine Art von Ich bin schlauer als du!-Gefühl oder das moderne Nach mir die Sintflut-Denken, das uns von denen da oben, die Steuerhinterziehung und Angestelltenausbeutung zur Kunst erhoben haben, täglich vorgelebt wird. Was die können, kann ich schon lange, denken Downloader vielleicht. Ich beklau heute mal einen Musiker, einen Fotografen oder einen Autoren. Die können ihre Kunst ebensogut als Hobby betreiben, also soll’nse nicht jammern, die Vollpfosten. Es zwingt sie ja keiner, ihre Werke an die Öffentlichkeit zu bringen, also: Selbst schuld.

Foto: kelexkrillex_pixabay

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Schreibzeit – das ist die Zeit, in der ein Autor über Monate hinweg täglich, oft auch nächtlich, daran arbeitet, seine Kopfgeburt real werden zu lassen. Er guckt nicht auf die Uhr und auch nicht in den Spiegel. Er vergisst Familie, Freunde, gesunde Ernährung und leidet an Vitamin B-Mangel, weil er sich in seiner Schreibklause verbarrikadiert, bis das Buch fertig oder der Verstand zu Grießbrei geworden ist. In dieser Zeit kämmt er sich nicht und verdient logischerweise kein Geld – es sei denn, er heißt Sebastian Fitzek und hat einen schönen fetten Verlagsvorschuss für seinen nächsten Roman überwiesen bekommen, damit er sich Vitamin D-Pillen kaufen kann. Leider heiße ich nicht Fitzek, sondern Catalina Die-grenzdebile-Nuss-Cudd.
Erschreckend viele Menschen waren (und sind) nicht bereit, für Brother’s Keeper zu zahlen. In Foren und teils sogar auf Facebook liest man Posts wie: „Weiß jemand, wo ich das neue Buch von der grenzdebilen Cuddy kostenlos downloaden kann? Ihr wisst schon, diese Autorin, die aussieht wie ein Yak?“
„No Problem, guckstu hier.“ Es folgt ein Link.
„Vielen Dank für den Link. Ich LIEBE die Bullheads!“
Man lädt sich eine Kopie herunter, amüsiert sich ein Weilchen damit und zieht sich anschließend das neue Album von Archive. Den kleinen pechschwarzen Fleck auf seiner Seele übersieht der Downloader geflissentlich. Ihm ist klar, dass der Fleck nie wieder verschwindet, aber das juckt ihn nicht. Es weiß ja niemand, dass er sich eine illegale Kopie gezogen hat. Macht sowieso jeder. Hauptsache, man hat ein paar Euronen gespart. Für die Kohle kann man sich ein, zwei bunte Energydrink-Dosen kaufen.

Was würde wohl mit dem nächsten und übernächsten Band aus der Bullhead MC-Serie geschehen, sobald ich ihn veröffentliche?
Naaa, hat jemand eine Ahnung?
Genau.
Und jetzt interessiert es mich, was ihr an meiner Stelle tun würdet.

Wie man eine höllisch geniale Kurzgeschichte schreibt

Da ich ja das Vergnügen habe, als Patin des Oktober-Schreibwettbewerbes von The Lounge zu fungieren, dachte ich, eine kleine Betriebsanleitung für das Verfassen einer verdammt guten Kurzgeschichte wäre an dieser Stelle angebracht.
Als Autorin ausufernder Romane bin ich ja geradezu prädestiniert, meine Perlen der Weisheit zu verstreuen, wenn es um Short Storys geht, haha. Egal, ich nehme meine Patenschaft ernst.

Im Gegensatz zum Roman steht in der Kurzgeschichte meist ein bestimmter Augenblick im Zentrum, der eine gewisse nachhaltige Auswirkung auf die Hauptfigur hat. Heißt: Am Ende ist sie nicht mehr so wie am Anfang (Ja, das kann auch eine Geschlechtsumwandlung sein. Oder ein unrühmlicher Tod als mitternächtlicher Snack im Magen eines … aber dazu später).
Ein solcher Augenblick kann eine schockierende Entdeckung sein, eine seltsame Begegnung, der erste Kuss oder der erste Auftragsmord, den der nervöse Killer-Azubi begehen soll.
In einer Kurzgeschichte beschränkt man sich auf den zentralen Konflikt und ein bis zwei Hauptfiguren. Es gibt wenige Handlungsorte und keine Vorgeschichte. Man wirft den Leser direkt ins Geschehen. Wenn dir an dieser Stelle immer noch episch zumute sein sollte, solltest du jetzt zwingend über das Schreiben eines Romans nachdenken.
Lange und komplexe Entwicklungen gehören in den Roman. Auch Perspektivwechsel, Vor- und Nebengeschichten. Ein Roman ist sozusagen ein jahrelang tobender Krieg (inklusive Propagandaflugblättern, Hamsterkäufen, grölenden Soldaten auf Freigang und gut organisierten Saboteuren), eine Kurzgeschichte dagegen eine satte Ohrfeige, die ordentlich nachhallt.
Oder so: Ein Roman ist eine Kathedrale, die sich in den Himmel hebt. Eine Kurzgeschichte hingegen der Beichtstuhl, in dem schlimme Dinge …
Vielleicht auch: Ein Roman ist der angesagte Club, in dem man auf smarte Popo-verhauende Millionäre und sexy-devote Studentinnen trifft. Die Kurzgeschichte ist das Glas Prosecco auf dem Tresen, in das jemand den geklauten Diamanten versenkt, bevor er vor den Bullen abhaut, die eben zur Tür hereinschneien. Stößchen.

Foto: Pixabay

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„Danke auch“, sagst du, „aber ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, worüber ich schreiben soll. Mir fehlt die IDEE!“
Ach, das Problemchen lässt sich lösen.
Es braucht nur eine Initialzündung, der Rest kommt quasi fast von selbst, irgendwie. Wenn man fest daran glaubt.
Für den Schreibwettbewerb haben wir es dir ganz einfach gemacht und fünf Begriffe in den Raum geworfen. In der Regel poppen bei wenigstens einem dieser Begriffe schon kurze Szenen, ein bestimmtes Gefühl oder eine Figur in deinem Hinterstübchen auf. Greif dir diesen Funken, bevor er Pffft macht und erloschen ist, schreibe ihn auf, dann kritzle all die Dinge drumherum, die dir spontan in den Sinn kommen, egal, wie absurd sie sind (die Logik, die kleine Bitch, darf sich später noch zu Wort melden). Du kannst diese Methode Brainstorming nennen oder Clustern, meinetwegen auch Helmut. Egal, Hauptsache ist, sie funktioniert.
Wenn dir beispielsweise beim Begriff Haus spontan ein Einbrecher einfällt, bist du schon einen Schritt weiter. Schreibe Einbrecher, dann einfach mal Meerschweinchen, Familienfoto, Turbine, Porno-DVD, Monster, Feuerzeug … drumherum.
Jetzt darfst du dir den Kopf darüber zerbrechen, wie wohl dein Einbrecher mit einer Porno-DVD in Verbindung gebracht werden könnte (möglicherweise handelt es sich bei der DVD um ein brisantes Homemade-Video des etwas biederen Elternpärchens, das mal ein bisschen Pep in ihre Eheleben bringen wollten. Der Einbrecher ist zuuufällig der Ex-Kumpel des sechzehnjährigen Sohnemanns, der eigentlich nur seine ausgeliehene X-Box zurückholen will, die Sohnemann nicht mehr herausrücken wollte. Der Rest der Geschichte findet sich demnächst bei Youtube …).
Oder mit dem Monster (das die immer freundliche Mittvierzigerin unten im Keller eingesperrt hält und mit Zeugen Jehovas füttert. Frau Mittvierziger hat im Antiquariat so ein komisches altes Buch gekauft und spaßeshalber ein paar krude Sprüche daraus rezitiert. BÄMM! Rauchwolke. Schwefelgestank. Monster im Wohnzimmer. Und weil ich mich nicht kurz fassen kann, mache ich aus dieser Idee gleich einen achtbändigen Roman).
Oder nehmen wir das Meerschweinchen – nennen wir es Goliath (das ist gut fürs Selbstwertgefühl des Schweinchens; es leidet schon genug unter seinem dicken Hintern*). Und wo wir vorhin die unglaublich raffinierte Idee mit dem Einbrecher hatten … Goliath sieht seine geliebten Möhren von dem Gangster bedroht und beschließt, in bester Guerillamanier den Eindringling außer Gefecht zu setzen; mithilfe eines Spielzeugautos und eines … aber dazu später. Goliath, stellst du an dieser Stelle fest, ist eine echt coole Sau.

Foto: fbhk_pixabay

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Nun hast du eine Ausgangsidee, aus der sich etwas machen lässt und eine interessante Hauptfigur mit dickem Hintern.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, über das Ende nachzudenken. Kleiner Tipp: Es sollte sich tunlichst vom Anfang unterscheiden. Je verblüffender, umso besser. Denk darüber nach, was der Leser (oder du) erwartet. Dann tu genau das Gegenteil. Ja, das ist gemein (George R.R. Martin hat diese Methode perfektioniert. Die Leser finden Eddard Stark sympathisch? Zack, Rübe ab, harhar). Vielleicht gibt es in deiner Story also kein Happy End. Aber Happy End kann jeder. Die fiesen Enden vergisst man hingegen nicht so schnell. Gut, deine Leser werden dich hassen, aber Schreiben ist kein Ponyhof.
Wenn du einen Start- und einen Zielpunkt hast, musst du nur noch eine paar tausend Buchstaben in den Zwischenraum kippen und …
Na gut, eine Struktur wäre angebracht („Struktur ist für Deppen!“, höre ich dich rufen. „Ich bin Künstler, ich kann mit Strukturkrams nicht arbeiten!“ Keine Sorge, hier geht es nicht um Malen nach Zahlen, sondern nur um ein paar Orientierungsbojen auf deinem Weg zum Ziel der Story. Das mit dem „Ich kann so nicht arbeiten“ habe ich übrigens mal beim Finanzamt versucht, weil: Ich hasse den Steuerkrams! Bremst mich in meiner Kreativität und so. Und kostet Geld. Die Herren Finanzamt haben herzlich gelacht und mein Konto geplündert. Eine Möhre, einen Stift und einen Block durfte ich behalten.)
Zurück zur Struktur: Deine Story braucht
1. einen Aufhänger (hat sie schon: das Haus, seine friedlichen schlafenden Bewohner und Goliath, der von seiner Frühstücksmohrrübe träumt);
2. einen Wendepunkt (die Stelle, an der klar wird, dass da gerade was Außergewöhnliches passiert: Einbrecher öffnet lautlos die Terrassentür. Goliath in seinem Käfig schlummert selig vor sich hin; vielleicht sabbert er ein bisschen. Können Meerschweine sabbern?)
3. einen ersten Knackpunkt (Goliath hört ein seltsames Geräusch … Der Eindringling öffnet die Kühlschranktür, wo die knackigen Möhren liegen! DIE MÖHREN!!!!)
4. den Mittelpunkt (Action! Blut, Schweiß und Tränen, bis es Goliath endlich gelingt, seine Käfigtür zu öffnen. Wie er das hinbekommt? Ich persönlich vermute, dass er aus seinen Kötteln, einigen zermahlenen Weizenkörnchen und etwas Trinkwasser eine explosive Sprengmischung zusammenrührt, die ihn ein paar Schnurrhaare kosten wird. „So ein hanebüchener Shice!“**, rufst du spöttisch. Wenn schon – wir heißen nicht Pepper***, wir schreiben hier Fiktion).
5. Der Druck auf unsere Hauptperson wächst, die Situation scheint ausweglos (Goliath, das tapfere Meerschwein, schafft es mit seinem dicken Hintern nicht die hohen Treppen zum Schlafzimmer hinauf und wird vom Einbrecher einfach durch den Hausflur gekickt. Der Einbrecher knuspert beiläufig an einer Möhre herum, während er Silberleuchter und Golduhren in seinen Rucksack packt. Goliath ist kurz davor, aufzugeben; doch er weiß, dass seine Menschen wegen des Einbruchs morgen bestimmt keine Zeit haben werden, neue Möhren zu kaufen. Ein Tag ohne Möhrchen: Katastrophe!).

Foto: sipa_pixabay

Foto: sipa_pixabay

Jetzt kommt
6. der Wendepunkt (Goliath beschließt, zum allerletzten Mittel zu greifen: er braucht Killer, den hausgroßen, blutrünstigen Rottweiler von nebenan, vor dem Goliath eine Scheißangst hat. Killer guckt ihn immer so hungrig durch den Zaun an, wenn Goliath draußen über die Wiese watschelt. Sagte ich schon, dass er einen dicken Hintern …?).
7. Die Auflösung ist das Ende deiner Short Story (In meinem speziellen Fall würde Goliath vermutlich kurzerhand von Killer gefressen. Seine Besitzer haben den reißzahnigen Rotti fast verhungern lassen – weil sie Schiss haben, sich ihm zu nähern? –, während der Einbrecher sich aus dem Staub macht. Er spuckt den Möhrenbissen aus; viel zu bitter, die Scheißrübe. Später wird man ihn anhand der DNA überführen. Und ich hätte mich endgültig als Verfasserin von niedlichen, kurzen Kindergeschichten disqualifiziert).

Foto: accsalgueiro0_Pixabay (E. Hemingway)

Foto: accsalgueiro0_Pixabay (E. Hemingway)

Deinen ersten Entwurf solltest du grundsätzlich flott, besser noch wahnhaft, herunterschreiben (gerne mit einem Gläschen Prosecco intus. Stößchen. Ein zeitgenössischer amerikanischer Autor hat folgenden hilfreichen Satz geprägt: »Write a little tipsy, edit sober.« Auf gut deutsch: Sei ruhig leicht angeschickert beim Niederwerfen deiner Rohfassung, aber stocknüchtern beim Editieren. Damit ist nicht das bekannte Hemingway-Zitat gemeint, das der Auffassung ist, man solle sich gründlich die Kante geben, bevor man sich an die Tastatur wagt. Schlechter Ratschlag, GANZ schlechter Ratschlag! A little Tipsy kann vermutlich jedoch hilfreich sein, um letzte gutbürgerliche Hemmungen zu verlieren und nicht vor herrlich absurden Einfällen zurückzuschrecken. Leider habe ich vergessen, welcher Autor das Hemingway-Zitat umformuliert hat. Egal, Stößchen!). Halte dich beim Erstentwurf nicht mit Korrekturen auf, mit Grübeleien über Satzformulierungen oder dem Namen der Möhrensorte, nach der Goliath so süchtig ist. Das ist Pillepalle. Pillepalle kommt später dran.

So, eigentlich ganz einfach, nicht wahr?
Weit gefehlt, muhahaha. Jetzt ist es dringend angebracht, sich viel Schokolade und die Nummer vom Pizzalieferdienst bereitzuhalten, die Facebook-App zu deinstallieren und Männe zum Skatwochenende zu schicken (»Aber ich spiele doch gar kein Skat!« »Dann wird’s Zeit, dass du damit anfängst. Tschüss.«). Tür abschließen, Schlüssel aus dem Fenster werfen. Du hast den Hund vergessen? Macht nix, wirf ihn hinterher … nein, halt! Streich die letzten Worte.
Du darfst jetzt aus deinem Rohentwurf eine glatte, saubere, perfekte Geschichte schnitzen, die möglichst nicht mehr als 2500 Wörter hat. Das ist Fleißarbeit, garniert mit qualmendem Hirn, streichen, neu schreiben, umformulieren, alles-löschen-und-noch-mal-von-vorne-beginnen und kürzen, kürzen, kürzen.
Viel Spaß, hehe. Und lass die Finger vom Prosecco! Der hilft dir nicht.
Überarbeiten kann dir leicht von den Fingern gehen, es kann dir aber auch den letzten Nerv rauben. Einerlei: Wenn du einen Rohentwurf hast und ihn gut findest, bekommst du den Rest auch noch hin.

Du stellst jetzt möglicherweise fest, dass deine Short Story immer noch alles andere als short ist. Kill your Darlings ist noch so ein schönes Zitat, das unter Autoren umgeht. Du hast den weltbesten, genialsten Satz ever geschrieben und du weißt es. Leider ist er für die Geschichte ohne Belang? Tja, schade. Rest in Peace, großartiger Satz. Betätige die Löschtaste oder verschiebe die Passage in dein eigens angelegtes Dokument mit dem Namen Literarische Perlen – kann man bestimmt noch mal gebrauchen. Auch die poetische Beschreibung des kristallenen Aschenbechers und die tränenrührende Geschichte, wie Goliath aus dem Tierheim adoptiert wurde, geht den Weg alles Irdischen.
Streiche rigoros alles, alles, was nicht dem Konflikt und der Auflösung deiner Geschichte dienlich ist. Wenn zum Schluss nur noch 315 Wörter übrig bleiben, passiert entweder herzlich wenig in deiner Story oder du bist ein wahrhaftes Kurzgeschichtengenie, das mit wenigen großartigen Sätzen alles auf einen Punkt bringen kann. An dieser Stelle nimm meinen demütigen Kniefall entgegen und gönn dir ein Gläschen Prosecco.

Bämm. Fertig ist dein wunderbarer, anrührender, spannender Beitrag zum The Lounge-Wettbewerb. Und wenn du jetzt sagst, du hättest keinen Spaß beim Schreiben gehabt, müssen wir zwei mal ein ernsthaftes Gespräch führen. Ich bringe den Prosecco mit.

Zu meiner grenzenlosen Freude muss, ähm, darf ich ebenfalls eine Geschichte beisteuern. 2500 Worte – selbst meine Einkaufsliste ist mitunter ausufernder. Das wird ein Spaß! Aber vorher muss ich noch Prosecco auf meinen Einkaufszettel schreiben. Viel Prosecco, dann macht’s noch mehr Spaß.

Ich freue mich auf deine 2500 Worte und wünsche dir viel Glück!
Stößchen.

Noch ein ganz, ganz wichtiger Tipp: Meerschweinchen und The Lounge – das geht nur zusammen, wenn man irgendwie pervers veranlagt ist. Du solltest also auf Nagetiere verzichten (und der geifernde Rottweiler muss auch nicht unbedingt sein).
Weil eine Leserin danach gefragt hat: Du darfst gerne Figuren aus einem meiner Romane für deine Short Story benutzen. Aber tu ihnen bittebitte nicht weh! Ich möchte sie heile wiederhaben. Danke.

Letzter Tipp: Vergiss alle Tipps und mache es so, wie du es für richtig hältst. Funktioniert überraschenderweise auch. Meistens.

Foto: mariachiara_m_pixabay

Foto: mariachiara_m_pixabay


*Das absolut süßeste an Meerschweinchen ist meiner Meinung ihr niedlicher dicker Pops, dicht gefolgt von diesem speziellen Meerschweinchen-Grinsen.

**Es ist mein erklärter Wille, dieses wunderbare Wort in möglichst jedem Blogbeitrag mindestens einmal unterzubringen. So lange, bis es von der Liste altmodischer Worte verschwunden ist.

***Pepper: ihres Zeichen angehende Enthüllungsjournalistin, die ihren ersten Auftritt in FOREVER NOMAD hat, dem zweiten Teil der Bullhead MC-Serie.

Dieser Blogbeitrag hat übrigens eine Wortzahl von knapp zwotausend. Ich kann nämlich auch kurz. Wenn ich will.

Beten schadet nicht, hilft aber auch nicht – Aufruf zum Trotz

„You must not lose faith in humanity. Humanity is an ocean; if a few drops of the ocean are dirty, the ocean does not become dirty.“
Mahatma Gandhi

So um das Wochenende herum mache ich mir immer Gedanken um einen neuen unterhaltsamen Blogbeitrag. Nach diesem furchtbaren Freitag, den 13., der bis dato nie wirklich ein Unglückstag war, dürfte klar sein, dass das dieses Mal flach fällt.
Ich möchte aber auch nicht über Fassungslosigkeit, Schock, Beileid, Mitleid und „Rottet sie alle aus!“ lamentieren. Die erste Reaktion nach dem ungläubigen Schock ist immer der blutrot gefärbte Ruf nach Vergeltung.
Denn das, was eigentlich jedem denkenden Menschen heilig sein sollte – Leben, das friedliche Miteinanderleben, das Leben und Leben lassen, immer wieder das LEBEN  – wurde wieder einmal in tausend Fetzen gerissen.
Niemand kann nachvollziehen, was in einem Kopf vorgeht, der der Schöpfung dermaßen hasserfüllt und mordlüstern gegenübersteht, dass er sogar sein eigenes Leben dafür gibt, um sie auszurotten. Ich glaube, deutlicher kann man seiner Gottheit nicht klarmachen, wie sehr man Sein schöpferisches Werk verachtet.
Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an das Leben. An die Kraft hinter allem, die diesen Planeten mit überbordenden Leben gefüllt hat und dafür sorgt, dass ebendieses Leben immer seinen Weg findet. Denn das wird es, ganz gleich, wie viele Bombenattentate, Massaker, Geiselnahmen verübt werden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte Hass und Vernichtung Bestand.
Noch nie.
Wir Menschen sind mickrige lamentierende Würstchen angesichts der ungeheuren Lebenskraft, die am Ende immer siegen wird. Selbst wenn wir alle Atombomben gleichzeitig zünden würden und alle in Schutt und Asche legten, würde das Leben eines fernen Tages zurückkehren (dann aber wahrscheinlich ohne uns).

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Die Zeichnung stammt vom französischen Zeichner Joann Sfar, der auch für die Zeitschrift Charlie Hebdo gearbeitet hat, auf die im Januar ein Terroranschlag verübt wurde. (Quelle: Tonspion)

Auf Facebook habe ich sehr erschüttert und reichlich hilflos  „Pray for Paris, Lebanon, Syria …“ gepostet.
Dann habe ich über den Post nachgedacht. Bescheuert, sorry. Beten schadet sicher nicht, hilft aber auch nicht. Gegen gar nichts. Eine Kerze ist eine schöne Geste, aber irgendwann ist sie abgebrannt.
Die Anschläge in Paris, ebenso wie alle vergangenen brutalen Ereignisse sind die übelste Form der Blasphemie, denn sie richten sich gegen die Schöpfung. Tiefer kann kein Mensch sinken. Es ist schnurzpiepegal, ob man an Gott, Allah, Mutter Natur, die Matrix oder was auch immer glaubt. Wer sich gegen das Leben richtet, richtet sich damit auch gegen alles, an was er eigentlich zu glauben behauptet. Er tritt seinem Gott mit Anlauf in den Arsch, mit Verlaub.
Die Zerstörung der Schöpfung ist kein Akt der Demut, der gläubigen Hingabe, der Dankbarkeit und ganz gewiss macht sie die Welt nicht zu einem besseren Ort.
Dafür gibt’s keine Jungfrauen im Paradies. Kein Gott, keine Kraft der Natur wird sich erkenntlich dafür zeigen, dass ein paar hasserfüllte Verstrahlte sich gegen sein oder ihr Werk gerichtet haben.
Beten hilft nicht. Sich verschanzen und nach größtmöglicher Überwachung schreien hilft auch nicht. Paris war nicht zuletzt wegen Charlie Hebdo ständig in latenter Alarmbereitschaft.
Hasstiraden und „Schickt alle Flüchtlinge dahin, wo sie hergekommen sind!“-Rufe helfen erst recht nicht. Egal, ob man Parolen in sozialen Netzwerken postet oder militärische Vegeltungsschläge plant – all das haut in die gleiche Kerbe, die die Attentäter geschaffen haben: Nieder mit dem Leben!
Die Aufgabe jedes Einzelnen, davon bin ich fest überzeugt, liegt darin, die Welt auf seine oder ihre Art besser zu machen. Denn dies ist die einzig wirkungsvolle Art des Betens, die einzige Art, sich für das Leben zu bedanken, das einem gegeben wurde.
Okay, das ist verflucht schwierig, wenn man die Bilder ansieht, die über die Bildschirme flimmern, wenn man die fanatische Hingabe bedenkt, mit der Menschen dahingemetzelt wurden und werden.
Aber von leicht war nie die Rede.
Meine Kollegin Kay Noa hat es prägnant auf den Punkt gebracht: Tut doch einfach, was ihr könnt. Was ihr schafft. Was ihr wollt. Redet nicht. Tut es einfach.
Wer es schafft, uns in einen Zustand aus Angst, Hass und permanentem Misstrauen zu bomben, hat gesiegt. Über das Leben, über die Menschlichkeit, über das angeborene Recht, das beste Leben zu führen, das man führen kann, über all das Gute, das es gibt.
Ich appeliere an euren Trotz: Feiert das Leben! Seid Menschen, seid menschlich! Versucht, so glücklich wie möglich zu sein und gebt so viel wie möglich von dem Guten ab, das in euch steckt. Noch einmal: Feiert das Leben!
Hass macht nicht glücklich. Hass führt zu noch mehr Hass und endet in Asche. Niemand möchte seine Kinder in einer brennenden Welt aufwachsen sehen, in der Hass und Angst zum permanenten Begleiter gehören. Wer sich dem Hass hingibt, tritt die Schöpfung mit Füßen.
Und falls es jemand nicht mitbekommen hat: Das Gute siegt immer. Sonst wäre die Menschheit längst schon ausgerottet.

Nachsatz in eigener Sache:
Gerade noch habe ich „Ode an die Nacht“ beworben, das Buch, dessen Finale u.a. im legendären Pariser Bataclan-Club spielt. Vor einigen Jahren habe ich dort ein großartiges Opeth-Konzert besucht und war einige Stunden lang unglaublich glücklich. Jetzt ist mir schlecht und es zerreißt mir das Herz, auch nur das Buchcover anzuschauen.
Aber das ändert nichts daran, dass das Bataclan ein Ort ist, an dem sehr, sehr, sehr viele Menschen sehr, sehr, sehr glückliche Momente genossen haben. Das kann kein durchgeknallter Mörder, kein fanatischer Attentäter je auslöschen. Stellt euch auf den Kopf, ihr feigen kranken traurigen seelenlosen kreischenden Schwanzlutscher, ihr habt schon verloren! Das Gute, Glücklichmachende hat längst stattgefunden, als ihr über diese Orte hergefallen seid.
(Und ehrlich, wenn ich je sterben müsste, dann wäre ein geiles Konzert für mich persönlich nicht der schlechteste Ort. Ich poche auf mein Recht, das Beste vom Leben mitnehmen zu dürfen, keine hasserfüllte, schwarze traurige Seele wird mich auf ihr trostloses Niveau herabziehen! (hier bitte Stinkefinger einfügen))

5 Dinge, die eine Autorin auf eine einsame Insel mitnehmen würde

Weil’s so schön ist …
Die Schreibkollegin Elke Aybar hat damit angefangen und Mella Dumont hat sich mit Startpiste, Flugzeug, Pilot, Treibstoff und Flugticket (haha – gut gemacht!) geschickt aus der Affäre gezogen.

Foto: anobis/123rf

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Deibl, was würde ich mitnehmen?
Und kann mir mal jemand sagen, ob sich die einsame Insel vor den Malediven befindet oder eine Eisscholle in der Antarktis ist, auf der ein hungriger Eisbär auf eine saftige Catalina-to-go wartet?

Ich bin ja so eine Outdoor-Tante, die auch in der Wildnis mit Schlafsack unterm Sternenhimmel buzzeln kann und nicht gleich in Tränen ausbricht, wenn es wochenlang weder Handyempfang noch eine Pommesbude am Wegesrand gibt (wahrscheinlich gibt es nicht einmal einen Weg und das Kleingeld für die Pommes hätte ich auch vergessen. Ich kenne mich). Einsame Insel ist somit fast eine Steilvorlage. Ich würde nämlich ganz gerne ein Weilchen bleiben und Robinson spielen, gerne auch mit einem knackigen Freitag, der zufällig gerade solo ist und womöglich noch eine Cocktailbar am Strand betreibt.
Außerdem wäre es echt nett, mal eine Auszeit von all meinen Heimsuchungen zu haben …

Mein erstes Mitnehmsel wäre mein gutes altes Schweizer Taschenmesser, das alles kann.
Jaha, ich weiß, Schweizer Taschenmesser sind Klischees, aber das sind sie nicht ohne Grund. Mein olles Victorinox hat mir schon einige Male das Leben – naja, nicht gerade gerettet, aber erheblich erleichtert, zumindest beim Broteschmieren. Und ich wette, mittlerweile haben die Dinger auch WLAN-Empfang, USB-Anschluss und eingebaute Leuchtraketen. So eines hätte ich bitte gerne.
Numero Zwo: Tape! Ausreichend Tape!
Solides Klebeband ist für alles gut, wirklich alles. Musiker wissen das, Rucksackwanderer auch und Verbrecher sowieso. Man kann damit seine Grashütte oder sein Floß zusammenbauen, Knochenbrüche schienen, entführte Eingeborene fesseln und knebeln (falls einem der kleine Hunger überkommt  … eh, nein vergesst das! Ich bin Veganerin) oder sich eine Hängematte daraus knüpfen. Tape hält die Welt zusammen.
Meine Nummer Drei wäre meine Akustikgitarre. Zum einen könnte ich für die Zukunft vorsorgen (eine schmalzige Ballade, komponiert auf einer einsamen Insel von einer schiffbrüchigen, leicht wahnsinnigen Autorin, würde garantiert nach meiner Rettung zum Chartstürmer werden, wetten? Drama, Baby, Drama!). Zum anderen kann man eine Gitarre fürs Fischefangen (also, ich nicht, weil, ich bin ja Gemüsetaliban), fürs Kokosnuss-vom-Baum-schlagen, fürs Rudern auf dem vorher mit Tape zusammengebauten Floß, fürs sein-Leben-gegen-hungrige-Tiger-verteidigen, fürs formlose Kontakteknüpfen mit Eingeborenen (Musik ist Universalsprache) und last not least fürs Lagerfeuer verwenden. Und die Saiten lassen sich auch außerordentlich vielseitig nutzen (nicht nur, wenn man seinen Lebensunterhalt als Killer mit einer Vorliebe fürs Strangulieren verdient).
Klampfe muss also auch mit.
Nummer vier sollte jetzt eigentlich was ganz Praktisches sein, wie Magnesiumstab zum Feuermachen oder wenigstens eine Packung Streichhölzer. Aber wir Schreiber haben ja nicht alle Latten am Zaun, also packe ich ein dickes Notizbuch mit Bleistift, Spitzer und Radierer ein. (By the Way: Grafitgeschriebenes vergeht nimmer und verblasst nur wenig und ist auch noch wasserfest. Also, Falls ihr jemals in der Situation seid, Hilfe, ich werde in einer Glückskeksfabrik gefangengehalten! auf einen dieser kleinen Zettel schreiben und in dieses Gebäck hineinschmuggeln zu müssen, benutzt keinesfalls einen Kuli oder gar einen Tintenstift!)

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Foto: andreykuzmin/123rf

Vermutlich werde ich also ein Notizbuch mit völlig bescheuertem Inhalt hitnerlassen, aus dem keiner schlau wird, weil ich ja langsam wahnsinnig werde, so allein auf dieser Insel. Irgendwann wird die Yacht der Kardashians an meiner Insel ankern und über meine Hinterlassenschaften stolpern (unter anderem meine ausgeblichenen Knochen, was erst zu Gekreische und anschließend ein paar schicke Selfies mit Gruselfaktor führen wird: Guckt mal, ich in meinem Marysia Antibes-Bikini mit diesem horrible Schädel im Hintergrund!). Und weil die Kardashians ab-so-lut keine Ahnung haben, was das kryptische Geschreibsel zu bedeuten hat, nehmen sie es mit, veröffentlichen es und schon allein deswegen wird es ein Bestseller, über den gestandene, dickbäuchige Literaturkritiker lange, lange diskutieren werden. Ich war natürlich längst so gaga, dass ich nicht mal mehr Satzzeichen beherrschte und eine eigene Sprache erfunden habe, die keine Umlaute besitzt. Gott, wird das ein Spaß! Aber ich kriege davon leider nix mehr mit, weil: Ich bin ja schon tot.

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Foto: cegoh/pixabay

So, Nummer fünf. Ich bin mal eine Spielverderberin und wünsche mir – nein, kein Händi, das wäre echt schnarchnasig. Und ich Glückspilzin habe sowieso kein Netz, ich kenne das.
Also täte ich – raffinierte Tante, die ich bin – eine Blechdose mit ein wenig Schnur einpacken (so etwa achttausend Kilometer lang) an deren anderem Ende ebenfalls eine Blechdose hängt.
Ihr wisst, worauf ich hinauswill: Schnurtelefon (hier bitte beifälliges Gemurmel einfügen).
Die Übertragungsqualität lässt natürlich zu wünschen übrig, aber eine Sprachverständigung ist möglich. Der Schall, der in die Öffnung der einen Dose gelangt, regt den Boden der Dose zu Biegeschwingungen an und wird bei gespannter Schnur als longitudinale Welle auf den anderen Dosenboden übertragen und … Sorry, aber wenn ich schon auf ne einsame Insel muss, möchte ich vorher noch mal ordentlich klugscheißen.
Im National Museum of American Indian kann man übrigens ein 1200-1400 Jahre altes Schnurtelefon aus den Anden bestaunen. Klugscheißmodus aus.
Fraglich ist natürlich, ob mein genialer Einfall auch quer über den Ozean gespannt funktioniert. Ich kenne mein Glück: Entweder verheddert sich ein Pottwal in der Schnur und die Sea Shepherds harpunieren mich deswegen, während Greenpeace sich protesthalber an meine Lieblingspalme kettet, oder am anderen Ende nimmt Tom Hanks ab und sagt, dass er und Wilson eine gute Zeit hätten auf ihrer eigenen einsamen Insel, aber jetzt möchte er doch bitte gerne abgeholt werden.

P.S.: Gendercorrectness – nur weil im Titel AutorIN steht, heißt das nicht, dass die männlichen Kollegen sich nicht angesprochen fühlen dürfen. Selbstverständlich könnt und sollt ihr eure eigenen fünf favorisierten Dinge mit auf eure Insel nehmen. Endlich ungestört Bundesliga gucken, Jungs! Denkt mal drüber nach.
Und übrigens: Eine Hilti macht keinen Sinn, wenn keine Steckdose in der Nähe ist.
Gendercorrectness aus.

Der „Hups, wo kommt der denn her?“-Effekt

Ich stecke ja gerade knietief in der Rohfassung von Forever Nomad, der Fortsetzung zum Lucky Bastard.
Wie immer habe ich mir vorher einen wahrhaft buchpreisverdächtigen genialen Plot zurechtgedengelt mit hübschen Twists und Holla-die-Waldfee!-Spannungsbögen und einer raffinierten Kapitelaufteilung. Das mache ich ja immer so. Und die klugen Schreibratgeber sagen auch: Mach das so.
Der schicke Plot lächelt mich an und möchte, dass ich ihn jetzt runterschreibe.
Das mache ich dann auch.
Bis dann DIESER PUNKT kommt.
Und er kommt immer, ich schwöre.
Bei jedem verdammten Manuskript erreiche ich irgendwann diese schlecht ausgeschilderte Stelle, wo ich treudoof auf den schmalen holprigen Waldweg abbiege und mich frage, wo denn der Ort sein soll, den ich laut meinem schlauen Plot doch langsam mal erreichen müsste.
Ich halte an und will wenden. Der Motor gibt ein Husten von sich und beschließt, zu sterben. Nix geht mehr. Das Scheinwerferlicht erlischt.
Und dann tauchen da so Schemen zwischen den Bäumen auf …

Forest

Foto: Pavel Kohout/123rf

An DIESEM PUNKT wird das Schreiben für mich zum Abenteuer. Ich weiß zwar immer noch, wie die Geschichte endet, aber ich weiß ums Verrecken nicht, wo ich mich gerade befinde. Das ist spannend. Und beängstigend.
Vor allem dann, wenn eine Gestalt ans Fenster auf der Fahrerseite klopft und sagt: „Steig aus.“
Kennt ihr diese Gruselfilm-Situationen, wenn die dumme blonde Heldin mutterseelenallein auf der Landstraße mit ihrer Karre liegenbleibt, keinen Handyempfang hat und beschließt, zur nächsten Tanke zurückzumarschieren?
„Bleib im Wagen sitzen, du dumme Trutsche!“ brüllt man und wirft ein Kissen gegen den Bildschirm. Dumme Trutsche steigt natürlich aus, weil sie nicht umsonst Dumme Trutsche heißt.
Nehmen wir mal an, ich bin Dumme Trutsche (nur beispielhaft. Also bitte!). Was sollte ich auf keinen Fall machen?
Richtig.
Und was macht Catalina?
Ganz genau.
Catalina steigt aus, fröstelt ein bisschen im eisigen Nachtwind und fragt sich gerade, ob sie ihren Verstand im Handschuhfach liegengelassen hat.
Die Gestalt sagt: „Nett, dich kennenzulernen, du dumme blonde Trutsche. Oh, übrigens, Ich spiele ab jetzt mit.“
Klasse. „Da hätte ich aber auch noch ein Wörtchen …“
„Hast du nicht.“ Die Gestalt wendet sich ab und stapft ins Unterholz. „Ab jetzt geht’s hier entlang.“
Wir alle wissen, dass die dumme Blondine immer das erste Opfer des irre grinsenden Hinterwäldlers mit der Axt wird. Immer. Das ist Naturgesetz. Ich bin eigentlich nicht blond, aber jetzt gerade schon. Hellblond.
Ich latsche also treudoof der Gestalt hinterher, quer durchs Brombeergebüsch (Ich mag Brombeeren, aber ich hasse diese verflixten dornigen Ranken, die sich überall bissig festhaken. Da hat die Natur sich wieder halbtot gelacht bei der Erfindung. „Ihr wollt leckere Brombeeren? Dann lasst euch vorher gefälligst gründlich von Dornenranken auspeitschen, bittesehr.“). Ich stolpere im Stockdustern über Wurzeln und Totholz und bin irgendwann so schlau, zu fragen: „Sag mal, wer bist du eigentlich?“ Müllmann? Mechaniker? Massenmörder? Held, Opfer oder Killer?
„Wenn ich das sage, ist doch die Überraschung dahin“, sagt die Gestalt und verschwindet im plötzlich aufkommenden Nebel der Ungewissheit. „Du musst schon mitkommen, wenn du es herausfinden willst.“
Wir Autoren mögen mitunter ja ziemlich hellblond sein. Aber wir sind auch wahre Helden. Bei so einer netten Einladung kann doch niemand widerstehen, gell?
Dumme Trutsche wirft noch schnell einen Blick zurück. Vom Auto ist nichts mehr zu sehen, dafür schälen sich überall Schemen aus der Dunkelheit. Möglicherweise haben einige rot glimmende Augen, andere einen echt penetranten Knoblauchatem. Vielleicht – wenn man Glück hat – piepst irgendwo ein Handy und man weiß, dass man noch nicht allzu weit von der Realität abgedriftet ist. Aber man möchte auch nicht wissen, wer da gerade wen anruft.

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Foto: Georgii Dolgykh/123rf

Was ich damit sagen will: Warum tut die Geschichte eigentlich nie, was der Plot will? Ich habe da so ein tolles Dokument mit dem überaus grandiosen Titel „Cast & Co“. Dort sind alle Charaktere aufgeführt, die in meinem Plot vorkommen.
Na toll, jetzt darf ich die Liste verlängern.
Ich nenne das den „Hups, wo kommt der denn her?“-Effekt, der immer dann eintritt, wenn man sich mit seinem Plot und seiner Charakterliste auf der sicheren Seite wähnt.
Meine Muse (die mit den haarigen Zehen, die immer etwas mitgehen lässt, ihr wisst schon)  kichert verschlagen, krakelt auf meiner Plot-Landkarte herum und schickt mich auf diese Abzweigung in den finsteren, finsteren Wald, wo all die seltsamen Gestalten herumlungern und auf dumme Autoren lauern.
Später, viel später torkle ich wieder aus dem Unterholz, den Kopf voller Bilder und Szenen und neuer Namen und grabsche nach dem Griff der Fahrertür. Natürlich springt der Motor jetzt ohne Mucken an und ich darf nach Hause fahren.

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Foto: Dunca Daniel/123rf

Weil ich das Spiel schon kenne, stocke ich meine Kaffeevorräte auf. Denn wenn ich das nächste Mal verschlafen gähnend in meine Schreibklause tappse, werden sich auf meinem Sofa ein paar Figuren flegeln, die ich bisher nur als Schemen von hinten im düsteren Plotwald gesehen habe. Jetzt kann ich sie genauer betrachten.
Der eine trägt abgewetzte Bikerklamotten und hat ein großspuriges Grinsen aufgesetzt, der andere – ein irgendwie gefährlich wirkender Kerl, der aber irgendetwas Faszinierendes an sich hat, über das ich noch nachdenken muss – starrt mich an, als wäre ich etwas, das er aus dem Profil seiner Schuhe gekratzt hat.
Die Dritte im Bunde, ein hübsches Mädel mit einem wilden Bob, knabbert an meiner (meiner!) Edelbitterschokolade herum. „Ich brauchte das gerade, um meine Nerven zu beruhigen, weißt du? Es ist so viel geschehen“, sagt sie entschuldigend. „Schokolade ist gut für die Nerven.“
Danke auch. Und was ist mit meinen Nerven?
Überhaupt: Was bedeutet eigentlich Es ist so viel geschehen?
Ich werfe den Rechner an, schiebe meinen tollen, in wochenlanger Denkarbeit ertüftelten Plot in den Papierkorb und seufze leise. „Na gut, dann legt mal los mit eurer Geschichte“, sage ich ergeben.
(Würde es Arbeitszeugnisse für Schreiberlinge geben, stünde in meinem: Sie hat sich stets bemüht, die dumme Trutsche.)

In dieser Nacht habe ich Dammit kennengelernt, Saint und Pepper. Und noch ein paar andere interessante Gestalten. Ihr werdet sie auch kennenlernen, fürchte ich. Tut mir leid. Nein, tut es nicht. Hehe.
Hoffentlich weiß ich bis zur Veröffentlichung, wer der Massenmörder mit der Axt ist (bildlich gesprochen natürlich – ich schreibe ja keine Slasher-Romane).
Und hoffentlich bestehen die nicht alle auf ihre eigene Fortsetzung … Die haben schon so hinterhältige Andeutungen gemacht.

5 Dinge, die man als Autorin gerne vorher gewusst hätte

Sooo lange bin ich noch nicht als Fulltime-Autorin unterwegs. Und eigentlich wollte ich ja auch nicht … uneigentlich aber schon. Naja, es war jedenfalls nicht geplant. Ich bin da irgendwie so reingestolpert. Plumps. Und plötzlich siehst du dich mit Dingen konfrontiert, von denen dir vorher keiner etwas gesagt hat.
Hier eine kleine Hitliste von Dingen, die ich gerne vorher gewusst hätte:

1. Das erste Buch läuft scheiße. Immer.
Okay, es gibt Ausnahmen. Aber die heißen nicht umsonst Ausnahmen (oder Joanne K. Rowling oder E.L. James) und sind bei Verlagen untergebracht, die einen dicken Batzen Geld in Werbung, geiles Cover und Autorenauftritte stecken.
Indieautoren wissen natürlich, dass das Buch nicht automatisch gekauft und gelesen wird, nur weil es jetzt da ist. Es steigt auf Platz Einhundertzwölftausendvölligunsichtbar ein und da bleibt es auch erstmal, egal, wie penetrant man auf Facebook fremder Leuts Timeline mit „Hier ist mein tolles Buch! Kauft es gefälligst, ihr Nasen!“ zupflastert.
Indieautoren wissen das, ja. Und trotzdem glaubt jeder heimlich, dass das Buch einschlagen wird wie eine Granate. Es ist nämlich gut. Die beste Freundin sagt, es sei der Hammer. Die Welt da draußen wird ebenfalls einsehen, dass es der Hammer ist. Es geht gar nicht anders.
Das Buch ist also seit gestern auf dem Markt. Schon mal nicht schlecht.
In den ersten Wochen starrt man alle halbe Stunde auf die Verkaufsstatistik, die ungefähr so aussieht:
Verkaufsstatistik
Dann seufzt man ergeben, schleicht ins Büro des Chefs und fragt leise, ob man seinen Job wiederhaben kann, den man gestern mit den Worten „Ich werde jetzt Beststellerautor und kack dir auf den Schreibtisch, du hässlicher Gnom von einem Sklaventreiber!“ ein wenig zu voreilig gekündigt hat.
Man storniert noch schnell die King’s Suite, die man in weiser Voraussicht für die nächste Leipziger Buchmesse im Steigenberger Hof gemietet hat und nimmt einen Kredit auf, um die Stornogebühren zu begleichen. Und die Kosten für die 150.000 Hardcoverexemplare, die man auf eigene Rechnung hat drucken lassen und die sich nun in der Garage stapeln. Nein, halt, es sind nur noch 149.998 Bücher. Ein Exemplar hat man der netten Bäckereifachverkäuferin geschenkt, die das Buch ratlos in den Händen dreht und verlegen lächelt, ein anderes der blöden Kuh von nebenan, die immer so etepetete tut mit ihrem kleinen Kläffer und dem quietschgelben Cabrio. Möglicherweise hat man dabei etwas gesagt wie „Ich hoffe, Sie können lesen, Sie Dumpfbacke. Übrigens ziehe ich aus. In ein Anwesen an der Cote d’Azur. Nichts Großes, nur zehn Pferdeboxen, ein Zwanzig-Meter-Pool und ins hauseigene Kino passen auch gerade mal dreißig Gäste. Ätsch!“
Heute zieht man sich eine Papiertüte über den Kopf, auf die man einen Schnäuzer gemalt hat, und behauptet, man heiße Horst Kadiddlehopper und stamme aus Kasachstan.
Also: Das erste Buch läuft scheiße, egal, ob es Ein Dutzend Shades of Deep Dark Purple heißt oder Zauberlehrling im Gemetzelkeller des Todes.

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Foto: cegoh/pixabay

2. Schreiben ist Arbeit.
Verdammt – ehrlich jetzt? Was ist mit Bohéme, mit „Ich bin Autor, ich brauche meinen kreativen Freiraum“? Was ist mit frühmorgens (also so gegen halb vier Uhr nachmittags) im Bademantel Cognac aus der Kaffeetasse trinken, danach ins Café schlurfen, geistreiche Gespräche mit anderen Autoren führen, geistreiche Sätze ins Notizbuch kritzeln und sich anschließend diversen geistreichen Getränken widmen?
Hey, wenn ich blöd arbeiten wollte, würde ich weiterhin mit Papierstau am Kopierer kämpfen oder im Nieselregen auf dem Malergerüst stehen und Fassaden in dottergelb anpinseln! Aber ich bin … Dingens, eine Poetin oder so.
Mimimi.
Schreiben bedeutet für mich jetzt: morgens den Rechner anschalten, schreiben, Kaffetrinken, dämliche Sätze löschen, neu schreiben, Haareraufen und die Wortstatistik anklicken. Geplant waren für heute 20.000 Worte. Geschafft hat man nach sechs Stunden genau 463 (allesamt Fußnoten und Randnotizen im Stil von „Ich glaube, ich lasse den Helden einfach sterben. Der Idiot nervt und hat ne Scheißfrisur.“).
Mist, man wollte doch bis Monatsende die Rohfassung für den neuen Roman …
Dann kriegt man noch Rückenschmerzen, akute Panik wegen der Deadline und die Tantiemenabrechnung, die man in die Buchhaltung einpflegen muss. Nachdem man das Schreiben erledigt hat, versteht sich. Also nach Feierabend (den Autoren eh nie haben). Und allmählich sollte man sich mal Gedanken über einen Klappentext machen, der mehr beinhaltet als „Kauft dieses Buch; es ist echt geil und auf jeder Seite steht was anderes!“
Wenn man ernsthaft Schreiben will, sollte man so tun, als wäre es ein stinknormaler Job. Weil: Genau das ist es nämlich, ob nun Voll- oder Teilzeit oder nebenher. Man setzt sich jeden Tag zur möglichst gleichen Zeit hin und schreibt. Es sollte einem zur Gewohnheit werden, sein Pensum zu erfüllen. Das wirkt Schreibblockaden entgegen und sorgt für Nachschub auf dem Büchermarkt. Und dafür, dass man von der Welt nicht vergessen wird, weil zwischen Band eins und Band zwei siebzehn Jahre liegen.

3. Keiner versteht mich.
Das stimmt nicht so ganz. Andere Autoren verstehen einen.
Aber der Rest der Welt hält einen für a) meschugge, b) ein Mimöschen oder c) vollkommen untauglich für den richtigen Arbeitsmarkt.
Meschugge deshalb, weil man während des friedlichen Mittagessens plötzlich „Oh Gott, Hank erstickt doch in Kapitel sieben an einer Fischgräte, da kann er in Kapitel neun doch nicht mit Uschi plaudern!“ ausstößt und an den Schreibtisch zurückhastet. Oder weil man auf einer wilden Party verträumt ins Nichts starrt und „Nicht vergessen: Außerirdische mögen keinen Ziegenkäse“ murmelt.
Ein Mimöschen ist man, weil man wegen der Rezension von Ein kritischer Leser in Tränen ausbricht und sich drei Tage lang weigert, unter dem Sofa hervorzukriechen. In der Rezension stand „Ganz nett, wenn man keine hohen Ansprüche stellt und Aliens mag. Punktabzug, weil die Außerirdischen keinen Ziegenkäse mögen.“
Ja, auch die Leser verstehen einen nicht. Da hat man so herrlich gesellschaftskritische Botschaften subtil in seinen Roman eingearbeitet und die beschweren sich über Ziegenkäse? WTF?
Es ist allgemein bekannt, dass Autoren hierzulande üblicherweise nicht von ihren Buchverkäufen leben können. Wenn man sagt: „Ich schreibe“, dann bekommt man ein mitleidiges Lächeln, einen Fünfer in die Hand gedrückt und die warmen Worte: „Hier, damit du dir mal wieder nen frischen Kaffee leisten kannst.“
Ich schreibe ist gleichbedeutend mit Ich produziere brotlose Kunst (oder ähnlichen Mist, den keiner braucht). Wer schreibt, ist zu blöd für einen richtigen Job und liegt dem Rest der Welt auf der Tasche. „Dein Glück, dass dein bedauernswerter Mann diese fixe Idee mit der Schreiberei unterstützt“ ist ein durchaus häufig gehörter Satz.
Andererseits glauben manche im Freundeskreis, dass man mindestens Spiegel-Bestsellerautor ist, regelmäßig von der Verlagslimousine zur Lesung im Bernsteinzimmer gekarrt wird und deshalb die Rechnung für die ganze Bande im teuersten 5-Sterne-Restaurant der Stadt aus der Tasche leiern kann. „Du bist doch jetzt Autorin, da wird doch wohl noch ein Fläschchen Schampus drin sein.“
Wenn man schreibt, kann der Kontakt zu anderen Leuten, die ebenfalls schreiben, lebenswichtig sein. Andere Autoren rücken dir den Kopf zurecht, wischen dir mitfühlend die bitteren Tränen von den Wangen und schubsen dich sanft wieder zurück an die Tastatur. „Ja, die Welt ist gemein und verständnislos, aber dein Roman schreibt sich trotzdem nicht von allein.“

4. Man benutzt seltsame Wörter und verdrehte Sätze.
Auch, wenn sie unangebracht sind.

Vor allem, wenn sie unangebracht sind.
Wenn man gut schreiben will, fängt man an, sich mit Synonymen zu beschäftigen, mit ungewöhnlichen Formulierungen, mit der Vermeidung von peinlichen Klischees. (Doof ist, wenn man feststellt, dass es für Vagina kein poetisch klingendes Synonym gibt, abgesehen von Lustgrotte, haha). Man kreiert Bandwurmsätze, die anderthalb Seiten füllen. Der Wortschatz vergrößert sich um Begriffe wie „Prokrastination“ (Jaha, DAS Wort kennt jeder Autor!), „Koryphäe“ oder „Incentive“. Und weil die Testleser sagen, dass sie mit „Incentive“ nichts anfangen können, schreibt man halt „Er liebte diesen Anreizeffekt zu erhöhter Leistungsbereitschaft, ausgelöst durch eine wirtschaftpolitische Maßnahme.“
Dummerweise schreibt man solche Dinge nicht nur in seinem Manuskript. Man benutzt sie irgendwann auch im Alltag. Dann wird man angestarrt, als klebe einem ein Stück Ziegenkäse an der Backe. Mit Freunden darüber zu diskutieren, welchen Film man im Kino anschauen will und dann etwas zu sagen wie „Ich präferiere Crimson Peak wegen seiner reziproken Subsumierung und des chevaleresken Protagonisten“ kommt nicht gut.
Noch schlechter kommt, wenn man zu einem gut gekleideten Mann sagt: „Ey, geiler Vatermörder!“ Zack, hält man sich jammernd die blutende Nase und kriegt zu hören: „Behaupte noch einmal, ich hätte meinen Alten gekillt, und ich …“
(Ein Vatermörder ist ein veraltetes Wort für Stehkragen).

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Foto: 123rf

5. Man wird irgendwie komisch.
(Vielleicht war man auch vorher schon komisch und hat es nur nicht gewusst …)
Jetzt brüllt man tatsächlich Sätze wie „Verdammt noch mal, ich kann so nicht arbeiten!“, nur weil draußen auf der Straße ein Fiat Panda mit klapperndem Auspuff vorbeifährt.
Man schleppt immer sein ledergebundenes Notizbuch mit sich rum und schreibt Sachen rein wie „Dieser Archaismus existiert nur im Plural und hat seinen Ursprung höchstwahrscheinlich im Französischen.“ Mit dem Satz kann man später, wenn man ihn liest, selbstverständlich nix anfangen. Aber als man ihn geschrieben hat, fand man ihn voll  genial.
Man trinkt plötzlich Kaffee, obwohl man jahrzehntelang Kaffee verabscheut hat. Aber irgendwie steht auf einmal eine Kaffeemaschine in der Schreibklause und man hat eine Lieblingstasse, die niemand anrühren darf.
Eine Lieblingstasse.
Wie im Großraumbüro.
Echt jetzt.
Man isst seltsame Dinge zu seltsamen Zeiten. Wenn einen der nächtliche Schreibwahn überkommt, leert man nebenher das Glas mit den eingelegten Gurken (und bekommt am nächsten Morgen die ängstliche Frage vom Mann zu hören: „Sag mal, ehm, werde ich möglicherweise Vater?“)  Man knabbert gedankenverloren an etwas Hartem herum, während man über der Kampfszene brütet, und merkt erst nach einer Weile, dass es Hundekuchen mit Pansengeschmack sind.
Man kleidet sich komisch. Morgens streift man sich schlaftrunken den rosafarbenen Bademantel über die Bügelfaltenkostümhose, die zufällig über der Stuhllehne hängt, trägt dazu die Monsterfuß-Puschen und eine häßliche Wollmütze, weil man gerade keine Lust hat, sich zu kämmen – und natürlich klingelt genau dann dieser total heiß aussehende Typ mit den sexy Grübchen und dem deutlich sichtbaren Sixpack unterm Shirt, der sich in der Hausnummer vertan hat. Danke, liebes Karma.
Man redet mit Leuten, die nicht da sind. Also, nicht für den Rest der Welt da sind. Für den Autor existieren sie selbstverständlich. Es sind seine Protagonisten, die einfach nicht tun wollen, was sie laut Plot tun sollen. Meistens streitet man sich mit ihnen, wenn man bei Schwiegerelterns beim Sonntagsbraten sitzt und sich langweilt. Dabei vergisst man schon mal, dass man sich besser lautlos streiten sollte.
Schwiegermama beugt sich dann zu ihrem Sohn und flüstert: „Wusstest du übrigens, dass die Karin Berghausen wieder zu haben ist? So ein nettes Mädel und eine ganz Vernünftige! Stellvertretende Filialleiterin bei der Sparkasse.“ Dabei beäugt sie einen misstrauisch, als würde man sich jeden Augenblick die Kleider vom Leib reißen und sich die Soßenterrine über den Kopf stülpen.
„Sie ist Autorin – du weißt schon“, raunt Männe, der miese Verräter, und macht dabei eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger an der Schläfe. „Letztens hat sie mich mit einem qualvollen Tod bedroht, weil ich keine eingelegten Gurken gekauft habe.“
„Gott bewahre, ist sie etwa schwanger?“, stößt Schwiegermama entsetzt hervor.

Es gibt natürlich noch viel, viel mehr Dinge, die ich gerne vorher gewusst hätte. Diese lästige Sache mit der Buchhaltung und dem Steuerzahlen beispielsweise, oder dass „Danke fürs Buchkaufen! Ich lege ein Hundehaar als Lesezeichen bei“ als Widmung eher suboptimal ist.
Aber für heute möchte ich es bei den obigen fünf Dingen belassen. Und vorsorglich darauf hinweisen, dass ich beim Schreiben KEINE Wollmütze trage. Und eingelegte Gurken mag ich eigentlich auch nicht. Aber manchmal schon. Irgendwie. Und nein, ich bin NICHT schwanger.