Sabber in der Tastatur – Autoren und das liebe Vieh

Die Frautorin blickt stirnrunzelnd auf den Bildschirm und liest: >>>>>>>>>>>>>>>,
gefolgt von einem Cursor, der penetrant am linken Bildschirm hängt und sich nicht ins Textfenster bewegen lassen will, egal wie wild sie über das Trackpad des Laptops wischt.
Der Mann schaut ihr über die Schulter und murmelt was von: »Ich verstehe ja nix von Literatur, aber ich prophezeie mal, ein Roman, dessen Text aus lauter liegenden Vs besteht, könnte es schwer haben, sich auf dem Markt zu behaupten. Sind die Vs umgekippt oder hat das eine künstlerische Bedeutung, für die ich noch nicht besoffen genug bin?«
»Das habe ich so nicht geschrieben«, zischt die Frautorin. »Und das blöde Trackpad spielt auch verrückt. Der Cursor klammert sich hartnäckig am linken Bildschirmrand fest. Ich kann so nicht arbeiten, stöhn!«
»Dann ist wohl der Laptop kaputt«, merkt der Mann hilfreich an. Neben dem Schreibtisch hockt der große schwarze Hund und lächelt sein unschuldiges Hundelächeln.
Frautorin ruft den Apfel*-Support an und folgender Dialog spielt sich so oder so ähnlich in vielen Autoren-Haushalten ab:
»Tach, hier ist der deutsche Apfel-Support, mein Name ist Madhukar Pratap, wie kann ich …?«
»Mein Cursor hängt am linken Bildschirmrand und ich habe eine Reihe umgekippter Vs in meiner Textzeile stehen … äh, sagten Sie, deutscher Support? Ihr Name klingt ein gaaanz klein wenig exotisch.« (Man beachte meine geschickte Political Correctness)
»Sie haben in Bielefeld-Sennestadt angerufen und die haben Sie zum nächsten freien Chat-Mitarbeiter durchgestellt, nämlich mich. Unsere Zentrale befindet sich in Varanasi am oberen Ganges. Sie haben also umgekippte Vs auf Ihrem Bildschirm?«
»Ja, und der Cursor weigert sich, den Bildschirmrand loszulassen.« Aus den Augenwinkeln sieht die Frautorin, wie ihr Mann peinlich berührt die Augen schließt.
»Aha, ich verstehe«, sagt der Supportmitarbeiter sehr sachlich, denkt eine Sekunde nach und fragt dann: »Sie haben nicht zufällig ein Haustier?«

 

Sean Vader Othello (Foto: Privat)

Mein Hund ist etwas groß geraten und recht gemütlich. Seine Mutter war eine Dogge, sein Vater ein Labrador und der Onkel ein Müllcontainer. Wenn wir gefragt werden: »Was ist denn das für einer?«, dann sagen wir: »Ein turkmenischer Otterwürger, sehr selten.« Wir benutzen ihn gerne als Beistelltisch, wenn wir Leute zu Besuch haben, die wir schnell wieder loswerden wollen. Tischdecke drüber und einfach warten, bis sie ihre Gläser abstellen, hehe.
Der Hund legt gerne seinen schwarzbehaarten Kopf überall da ab, wo es sich anbietet: auf Oberschenkeln (bevorzugt die mit den teuren weißen Hosen), dem Küchentisch mit dem Sonntagsbraten oder auch mal der Tastatur. Er hat einen großen schweren Kopf, weil er so viel nachdenken muss. Wann es zum Beispiel Zeit ist fürs Abendbrot oder wie man die Leckerlidose aufbekommt. Ob Katzen immer noch gut schmecken, wenn man sie einmal gründlich um den Hof gejagt hat und was ich mir dabei gedacht habe, als ich diesen verfickten Rollrasen auslegte.
Man kann ihm nicht böse sein, wenn er seinen Kopf auf die Tastatur legt, weil er dabei so süß-treudoof schaut, dass man erst Stunden später merkt, wie geschickt er einen wieder manipuliert hat.
Leider hat er ein chronisches Sabberproblem. Dass mein Hund irgendwo gewesen ist, erkennt man daran, dass man eine Oberfläche berührt, angewidert auf das klebrige Zeugs zwischen den Fingern starrt und anschließend diverse Szenen aus dem Film Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt** im Kopf hat. Üblicherweise die, wo die Nebenfigur – die genau zwei Sätze im Drehbuch stehen hat, nämlich: »Hi, wie geht’s?« und »Aaaargh!« – in was Eklig-Schleimiges packt und zwei Sekunden später kreischend und zappelnd von der außerirdischen Mörderkreatur gemeuchelt wird.

Mechanisches Texterzeugungsgerät (Foto: Privat)

Hundesabber ist der neue Kontaktkleber. In Kombination mit schwarzen Hundehaaren kann man interessante Skulpturen daraus formen oder man ist genötigt, den Laptop einzuschicken, drei Wochen lang wie weiland Ernest Hemingway auf einer ächzenden mechanischen Tastatur rumzuklappern, eine Sehnenscheidenentzündung zu bekommen, verzweifelt nach der cmd-Z-Tastenkombination zu suchen und Papier zu zerknüllen. Der Hund findet das toll und schleppt die Papierknüddelchen in den Garten, wo er sie für schlechte Zeiten verbuddelt – im niegelnagelneuen Rollrasen.

Richtige Autoren haben natürlich keinen schnöden Hund, sondern eine Katze, die sich majestätisch auf der Tastatur ausstreckt und darauf wartet, dass man nach dem Handy greift, um ein Oooh-wie-süß-Foto zu machen. Sobald man auch nur eine Sekunde wegschaut, schubst sie dezent die Kaffeetasse um, gähnt und wedelt träge mit dem Schwanz.
Autoren, die zu Messen fahren wollen, dürfen ihren Koffer NIEMALS in Gegenwart der Katze packen. Denn dann muss man sich nicht wundern, wenn man im Hotelzimmer den Deckel öffnet und den blinden Passagier erblickt, der sich ein kuscheliges Nestchen aus der schicken Seidenbluse gebaut hat.

Foto: Pixabay (Alexa)

Echte Autoren erkennt man übrigens nicht daran, dass sie regelmäßig Bücher veröffentlichen, sondern an den Tierhaaren an der Kleidung. Hier und da zieren Kratzspuren den Unterarm oder Glitzerspuren getrockneten Sabbers den Oberschenkel.
Autorentiere erfüllen mehrere wichtige Zwecke auf einmal:

1. Prokrastination
»Lieber Lektor, ich hätte heute mein Schreibsoll ja durchaus geschafft, aber Soraya hat so komisch gemaunzt, also habe ich sanft ihren Bauch massiert und ihr eine feine Lachspastete zubereitet. Leider hatte ich keine feldfrische Petersilie mehr im Haus, also bin ich zum Bio-Bauernhof geradelt und brauchte dort eine Stunde, um die Hofkatze von meiner Jeans zu pflücken, in die sie sich verkrallt hatte. Als ich zurückkam, hatte Soraya sich schon eine extrascharfe Sardellenpizza bestellt und ich musste mit ihr zur Tierklinik, um ihr den Magen auspumpen zu lassen. Darum konnte ich heute nur diese eine romantische Szene schreiben, in der meinem Protagonisten der Magen ausgepumpt wird.«

2. Gesundheit
Mens Sana in Corpore Sano (auf gut Deutsch: Die Sahne muss abtrainiert werden). Autoren sitzen viel und müssen daher besonders auf körperlichen Ausgleich achten. Sabberspuren aus den Textilien schrubben oder den Rollrasen flicken zum Beispiel. Mein großer schwarzer Hund geht gerne spazieren, es sei denn, es regnet, es scheint die Sonne oder in der Küche steht eine Leckerlidose. Es könnten ja perfide Einbrecher vorbeikommen und die Dose klauen. Mein Patentrezept gegen Bewegungsmangel: dreimal täglich fünfzig Kilo widerspenstigen, klebrigen Köter die Waldwege entlangschleifen. Treffen wir unterwegs ein Reh, dann tauschen wir die Rollen – falls ich so dämlich war, die Leine in der Hand zu behalten.
Die nächsten Stunden verbringe ich damit, Brombeerdornen aus meiner Haut zu zupfen.

Sean Vader Othello und sein Dosenöffner (Foto: Privat)

3. Abenteuer
Die Deadline rückt näher, das Finale muss noch geschrieben werden, doch im Kopf herrscht gähnende Leere. Du greifst nach dem lebensrettendenden dicken Notizbuch, in dem du letztens diesen genialen Einfall notiert hattest – und greifst ins Leere.
Den zerkauten Umschlag des Notizbuches findest du unterm Rollrasen im Garten, wo ihn der Hund sorgfältig verscharrt hat. Die einzelnen Seiten entdeckst du

a) im Hamsterkäfig, wo Matze sich ein Nest aus den zerfetzten Seiten gebaut hat – bei der Gelegenheit stellt sich heraus, dass Matze eine Matzine ist und dreiunddreißig Hamsterkinder zur Welt gebracht hat. Nun beginnt das Rätselraten um die Vaterschaft und alle schauen misstrauisch den Leguan an, der betont gleichgültig seine Abendbrot-Fliegen zerkaut;

b) im Katzenklo, weil die Katze die neue Katzenstreu nicht mag, aber das handgeschöpfte Papier aus deinem sauteuren Notizbuch immer schon faszinierend fand;

c) im Wespennest am Badezimmerfenster;

d) nie wieder, aber dein Haustier sieht heute ungewöhnlich pummelig aus. Außerdem hat es Tintenflecke auf der Zunge.

4. Stressabbau.
Haha, das war ein Witz (siehe Punkt 3)

5. Bildung
Wer eine freigängige Katze besitzt, lernt sehr viel über die heimische Fauna.
»Schatz, da liegt so ein blutiges Fellfetzendingens auf meinem Kopfkissen. Ist das eine Springmaus?«
»Jetzt nicht mehr. Allerdings tippe ich eher auf ein … sieh mal, es hat ein hübsches Glitzerhalsband um. Oh verdammt, das war der Chihuahua der Nachbarin!« An dieser Stelle reibt sich der Blutige-Thriller-Autor die Hände, erspart er sich doch mühsame Recherche bei der Beschreibung einer zerstückelten Leiche.
Wer einen Hund besitzt und auf einem Hof lebt, auf dem es von freigängigen Katzen wimmelt, lernt sehr viel über sportliche Höchstleistungen von Tieren und darüber, dass Katzen nachtragend sind. Immer dann, wenn man arglos Gassi gehen will, lassen sie sich in bester Ninja-Manier mit ausgefahrenen Krallen vom Dach direkt auf den Hund fallen – und wieder erinnert die Frautorin sich daran, dass sie besser die Leine losgelassen hätte.
Wer ein exotisches Haustier, also ein Chamäleon, einen Piranha oder einen Mann besitzt, lernt bald, dass diese Lebewesen ganz gut ohne den Autoren zurechtkommen. Ab und zu mal eine Sardellenpizza ins Gehege werfen und alle sind glücklich. Leider hat man keine Ausrede mehr, warum man sein Schreibsoll für heute nicht erreicht hat.

Ein Fisch (Foto: Privat)

Wer kein Haustier besitzt, aber seine Schreibklause auf dem Land hat, lernt schnell, dass er mehr Haustiere besitzt, als ihm lieb ist. Das beginnt mit der Feldmaus, die mal in deiner Klause nach dem Rechten sehen will und ein bisschen am Computerkabel knabbert – Brizzel! Maus tot – (gleichzeitig klingelt das Lektorat durch und fragt zum X-ten Mal, wo das überfällige Manuskript bleibt), es geht über die Rotte Wildschweine, die den Anblick deines frisch ausgerollten Rollrasens nicht verknusen kann, und endet mit ihrer Majestät, der Wespenkönigin, die kraft ihres Amtes entschieden hat, ihren neuen Palast an deinem Badezimmerfenster zu errichten – selbstredend aus den Seiten deines handgeschöpften Notizbuches. Wespen können ziemlich laut kauen, das ist kein Scherz. Sie rupfen kleine Stückchen aus allem, was sich in zellulosen Baustoff verwandeln lässt und zerkauen es zu einem Brei, um ihre Nester daraus zu bauen. Wer auf dem Balkon so einen Sichtschutz aus ungeschältem Schilf besitzt, kann manchmal an lauen Sommernachmittagen dem lieblichen Malmen und Knispeln der Wespen lauschen.
Wer kein Haustier besitzt und nicht auf dem Land wohnt, lernt bald seine neuen Nachbarn kennen. Nämlich dann, wenn deren Futterheimchen, die als Frühstück für die zahme Boa Constrictor gedacht waren, ausbüxen und bei dir um Asyl flehen. Heimchen sind kleinfingerlang und zirpen. Sehr laut. Die ganze Nacht. Bevorzugt hinter Möbeln, die sich nicht fortrücken lassen. Vorteil: Wenn der Nachbar kommt, um die Heimchen einzufangen, kannst du mal wieder hinter den schweren Möbeln staubsaugen.
Wenn der Nachbar keine Boa Constrictor hat, dann hast du eine Nachbarin und die wiederum hat einen Chihuahua, der nicht allein bleiben kann. Du lernst, dass kleine Hunde eine überraschend strapazierfähige Lunge besitzen. Und du denkst ernsthaft darüber nach, dir eine freigängige Katze zuzulegen, die sich elegant von Balkon zu Balkon hangeln kann auf der Suche nach einem kleinen pelzigen Happen mit Glitzerhalsband.

6. Sympathiepunkte
Wenn dein neuer Thriller Nur der Rollrasen war Zeuge nicht so gut ankommt und die Ein-Sterne-Rezensenten sich über die widerliche Magen-Auspump-Szene mit der haarklein beschriebenen halbverdauten Sardellenpizza beschweren, dann postest du einfach ein paar Bilder von deinem Haustier, das sich elegant auf deiner Tastatur fläzt und du hast zumindest ein paar Sympathiepunkte wiedergewonnen.
Poste bitte NICHT die überraschend hohe Rechnung für das ausgetauschte Trackpad oder die Fotos von der frischen Buchlieferung, deren sämtliche Seiten mit Sabber verklebt sind. Nutze diese Gegebenheit lieber, um einen Sciencefiction-Horrorroman über ein schleimiges Alien zu schreiben, das sich in einer Schreibklause eingenistet hat und als schwarzer Hund tarnt.

7. Kreativität
Selbst der gemeine Autoren-Wellensittich heißt nicht einfach Hansi, sondern Sancho Pansa oder Blade Runner. Unser Hund – das ist die traurige Wahrheit – heißt Sean Vader Othello (wir konnten uns einfach nicht einigen. Und nein – ich bin NICHT der Star Wars-Fan bei uns!). Meist nennen wir ihn aber: »Musst du denn alles vollsabbern, du Mistvieh?«

Sean Vader Othello (Foto: Privat)

Autoren-Haustiere brauchen einen inspirierten Namen oder wenigstens einen schön ironischen wie Schantall oder Danke, Merkel.
Und Tiere, die in deinem Roman vorkommen, brauchen auch noch einen coolen Namen. Hier hilft das eigene Haustier immens weiter. In meinem Fall ist es der hauseigene sabbernde schwarze Beistelltisch, der bei mir Assoziationen an Alien weckt. Darum heißt Frau Funkes korrupte Hündin in meiner Bullhead MC-Romanserie auch Ripley, nach der Heldin in der Alien-Filmreihe.

8. Illustre Gesellschaft
Günter Grass schrieb Hundejahre und Katz und Maus möglicherweise nur, weil eine wuschelige Hündin namens Kara bei ihm wohnt. Als er 1999 den Literaturnobelpreis erhielt, erfuhr die Hündin als erste davon (keine Ahnung, was Frau Grass dazu gesagt hat).
In Edgar Allan Poes bekanntesten Werken taucht immer ein Tier auf; der Rabe Nimmermehr, ein schwarzer Kater, eine gruselige Ratte oder ein Affe wie in der berühmten Story Doppelmord in der Rue Morgue. Poe lebte in völliger Armut und starb unter nie geklärten Umständen. Sein treuester Gefährte war eine Katze, der er auch alle Werke vortrug und die er seine Muse nannte.
Thomas Mann hält große Stücke auf seinen Sennenhund Bruno. »Ohne Hund würde ich schon lange nicht mehr leben«, hat er gesagt, und dass sein Bruno für augenöffnende Erfahrungen gesorgt habe. Vermutlich hat Herr Mann mal Rollrasen ausgelegt und kurz darauf sein wichtiges Notizbuch vermisst.***

Worauf ich hinaus will: Wenn du nicht in irgendeiner Form ein Haustier hast, bist du eigentlich kein richtiger Autor. Da kannst du noch so preisverdächtige Bücher schreiben: Es fehlt dir das gewisse Etwas (also die Hundehaare an der teuren weißen Hose oder die Katze im Messeköfferchen, die du erst entdeckst, wenn du dein frisches Manuskript dem erwartungsfreudigen Diogenes-Verlagschef übergeben willst und in einen Haufen Konfetti greifst).
Und nein, die Sardellen auf deiner Pizza zählen nicht als Haustier.
Wenn du mir nicht glaubst, wie ungemein wichtig Haustiere fürs Autorendasein sind, dann solltest du dir anschauen, was meine Kolleginnen zu dem Thema zu sagen haben:

Lisa Skydla – Viecher! Lisa ist stolze und schwer beschäftigte Besitzerin eines kleinen Zoo samt Greifvögeln. Und trotzdem schreibt sie irgendwie nebenher noch tolle Bücher.

Margaux Mavara – Von Katern und Katzen und sinnvollem Leben an sich Der Chef im Haus Margaux ist nicht der zweibeinige Dosenöffner, soviel steht fest. Ihr Kater hat einen sehr interessanten Namen … aber lest selbst.

Katharina V. Haderer – Der zuckende Mauscursor und die Katze vor dem Bildschirm
Agathe! Gott, ich bin verliebt in Agathe! Kathis Katzenanalyse ist großartig – und die Fotos sind es sowieso.

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*ich wollte den Markennamen nicht laut rausschreien. Aber ich möchte erwähnen, dass ich PCs aus tiefstem Herzen hasse, und wenn sie noch so Sabber-resistent sind.

**Die Handlung von Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt ist schnell zusammengefasst: Raumschiffbesatzung wird von schleimiger, tödlicher Kreatur dahingerafft. Es überleben nur die Offizierin Ripley und (sic!) eine Katze.
Der Film verhalf übrigens erstmals einer Frau (Sigourney Weaver) zum Durchbruch im Actiongenre.

*** Dass Katzen sich einen Dosenöffner halten, ist nichts Neues:
Musen auf vier Pfoten: Schriftsteller und ihre Hunde
Musen auf vier Pfoten: Katzen und ihre Schriftsteller

Weihnachtsbaum-Beschaffungskriminalität und unartige Mädchen

Facebook nörgelt, weil ich fünf Tage lang in besinnlicher Versenkung abgetaucht bin. Vielleicht hat Herr Zuckerberg ja Angst, dass der opulent geschmückte Tannenbaum mich unter sich begraben oder dass mein experimenteller Maronenbraten mich dahin gerafft hat. Es ist sehr nett, dass er sich so um mich sorgt. Bestimmt hat er sich schlaflos in seinem Triple-Kingsize-Bett umhergewälzt, weil die Frautorin 5 (in Worten: FÜMPF!) lange Tage nix gepostet hat.
Nun, ich habe augenscheinlich überlebt. Und ein schlechtes Gewissen, weil der arme Mark wegen mir seinen goldenen Learjet mit dem eingebauten Whirlpool nicht so recht genießen konnte. Tschuldigung, kommt nicht wieder vor.
Mein Maronenbraten war gar köstlich, auch wenn er gewöhnungsbedürftig aussah (für den Notfall hatte ich ausreichend Rotwein bereitstehen, also zum Schöntrinken und so …) und da politische Diskussionen unterm Weihnachtsbaum strikt verboten sind, gab es auch sonst keine Toten.
Kennt ihr den Begriff Zwischen den Jahren? Das sind die seltsamen, halbproduktiven Tage nach Weihnachten und vor Silvester.
Heute gibt es also ein Zwischen-den-Jahren-Post:
 
Naughty Night  – ein kleiner, wilder Vorweihnachts-Roadtrip – war ein interessantes Experiment, ein ungeplantes dazu. Die Geschichte ist NICHT die eigentliche Fortsetzung der Bullhead MC-Serie (darum heißt sie – aha! – auch Special), sondern war dazu gedacht, euch die hektische Vorweihnachtszeit ein wenig zu verschönern. Wenn ihr anschließend bessere Laune hattet als vorher, ist die Mission geglückt.
Die Idee zu der Story kam mir am 11. Dezember (Jepp, ich war echt früh dran, haha). Ich habe nie zuvor eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, erst recht in solch kurzer Zeit, aber sie hat mir mächtig viel Spaß bereitet und mich tatsächlich in schöne  Weihnachtsstimmung versetzt.
cover_brotherskeepersp_ebookaktuell_50Eines meiner Hauptmerkmale ist ja, dass ich etwas lauthals verkünde und dann etwas ganz anderes tue. So habe ich einige Male in Interviews angegeben, nienichtniemals (!) Kinder in die Bullhead-Serie einzubauen. Weil: Heitere Familienromane sind nicht mein Feld. Die klingen immer ein bisschen so, als wolle man sich selbst bzw dem Leser etwas schön reden, so wie Montagmorgens aufstehen oder Steuern zahlen.

Als ich noch jung war (also etwa gestern) hat meine Oma mir zu Weihnachten immer Bücher aus der in den Dreißigern erschienenen Jugendserie „Professors Zwillinge“ von Else Ury geschenkt, jedes Jahr eines (da war sie hartnäckig). Zu der Zeit las ich begeistert Isaac Asimov und George Orwell und war zu blöd, mit der Strickliesel diese langen bunten Kordeln zu stricken. Dafür hatte ich ständig aufgeschürfte Knie und kam nie nach Hause, wenn die Straßenlaternen angingen, weil wir mit dem Blechdosen-Kicken gegens Garagentor noch nicht fertig waren.
Meine Oma sah anscheinend dringenden Handlungsbedarf geboten.
„Professors Zwillinge“ also – Ganz, ganz, GANZ schlechte Lektüre für ein Ruhrpott-Blag! (Falls wer von euch diese Bücher kennt, wisst ihr, wovon ich rede). Man verspürt anschließend den dringenden Wunsch, nachts auszureißen, mit einer Dose Neon-Sprayfarbe und ner Flasche Cognac aus Papas Hausbar in Richtung Rathaus zu laufen, unterwegs Mercedessterne zu …ehm … sammeln (natürlich nur wegen der Besinnlichkeit; sind ja Sterne) und die eine oder andere Mülltonne umzutreten. Für eine Neunjährige zugegebenermaßen eine etwas seltsam anmutende Freizitbeschäftigung. Aber ich wette, all die Punker, Sprayer und Randalierer hatten früher zu Weihnachten „Professors Zwillinge“ unterm Baum liegen gehabt.
Nach einer solchen bildungsbürgerlichen Lektüre bleibt einem Arbeiterkind nur die Möglichkeit, in tiefste Depression zu verfallen ob der eigenen Unzulänglichkeit und der Tatsache, dass Papa bloß ein kohlestaubiger Bergmann oder KFZ-Meister im grauen Overall ist und die Mama, statt mit Schürze und warmem Lächeln noch wärmere Milch zu servieren, sich lieber mit ihren giggelnden Freundinnen auf einen Roadtrip zum Gardasee begibt. Fünf aufgedrehte Frauen in einem orangenfarbenen Opel Manta, und ihr Reiseproviant hatte ordentlich Umdrehungen  – eat this, Professorenmutti!
Im Laufe meines Leser-Lebens habe ich nicht viele fiktive Charaktere aus tiefstem Herzen verabscheut, aber bei den Zwillingen Herbert und Suse – liebevoll „Bubi“ und „Mädi“ genannt – habe ich mir innigst gewünscht, sie wären real. Damit ich sie ein bisschen auf dem Schulhof verprügeln kann.
(Meine Oma hat mir übrigens auch immer Yogurette geschenkt, obwohl sie wusste, dass Yogurette und „Professors Zwillinge“ sich auf meiner persönlichen Geile-Geschenke-Skala um den letzten Platz kloppten. Bis heute grüble ich darüber nach, was meine Oma mir mit ihren Geschenken mitteilen wollte.)

„Professors Zwillinge“ hatten jedenfalls maßgeblichen Anteil an meiner straighten Entwicklung zum unartigen Mädchen.
„Die Hauptsache bei dem kleinen Mädchen sind Ordnung und Betragen, das ist mehr wert als alle sehr gut“. Zitat von Annemarie Brauns Mutter („Nesthäkchen“; Ausgabe von 1983), weil das Mädel in allen Fächern eine Eins bekommen hat, aber in Betragen und Ordnung eine fette Fünf. Ich weiß nicht, was aus Annemarie Braun wurde, aber ich hoffe, sie hatte eine wilde Zeit als Luxus-Escort-Girl und datet einen dominanten Trilliardär nach dem anderen.
Die Bücher der Erfolgsautorin Else Ury enthielten immer diese mehr oder weniger dezenten Hinweise, welche Eigenschaften ein anständiges Mädchen erwerben sollte. Harleyfahren oder Blechdosen-Kicken waren nicht darunter zu finden.
Zur Ehrenrettung von Else Ury muss man allerdings anfügen, dass sie schon 1906 ein Buch namens „Studierte Mädels“ heraus brachte, mit dem sie verdeutlichen wollte, dass eine akademische Ausbildung nicht zwingend dem weiblichen Ehe- und Familienglück im Wege steht.

Unartige Mädchen

Eine ungenannte Person hat mir vor Jahren mal das Buch „Ich hab mein Herz im Wäschekorb verloren“ von Emma Bomberg (Blomberg?) geschenkt. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass jene Person meinen Büchergeschmack nicht kannte und dachte, ein heiterer Familienroman kommt immer gut.
Kleiner Hinweis: Nope.
Ich möchte über den Inhalt des Buches keine weiteren Worte verlieren; mit dem Titel desselben ist bereits alles gesagt.
Aber wenigstens konnte ich mal von meinem Kindheitstrauma berichten und warum mir bei Familienromanen so komisch im Kopf wird. Der letzte Bikerroman, den ich gelesen habe, endete mit einer hochschwangeren, verheirateten Protagonistin. Damit endete auch die Geschichte dieser Portagonistin und mein Interesse an ihr. In den folgenden Bänden tauchte sie nur noch als Sidekick mit einem Kind am Rockzipfel auf, immer dann, wenn eine anständige Feier im Clubhaus stattfand.

Ah, verdammt, ich schweife ab.
Was ich damit sagen wollte, ist: Ich habe keine Ahnung, warum plötzlich eine Emma in einer Bullhead-Geschichte auftaucht. Es machte irgendwie Plopp! und da stand sie. Klein-Emma hat ein bedenkliches Faible für Sniper-Gewehre und heimlich geguckte Horrorfilme, aber immerhin flucht sie nicht. Sie wird eines Tages ein herrlich unartiges Mädchen sein, davon bin ich überzeugt.
Ich habe auch keine plausible Erklärung, warum ich überhaupt eine verrückte kleine Bullhead-Weihnachtsgeschichte geschrieben habe. Außer – mir war eben grad danach. Wegen der Besinnlichkeit und des Lichterglanzes und so. Der hastig genossene Glühwein auf dem Velener Wald-Weihnachtsmarkt hatte rein GAR NICHTS damit zu tun – ischschwör, hicks.

Der Überraschungs-Kurzroman kam richtig gut an bei euch und ich habe sehr viele sehr tolle Feedbacks erhalten. Dafür danke ich euch von Herzen! Wir hatten Spaß, oder?
Einige Leser bemängelten natürlich, dass sich auf den knapp 130 Normseiten kein episches Liebesdrama ausbreitete (dazu sage ich mal nix), andere meckerten über den geringen Umfang als solchen. Möchte denn im Ernst jemand eine 700-Seiten-Weihnachtsgeschichte lesen? Sollte ich in diesem Fall einfach auf das Alte Testament verweisen?
***
Einen Tag nach Erscheinen konnte man den 0,99€-Titel übrigens auf allen einschlägigen Piratenportalen finden. Dafür bedanke ich mich mal nicht.
Echt jetzt, Leute: Müsst ihr denn ALLES klauen? Sogar eine verfickte warmherzige Weihnachtsgeschichte? (Hoffentlich ist euch der Tannenbaum auf den Schädel gekracht und hat euch dabei die kriminelle Energie rausgedroschen.)
 ***
Naughty Night wird aufgrund des geringen Umfangs nicht als Taschenbuch erscheinen (das hätte nämlich knapp 95 TB-Seiten), aber es wird entweder als Bonus einem der folgenden Print-Romane beigefügt oder zusammen mit weiteren Short Stories rund um die Bullheads in einem Sammelband erscheinen.
 ***
Noch etwas: Wer Naughty Night gerne als eBook lesen möchte, aber nicht auf dem Kindle und daher ein anderes Format benötigt, schicke mir eine Nachricht.
 ***
Falls wir uns in 2016 nicht mehr lesen: Kommt gut ins Neue Jahr! Ich habe euch alle lieb (außer, du klaust meine Bücher, dann mögen dich „Professors Zwillinge“ holen)!

Nachtgeboren – Kurzgeschichte

Die folgende Short Story ist mein Beitrag als Patin zum Oktober-Schreibwettbewerb von The Lounge – Books and More.
Die Vorgaben lauteten: 2500 Wörter Umfang (ich bin ja prädestiniert für kurze Geschichten, muhaha), außerdem mussten die Worte Nacht, zart, Bann, Kirche und verhüllt im Text vorkommen.
Die Gewinnergeschichte des Wettbewerbs stammt von Pat Rone und ist wirklich lesenswert. Ihr findet ihre Story hier. Sie wird zusammen mit meinem Beitrag in einem Sammelband veröffentlicht, in dem alle Siegerbeitrage sowie die Storys der Paten zu finden sind.

Und hier nun mein Beitrag:
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Catalina Cudd
Nachtgeboren
(Oktober 2016)

Tree

Foto: Pixabay

Wir stolperten zu siebt und reichlich angetrunken in die verlassene Kirche. Die Strahlen unserer Taschenlampen enthüllten kahle graue Wände, einen leeren Altarraum und dreckblinde Fenster. Über unseren Köpfen wölbte sich Dunkelheit.
Kichernd öffnete Maggie den Rucksack und schüttete den Inhalt auf den Steinboden. Eine dicke gelbe Kerze rollte davon. Joe kickte sie ein paarmal durch das leere Gebäude. »Tor!«, schrie er, als sie gegen einen Pfeiler knallte.
Ellie zischte: »Nicht so laut!« Vorsichtig zog sie das Buch aus ihrer Umhängetasche, mit den Fingern über den brüchigen Ledereinband streichend.
Dana reichte die Weinflasche an mich und hockte sich nieder, um mit Kreide ein riesiges krummes Pentagramm mitten in den Raum zu malen. Staub kitzelte meine Nase, die Nacht schmeckte nach feuchtem Stein, von außen drang kein Geräusch durch die dicken Mauern. Ich fröstelte und nahm einen langen Schluck, obwohl sich in meinem Kopf bereits alles drehte. Maggie, Linda und Steve pflanzten Kerzen an den Wänden auf. Ein Feuerzeug klickte.
Als sämtliche Dochte entzündet waren, schalteten wir die Taschenlampen aus. Ellie hatte die gelben Stumpenkerzen an die Spitzen des fünfzackigen Sterns platziert. Sie sahen plump aus und rochen unangenehm, aber niemand machte eine Bemerkung darüber, also hielt auch ich meinen Mund. Die tanzenden Flammen erweckten die Schatten in den Ecken zum Leben. Im orangefarbenen Schimmer sah Steves markantes Gesicht noch schöner aus.
Linda versetzte mir einen Rippenstoß. »Starr ihn nicht so an, Frischfleisch. Hast eh keine Chance.«
Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte.
Steve war Mittelpunkt der lässigsten Clique an der Uni und der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte. Ich kam vom Dorf, wo alle Männer mit dem gleichen rotwangigen Quadratschädel ausgestattet sind. Außerdem war ich im ersten Semester; für Lichtgestalten wie Steve oder Linda existierte meinesgleichen gar nicht. Meiner Zimmergenossin Dana – Lindas Cousine – war es zu verdanken, dass ich Steve jetzt aus der Nähe anschmachten konnte. Ich gehörte nicht zu ihner Gruppe, noch nicht, aber ich arbeitete daran. Die ersten Seminare hatte ich bereits verschlafen und ich gab Geld für Dinge aus, die ich mir nicht leisten konnte. Ihr Lifestyle und ihr Selbstbewusstsein schüchterten mich ein. Aber nur so konnte ich ihm nahe sein.
Linda musterte mich von der Seite. »Die Klamotten, die du trägst, gibt es die auch in schön? Oder trägt man das bei euch beim Stallausmisten?«
Ich sah an mir herab. Nagelneue Jeans, Halbstiefel, mein hübscher Parka. Was stimmte damit nicht?
Mit verächtlichem Auflachen stolzierte sie zu Maggie und tuschelte mit ihr. Ellie öffnete derweil ein Glasfläschchen und träufelte dunkle Tropfen auf den Boden. Sie murmelte vor sich hin.
»Was macht Ellie da?« Dana pflückte mir die Weinflasche aus der Hand.
»Likör vergeuden.« Ich versuchte, nicht ständig zu Steve hinüberzusehen, der sich zwischen Linda und Maggie schob und ihnen die Arme um die Schultern legte. Die Kapuze seiner Jacke verhüllte sein Gesicht, aber ich war überzeugt, dass er grinste. Er hatte das süßeste Grinsen der Welt. Zu gern hätte ich es gesehen.
»Sie nimmt den Scheiß echt ernst«, murmelte Dana. »Manchmal ist sie total unheimlich.«
Widerwillig tauchte ich aus meinen verliebten Gedanken auf. Ellie schritt mit dem geöffneten Buch um das Pentagramm herum und las leise daraus vor. Es klang gruselig. Definitiv kein Latein.

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»Woher hat sie dieses Buch?« Keine Ahnung, warum ich flüsterte.
»Flohmarkt oder Antiquariat. Keine Ahnung.« Dana rieb sich über die Arme. »Verdammt kalt hier drin.«
Ein Windhauch strich über mein Gesicht, warm wie eine Berührung. Gänsehaut kroch mein Rückgrat hinauf. Milchiger Dunst stieg aus den Steinfugen.
Joe ließ sich schwer zu Boden plumpsen und zauberte einen Flachmann aus seiner Jacke. »Auf Satans Jünger!« Seine Stimme wurde von den Wänden zurückgeworfen. Die Kerzenflammen loderten auf. Joe lachte, es klang erschreckend dünn. »Dauert der Zirkus noch lange, Ellie? Mir ist arschkalt.«
Seltsam, mir wurde von Minute zu Minute wärmer. Ich öffnete den Reißverschluss meines Parkas. Die Flammen der fünf Stumpenkerzen wuchsen schnurgerade in die Höhe, doch alle anderen Lichter flackerten hektisch. Feuchtigkeit hing in meinen Wimpern.
Steves Hand rutschte zu Lindas Brust hinab. Sie schickte einen triumphierenden Blick zu mir herüber, der mich zusammenschrumpfen ließ. Gleichzeitig kämpfte ich gegen die Eifersucht, konnte jedoch nicht wegschauen. Warum tat er das?
»Vergiss ihn lieber«, flüsterte Dana. »Der Arsch treibt es mit jeder. Angeblich macht er dabei sogar Selfies. Für seine Kumpels«
Schockiert starrte ich sie an. Steve? Niemals! Er hatte wunderschöne braune Augen. Ich war überzeugt, dass er sehr liebevoll sein konnte.
Die Luft über dem Pentagramm geriet in Bewegung. Mir schwindelte, meine Kehle schnürte sich zu. An den Rändern meines Blickfeldes blühte Dunkelheit; Schatten krochen die Wände herab und breiteten sich aus wie Ölpfützen.
»Ellie, ich will jetzt gehen.« Dana trat an die Kreidelinie heran.
»Nicht berühren!« Ellie stellte eine Kupferschale mit trübem Wasser in die Mitte. Die Oberfläche zitterte.
»Weißt du überhaupt, was du da tust?«, fragte Joe mit schleppender Stimme.
Ellie ignorierte ihn. Ihre Augen glänzten im Kerzenschein, als sie mit ihrem unverständlichen Gemurmel fortfuhr. Die Kreideumrisse des Fünfzacks verschwammen. Ich blinzelte, doch das Bild blieb unruhig. Aus der Dunkelheit hörte ich Linda kichern, dann das Ratschen eines Reißverschlusses. Ich konnte die beiden nur noch schemenhaft erkennen. Mein Herzschlag beschleunigte sich.
»Mit solchen Sachen sollte man nicht herumspielen.« Dana zog die Schultern hoch. »Ich hau ab. Kommst du mit, Becca?« Bange Hoffnung lag in ihrem Blick. Dabei war Dana die Ältere von uns beiden. Viel cooler, viel erfahrener als ich.
»Ich bleibe«, flüsterte ich. Die seltsame Atmosphäre hielt mich gefangen, außerdem wollte ich Steve nicht mit Linda zurücklassen. Albern, ich weiß. Er kannte ja nicht einmal meinen Namen.
Rauchfäden verwirbelten über der Wasserschale ineinander, ihr träger Tanz zog mich in ihren Bann. Meine Beine fühlten sich an, als wären sie mit warmem Blei ausgegossen. Mein Verstand rüttelte an imaginären Gitterstäben und brüllte Verschwinde von hier!, doch ich konnte mich nicht rühren.
»Becca?« Dana stupste mich an. »Alles okay mit dir? Du guckst so komisch.«
Bevor ich antworten konnte, ging ein WHOOOSH! durch das Kirchenschiff. Sämtliche Kerzenflammen wurden niedergedrückt, flackerten wild, richteten sich wieder auf. Aus dem Dunkel hörte ich ein erschrecktes Kreischen, dann Maggies unsicheres Kichern. »Boah, ich dachte …«
»Die besoffene Kuh sieht schon Geister.« Lindas Spott ging in einen Seufzer über. Ein Schmatzen folgte. »Oh, Steve …«
Meine Wangen brannten, als wären sie der Hitze zu nahe gekommen.
»Ich habe ein echt mieses Gefühl«, flüsterte Dana.
»Ich auch.« Maggie war nur ein schwarzer Fleck im dunstigen Dunkel. »Wo seid ihr? Dana?«
»Ich komme zu dir.« Danas Schritte entfernten sich, noch bevor ich mich regen konnte.

Foto: Catalina Cudd

Der Nebel fühlte sich schwer an, wie ein warmes feuchtes Tuch auf meinem Gesicht. Ich wischte mir über die Wangen.
Jemand gesellte sich zu mir, ein hochgewachsener Schemen, der das Licht verschluckte. Er beugte sich zu meinem Ohr. »Hast du Angst?«, raunte er mit einer Stimme, die meine Eingeweide vibrieren ließ. Steve!
Ich hickste zur Antwort und er lachte leise unter der Kapuze.
»Glaubst du an Beschwörungen, kleine Unschuld?«
»Nein«, brachte ich hervor. »Nur … Es ist schon unheimlich.« Ich rechnete mit einer spöttischen Erwiderung.
»Aufregend.« Steves Atem strich über meine Schläfe. Seine Schulter berührte mich.
Dort vorn glaubte ich, Ellies Bewegungen zu sehen. Die anderen konnte ich nicht ausmachen. Mein Blick wurde magisch von dem Pentagramm angezogen. Die Kreidestriche wirkten unnatürlich hell, als leuchteten sie. Sie schienen zu vibrieren. »Ich rühre nie wieder einen Tropfen an«, stöhnte ich.
Das Lachen dicht neben mir stellte meine Nackenhärchen auf. Steve hatte ein überraschend tiefes Lachen. »Du bist interessant«, wisperte er. »Ich habe dich beobachtet. Diese Sache macht dich an.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht mal ansatzweise. Es ist krank.« Er hatte mich beobachtet? Wow.
»Lüg nicht.« Finger strichen mein Haar hinters Ohr, so zart, dass ich es kaum spürte. »Ich werde deinen wunderschönen Hals küssen. Und nicht nur ihn.«
»Du …. was?«, Ich schaffte es endlich, den Kopf zu drehen. Sein Gesicht lag in der Schwärze der Kapuze verborgen, lediglich die Augen glommen im orangenen Licht der Kerzen. Von seiner Gestalt ging fiebrige Hitze aus. Es war, als stünde man neben einem lodernden Feuer. Er war größer, als ich gedacht hatte. Ein breitschultriger Scherenschnitt, der mich um fast zwei Köpfe überragte. »Bist du gewachsen?«, nuschelte ich.
»Vielleicht«, hauchte er. Sein Mund … so weich und sanft an meiner Wange.
Ich krampfte die zitternden Finger in den Saum meiner Jacke. Mir fehlte die Erfahrung mit Männern wie Steve – na gut, mit Männern allgemein. Das diffuse Kribbeln in meinen Eingeweiden mischte sich mit wachsender Furcht. »Steve, bitte … nicht hier.«
»Hier oder gar nicht, Unschuld.« Finger krabbelten durch mein Haar, Lippen berührten meinen Nacken. Schwindel erfasste mich.
»Aber die anderen …«
»Sehen nichts, hören nichts. Es ist ihnen egal.« Die kiesige Stimme penetrierte meine Gehörgänge und echote in den Hirnwindungen. Eine Hand legte sich auf meinen Bauch und beschrieb langsame Kreise. Trotz des dicken Pullovers, den ich trug, brannte sich die Berührung durch die Haut. Meine Muskeln verwandelten sich in Wackelpudding. Ein winziger Laut kam über meine Lippen.
Den attraktiven Steve aus der Distanz anzuhimmeln, war eine Sache, aber ihm unerwartet nahe zu sein, jagte mir Angst ein. Seine Gegenwart überforderte mich. Er war ganz anders, als ich gedacht hatte. Überwältigend, bedrohlich.
»Wen, denkst du, hat sie hierher gerufen?« Seine Gegenwart umzingelte mich. Groß und hitzig und kraftvoll. »Einen Toten? Einen Dämon?«
Ich brauchte einige Augenblicke, bis ich verstand, dass er von Ellies Ritual sprach. »Ich glaube nicht an diesen Unsinn«, wisperte ich brüchig.
»Warum bist du dann hier, Unschuld?« Seine Hand wanderte meinen Leib hinauf und hinterließ eine Feuerspur unter meiner Kleidung. Sein Duft – Sandelholz, Rauch mit einer Spur Schwefel – kitzelte meine Nase.
»Ich … ich weiß nicht.« Matt ließ ich mich gegen seinen Körper sinken, dann nahm ich allen Mut zusammen. »Wegen dir.«
»Immerhin bist du ehrlich« Er drehte mich herum.
Ich hörte Maggie jammern: »Können wir jetzt bitte gehen, Leute?«
»Nein. Bleib im Licht!«, bellte Ellie.
»Welches Licht, verdammt? Die Kerzen sind ausgegangen.« Ein Klacken, dann: »Mist! Die Taschenlampe tut’s nicht mehr.«

Foto: Catalina Cudd

Jenseits des Pentagramms war Lindas Kichern zu hören, begleitet von einem heiseren »… dich total geil.« Joe findet Linda geil? Ich dachte, er wäre smart.
Ich nahm die Gesprächsfetzen nur am Rande wahr. Steve hob mein Kinn mit zwei Fingern und küsste mich. Er. Küsste. Mich.
Und wie er mich küsste! Mit weichen, warmen, unbarmherzig hungrigen Lippen. Seine Zunge wand sich um meine und spielte mit ihr. Ich weiß nicht, was ich schmeckte. Es war, als hätte ich etwas Brennendes, betäubend Scharfes in die Kehle bekommen. Ein Stromstoß nach dem anderen raste durch meinen Körper. Ein wildes Pochen erwachte in meinem Unterleib. Ich versuchte, seinen Kuss zu erwidern, aber weder meine Lippen noch die Zunge wollten gehorchen. Ich wurde von diesem Wahnsinnskuss einfach mitgerissen. Die Zeit strudelte davon, die Dunkelheit um uns herum geriet in Bewegung. Ich klammerte mich an Steve fest, meine Augen suchten seine. Alles, was ich erkennen konnte, waren zwei schimmernde Flecken im Schatten der Kapuze.
»Wir werden jetzt gehen.« Seine Rechte wanderte unter meinen Pullover und strich über die nackte Taille. Er presste sein Becken gegen meine Hüfte, hart, pulsierend, fordernd, ganz anders als das langsame Streicheln. »Komm mit mir, kleine Unschuld.«
Ich wäre zu Boden gegangen, wenn Steve mich nicht festgehalten hätte. Mein Atem kam stoßweise, mein Kopf schien wie mit Watte gefüllt. »Wohin willst du denn?« Himmel, ich hörte mich an wie ein kleines Kind.
Er knabberte sich an meinem Kinn entlang, während die steinharte Beule in seiner Jeans sich regelrecht in mich hineinbohrte. »Egal wohin«, wisperte er. »Ich will die Welt entdecken. Ich will dich entdecken.«
Etwas stimmt hier nicht. Die Erkenntnis kämpfte sich mühsam ihren Weg durch die Betäubung. »Linda hat gesagt, du stehst nicht auf Erstsemester.«
»Linda weiß gar nichts.« Spott schwang in den Worten mit. »Ihr alle wisst gar nichts.«
»Steve …«, begann ich, doch seine Lippen verschlossen meinen Mund. Mein Körper wurde nachgiebig unter seinen Händen, seinem Kuss. Seine Erektion schwoll spürbar an, ich schnappte nach Luft. Ich konnte nicht sagen, ob das, was mich im Griff hielt, eine verrückte Art von Lust war, oder eine unbekannte, archaische Angst. Steve fühlte sich gefährlich an – eine andere Beschreibung fiel mir nicht ein. Er war so unnachgiebig, so hitzig, als stünde sein Inneres in Flammen. Bisher hatte ich ihn nur als attraktiven jungen Mann betrachtet, doch hinter diesem Äußeren lauerte ein fremdartiges Wesen. Eines, das sein hungriges Auge auf mich geworfen hatte.
Ein ersticktes Stöhnen kam aus meiner Kehle, als Steve mich Schritt für Schritt rückwärts drängte, fort von den fünf dicken Kerzen, die eine Ahnung von Licht verbreiteten. Seine Konturen verwischten trotz der Nähe. Das Glimmen seiner Augen wurde stärker. Meine Finger krallten sich in seine Jacke, mein Herz schwoll mit jedem Schlag an, als wolle es bersten. Der Steinboden unter mir schwankte.

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Während Steve mich von den anderen fortschob, hinein ins Dunkel, glitt seine Hand an meiner Hüfte herab und zwischen meine Beine. Zwei Finger pressten sich gegen meinen Spalt. Ich taumelte und bekam mehrere Sekunden lang keine Luft.
»Du willst mich. Du willst mich.« Seine kaum hörbaren Worte krochen tief in meinen Verstand, bis ich nichts anderes mehr hörte, nicht einmal meine abgehackten Atemzüge. »Du willst mich.« Ein leichter Druck auf meine Klit, und ich wäre fast zur Decke hinaufgeschossen. Unwillkürlich bewegte ich das Becken. Ich glaube, mein Höschen war bereits klatschnass, doch noch immer wurde ich von dieser erschreckenden Betäubung beherrscht.
»He, wo steckt Becca?« Maggies Stimme kam von weit, weit weg. »Becca? Sag etwas!« Klang sie verängstigt? Es war mir egal. Ich schmiegte mein Gesicht an Steves Brust, versuchte, seinem Herzschlag zu lauschen.
Da war nichts.
Ich spürte nur diese unnatürliche Hitze, die durch seine Kleidung sickerte. Vielleicht hatte er Fieber. Seine blanke Haut zu berühren, musste sich anfühlen, als greife man in ein loderndes Feuer.
Mein Rücken stieß gegen Widerstand. Ein Hauch von Nachtkälte strich über mein Genick. Das alte Kirchenportal stand einen Spalt weit offen, ich tat einen tiefen Atemzug.
»Du willst mich.« Steves leise Stimme hielt mich gefangen. »Komm mit mir.«
Tu es nicht!, schrie eine verzweifelte Stimme aus meinem Unterbewusstsein. Ich schaffte es, den Kopf zu bewegen und an Steves Arm vorbei zurück ins Innere zu schauen. Sechs Gestalten bewegten sich wie unter Wasser um das Flackerlicht der Kerzen herum. Kurz tauchten Joes Züge aus dem Dunst auf, dann Danas weit geöffnete Augen. Sie schaute sich hektisch um. »Becca! Verdammt, wo bist du?« Ich glaubte, Maggie zu sehen, die eindringlich auf Ellie einredete. Linda schob die Kapuze des Mannes zurück, mit dem sie herumknutschte. Sie grub ihre Hände in sein Haar. Steves gekonnt zerzauste Frisur hatte ich schon immer gemocht.
Mein Mund öffnete sich. Doch es kam kein Laut heraus.
Der harte, heiße Körper an meinem drängte mich durch den Türspalt nach draußen. Keine Sterne standen am Himmel; die Umgebung war so schwarz, dass ich oben und unten nicht auseinanderhalten konnte. Ich tat einen Schritt rückwärts und wäre beinahe hintenüber die Stufen hinabgestürzt. Der Mann packte mich flink um die Taille. Er hielt mich fest und das war gut so. Denn als das Kirchenportal krachend ins Schloss fiel, gaben meine Beine endgültig nach. Eine eisige Windböe zauste mein Haar. Das Glühen seiner Augen gewann an Intensität. Sie waren tatsächlich orangefarben.
»Nun bist du mein.« Er schob die Kapuze zurück und lächelte.

Wie man eine höllisch geniale Kurzgeschichte schreibt

Da ich ja das Vergnügen habe, als Patin des Oktober-Schreibwettbewerbes von The Lounge zu fungieren, dachte ich, eine kleine Betriebsanleitung für das Verfassen einer verdammt guten Kurzgeschichte wäre an dieser Stelle angebracht.
Als Autorin ausufernder Romane bin ich ja geradezu prädestiniert, meine Perlen der Weisheit zu verstreuen, wenn es um Short Storys geht, haha. Egal, ich nehme meine Patenschaft ernst.

Im Gegensatz zum Roman steht in der Kurzgeschichte meist ein bestimmter Augenblick im Zentrum, der eine gewisse nachhaltige Auswirkung auf die Hauptfigur hat. Heißt: Am Ende ist sie nicht mehr so wie am Anfang (Ja, das kann auch eine Geschlechtsumwandlung sein. Oder ein unrühmlicher Tod als mitternächtlicher Snack im Magen eines … aber dazu später).
Ein solcher Augenblick kann eine schockierende Entdeckung sein, eine seltsame Begegnung, der erste Kuss oder der erste Auftragsmord, den der nervöse Killer-Azubi begehen soll.
In einer Kurzgeschichte beschränkt man sich auf den zentralen Konflikt und ein bis zwei Hauptfiguren. Es gibt wenige Handlungsorte und keine Vorgeschichte. Man wirft den Leser direkt ins Geschehen. Wenn dir an dieser Stelle immer noch episch zumute sein sollte, solltest du jetzt zwingend über das Schreiben eines Romans nachdenken.
Lange und komplexe Entwicklungen gehören in den Roman. Auch Perspektivwechsel, Vor- und Nebengeschichten. Ein Roman ist sozusagen ein jahrelang tobender Krieg (inklusive Propagandaflugblättern, Hamsterkäufen, grölenden Soldaten auf Freigang und gut organisierten Saboteuren), eine Kurzgeschichte dagegen eine satte Ohrfeige, die ordentlich nachhallt.
Oder so: Ein Roman ist eine Kathedrale, die sich in den Himmel hebt. Eine Kurzgeschichte hingegen der Beichtstuhl, in dem schlimme Dinge …
Vielleicht auch: Ein Roman ist der angesagte Club, in dem man auf smarte Popo-verhauende Millionäre und sexy-devote Studentinnen trifft. Die Kurzgeschichte ist das Glas Prosecco auf dem Tresen, in das jemand den geklauten Diamanten versenkt, bevor er vor den Bullen abhaut, die eben zur Tür hereinschneien. Stößchen.

Foto: Pixabay

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„Danke auch“, sagst du, „aber ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, worüber ich schreiben soll. Mir fehlt die IDEE!“
Ach, das Problemchen lässt sich lösen.
Es braucht nur eine Initialzündung, der Rest kommt quasi fast von selbst, irgendwie. Wenn man fest daran glaubt.
Für den Schreibwettbewerb haben wir es dir ganz einfach gemacht und fünf Begriffe in den Raum geworfen. In der Regel poppen bei wenigstens einem dieser Begriffe schon kurze Szenen, ein bestimmtes Gefühl oder eine Figur in deinem Hinterstübchen auf. Greif dir diesen Funken, bevor er Pffft macht und erloschen ist, schreibe ihn auf, dann kritzle all die Dinge drumherum, die dir spontan in den Sinn kommen, egal, wie absurd sie sind (die Logik, die kleine Bitch, darf sich später noch zu Wort melden). Du kannst diese Methode Brainstorming nennen oder Clustern, meinetwegen auch Helmut. Egal, Hauptsache ist, sie funktioniert.
Wenn dir beispielsweise beim Begriff Haus spontan ein Einbrecher einfällt, bist du schon einen Schritt weiter. Schreibe Einbrecher, dann einfach mal Meerschweinchen, Familienfoto, Turbine, Porno-DVD, Monster, Feuerzeug … drumherum.
Jetzt darfst du dir den Kopf darüber zerbrechen, wie wohl dein Einbrecher mit einer Porno-DVD in Verbindung gebracht werden könnte (möglicherweise handelt es sich bei der DVD um ein brisantes Homemade-Video des etwas biederen Elternpärchens, das mal ein bisschen Pep in ihre Eheleben bringen wollten. Der Einbrecher ist zuuufällig der Ex-Kumpel des sechzehnjährigen Sohnemanns, der eigentlich nur seine ausgeliehene X-Box zurückholen will, die Sohnemann nicht mehr herausrücken wollte. Der Rest der Geschichte findet sich demnächst bei Youtube …).
Oder mit dem Monster (das die immer freundliche Mittvierzigerin unten im Keller eingesperrt hält und mit Zeugen Jehovas füttert. Frau Mittvierziger hat im Antiquariat so ein komisches altes Buch gekauft und spaßeshalber ein paar krude Sprüche daraus rezitiert. BÄMM! Rauchwolke. Schwefelgestank. Monster im Wohnzimmer. Und weil ich mich nicht kurz fassen kann, mache ich aus dieser Idee gleich einen achtbändigen Roman).
Oder nehmen wir das Meerschweinchen – nennen wir es Goliath (das ist gut fürs Selbstwertgefühl des Schweinchens; es leidet schon genug unter seinem dicken Hintern*). Und wo wir vorhin die unglaublich raffinierte Idee mit dem Einbrecher hatten … Goliath sieht seine geliebten Möhren von dem Gangster bedroht und beschließt, in bester Guerillamanier den Eindringling außer Gefecht zu setzen; mithilfe eines Spielzeugautos und eines … aber dazu später. Goliath, stellst du an dieser Stelle fest, ist eine echt coole Sau.

Foto: fbhk_pixabay

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Nun hast du eine Ausgangsidee, aus der sich etwas machen lässt und eine interessante Hauptfigur mit dickem Hintern.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, über das Ende nachzudenken. Kleiner Tipp: Es sollte sich tunlichst vom Anfang unterscheiden. Je verblüffender, umso besser. Denk darüber nach, was der Leser (oder du) erwartet. Dann tu genau das Gegenteil. Ja, das ist gemein (George R.R. Martin hat diese Methode perfektioniert. Die Leser finden Eddard Stark sympathisch? Zack, Rübe ab, harhar). Vielleicht gibt es in deiner Story also kein Happy End. Aber Happy End kann jeder. Die fiesen Enden vergisst man hingegen nicht so schnell. Gut, deine Leser werden dich hassen, aber Schreiben ist kein Ponyhof.
Wenn du einen Start- und einen Zielpunkt hast, musst du nur noch eine paar tausend Buchstaben in den Zwischenraum kippen und …
Na gut, eine Struktur wäre angebracht („Struktur ist für Deppen!“, höre ich dich rufen. „Ich bin Künstler, ich kann mit Strukturkrams nicht arbeiten!“ Keine Sorge, hier geht es nicht um Malen nach Zahlen, sondern nur um ein paar Orientierungsbojen auf deinem Weg zum Ziel der Story. Das mit dem „Ich kann so nicht arbeiten“ habe ich übrigens mal beim Finanzamt versucht, weil: Ich hasse den Steuerkrams! Bremst mich in meiner Kreativität und so. Und kostet Geld. Die Herren Finanzamt haben herzlich gelacht und mein Konto geplündert. Eine Möhre, einen Stift und einen Block durfte ich behalten.)
Zurück zur Struktur: Deine Story braucht
1. einen Aufhänger (hat sie schon: das Haus, seine friedlichen schlafenden Bewohner und Goliath, der von seiner Frühstücksmohrrübe träumt);
2. einen Wendepunkt (die Stelle, an der klar wird, dass da gerade was Außergewöhnliches passiert: Einbrecher öffnet lautlos die Terrassentür. Goliath in seinem Käfig schlummert selig vor sich hin; vielleicht sabbert er ein bisschen. Können Meerschweine sabbern?)
3. einen ersten Knackpunkt (Goliath hört ein seltsames Geräusch … Der Eindringling öffnet die Kühlschranktür, wo die knackigen Möhren liegen! DIE MÖHREN!!!!)
4. den Mittelpunkt (Action! Blut, Schweiß und Tränen, bis es Goliath endlich gelingt, seine Käfigtür zu öffnen. Wie er das hinbekommt? Ich persönlich vermute, dass er aus seinen Kötteln, einigen zermahlenen Weizenkörnchen und etwas Trinkwasser eine explosive Sprengmischung zusammenrührt, die ihn ein paar Schnurrhaare kosten wird. „So ein hanebüchener Shice!“**, rufst du spöttisch. Wenn schon – wir heißen nicht Pepper***, wir schreiben hier Fiktion).
5. Der Druck auf unsere Hauptperson wächst, die Situation scheint ausweglos (Goliath, das tapfere Meerschwein, schafft es mit seinem dicken Hintern nicht die hohen Treppen zum Schlafzimmer hinauf und wird vom Einbrecher einfach durch den Hausflur gekickt. Der Einbrecher knuspert beiläufig an einer Möhre herum, während er Silberleuchter und Golduhren in seinen Rucksack packt. Goliath ist kurz davor, aufzugeben; doch er weiß, dass seine Menschen wegen des Einbruchs morgen bestimmt keine Zeit haben werden, neue Möhren zu kaufen. Ein Tag ohne Möhrchen: Katastrophe!).

Foto: sipa_pixabay

Foto: sipa_pixabay

Jetzt kommt
6. der Wendepunkt (Goliath beschließt, zum allerletzten Mittel zu greifen: er braucht Killer, den hausgroßen, blutrünstigen Rottweiler von nebenan, vor dem Goliath eine Scheißangst hat. Killer guckt ihn immer so hungrig durch den Zaun an, wenn Goliath draußen über die Wiese watschelt. Sagte ich schon, dass er einen dicken Hintern …?).
7. Die Auflösung ist das Ende deiner Short Story (In meinem speziellen Fall würde Goliath vermutlich kurzerhand von Killer gefressen. Seine Besitzer haben den reißzahnigen Rotti fast verhungern lassen – weil sie Schiss haben, sich ihm zu nähern? –, während der Einbrecher sich aus dem Staub macht. Er spuckt den Möhrenbissen aus; viel zu bitter, die Scheißrübe. Später wird man ihn anhand der DNA überführen. Und ich hätte mich endgültig als Verfasserin von niedlichen, kurzen Kindergeschichten disqualifiziert).

Foto: accsalgueiro0_Pixabay (E. Hemingway)

Foto: accsalgueiro0_Pixabay (E. Hemingway)

Deinen ersten Entwurf solltest du grundsätzlich flott, besser noch wahnhaft, herunterschreiben (gerne mit einem Gläschen Prosecco intus. Stößchen. Ein zeitgenössischer amerikanischer Autor hat folgenden hilfreichen Satz geprägt: »Write a little tipsy, edit sober.« Auf gut deutsch: Sei ruhig leicht angeschickert beim Niederwerfen deiner Rohfassung, aber stocknüchtern beim Editieren. Damit ist nicht das bekannte Hemingway-Zitat gemeint, das der Auffassung ist, man solle sich gründlich die Kante geben, bevor man sich an die Tastatur wagt. Schlechter Ratschlag, GANZ schlechter Ratschlag! A little Tipsy kann vermutlich jedoch hilfreich sein, um letzte gutbürgerliche Hemmungen zu verlieren und nicht vor herrlich absurden Einfällen zurückzuschrecken. Leider habe ich vergessen, welcher Autor das Hemingway-Zitat umformuliert hat. Egal, Stößchen!). Halte dich beim Erstentwurf nicht mit Korrekturen auf, mit Grübeleien über Satzformulierungen oder dem Namen der Möhrensorte, nach der Goliath so süchtig ist. Das ist Pillepalle. Pillepalle kommt später dran.

So, eigentlich ganz einfach, nicht wahr?
Weit gefehlt, muhahaha. Jetzt ist es dringend angebracht, sich viel Schokolade und die Nummer vom Pizzalieferdienst bereitzuhalten, die Facebook-App zu deinstallieren und Männe zum Skatwochenende zu schicken (»Aber ich spiele doch gar kein Skat!« »Dann wird’s Zeit, dass du damit anfängst. Tschüss.«). Tür abschließen, Schlüssel aus dem Fenster werfen. Du hast den Hund vergessen? Macht nix, wirf ihn hinterher … nein, halt! Streich die letzten Worte.
Du darfst jetzt aus deinem Rohentwurf eine glatte, saubere, perfekte Geschichte schnitzen, die möglichst nicht mehr als 2500 Wörter hat. Das ist Fleißarbeit, garniert mit qualmendem Hirn, streichen, neu schreiben, umformulieren, alles-löschen-und-noch-mal-von-vorne-beginnen und kürzen, kürzen, kürzen.
Viel Spaß, hehe. Und lass die Finger vom Prosecco! Der hilft dir nicht.
Überarbeiten kann dir leicht von den Fingern gehen, es kann dir aber auch den letzten Nerv rauben. Einerlei: Wenn du einen Rohentwurf hast und ihn gut findest, bekommst du den Rest auch noch hin.

Du stellst jetzt möglicherweise fest, dass deine Short Story immer noch alles andere als short ist. Kill your Darlings ist noch so ein schönes Zitat, das unter Autoren umgeht. Du hast den weltbesten, genialsten Satz ever geschrieben und du weißt es. Leider ist er für die Geschichte ohne Belang? Tja, schade. Rest in Peace, großartiger Satz. Betätige die Löschtaste oder verschiebe die Passage in dein eigens angelegtes Dokument mit dem Namen Literarische Perlen – kann man bestimmt noch mal gebrauchen. Auch die poetische Beschreibung des kristallenen Aschenbechers und die tränenrührende Geschichte, wie Goliath aus dem Tierheim adoptiert wurde, geht den Weg alles Irdischen.
Streiche rigoros alles, alles, was nicht dem Konflikt und der Auflösung deiner Geschichte dienlich ist. Wenn zum Schluss nur noch 315 Wörter übrig bleiben, passiert entweder herzlich wenig in deiner Story oder du bist ein wahrhaftes Kurzgeschichtengenie, das mit wenigen großartigen Sätzen alles auf einen Punkt bringen kann. An dieser Stelle nimm meinen demütigen Kniefall entgegen und gönn dir ein Gläschen Prosecco.

Bämm. Fertig ist dein wunderbarer, anrührender, spannender Beitrag zum The Lounge-Wettbewerb. Und wenn du jetzt sagst, du hättest keinen Spaß beim Schreiben gehabt, müssen wir zwei mal ein ernsthaftes Gespräch führen. Ich bringe den Prosecco mit.

Zu meiner grenzenlosen Freude muss, ähm, darf ich ebenfalls eine Geschichte beisteuern. 2500 Worte – selbst meine Einkaufsliste ist mitunter ausufernder. Das wird ein Spaß! Aber vorher muss ich noch Prosecco auf meinen Einkaufszettel schreiben. Viel Prosecco, dann macht’s noch mehr Spaß.

Ich freue mich auf deine 2500 Worte und wünsche dir viel Glück!
Stößchen.

Noch ein ganz, ganz wichtiger Tipp: Meerschweinchen und The Lounge – das geht nur zusammen, wenn man irgendwie pervers veranlagt ist. Du solltest also auf Nagetiere verzichten (und der geifernde Rottweiler muss auch nicht unbedingt sein).
Weil eine Leserin danach gefragt hat: Du darfst gerne Figuren aus einem meiner Romane für deine Short Story benutzen. Aber tu ihnen bittebitte nicht weh! Ich möchte sie heile wiederhaben. Danke.

Letzter Tipp: Vergiss alle Tipps und mache es so, wie du es für richtig hältst. Funktioniert überraschenderweise auch. Meistens.

Foto: mariachiara_m_pixabay

Foto: mariachiara_m_pixabay


*Das absolut süßeste an Meerschweinchen ist meiner Meinung ihr niedlicher dicker Pops, dicht gefolgt von diesem speziellen Meerschweinchen-Grinsen.

**Es ist mein erklärter Wille, dieses wunderbare Wort in möglichst jedem Blogbeitrag mindestens einmal unterzubringen. So lange, bis es von der Liste altmodischer Worte verschwunden ist.

***Pepper: ihres Zeichen angehende Enthüllungsjournalistin, die ihren ersten Auftritt in FOREVER NOMAD hat, dem zweiten Teil der Bullhead MC-Serie.

Dieser Blogbeitrag hat übrigens eine Wortzahl von knapp zwotausend. Ich kann nämlich auch kurz. Wenn ich will.

Leseprobe: „Brother’s Keeper“ – Bullhead MC-Series III

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Brother’s Keeper

Es ist vollbracht: Die Bullheads wurden wieder auf die Straßen losgelassen!

Ich liebe dieses Buch, weil es mich während des Schreiben fast zur Verzweiflung gebracht hat. Möglicherweise war Dammit daran Schuld – oder Nuts? Wie auch immer, es steckt richtig viel drin in BROTHER’S KEEPER: schlaflose Nächte, massig Koffein, dazu höllisch viel Spannung, noch mehr Gefühl, Blut und Pulverdampf, trockener Humor und viele heiße Szenen.
Pepper leidet von Tag zu Tag mehr unter der unverbindlichen Beziehung zu Nuts, dem Anführer der Nomads. French muss sowohl seinen Club als auch seine frisch gebackene Princess vor drohender Gefahr bewahren und sich nebenher der feindseligen Nachbarschaft annehmen. Weeds wiederum hadert mit den Nachteilen, die die Beziehung zu einem Einprozenter mit sich bringt.
Dann ist da noch Dammit, der mit seiner Zügellosigkeit und Wildheit regelmäßig den MC in Verelegenheit bringt und seiner Vergangenheit nicht entkommen kann. In der zurückhaltenden Lissy, die die heruntergekommene Kneipe gegenüber erbt (und einen Haufen gefährlicher Probleme dazu), sieht er ein leichtes Opfer. Doch Miss Hilflos, wie er sie verächtlich nennt, bringt nicht nur seine Pläne durcheinander.
Oh, habe ich schon die gut gekühlte Leiche erwähnt, die dringend ein Tattoo benötigt? Oder diese kleinen Grabbeigaben, auf die jeder scharf ist?
Und was stimmt nicht mit dem hilfsbereiten Freebiker Jared, der sich selbstlos für Dammit in die Schlacht geworfen hat?

BROTHER’S KEEPER ist das umfangreichste Buch, das ich bis dato geschrieben und veröffentlicht habe. Jepp, ein verdammt dicker Klopper.
Die Projektstatistik nuschelt etwas von 987 Normseiten (das sind noch keine Taschenbuchseiten, sondern „genormte Seiten“, die 1600 Zeichen pro Seite enthalten; die braucht man, damit die Korrektorin weiß, wieviel Arbeit ihr bevorsteht und was der Spaß kosten wird).
Frau Cudd und ihr Gespür für lange Geschichten …
Die Buchdruckerei hat bereits genörgelt, dass man nur Taschenbücher bis zu einem Umfang von 740 Seiten produzieren kann. BROTHER’S KEEPER wird in der Druckversion also ein größeres Format haben als seine Vorgängerbände. Sieht scheiße im regal, wenn die so nebeneinanderstehen, ist aber nicht zu ändern. Entweder das, oder ich müsste die Druckversion in zwei Bände aufspalten. Live is so complicated.

Egal, hier kommt für euch eine üppige Leseprobe aus BROTHER’S KEEEPER:
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(Kapitel 11 – Dammit)

Natürlich hat Miss Hilflos nach dem Vorfall die Bullen alarmiert, kaum, dass sie abgehauen ist. Und natürlich ließen die Cops sich Zeit, bevor sie auftauchten. In der Roten Senke könnte man in seinem eigenen Blut verrecken, die Bullen würden trotzdem erstmal in der Pizzeria auf eine kleine Stärkung vorbeischauen, bevor sie sich ins Viertel wagen.
Es dauerte eine Stunde, bis ein Streifenwagen vor der Randzone hielt. Die beiden Oberförster begutachteten das Gebäude von außen, linsten in den Hof, warfen einen finsteren Blick zur Werkstatt hinüber, die längst geschlossen hatte, und brausten wieder davon.
Heute Morgen ist die Randzone verlassen wie eh und je. Die Jalousien sind herabgelassen, der Bordstein vor dem Haus ist leer. Dammit glaubt nicht, dass das Mädchen mit den schicken Klamotten noch einmal auftauchen wird. Er spürt einen Stich der Enttäuschung. War ja klar. Sie ist eben doch nur ein Püppchen. Er geht davon aus, dass in den nächsten Tagen ein Immobilienmakler Fotos von der Bude machen und anschließend ein ZU VERKAUFEN-Schild am Zaun befestigen wird. Danach wird das Haus vor sich hin modern, bis Junkies und Ausreißer es entdecken und einsteigen. Eines Nachts wird ein zugedröhnter Dummkopf mit Zigarette in seinem Schlafsack einpennen und das Viertel abfackeln.
Aber vorher wird Dammit noch die alte Panhead aus der Scheune retten.
Target wurde zu Türsteherdiensten für Pilgrim Security abkommandiert und wird heute nicht in der Werkstatt auftauchen. Also schieben Dammit und Virgin die abholbereiten Bikes aus der Halle und reihen sie auf der Freifläche vor dem Tor auf. Der große Streuner drückt sich an der Mauer herum und beäugt sie unter seinem zerfressenen Zottelfell. Die Flanken sind eingefallen, am Hinterbein leuchtet eine frische Verletzung, wohl von einer Beißerei.
»Der arme Kerl hat Hunger.« Virgin holt einen halb gegessenen Müsliriegel aus seiner Brusttasche und hält ihn dem Hund entgegen. »Komm her, ich tu dir nichts.« Geduckt schleicht der Streuner näher, schnappt sich den Riegel aus Virgins Hand und flüchtet damit zurück zur Mauer, wo er ihn herunterschlingt.
»Wenn du ihn fütterst, werden wir ihn nie wieder los, du Idiot.« Dammit geht ins Büro, um Jared, den Langschläfer, vom Sofa zu werfen. Sein Blick fällt auf die Reste der gestrigen Thai-Imbiss-Lieferung auf der Fensterbank. Eine Pappschachtel enthält Nudeln mit Gemüse, eine andere gebratenen Reis. »Ganz dumme Idee«, seufzt er und trägt die Essensreste nach draußen. »Heute ist dein Glückstag, du häßliches Vieh.« Er stellt die offenen Schachteln mitten auf den kleinen Vorplatz. Die Nase des Hundes zuckt. »Hau rein. Aber glaub nicht, dass das zur Regel wird.« Er kehrt ins Büro zurück.
Jared hat es endlich geschafft, seine Augen zu öffnen und sich in die Senkrechte zu hieven. »Wusste gar nicht, dass du Tierfreund bist.« Er reckt sich und sucht nach den schweren Schnürstiefeln, die er vorm Schlafengehen quer durchs Büro gekickt hat.
Dammit durchsucht die Schränke nach seinem Kaffeebecher. »Ist doch egal, ob die Reste im Müll oder im Bauch eines Streuners landen. Und ein Wachhund kann nicht schaden.« Die Tasse steht in der Schublade und er hat keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist.
Der Freebiker fährt sich mit den Fingern durchs Haar. »Wofür brauchst du einen Wachhund? Niemand ist so dämlich, hier einzubrechen. Außerdem hast du einen Jared.« Er deutet auf seine Brust. »Braver Jared.«
»Ein Jared ist nicht bissig genug. Und verflucht anspruchsvoll, was das Futter angeht.«
»Immerhin bin ich geimpft. Glaube ich. Ist schon ne Weile her.« Jared wirft einen Blick aus dem Fenster. »Ich schätze, das Mädchen sehen wir nicht wieder.«
»Wenn sie schlau ist.« Dammit bewegt die steifen Schultern. Seine Nacht war unruhig, wie so oft, trotzdem ist er nicht müde. Rastlosigkeit rotiert in seinem Blut. Ständig schweift sein Blick zu dem verlassenen Gebäude gegenüber. Er beschließt, heute früher zum Training in Shades Dojo zu fahren. »Teddys Tochter habe ich mir anders vorgestellt.«
Jared schnürt seine Stiefel zu. »Etwa so wie die heiße China?« Er grinst.
Er braucht zwei Sekunden, bis er den Namen mit der rothaarigen Bitch in Verbindung bringt. »Heiß – von wegen! Die Kleine wurde längst durch den ganzen Club gereicht.« Dammit gibt ein Grollen von sich. »Hab die Befürchtung, dass sie sich was einbildet, nur weil ich sie ein paar Mal gefickt habe. Demnächst steht sie mit nem Koffer vor der Tür und will, dass ich ihr Platz im Kleiderschrank mache.«
»Du hast einen Kleiderschrank?«
»Nope, aber lass das nicht Weeds hören.« Draußen hat der Hund seine große Nase tief in die schmale Pappschachtel gesteckt, um auch noch das letzte Reiskörnchen zu erwischen. Es sieht verdammt albern aus.
Der Köter streunt seit Wochen durchs Viertel, ohne dass Dam ihm große Beachtung geschenkt hätte. Das Viech war irgendwann einfach da. Die Biker werfen ihm manchmal Bröckchen zu, aber Dammit selbst wäre bis heute nie auf die Idee gekommen, ihn zu füttern. Er weiß nicht, welcher Teufel ihn geritten hat.
Virgin geht raus und stellt eine Schüssel Wasser neben das Hallentor. »Der Hund heißt übrigens Wulf«, sagt er, als er sich wieder an die Arbeit macht.
Dammit hebt eine Braue. »Jetzt sag nicht, dass das Viech mit dir geredet hat.«
»Naja, er ist doch blond und so. Irgendwie nordisch. Sieht aus wie ein Wulf.«
»Virgin, das Viech sieht aus wie ein mottenzerfressener Flokati.« Dammit packt vorsichtig den Tank aus, der gestern aus der Lackiererei gekommen ist, und streicht über das Flammen- und Schädelmuster. Saubere Arbeit. »Wir hätten ihn nicht füttern sollen. Jetzt wird er anhänglich.«
»Er hat Hunger, das ist doch nicht seine Schuld«, sagt Virgin.
Dammit wirft einen Blick zum Tor. Der Hund sitzt auf der Schwelle und linst ins Innere. »Dieses Floh-Mutterschiff stinkt bis hierher«, konstatiert er. »Möchte nicht wissen, was der alles in seinem Fell mit sich herumschleppt. Wird das Hanta-Virus nicht von Hunden übertragen?«
»Dann bade ihn doch«, ruft Jared durch die Halle.
»Hast du sie noch alle?«, gibt Dammit zurück. »Wenn ihr unbedingt den Köter aufhübschen wollt, tut euch keinen Zwang an. Da hinten steht ein Hochdruckreiniger. Damit kriegt man alles sauber.«
»Manchmal bist du echt unheimlich.« Jared dreht am Schraubstock.
Ein Golf holpert vorbei, die Rücklichter leuchten auf und das Gefährt biegt in die Hofeinfahrt der Randzone.
Dammit hält inne und blickt hinüber. Ist das zu glauben? Ein winziges Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, gleichzeitig kocht Unmut in ihm hoch. Wieso ist das Püppchen zurückgekommen?
Teddys Tochter wuchtet eine Reisetasche aus dem Kofferraum. Eine verdammte Reisetasche!
Gestern musste er sich zusammenreißen, um nicht ihre Wange zu berühren. Er wollte herausfinden, ob ihre Haut sich so weich anfühlt, wie sie aussieht. Der Schrecken des Überfalls hat ihre Augen viel zu groß wirken lassen, ihr Teint war bleich, ihre Pfirsichlippen bebten sehr anregend. Es ist eine echte Überraschung, dass der olle Teddy so eine zarte Schönheit in die Welt gesetzt hat. Das Püppchen hat Dammit die Stirn geboten. Damit hat er nicht gerechnet. Sie vermutlich auch nicht, ihrem herrlich entsetzten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, den sie nicht unterdrücken konnte.
Er erinnert sich nur zu gut an ihren schockierten Blick, als sie ihn nackt gesehen hat. Eine brave, saubere Klosterschülerin, denkt er mit leichtem Grinsen. Kein Püppchen. Eine Coy. Wirklich süß. Weniger süß ist allerdings, dass sie ihre Bemerkung von gestern ernst gemeint haben könnte. Sie kann die Kneipe nicht behalten. So dämlich ist sie nicht. Andererseits … hätte er nichts dagegen.
Das lange weizenblonde Haar ist heute mit einem Seidenschal am Hinterkopf zusammengebunden und sie trägt Jeans. Sehr ordentliche Jeans und darüber eine karierte Bluse, deren Pastellfarbe perfekt zu ihrem Hautton passt. Die dünnen Absätze ihrer Schühchen taugen nicht für das kaputte Hofpflaster; sie knickt ein, fängt sich jedoch, bevor sie stürzt.
Dammit bemerkt, dass er den Tank fast in seinen Händen zerquetscht. Er legt das schwere Teil vorsichtig auf das Nest aus Luftpolsterfolie, ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen. Im Kopf hört er ihre Stimme, leise, fast zögernd. Sie formt die Worte auf eine sehr weiche Art, als wären sie ein Streicheln. Dammit ist so sehr an das laute, ungehemmte Lachen und die derbe Sprache der Bikerbitches gewöhnt, dass er gestern kurz aus dem Konzept geriet, als sie den Mund öffnete.
Die miesen Kerle in diesem Viertel werden sich die Hände reiben, wenn sich herumgesprochen hat, wem Teddys Haus jetzt gehört. Dammit ist einer dieser miesen Kerle. Frauen, die nicht augenblicklich ihr Interesse signalisieren, stellen eine Herausforderung dar. Dammit liebt Herausforderungen. Sie lenken ihn von dem ganzen anderen Scheiß ab, der ihn nachts nicht schlafen lässt. Der Sex mit einem Mädchen, das eigentlich nicht zu haben ist, befriedigt mehr, als ein gut benutztes Rockergroupie flachzulegen, das seine Aufgabe kennt. Bitches sind für den Druckabbau da. Alle anderen Frauen fickt man, um zu beweisen, dass man sie kriegen kann. Vor allem, wenn sie von sich selbst glauben, sie würden sich niemals von dem berüchtigten Dreckskerl vögeln lassen.
Die kleine, verträumte Coy mit der leisen Stimme wird er auch flachlegen, das steht fest. Danach wird er ihr hübsches Gesicht aus seinem Gedächtnis tilgen können, um wieder Platz für die Dunkelheit zu schaffen, die seine Gedanken umhüllt wie ein schwerer, stickiger, vertrauter Mantel.
Drüben werden nach und nach die Jalousien hochgezogen. Das Mädchen hat eine Menge Arbeit vor sich, wenn sie den Laden auf Vordermann bringen will. Das zerschlagene Mobiliar taugt nur noch fürs Lagerfeuer. Aber ihrem Äußeren nach zu urteilen, hat sie genügend Geld, um eine komplette Mannschaft anzuheuern und die Kneipe neu auszustatten. Reiche Tochter, vermutet Dammit. Bestimmt ist sie mit Privatschule, Reitunterricht und Wellnessurlaub auf den Bahamas großgeworden.
Ein blauer Viertürer rollt vor die Kneipe, zwei Männer steigen aus und halten auf den Eingang zu. Kurzhaarfrisuren, Schnäuzer und sportliche Jacken mit vielen praktischen Taschen.
Jareds Gestalt strafft sich, er greift nach einem Schraubenschlüssel.
»Sind nur Zivilbullen. Bleib locker, Prinz Eisenherz, die wollen nicht zu uns«, ruft Dammit ihm zu.
Jared wirft den Schraubenschlüssel klappernd auf die Werkbank. »Prinz Eisenherz hatte eine Scheißfrisur. Ich nicht, nur mal so nebenbei. Das Mädchen hat tatsächlich die Polizei gerufen?« Sein Kiefer ist verhärtet, seine Haltung wachsam. »Shit, verdammter.«
»Du magst Bullen nicht besondern, vermute ich«, sagt Dammit gleichmütig, während er Jared mustert.
»Die Gegenwart von Cops löst ein gewisses Unwohlsein bei mir aus«, gibt der andere zu.
Dammit nickt. Er fragt nicht nach, in welchen Schwierigkeiten Jared steckt. Es sind nicht seine Schwierigkeiten. Entweder redet sein Freund darüber oder nicht.
Es vergeht eine gute Stunde, bevor ein Pfiff ihn vorwarnt. »Dammit, da sind zwei Typen, die aussehen, als wollten sie dir ein Zeitungsabo andrehen!«, ruft einer der Biker, die jeden Tag hier abhängen, um Kaffee zu schnorren, an ihren Maschinen rumzuschrauben und genüßlich Gerüchte zu verbreiten.
»Nee, ich schätze, die Herren wollen mit ihm über Gott reden«, erwidert ein anderer. »Die Mühe könnt ich euch sparen, Jungs. Bei Dam hilft nur noch der Scheiterhaufen.«
Gelächter. »Hübsche Schuhe habt ihr an. Gibt’s die auch für Männer?«
Die beiden Zivilbullen tauchen missgelaunt unter dem Rolltor auf. »Hallo! Wir würden gerne mal ein paar Worte mit dem Chef wechseln.«
Wulf rappelt sich hoch und schleicht mit hochgezogenen Lefzen auf die Cops zu. Er grummelt warnend, die Cops bleiben wie angewachsen stehen.
Dammit lächelt. Der Köter ist doch zu etwas nutze. »Jared, mach mal Pause und tu was gegen dein Unwohlsein, bevor du meinem Besuch auf die Schuhe kotzt.«
Der Freebiker erlaubt sich ein schmales Grinsen und verschwindet nach hinten.
»Herr Yorke?« Wieder die Bullen. »Leinen Sie den Hund an!«
»Das ist nicht mein Hund. Aber Menschenkenntnis hat er, das muss man ihm lassen.« Dammit lässt sich extra viel Zeit, wischt sich Finger für Finger an einem Lappen ab und streicht noch einmal über den Tank. »Hey, Virgin, sammle den Köter ein, bevor er noch was Schlechtes frisst.«
Der schmale Prospect salutiert.
»Dürfen wir eintreten?«, sagt der ältere Bulle mit biestigem Lächeln.
»Nein.« Dammit bleibt auf der anderen Seite der Schwelle stehen, keine dreißig Zentimeter entfernt. »Falls es um die Schlägerei letztens in dem Pub am Kanalhafen geht: Ich war gar nicht da. Hab ein Alibi.« Er deutet mit dem Daumen zu Virgin. »Wir haben Rezeptkarten getauscht.«
»Im Haus gegenüber hat es gestern einen Überfall gegeben. Das Opfer hat ausgesagt, dass Sie und Ihre …«
»Erst mal möchte ich Ihre Ausweise sehen«, unterbricht Dammit den Mann mit liebenswürdigem Lächeln. »Es kann sich ja jeder Hergelaufene als Cop ausgeben.«
Die Ausweise sind unnötig; im Milieu sind sämtliche Zivilfahrzeuge der hiesigen Kripo bekannt. Natürlich studiert er die Plastikkarten trotzdem sehr genau, kratzt sich am Kopf und murmelt: »Vielleicht sollte ich mal auf dem Präsidium anrufen, ob alles seine Ordnung hat. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug …«
»Ach, lassen Sie doch das Theater, Herr Yorke!«, sagt der Ältere. Dammit ist sicher, dass die beiden Cops sämtliche Infos über ihn und seine Werkstattmannschaft aus dem Bullen-Server abgerufen haben, bevor sie sich hergewagt haben. Jonah Yorkes Sündenregister beschränkt sich auf drei Punkte ins Flensburg wegen Geschwindigkeitsübertretung und einem Bußgeld wegen Beamtenbeleidigung. Für die Einträge hat Dammit gesorgt, gleich nachdem er einen Batzen Geld für die neue Identität hingelegt hat. Ein Biker mit blütenreiner Weste erregt Misstrauen.
Der jüngere Bulle räuspert sich. Er will augenscheinlich die Rolle des guten Cops spielen, während der andere fürs Unfreundlichsein zuständig ist. »Die junge Frau, also das Opfer, sagt, Sie würden die Täter kennen und könnten sie eventuell beschreiben.«
»Kann ich nicht.« Dammit gibt ihnen die Plastikkärtchen zurück. »Ihr Foto ist übrigens scheiße. Sieht aus wie das Fahndungsbild von einem Perversen im Stadtpark. Womit ich keinesfalls etwas angedeutet haben möchte.«
Schlagartig verschwindet die aufgesetzte Höflichkeit aus den Zügen des Cops. »Die junge Dame sagt aber aus, dass Sie eindeutig eine entsprechende Äußerung gemacht haben!«
»Die junge Dame hat da wohl etwas in den falschen Hals bekommen. Der Schock und so. Ich würde euch echt gerne weiterhelfen, aber leider …« Er zuckt die Achseln. »Ich bin nur ein Schrauber, der Arbeit zu erledigen hat. Wenn ihr also so freundlich wärt und mich nicht länger aufhalten würdet … Zeit ist Geld und all der Mist.«
Der jüngere Bulle öffnet den Mund, vermutlich, um Dammit mit Beugehaft zu drohen. Der Ältere schüttelt den Kopf. »Die Mühe kannst du dir sparen, Mark. Das ist ein Bullhead, der redet nicht.«
»Ihnen ist sicherlich klar, dass Sie drei brutale Straftäter decken mit Ihrem Schweigen!«, faucht der andere. »Ich bezeichne so etwas als Mittäterschaft. Sie werden Ihre rechtswidrige Einstellung zutiefst bereuen, das versichere ich Ihnen! Ich mach Sie …«
»MARK!«, donnert der andere so laut, dass es von den Wänden widerhallt.
»Soll ich meinen Anwalt anrufen und ihm sagen, dass ich gerade von der Polizei bedroht werde?«, fragt Dammit überfreundlich. »Hätte ja wenig Sinn, den Notruf wählen.«
»Falls du Zeugen brauchst, Dammit – wir haben alles genau gehört«, sagt ein Biker. Die anderen stimmen nachdrücklich zu.
Der Ältere stößt einen Seufzer aus. »Ich entschuldige mich für meinen Kollegen«, sagt er in einem Tonfall, in dem alles Mögliche mitschwingt, aber bestimmt keine Entschuldigung. »Er ist noch nicht lange im Dezernat.«
»Ihn lasst ihr frei herumlaufen, aber meinen Hund soll ich an die Leine nehmen.« Dammit schnalzt missbilligend. »Wie soll sich ein unbescholtener Bürger da sicher fühlen?«
»Das Unbescholten nehme ich mal kommentarlos hin«, sagt der ältere Bulle. »Schönen Tag noch, die Herren.« Er tippt sich an eine imaginäre Mütze und schiebt seinen Kollegen nach draußen.
»Verpisst euch, ihr Vollpfosten«, brummt Dammit gerade laut genug.
»Was?« Der Jüngere wirbelt herum.
»Ich sagte, der Torpfosten muss dringend gestrichen werden.« Dammit schlägt gegen den Rahmen des Rolltors. »Sieht ja kriminell aus.«
Der ältere Bulle packt seinen Kollegen und zieht ihn mit sich. »Das hat keinen Sinn, Mark.«
Frenchs wuchtiger schwarzer Pickup biegt in genau diesem Moment in die Werkstattauffahrt und scheucht die Bullen zur Seite. Mit gestrafften Schultern marschieren die Zivilbeamten davon. Die Biker pfeifen ihnen hinterher.
»Hey, Dammit, ich wollte die Waffenlieferung abholen«, ruft French so laut, dass man es durchs ganze Viertel hören kann. »Du hast versprochen, noch ein Kilo Koks obendrauf zu legen.«
Die Köpfe der Bullen fliegen herum.
»Alles klar, Leute?« French winkt ihnen zu. »Vorm Puff steht ein Zuhälter auf dem Frauenparkplatz. Den solltet ihr euch mal vorknöpfen.«
»French, lass den Unsinn.« Weeds stemmt die Beifahrertür auf und klettert mit zwei großen Tupperdosen aus dem Fahrerhaus.
»Habt ihr Zwei kein Zuhause, dass ihr ständig in meiner gemütlichen Werkstatt abhängt?« Dammit verschränkt die Arme. »Ich sollte meine Berufswahl überdenken. Enforcer müssen anscheinend nie arbeiten.«
»Wofür haben wir denn unsere Prospects?«, sagt French. »Weeds wollte dir unbedingt ihr Carepaket vorbeibringen.«
»Danke, aber ich stehe nicht auf Blümcheneintopf mit Tofu. Versuch dein Glück bei Wulf.« Er nickt zu dem Streuner hinüber. »Der Hund frisst alles, was er kriegen kann.«
»Das arme Viech ist doch schon gestraft genug«, schnaubt French.
»In den Töpfen ist Chili, ihr Kretins. Man kann es gefahrlos essen. Ich habe genug für deine ganze Belegschaft gekocht«, sagt Weeds. »Dam, wo steht die Mikrowelle, die ich dir letztens mitgebracht habe?«
Mikrowelle? Er muss kurz nachdenken, dann deutet er zum Büro. »Jared hat sie irgendwo da drin aufgestellt. Ich glaube, er benutzt das Teil, um seine Socken zu trocknen.«
»Du bist unmöglich«, sagt sie und ruft: »Jared!« Mit ihren Plastikschüsseln verschwindet sie nach drinnen.
French begrüßt die Biker mit herzlichen Umarmungen und setzt sich zu ihnen auf die Mauer, um neueste Gerüchte auszutauschen.
Nach einer Viertelstunde verlassen die beiden Zivilbullen Teddys Kneipe und rasen davon. Es dauert keine weiteren zwei Minuten, bis das blonde Püppchen sichtlich zornig die Straße überquert. Sie hat sogar die Hände zu Fäusten geballt.
Die Jungs blicken ihr mit anzüglichem Grinsen entgegen. »Dam-Boy, da kommt ne Lieferung Frischfleisch«, sagt Griz. »Sieht verflucht lecker aus.«
Ihre Augen flirren zu den Bikern, ihr Schritt stockt. Jetzt wirkt sie wie ein Reh, dass sich plötzlich inmitten von Wölfen wiederfindet. Sie räuspert sich. »Ich will zu Dammit.«
Griz stöhnt theatralisch. »War ja klar.«
»Bist du sicher, Schätzchen?« Ein grobschlächter Hangaround zeigt seine Zähne. »Machst eher den Eindruck, als hättest du dich verlaufen. Deine Bluse ist hübsch. Was mag da wohl drin sein?«
Dammit lässt den Arm mit dem zölligen Inbusschlüssel sinken und geht ihr entgegen, bevor sie umdrehen und flüchten kann. »Sieh einer an, die adrette kleine Coy. Dir ist eingefallen, dass du dich noch nicht für unsere Hilfe bedankt hast.« Sein Kiefermuskel verkrampft sich beim Anblick der purpurfarbenen Schwellung an ihrer Wange. Ihr Handgelenk ist bandagiert, ihre Bewegungen steif, als tue ihr jeder Knochen im Leib weh. »Du siehst scheiße aus, Sweetie.« Das ist gelogen. Sie sieht angeschlagen aus, aber verrückterweise unterstreicht es nur ihre zerbrechliche Schönheit. Ihr Gesicht ist so offen, so aufrichtig, dass es beinahe durchscheinend wirkt. Zauberhaft, ist das Wort, das ihm unwillkürlich in den Sinn kommt. Kurz stockt ihm der Atem.
Obwohl die ordentlichen Jeans locker sitzen, ist unverkennbar, dass darin lange Beine stecken. Verdammt lange Beine. Jede Tänzerin würde morden für diese Beine. Unter der weiten Bluse lassen sich ihre hübschen Titten leider nur erahnen, aber Dammit ist überzeugt, dass sie größer sind als Pfirsiche. Und ebenso süß, möchte er wetten. Das ganze Mädchen ist ein Fremdkörper in dieser Umgebung. Eine Herausforderung. Er würde sie verflucht gerne nackt sehen, diese herrlichen Beine weit gespreizt, und zwar für ihn. Nur für ihn.
»Wieso hast du die Polizei angelogen?«, sagt sie, um eine autoritäre Stimme bemüht. »Du sagtest gestern, du hättest die drei Verbrecher schon mal gesehen.«
»Hab mich vertan. Teddy hatte viele Gäste.«
»Du lügst.« Sie redet leise. Das Feuer in ihren Augen bildet einen erregenden Kontrast zu den zarten Gesichtszügen und den rosafarbenen Lippen. Diese langen Wimpern – sind die echt? »Mir fällt nur ein Grund ein, warum du das getan hast: Diese Gangster sind eure Komplizen.« Ihre Augen flirren schnell zu den Bikern, die sie interessiert beobachten, und wieder zurück zu ihm. »Ihr steckt hinter dem Überfall!«
Er lacht auf. »Großartige Schlussfolgerung, Coy. Jetzt müssen wir dich leider töten, bevor du uns verpfeifst.« Fast tun ihm seine Worte leid, als alles Blut aus ihren Wangen weicht – aber nur fast. Das Mädchen stellt eine Gefahr dar, die er nicht einschätzen kann. »Hast du vergessen, was ich gestern sagte? Keine Bullen. Wir regeln unseren Kram unter uns. Teddy hätte das gewusst.«
Sie schiebt das Kinn vor, versucht, einen entschlossenen Eindruck zu machen. Aber sie hat eindeutig Schiss. »Mein Name ist nicht Coy.«
»Jetzt schon. Du hast dir den Namen redlich verdient, Coy.«
»Unverschämter Mistkerl.« Ihre Stimme ist eine weitere Nuance leiser geworden. Ihre Unterlippe zittert leicht. Mut hat sie, das muss man ihr lassen. Oder sie ist einfach nur dumm. »Wenn diese drei Männer zurückkehren und mich umbringen, bist du schuld.«
»Ich werde es im Hinterkopf behalten, Schätzchen.« Er knipst sein Grinsen aus und beugt sich vor. »Jetzt verpiss dich von meinem Grund und Boden. Ich habe keinen Bock, mich von einer dummen Blondine beleidigen zu lassen, die mir zum Dank dafür, dass ich ihr den süßen Arsch gerettet habe, die Bullen auf den Hals hetzt.«
»Wie kannst du …? Ich habe nicht …«, sie verstummt.
Ein zarter Duft steigt ihm in die Nase. Dammit weiß nicht, wie Pfirsichblüten riechen, aber jetzt bekommt er eine Ahnung. Es ist ein gefährlicher Duft, der ihn erschauern lässt. »Was hast du nicht?«, fragt er lauernd.
»Ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten. Ihr seid einfach reingestürmt!«
»Dein Glück, Coy. Sonst würde der gelbe Köter jetzt an deiner Leiche herumknabbern.«
Sie starrt Wulf an, der zurückstarrt. Im Niederstarren ist der Hund ein Champion. Vielleicht ist das auch seine unbeholfene Art, Leute um Futter anzubetteln. Das würde erklären, warum er so mager ist. Coy jedenfalls findet Wulf eindeutig nicht sympathisch, daran ändert auch sein zögerliches Schwanzwedeln nichts.
»Siehst du die bösen Jungs dort, Sweetie?« Dammit deutet mit dem Inbusschlüssel zu den Bikern. »Die fragen sich gerade alle, wie du wohl ohne deine sauberen Klamotten aussiehst. Normalerweise fallen sie nicht über jedes hübsche Paar Titten her, das ihnen unter die Augen kommt, aber du hast es auf meinem Grund und Boden an Respekt fehlen lassen. Rechne also nicht mit Höflichkeit ihrerseits. Wir lassen uns nicht ungestraft von Mädchen beleidigen, kapiert?«
Das Blut schießt in ihre Wangen. »Du ungehobelter Schuft«, faucht sie so leise, dass es schon als Flüstern durchgeht. »Du hast kein Recht …«
»Ich habe jedes beschissene Recht der Welt, Miss Hilflos. Ich nehme es mir einfach.« Er sorgt dafür, dass sie die Drohung in seiner Stimme nicht überhört. »Ich gebe dir drei Sekunden, dann bist du von meinem Gelände verschwunden. Hau ab, pack deinen Kram und verpiss dich dorthin, wo du hergekommen bist. Kauf dir zum Trost einen schicken neuen Nagellack, aber hau ab!«
Ihre Erwiderung besteht aus einem fassungslosen Keuchen.
»Drei Sekunden, Sweetie. Eins … Zwei …«, sagt Dammit sanft und wendet sich ab. Im Nacken spürt er ihren Blick, heiß vor Zorn und stummer Ohnmacht. Er glaubt sogar, ihren aufgeregten Herzschlag zu hören. Seine Kiefer pressen sich zusammen.
Endlich geht sie. Ihre kleinen schnellen Schritte verhallen auf dem Asphalt.
»Du Charmeur hast es wirklich drauf«, sagt Jared trocken.
»Jemand muss ihr deutlich machen, wie der Hase läuft, sonst steckt sie nächste Woche in einem Leichensack. Teddy hat Scheiße gebaut. Seine Tochter muss es nicht unbedingt ausbaden.«

Projekte, Projekte …

Geschafft! Das Projekt „Schreibklause aufhübschen“ hätte ich erfolgreich hinter mich gebracht, trotz Saunatemperaturen draußen, kryptischen Schrankaufbauanleitungen und nicht-haltenden Dübeln in der Wand. Von der Kaffeemaschine, die unerreichbar hinter einer gigantischen Wand aus Möbelkartons, zwischengeparkten Regalen und eiffelturmhohen Bücherstapeln schlummerte, gar nicht erst zu reden.
Jetzt sind die Möbel aufgebaut und all der Krams verstaut, der Schreibtisch steht, der Rechner – O Wunder! – fährt hoch, nachdem ich mit fröhlichem „Dafür muss man kein EDV-Experte sein“-Leichtsinn am Innenleben rumgepfuscht habe. Und eine hübsche, noch recht leere Bücherwand samt gemütlicher Leseecke habe ich auch endlich in meiner Klause. Wenn meine koffeinsüchtigen Heimsuchungen spitz kriegen, dass hier jetzt ein schickes neues Sofa steht, dürfte kontemplative Ruhe zur Förderung des kreativen Schreibprozesses endgültig der Vergangenheit angehören.

Schreibklause

Foto: Catalina Cudd

A Propos Kreativität: In meinem Kopf summen und surren Geschichten und Ideen wild umeinander, rütteln an den Gitterstäben meines Verstandes und brüllen: „Jetzt schreib uns doch endlich auf, du Schnarchnase von einer Autorin!“
Ich schreibe ja, ich schreibe. Wieder einmal an zwei Geschichten gleichzeitig, aus Gründen … Zwischendurch schnitze ich an all den Ideen herum, verwerfe, grüble, benutze fleißig die Löschtaste, bekomme Panik und klicke auf Wiederherstellen. Catalina sprudelt über vor Schaffensdrang und der Kaffeevorrat sieht auch gut aus.
Dann erhalte ich ein paar Mails und ein öffentliches Feedback, in denen sich bitterböse darüber echauffiert wird, dass ich Roman A veröffentlicht habe, obwohl man doch die Fortsetzung von Roman B erwartet habe. Was mir denn einfiele? Frechheit!
Gut, die Kröte schlucke ich dann mal. Mit Kaffee natürlich.
Dann erkläre ich nett, warum Roman A vor Roman B erscheint, dass auch mein Autoren-Tag nur 24 Stunden hat und ich ab und zu mal essen, schlafen und mit dem Hund Gassi gehen muss. Und dass der Vorgänger von Roman B, obschon seit anderthalb Jahren auf dem Markt, bislang nicht mal die Stromkosten der Schreibklause deckte, Roman A aber dafür sorgt, dass ich mich guten Gewissens Vollzeit-Autorin nennen darf. Roman A wurde in meiner Arbeitszeit erschaffen. In meiner Freizeit schreibe ich brav an Roman B weiter, der nach kaufmännischem Dafürhalten ein Hobbyprojekt ist, weil er Geld kostet, statt welches einzubringen. Wie das mit Hobbys halt so ist. Man tut Geld oben rein und unten kommt Freude raus.
Für ein kreatives Hobby muss man allerdings in der rechten Stimmung sein, sonst kommt Murks dabei herum. Ich sitze jetzt an meinem schönen neuen (erschreckend ordentlichen) Schreibtisch, starre auf den leeren Monitor und mein Kopf ist ebenso leer. Die Kaffeetasse gottseidank nicht.
Bin ich nun Lohnschreiberin? Muss ich alle zwei Wochen irgendwas auf den Markt werfen, um böse Zeilen zu verhindern, in denen vehement die Fortsetzung von Reihe Sowieso gefordert wird, sonst werde ich in der Hölle schmoren und bis in alle Ewigkeit 36-Seiten-Arztromane schreiben müssen? Sitzt in diesem Moment irgendwo ein enttäuschter Leser und bohrt mit grimmigem Lächeln lange spitze Nadeln in eine Catalina Cudd-Puppe?
Ich möchte kein schnell hingerotztes Lese-Fastfood veröffentlichen, sondern Geschichten, auf die ich stolz sein kann. Das geht nur mit viel Herzblut und Zeit. Und Kaffee natürlich.
Und all den vielen tollen Zuschriften von LeserInnen, die sich einfach über ein schönes Buch freuen und geduldig der Fortsetzungen harren, die da kommen mögen (oder auch nicht. Man muss nicht alles bis zum bitteren Ende toterzählen).
Die Freiberufler-Autorin wägt die Projekte gegeneinander ab. Sie starrt in den Kaffeebecher, als läge die Antwort irgendwo im Koffein verborgen. Macht es Sinn, vier Monate Vollzeit an Roman B zu schreiben, ihn zu veröffentlichen und anschließend mit dem Hund ums Trockenfutter zu kämpfen, weil die Verkäufe nur für einen resignierten Seufzer reichen?
„Wen interessiert dein Gejammer?“, grummelt Gelal. „Wir sitzen hier auf heißen Kohlen, Schreiberin. Also sieh zu, dass du die Sache endlich in trockene Tücher bringst.“
Etwas Ähnliches hat Ash gestern Nacht auch gesagt, bevor er missbilligend an meiner Kaffeedose schnupperte. „Schon wieder kein Death Wish Coffee. Sag mal, machst du das mit Absicht?“

Kaffeebecher_1

Foto: Catalina Cudd

Unten auf der Straße nähern sich Motoren mit lautem Grollen, was bedeutet, dass die nächste Heimsuchung gleich auf der Matte steht und ihr Recht fordert. ich traue mich schon gar nicht mehr, die Tür zu öffnen. Bringt aber auch nichts; die finden ihren Weg in meine Klause (und zur Kaffeemaschine), und wenn sie sich dazu vom Dach abseilen müssen.
Ich liebe alle meine Bücher, egal, ob sie auf Verkaufsrang drei oder drölfzigtausend stehen. Ich bin gesegnet, weil mein Hobby gleichzeitig zu meinem Beruf geworden ist. Aber die Vernunft kann ich trotzdem nicht gänzlich beiseite schieben, sonst ist’s schnell Essig mit dem Autorendasein. Und dem unerschöpflichen Kaffeevorrat.
Daher, liebe Leute, lasst den Romanen die Zeit, die sie brauchen, um geboren zu werden. Seid geduldig und lasst euch überraschen – etwas anderes bleibt euch nämlich nicht übrig.
(Nur auf die geheimnisvolle Heilkraft des Kaffee ist immerdar Verlass.)

Was ich damit sagen will: Warum gibt es eigentlich keine Kaffeedosen, die mit einem wirklich soliden Vorhängeschloss versehen sind? Und warum ist in meiner Schreibklause neuerdings soviel Grün, wo doch Orange meine Lieblingsfarbe ist? Ist womöglich eine gewisse Naturfotografin nachts hier eingestiegen und hat heimlich alles umgepinselt …?
Fragen über Fragen.
(Und dem nächsten Roman lege ich eine kleine Catalina Cudd-Puppe bei, samt rostigen Nadeln. Okay?)

Zuschussprojekte, dünner Kaffee und mysteriöse Todesfälle

Es gibt ja immer die Frage nach Fortsetzungen. Das allein ist schon ein großes Kompliment. Der Leser würde nicht nach einer Fortsetzung fragen, wenn er heilfroh ist, die letzte Seite zuschlagen und die nervtötenden Charaktere samt ihrem hanebüchenen Abenteuer endlich vergessen zu dürfen.
Wenn ich das Wörtchen ENDE unter das Manuskript tippe, wird in meinem Kopf auch kein Schalter umgelegt und danach ein anderes Programm angeknipst. Ich sitze dann noch lange da und grüble darüber nach, ob French jemals lernt, eine Waschmaschine anzuschalten oder ob beim nächsten Rogue-Konzert plötzlich Tonis Verstärker in die Luft fliegt und eine Massenpanik ausbricht. Ob Nikodem Baric jemals wieder auftaucht oder ob der draufgängerische Lucius D’Abel sich gar die Haare schneidet …
Fortsetzungen sind toll. Sobald man den nächsten Band aufschlägt, ist es, als würde man nach Hause kommen, wo sich gute Freunde versammelt haben.
Für die Autorin gilt das Gleiche. Wenn sie zu nachtschlafender Zeit in ihre Schreibklause tappst, die Augenlider auf Halbmast, herzhaft gähnend, dann flegeln sich gewöhnlich alte Bekannte auf dem Sofa, Kaffeebecher in den Händen haltend und mit dem Kinn auf den flimmernden Bildschirm deutend. „Wir haben die Kiste schon mal hochgefahren“, sagt dann meist jemand. „Und ein paar klitzekleine Korrekturen an deinem Geschreibsel vorgenommen. Kannst von Glück sagen, dass wir ein wachsames Auge auf deine peinlichen literarischen Ergüsse haben, Schreiberin.“
In der letzten Nacht war es Ash aus den „Tausend Söhnen“, der etwas in der Art sagte. Er und die anderen Wächter haben in letzter Zeit reichlich oft meine Klause heimgesucht, Bücher aus dem Regal gezogen und falsch herum wieder zurückgestellt, kryptische Zeichen auf jedem Papierschnipsel hinterlassen, den sie finden konnten, und sich darüber beschwert, dass ich keinen Death Wish Coffee habe. „Das Zeugs frisst sich durch die Kaffeemaschine und löst die Löffel auf“, ist meine übliche Antwort.
Bildschirmfoto 2015-08-17 um 13.15.46„Pah, du Mädchen!“, sagt Ash mit verächtlichem Schnauben. „Was macht unsere Fortsetzung? Wir haben dir alles erzählt, was wir wissen, aber mehr als ein Konzept und eine Seite mit dem erschöpfenden Inhalt Kapitel Eins hast du bisher nicht zustande gebracht. Alle Verlorenen, da draußen treiben untote Monarchen und eine Horde Wiedergänger ihr Unwesen und du schreibst ein Buch über teetrinkende Motorradfahrer in schmutzigen T-Shirts!“ Er wirkt nicht fröhlich gestimmt, um es mal vorsichtig auszudrücken. „Du solltest dringend über deine Prioritäten nachdenken, sonst kümmern wir uns darum.“
Ich lasse mich in meinen Chefsessel fallen – der eher ein Sekretärinnendrehstuhl ist, um der Wahrheit die Ehre zu geben, aber unterschätze niemals die Macht der Suggestion. Außerdem hat er ein ergonomisches, total rückenfreundliches Polsterdingens in knalligem Apfelgrün. „Eines wollen wir mal klarstellen, meine Herren“, zische ich, „die Romane schreibe immer noch ich. Ihr trinkt bloß meinen Kaffee weg und raubt mir die Nachtruhe.“
„Also, Kaffee würde ich das nicht nennen.“ Balman blickt in seinen Becher. „Man kann den Boden durchscheinen sehen. Bist du sicher, dass du das Zeugs nicht aus dem Spülbecken geschöpft hast? Es schmeckt irgendwie nach …  erwärmter Seifenlauge.“
Ich versuche, ihn mit meinem Blick zu erdolchen. „Das ist mein Lieblingskaffee, du Banause! Aus nachhaltigem biologischem Anbau, fair gehandelt. Und das nächste Mal werde ich die Kaffeemaschine mit Weihwasser befüllen und eine Knoblauchzehe reintun! So!“
Balman grinst. „Wenn du dann noch anfängst, Psalmen zu rezitieren und mit einem Kruzifix herumzuwedeln, wird es sicher unterhaltsam.“
„Können wir zurück zum Thema kommen?“, grollt Ash. „Wieso geht es nicht weiter mit unserer Geschichte?“ Er zeigt auf den Monitor, wo der Cursor nervtötend blinkt. „Die verfluchten Könige sollten endlich aufgespürt und zurückgeschickt werden, bevor“, er macht eine bedeutungsschwangere Pause, „etwas wirklich, wirklich Schlimmes passiert.“
Ich kneife meine verschlafenen Augen zusammen. „Sag mal, drohst du mir gerade, Legionär?“
„Ach was, ich spekuliere lediglich vor mich hin.“ Ash lehnt sich vor. „Wir haben eine verflucht wichtige Aufgabe zu erledigen, aber du lässt uns im luftleeren Raum hängen, Schreiberin, und tippst stattdessen nette Vorort-Geschichten mit motorisierten Zweirädern zusammen. Also, wie sehen deine Pläne aus?“
Zurück in die Wohnung tapsen, unter die kuschelige Bettdecke kriechen und ausschlafen, denke ich sehnsuchtsvoll. Es ist halb drei Uhr in der Nacht und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum ich auf meinem apfelgrünen Sekretärinnendrehstuhl sitze und meinen Romanfiguren beim Meckern zuhöre. Okay, irgendwo kann ich sie verstehen. Und ich frage mich ja auch immer wieder, wie es mit den Wächtern, mit Jo und ihrem unheilvollem Talent, der verratenen Colony und den unauffindbaren untoten Monarchen weitergeht. „Ich erkläre es mal so, dass es auch der letzte niedere Dämon in diesem Raum versteht“, sage ich.
Balman und Ash wechseln einen Blick, Ashs Augen glühen jetzt noch unheilvoller. „Hat sie gerade Niedere Dämonen gesagt?“, grollt er.
„Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir“, Balman zupft an seinem geflochtenen Kinnbärtchen. „Autorin stirbt mysteriösen Tod in ihrer eigenen Kaffeemaschine. Sie hinterlässt eine unvollendete Urban Fantasy-Serie und ein paar reichlich angepisste Dämonen.“
***
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs in die seltsamen Tode von Literaten erlaubt:
Der Horrorautor Edgar Allan Poe wurde benommen und in fremder Kleidung auf der Straße aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht, wo er vier Tage später im Alter von 40 Jahren das Zeitliche segnete. Die Ärzte konnten die Todesursache nicht klären. Ich behaupte mal, dass er sich eine neue Identität zulegen wollte, damit ihn seine höchst eigenen Heimsuchungen nicht finden konnten, die ihn garantiert zu diversen Fortsetzungen nötigen wollten. Sein Plan ist nicht aufgegangen, offensichtlich, und Der Untergang des Hauses Usher hat auch keinen zweiten Teil bekommen. Soviel dazu.
Tennessee WilliamsTennessee Willimans erstickte an der Verschlusskappe seiner Augentropfen; bis heute hält sich das Gerücht, er sei ermordet worden. Sherwood Anderson verschluckte einen Zahnstocher, bekam einen inneren Abzeß und verstarb daran. Vermutlich hatten beide Schriftsteller ein ähnliches nächtliches Streitgespräch mit Romanfiguren geführt, wie ich es gerade tue, nur dass statt einer Kaffeemaschine ein Zahnstocher beziehungsweise ein Augentropfendeckel unheilvolle Erwähnung fanden, weil Kaffeemaschinen damals noch nicht sehr weit verbreitet waren.
Ödön von Horváth wurde von einem Ast auf dem Champs-Élysées erschlagen – wahrscheinlich, weil er partout keine Fortsetzung von Der jüngste Tag schreiben wollte. Logo, was soll nach dem jüngsten Tag auch noch groß kommen?
***
„Hört einfach zu, okay?“ Ich tue so, als hätte ich Balmans nicht sonderlich subtile Drohung überhört, räuspere mich und sage: „Also, es ist so: Ich bin nur eine kleine Indie-Autorin und der Fantasybuchmarkt ist groß, verdammt groß. Unüberschaubar riesig. Zigtausende Romane, unendlich viele Geschichten. Und dann ist da noch Game of Thrones, dessen Ende ich wohl nicht mehr erleben werde.“ An dieser Stelle muss ich leise seufzen.
„Ja. Schön, dass wir darüber geredet haben“, knurrt Ash. „Und?“
Die Armee der Tausend Söhne hat ihre Leser gefunden, keine Frage. Und diese mochten das Buch und sie wollen auch wissen, wie es weitergeht.“
Er deutet nachdrücklich auf den blanken Bildschirm. „Dann leg verflucht noch mal los!“
Ich hebe die Schultern. „Leider ist das Schreiben von Fantasy-Romanen in der Regel wirtschaftlich subobtimal, wenn man nicht gerade Gorge R.R. Martin, Joe Abercrombie oder Wolfgang Holbein heißt. Ich stecke mehr hinein, als ich unterm Strich rausbekomme, um es mal salopp zu formulieren. Und Urban Fantasy ist noch mal eine Klasse für sich.“
Jetzt habe ich ihre Aufmerksamkeit. „Das bedeutet …?“, sagt Balman langsam.
„Das bedeutet, ich muss mir das Fortsetzung-Schreiben einer solchen Urban Fantasyserie erst einmal erarbeiten, indem ich andere, möglichst rentable Bücher veröffentliche. Von irgendetwas muss ich schließlich leben, während ich monatelang eure Abenteuer niedertippe. Der Computer läuft nicht mit Luft und Liebe, mein Hund frisst mir die Haare vom Kopf und euer Kaffee will auch bezahlt werden.“
Balman zieht die Brauen zusammen. „Erzähl mir nicht, dass du für diese geschmacklose Brühe auch noch Geld bezahlst, Schreiberin.“
Ich ignoriere den Einwand. „Der Krieg der Könige finanziert sich nicht von selber, meine Herren. Er ist ein Zuschußgeschäft.“
Ash kratzt sich am Kinn. „Mich hat noch nie jemand als Zuschußgeschäft bezeichnet“, murmelt er. „Das klingt verflucht noch mal nach einer Beleidigung.“
„Das ist die harte Realität, tut mir leid“, sage ich. „Um als Indie-Autorin eure Geschichte ruhigen Gewissens fortsetzen zu können, braucht es ein gewisses Polster. Oder einen großzügigen Gönner.“ Mir kommt ein Gedanke. „Ehm, wie steht es eigentlich um eure Ersparnisse? Ihr habt einiges auf der hohen Kante liegen, heißt es.“
„Wir haben auch unsere Ausgaben“, sagt Balman gleichmütig. „Unsere Burg ist ein Faß ohne Boden und Erste Klasse-Flüge bekommt man nicht zum Schnäppchenpreis.“
„Toll, und die arme Frau Autorin darf Holzklasse fliegen“, murre ich und wackle mit den Zehen. „Um es kurz zu machen: Ja, ich schreibe eine Fortsetzung. Aber ich muss trotzdem meinen Lebensunterhalt verdienen.“
„Schicke den Hund zum Betteln in die Fußgängerzone. Bei traurig dreinblickenden Tieren werden die Leute spendabel“, schlägt Ash vor. „Und verkauf dieses Motorrad. Fahrradfahren ist eh viel gesünder.“
Ich zeige ihm den Mittelfinger. „Sorgt einfach dafür, dass eure Fortsetzung ein spannender, hochemotionaler Kracher mit ordentlich Adrenalin wird und nicht wieder ein unbemerktes Projekt, bei dem ich draufzahle, ja? Dann haben wir alle was davon.“
Wieder tauschen die beiden glimmende Blicke aus. „Draufzahlprojekt“, grummelt Balman. „Das wird ja immer besser, bei Barbatos.“
„Herrgott, ich habe doch gerade gesagt, dass ich weiterschreibe!“
Er grinst. „Ah, Herrgott – so hat mich auch noch niemand betitelt.“ Dann wird er ernst und deutet mit dem Kinn auf den Monitor. „Okay, nachdem die Rahmenbedingungen geklärt wurden: Können wir endlich mit Teil zwei loslegen, bevor du von der Zeit und deinem miesen Kaffee dahingerafft wirst, Schreiberin?“
„So gebrechlich bin ich nun auch wieder nicht“, brumme ich und drehe ihnen den Rücken zu. „Nun fangt schon an mit eurer Geschichte …“
Bildschirmfoto 2015-08-17 um 13.16.08Worauf ich hinauswill, liebe LeserInnen: Ja, der Krieg der Könige wird weitererzählt.
Aber die Zeit, um die Serie weiterschreiben zu können, muss ich mir erstmal verdienen, im wahrsten Sinne. Als Indie-Autorin bin ich mein eigenes Kleinunternehmen. Der Krieg der Könige ist ein Nischenprodukt, heißgeliebt von einer Handvoll Lesern, die sehnlichst auf die Fortführung der Geschichte warten (mich übrigens eingeschlossen. Ich will auch endlich wissen, ´wie es weitergeht).
Aber allein die Produktion (in diesem Fall das schreiben, umschreiben, nochmal-umschreiben, korrigieren, lektorieren, formatieren und andere nervenzerfressende Dinge, die mit -ieren enden, die Covergestaltung, der Druck der Taschenbücher, der Werbekrams) kosten mehr, als es am Ende einbringt. Es gibt zigtausende – ach, was sage ich? Drölfzilliarden andere tolle Urban Fantasy-Bücher von weitaus bekannteren Autoren, die sich aus der Portokasse täglich eine neue Yacht passend zur Handtasche gönnen (na gut, das ist jetzt etwas übertrieben, aber ihr wisst, worauf ich hinauswill). Ein Herr Stephen King kann sich mal eben zwei Jahre auf sein Anwesen zurückziehen und ein, sagen wir, dramatisches tausendzweihundert Seiten starkes Bergdoktoren-Epos im postmodernen Telegrammstil verfassen, das nur dreieinhalb Käufer findet, und sich trotzdem jeden Morgen frische Croissants einfliegen lassen.
Umständliche Rede, kurzer Sinn: Darum dauert es so lange, bis ich mit Krieg der Könige dort weitermachen kann, wo die Tausend Söhne einstmals endeten.
By the way: Ihr könnt mir gerne eine PN schicken und ich lasse euch mit Freuden meine Bankverbindung zukommen  (zwecks Spende zur Unterstützung der fantastischen deutschen Literatur und so). Dann kann ich meinen ungeduldigen nächtlichen Heimsuchungen zu ihrem Death Wish Coffee vielleicht sogar noch eine Habanero-Chili servieren und endlich, endlich wieder ruhig schlafen …

Verdammich! – oder warum bestimmte Romanfiguren Dinge tun, die ich nicht verstehe …

Manchmal könnte man bestimmte Leute ja dahin treten, wo die Sonne niemals scheint. Man könnte sie am Kragen packen und durchschütteln, bis die Zähne klappern. Und dabei Sätze hervorstoßen wie »Warum-tust-du-das?Du-bist-doch-sonst-nicht-so-blöde???«, wobei jedes Wort von einer satten Ohrfeige unterstrichen werden könnte.
Mit Bestimmte Leute meine ich in diesem Fall meine Romanfiguren. Ich würde an dieser Stelle ja gerne sagen, dass ich die Chefin im Hause Cudd bin und somit bestimme, wo es in meinen Romanen langgeht …
Haha, weit gefehlt.
Die Damen und Herren Charaktere tanzen mir auf der Nase herum, krempeln meinen grandiosen, in wochenlanger Arbeit mühevoll zusammengeklöppelten, selbstverständlich Buchpreisverdächtigen Hammer-Plot einfach mal so um. Immer – das tun sie immer. Ich schwöre.
Und ich sitze dann vorm Bildschirm, lese mit gefurchter Stirn und murmele verblüfft: »Was zum …? Das ist doch vollkommener Blödsinn, was die da macht!«

Foto: Harley-Davidson

Foto: Harley-Davidson

Aktuelles Beispiel: Juli alias Weeds aus »Lucky Bastard«. Juli hat sich nicht an unsere Absprache gehalten. Danke schön, Weeds.
Okay, um der Wahrheit die Ehre zu geben: es war eher meine Absprache, mein Buch, meine Entscheidungen. Ich habe weitschweifig erläutert, was ich mir so vorstelle. Die liebe Juli hat vage mit dem Kopf genickt und gedankenverloren ein welkes Blatt von meinem Alpenveilchen gezupft. Und anschließend etwas getan, was ich persönlich für total dämlich halte.
Nicht nur ich übrigens. Ich zitiere aus der Rezension einer Leserin: »Den Punktabzug gab es für die „Heldin“, die mir einfach zu blöd, zu naiv, zu gut war. […] Jede Frau, die ich kenne, würde einem Mann, der sie bis aufs Hemd ausraubt und den Wölfen zum Fraß vorwirft einen A-tritt geben. Statt dessen entschuldigt die Protagonistin diesen Kerl fortlaufend, versucht ihm mit völlig blödsinnigen Maßnahmen zu helfen […], hat ständig ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren BEINAHE-Freund, der sie verraten hat „betrügt“ und bemüht sich später auch noch um sein Verzeihen.«
Meine Rede, liebe Leserin.
Juli ist eine patente, kernige junge Frau, nicht auf den Mund gefallen und mit, ehm, interessantem Modegeschmack. Sie ist selbständig, hart im Nehmen und mutig. Kein Mädchen, das Angst vor Spinnen und abgebrochenen Fingernägeln hat und definitiv niemand, der den Großteil des Tages mit seinem Smartphone verbringt. Sie besitzt nicht mal eines.
Aber deswegen ist sie noch lange nicht vor Dummheit gefeit. Juli befindet sich in einer Ausnahmesituation, nein, eigentlich sogar in zweien. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit hat sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann. Ein verdammich großer Schritt für sie. Gleichzeitig muss sie nach ihrer Rückkehr feststellen, dass ihr Zuhause kein sicherer Ort mehr und dass ihr Pflegebruder in Gefahr ist. Ihre altbekannte Welt steht auf dem Kopf, alles ist einer Bedrohung ausgesetzt.
Juli versucht, auf bestmögliche Art die richtige Entscheidung zu treffen, die da lautet: Lasse deinen Partner nicht im Stich, auch wenn er richtig fett Scheiße gebaut hat. Ihm den Rücken kehren und sagen »Sieh zu, wie du klarkommst, du Vollpfosten von einem Mistkerl«, das kann jeder. Das ist der leichte Weg. Und den will Juli nicht gehen. Sie will verzeihen, will beistehen, auch wenn es schwierig wird, und so diese Fast-schon-Beziehung auf ein festes Fundament setzen.
Die Geschichte mit den Prüfungen, gell? Schönwetter-Freunde gibt es zuhauf, aber auf wen man wirklich bauen kann, das zeigt sich erst, wenn der Orkan aufzieht und man so blöde ist, ohne Regenjacke und Anker nach draußen zu gehen.
Mick ist auch nicht gerade der strahlende Held, machen wir uns nix vor. Der kleine Schlaumeier hat fucking Bullshit gebaut, um es mit Frenchs Worten zu sagen. Er wollte Juli weder gefährden noch in seinen Schlamassel mit hineinziehen; verraten wollte er sie schon gar nicht (und er hat es auch nicht getan). Die Situation hat ihn überrannt und nun steht er mitten in einer Katastrophe und weiß nicht weiter. So weit, so bescheuert.
Tja, ich verstehe auch nicht, warum Juli dennoch an Mick festhält. Oder doch?
Angenommen, sie hätte ihm einen Tritt in den Allerwertesten gegeben und gebrüllt: »Ich bin fertig mit dir, du mieses Milchbrötchen!«, das wäre doch der Weg des geringsten Widerstandes gewesen. Fort mit Schaden. Beim kleinsten lauen Lüftchen macht die tapfere Weeds ihrer selbstgerechten Empörung Luft, vergisst all das Gute, das gewesen ist, und sucht sich einen Neuen, der hoffentlich weniger Schwierigkeiten bedeutet. Tolle Leistung. Das verlangt keinen Mut, gell?
Okay, ich verrate euch etwas: In meinem oberschlauen Plot war genau das so vorgesehen. Ein saftiger Kick-ass für Mick. Wäre alles nach meinem Plan gelaufen, hätte der Roman gute zweihundertfuffzich Seiten und ein paar Dramen weniger weniger gehabt (unter anderem den zweiten Besuch im berüchtigten Digger’s Inn und Frenchs feigen Abgang) und sowieso ein anderes Ende genommen.
Juli hat sich aber entschieden, sich an Mick zu halten, komme, was wolle. Mick ist dämlich, aber treu und liebevoll. Der erste Typ seit langem, dem sie sich öffnet. Sowas wirft man nicht mal eben über Bord. Entscheidungen trifft man mit dem Kopf und dazu muss man zunächst einen Denkprozess durchlaufen. Nicht ganz leicht in einer Ausnahmesituation. Manchmal grätscht auch noch das Bauchgefühl dazwischen, verursacht durch einen ganz gewissen arroganten Biker, und das Chaos ist perfekt.
Nachdem Juli mir also all dies erläutert hat, könnte ich sie zwar immer noch gepflegt durchschütteln, aber ein bisschen verstehe ich sie jetzt. Ich behaupte mal, jeder Kerl, der so ein Mädel wie unsere Weeds als Freundin bekommt, kann sich verflucht glücklich schätzen. Sie lässt ihren Freund nämlich nicht im Regen stehen, nur weil er gigantische Scheiße gebaut hat. Und das ist doch der Sinn einer echten Partnerschaft, oder?
Worauf ich hinaus will: Romanfiguren dürfen Dinge tun, über die wir Normalos entgeistert den Kopf schütteln. Sie müssen es sogar. Wenn sie exakt so wären wie wir, wären ihre Geschichten bestenfalls ein Abklatsch unserer eigenen Leben. Und die sind leider meist eher langweilig. Wenn Juli also Mick rechtzeitig mit einem satten Tritt in den Hintern aus ihrem Leben befördert hätte, wäre die Story zu Ende gewesen, Juli würde fortan ein ruhiges, ödes, durchschnittliches Leben führen und irgendwann den stellvertretenden Geschäftsführer eines Getränkemarktes daten. Bike? Tattoo? Schmerzhafte Erfahrungen? Nope.
Und wenn die gute, aber feige Weeds schon mit dem eher bürgerlichen Gamedesigner Mick nichts mehr zu tun haben will, weil der Schwierigkeiten bedeutet, dann wird sie erst recht einen groooooßen Bogen um sämtliche nomadisierenden Outlaw-Biker schlagen, die sich am Horizont blicken lassen, egal, ob sie süffisant grinsen, kernig aussehen und dezent nach Minze duften.
Wer bitte, möchte das lesen?
Also lasse ich Juli ihren Willen und schaue mir an, ob und wie ihr Verhalten polarisiert. Mir gefällt es, mit den Lesern darüber zu diskutieren und zu hören, wie sie in dieser Situation gehandelt hätten. Fast jede/r würde den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Ich übrigens auch. Aber ich heiße nicht Juli.
Jetzt bin ich recht froh, dass Juli gegen meinen superschlauen Plan gehandelt hat. Mit Sicherheit war es nicht die vernünftigste Entscheidung ihres Lebens, Mick trotz allem, was er getan hat, beizustehen, aber garantiert die interessanteste. Und was Frau Funke über Vernunft sagt, wissen wir ja mittlerweile alle.

Vernunft ist mitunter stinklangweilig.

Du kennst „Lucky Bastard“ noch nicht? Dann wird’s aber Zeit!

Die Muse, die Endzeit und ich – oder die Sache mit der Kreativität

Versteh einer die Musen …
Meine war vorletzten Montag zu Besuch, hat sich auf die Schreibtischkante gesetzt, mir eine Weile beim Auf-dem-Bildschirm-starren zugeschaut und dann beschlossen, einzugreifen. Auf ihre übliche schnoddrige Art sagte sie: »Das ist ja mal gar nix.«
»Danke für den hilfreichen Tipp, Frau Schlaumeier«, murrte ich und löschte die Worte, die ich in den letzten zwei Stunden geschrieben hatte. Sie lauteten: Tür immer gut abschließen. Nein, bitte fragt mich nicht … es war das Erste, was mir in den Sinn kam und ich hab’s nur getippt, damit in der Projektstatistik hinter geschriebene Wörter keine große fette 0 stand.
An diesem Tag saß ich – wie ich hier und da schon lauthals verkündet habe – an meinem Endzeit-Roman. Das Manuskript wuchs und wuchs und hat mich immer weiter hinaus in meine Geschichte getrieben, in Gegenden, in denen ich noch nie war und die auch nicht auf der Plot-Karte verzeichnet waren. Und ich hatte kein Navi dabei, verdammich! An besagtem Montag stand ich wie der Ochs vorm Berg und hatte keine Ahnung, wie es dahinter weitergehen soll. Stattdessen schrieb ich hilflos Tür immer gut abschließen. Ich muss wohl nicht hinzufügen, dass dieser Satz keinerlei Sinn ergab, weder im Kontext der Geschichte noch sonstwie. In der aktuellen Szene kam nicht einmal eine Tür vor!

Mit der Idee zu diesem Roman ging ich seit 2012 schwanger. Der Plot nahm später Formen an, als ich mich auf eine Solotour durch die norwegische Hardangervidda und das arktische Plateau begab. Während der vier Wochen glaubte ich über lange Zeit oft, der letzte noch lebende Mensch zu sein. Vielleicht war eine Atombome niedergegangen oder eine virale Katastrophe eingetreten und ich wusste von nichts.
Norwegen12_1517In der ersten Nacht hielt ich das Rauschen eines Gletscherflusses für den Hintergrundlärm der A40, bevor mir klar wurde, dass ich im Umkreis von wenigstens einer Woche Fußmarsch keinen anderen Menschen finden würde. Auf dem arktischen Plateau begegnete ich genau zwei Schneehühnern und einer erfrorenen Spinne. Unter der Schneedecke lagen Seen und Flüsse verborgen und einige Male brach ich bis zur Hüfte ein, während es tief unter mir rauschte. Beim leichtsinnigen Überklettern einer glattgefrorenen Granitplatte bewahrte mich nur der glückliche Griff in festes Gestein vor einem achtzig-Meter-Sturz in den Rembesdalsvatnet, einem See, der vom Hardanger-Gletscher gespeist wird. Überflüssig zu erwähnen, dass ich nicht einmal Handyempfang hatte.
Als ich das arktische Plateau überquert hatte (und eine wunderschöne unendliche weite Schneelandschaft), erreichte ich das berühmte Örtchen Finse (das man nur per Bergenbahn, Hubschrauber oder auf strammen Beinen erreicht), wo Anno dunnemals die Star Wars-Crew untergebracht war, als sie auf dem Gletscher die Szenen auf dem Eisplaneten Hoth drehte (Das Imperium schlägt zurück). Dort erfuhr ich, dass ich in diesem Jahr die dritte Person sei, die das Plateau gequert habe, und dass man den Typen, der eine Woche vor mir aufgebrochen sei, noch nicht wiedergefunden habe. »Naja, warten wir halt bis zum Frühjahr, wenn’s taut«, sagte mir der Hüttenwirt schulterzuckend.
Aber ich schweife ab …

Also, ich kam mit dem eigentlich vollständigen Plot zurück nach Hause, schrieb ihn auf und beschäftigte mich danach mit DEMONIZED.
Jetzt im April sollte ich mit meinem Endzeit-Projekt durch sein, zumindest hatte ich mir das so vorgenommen. Aber wie das so ist beim Schreiben, Drüber-Lesen, Verschlimmbessern: Die Charaktere könnten ein bisschen mehr Abenteuer und Motivation vertragen, den einen oder anderen Tritt in den Hintern – und ein paar Kataströphchen schaden eh nie. Gesagt, getan. Aus dreihundert Normseiten wurden drölfzighundert. Zurück zu Kapitel eins, umschreiben, wieder vor zu Kapitel Dingens, wo dieser durchgeknallte … nee, das war woanders. o Gott, diese Formulierungen! Schreibt man das wirklich so? Und den letzten Absatz versteht doch kein Mensch. Außerdem ist der todlangweilig. Was habe ich mir dabei bloß gedacht?
Schnitz, schnitz, tipp und lösch. Soll ich das Projekt nicht doch lieber aufgeben? Aber eigentlich liest es sich doch recht gut. Und es steckt schon sooo viel Arbeit darin … seufz.
»Was macht dein neuer Roman?«, fragte mein Männe beim Frühstück und ich nuschelte: »Läuft.«
Als Antwort bekam ich ein Stirnrunzeln, denn üblicherweise erzähle ich immer weitschweifig von allen interessanten und besonders den uninteressanten Begebenheiten, bis mein Männe verstohlen auf die Uhr linst und etwas von »Ich bin wohl eher nicht deine Zielgruppe« murmelt. Unterm Tisch lag der Hund und pupste leise vor sich hin, was auch eine Art von Literaturkritik darstellte.
Seit Wochen saßen mein Endzeitmanuskript und ich also zusammen am Schreibtisch und starrten uns an. Und dann streikte mein gesunder Menschenverstand und begann, sich die Haare zu raufen. „Ich bin doch nicht Cormac McCarthy“, flüsterte er, „und an einer neuen Version von 28 Days Later hat auch niemand Interesse. Endzeit ist tot. Zombies torkeln schon genügend über den Fernsehbildschirm und demnächst gibt es eine Fortsetzung von Mad Max in den Kinos. Komm, lass gut sein“, sagte mein guter Freund Verstand. „Das wird nix mehr.“
Meine Muse, die sich bis dato nur selten hatte blicken lassen (dafür gab es einen guten Grund, aber den erfahrt ihr gleich), tauchte plötzlich wieder auf. Mit einem Mal hockte sie auf der Schreibtischkante und sah mir wortlos dabei zu, wie ich Tür immer gut abschließen löschte. Ich hörte einen leisen Seufzer.
Meine Muse beugte sich vor und flüsterte: »Wie war denn so dein Wochenende?«
»Hab geschrieben«, brummte ich.
»Und?«
»Nix und.« Ich deutete auf den jetzt jungfräulich weißen Bildschirm, auf dem der Cursor nervtötend vor sich hin blinkte. »Tür immer gut abschließen. Mehr ist nicht dabei herumgekommen. Was auch immer das bedeuten mag.«
»Wollen wir beide nicht mal eine Weile über diesen klugen Satz nachdenken, meine Liebe?«, raunte die Muse.
Ich muss an dieser Stelle hinzufügen, dass meine Muse nicht gerade dem goldgelockten zarten Engel gleicht, den man sich gemeinhin unter Muse so vorstellt. Meine Muse hat eine Kartoffelnase und liebt Latzhosen und Holzfällerhemden. Und auf ihren großen Zehen wachsen Haare. Das weiß ich, weil sie grundsätzlich keine Schuhe trägt. Außerdem tut sie Zucker in den Jasmintee, was meiner Meinung nach mit nichts zu entschuldigen ist. Aber man soll seine Musen ja nicht nach dem Äußeren beurteilen.
Meine Muse allerdings hat noch eine andere Charakterschwäche: Sie klaut wie eine Elster (das ist der Grund, warum sie öfter für eine Weile untertaucht). Ständig verschwinden Dinge. Mal ist es der Schlüsselbund (den sie aber netterweise irgendwann wieder zurücklegt; meist dort, wo man ihn niemals vermutet), ein andermal die belgische Schokolade, die ich mir extra für Abends aufgehoben hatte, oder der Notizzettel mit der wahnsinnig wichtigen Telefonnummer, die ich dringend zurückrufen sollte. Mein Männe behauptet zwar, dass es keine Musen gäbe und die verschwundenen Gegenstände somit eine andere Ursache … aber lassen wir das. Männer halt.
Meine Muse ließ mich jedenfalls nicht vom Schreibtisch aufstehen, bis ich sehr, sehr eingehend über Tür immer gut abschließen nachgedacht hatte. Heraus kamen ein paar interessante Ideen und Szenen, die nach Aufklärung schrien.
Anschließend nahm ich mir das Wochenende frei, statt wie üblich zu schreiben. Ich besuchte, dem Rat meiner Muse folgend, ein großes, wuseliges Biker-Festival in der Nähe, organisiert vom Hersteller einer einschlägigen Motorradmarke, auf dem sich Weekend Warrior* und Einprozenter* gleichermaßen herumtrieben, verknallte mich unsterblich in ein Motorrad und führte anschließend ein langes Streitgespräch mit meinem inneren Buchhalter. »Eine hübsche kleine Honda Shadow reicht der gnädigen Frau wohl nicht?«, meckerte der bleiche dürre Buchhalter in meinem Hinterstübchen. Die Muse amüsierte sich köstlich und ich gewann mit dem unschlagbaren Argument: „Es gefällt mir. Ich will es haben. Jetzt!“ und einem Fußstampfer. Der Buchhalter warf resigniert den Taschenrechner in die Ecke und grummelte etwas von »Fahrradfahren ist aber viel gesünder«.
Zu Wochenbeginn saß ich wieder frisch und munter morgens um halb fünf vor dem Bildschirm (gut, streicht das frisch und munter) und öffnete ein zweites, leeres Projekt. Tür immer gut abschließen und die verliebte Betrachtung eines Motorrades amerikanischer Herkunft auf einer Veranstaltung, bei der Leder die dominierende Bekleidung darstellte (Haha, ich weiß, was dir gerade durch den Kopf geht, lieber Leser! Ich sagte doch, es war ein Biker-Fest!) – und siehe da: Die Geschichte von Frenchman und Juli war geboren.
Norwegen12_1022Meine Muse hockte wieder auf der Schreibtischkante und sah mir beim Tippen zu, während sie Zuckerwürfel in den Jasmintee fallen ließ. »Aber wie endet jetzt die Geschichte um Sascha, den Freak und Alaska?«, fragte sie und schlürfte den Tee (ihre Manieren sind genauso furchtbar wie ihr Kleidungsgeschmack). »Happy End, dunkle Wolken am Horizont? Alles Leben ausgelöscht?«
Ich grübelte nach. Diesmal wesentlich entspannter als noch in der Woche zuvor. Schließlich waren neue Gäste eingezogen, die auch ihre Geschichte erzählt haben wollten. Ich dachte darüber nach, was die Helden in meiner Endzeitstory bis jetzt alles hatten durchstehen müssen, wie weit sie gekommen waren. Ich hatte ihnen echt übel mitgespielt, mein lieber Scholli.
Und dann wusste ich, dass es für sie noch nicht zu Ende war. Es stand ihnen noch ein gemeiner Winter bevor, eine Katastrophe, ein Sinneswandel. Ah – und dort hinten sah ich die Zielflagge flattern. Dort musste ich hin!
Mit einem kleinen Lächeln leerte die Muse ihre Tasse und ließ sie in ihrer Latzhosentasche verschwinden.
»Du hast nicht zufällig auch ein paar einzelne Socken mitgehen lassen?«, fragte ich tadelnd. »Nach dem Wäschewaschen sind letztens schon wieder welche verschwunden.«
„Socken? Ich?“ Die Muse räusperte sich und deutete auf den Bildschirm. »Schreib lieber das auf, was dir eben durch den Kopf ging. Das war gut«, sagte sie und fügte hinzu: »Aber auch ganz schön gemein. Ich bezweifle, dass sie ungeschoren dort rauskommen. Meine Güte, wenn ich keine Muse wäre, müsste ich dich allein aufgrund deiner fiesen Gedanken in die Klapse einweisen lassen!«
»Das ist kein Blümchenroman, du Hobbit«, murmelte ich, während ich bereits lostippte, als müsste ich einen Sekretärinnenwettbewerb gewinnen.
Als ich das nächste Mal aufblickte, war meine Muse verschwunden – und mit ihr mein Lieblingskugelschreiber, der Locher und eine Topfblume. Dafür fand ich einen Post-It-Zettel, auf dem stand: Die Höllenreiter waren übrigens auch da und haben in deinem Notizbuch herumgekritzelt. Solltest mal reinschauen. P.S.: Das mit Kaffee war ich nicht!!! Die Muse

Die Moral von der Geschichte: Wenn die Muse »Mach mal Pause, du bleiches Wesen der Nacht, und geh an die frische Luft, damit dein zugesponnenes Hirn durchgepustet wird«, sagt, sollte man dringend auf sie hören. Eine Auszeit, und sei sie noch so kurz, ist keine verlorene Zeit! In meinem Fall hat sie mir neue Schubkraft für das Endzeitprojekt eingebracht und mir gleich die Figuren eines interessanten Bad Boy-Romans ins Haus geholt.
Ach ja: Und man sollte besser ein paar kluge Antworten parat haben, wenn Männe einen Anruf entgegennimmt und mit gefurchter Stirn fragt: »Wieso wollen Sie ein Motorrad anliefern? Ich habe keins bestellt.«

*Weekend Warrior: Freizeit-Rocker, meist betuchte Herren in der Midlife-Crisis, die ihr Motorrad nur am Sonntag bei Schönwetter aus der Garage holen, zum nächsten Bikertreffen fahren, Kaffee trinken, ihre makellosen Boots bewundern, und dann wieder nach Hause juckeln, um am Montag in der Kanzlei ganz cool etwas von „war ein echt harter Ritt am Wochenende“ fallenzulassen.
*Einprozenter: Geht zurück auf die sogenannten Hollister-Ausschreitungen auf einem US-Bikertreffen 1947, die heute zum Gründungsmythos der Biker-Subkultur gehören. Die AMA (Organisator des Treffens) erklärte angeblich später, dass 99% aller Motorradfahrer rechtschaffene Bürger und nicht an den Onepercenter - Hollister-BashAusschreitungen beteiligt gewesen seien.
Die Onepercenter-Raute wurde danach zum Symbol für „echte“ Biker, die sich mit der Sonntagsfahrermentalität nicht abfinden wollten. Heute steht der Onepercenter für Biker, die ihren Lebensstil ohne Kompromisse und Rücksicht leben wollen und wird hauptsächlich von Mitgliedern der Outlaw Motorcycle-Gangs getragen, jenen Biker-Gangs, die aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft, weitreichenden kriminellen Aktivitäten und ihrem Territorialverhalten als Gefahr für die öffentliche Sicherheit gelten und teilweise verboten wurden.

Nächtliche Heimsuchung – oder woher kommen all diese verd… Ideen?

In einem Interview wurde ich letztens gefragt, woher ich all meine Ideen für meine Romane bekomme. Ich habe dann, wie jeder Autor, gesagt, dass sie einfach so aus dem Nichts auftauchen. Man wandelt harmlos umher und wird plötzlich unter einer Ladung großartiger literarischer Ergüsse begraben. Klingt gut, oder?
Okay, ich habe gelogen.

Die Wahrheit sieht ganz anders aus … Fragt die Höllenreiter!

Gestern gegen 03:17 Uhr wurde ich von genialen Einfällen aus dem Schlaf gerissen, die dringend niedergeschrieben werden wollten. Also schlurfte ich in meinem gestreiften Häschen-Pyjama, mit Koboldfrisur und Kaffeetasse hinüber ins Studio, fiel mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und tippte im Halbschlaf das nieder, was sich bei Tageslicht möglicherweise als koreanische Gebrauchsanweisung für eine militärische Drohne entpuppen würde.
Egal.
Irgendwann war meine Tasse leer. Ich schleppte mich in die Büroküche und verfiel in Panik, als ich feststellen musste, dass mein Koffeinvorrat gerade noch für ein Mokkatässchen reichte. Wie zum  …?
Bildschirmfoto 2015-03-22 um 20.21.47Die Erklärung für den unerklärlichen Kaffee-Schwund bekam ich, als ich in meine Schreibklause zurückkehrte.
Zwei Besucher fläzten sich in den Lehnstühlen, tranken meinen  – meinen!  – Tre Forze Café, als wäre er lauwarmes Wasser, und musterten mich, als wäre ich eben aus den Bett gefallen  … na gut  …
»Du siehst vielleicht scheiße aus, Schreiberin.« Der tätowierte Kahlschädel musterte mich abschätzig.
»Na, du bist auch nicht gerade der Bachelor«, gab ich so bissig zurück, wie mein verschlafener Zustand es erlaubte.
Gelal grinste, stellte seinen leeren Porzellanbecher auf den Kopf und schüttelte ihn. »Im Übrigen ist dein Kaffee alle.«
»Drei Straßen weiter ist eine Tankstelle. Holt euch einen Coffee-to-go und belästigt gefälligst den Tankwart.« Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen. »Um diese Zeit empfange ich keine Gäste.« Und fiktive Gäste schon gar nicht, fügte ich in Gedanken hinzu.
»Ein Glück für die Gäste«, sagte Raym und mustert meinen Flanellpyjama. »Sind da etwa Häschen drauf? Alle Verlorenen, ihr Schreiber habt echt keinen Geschmack, was eure Garderobe angeht!«
Gelal beugte sich zu Raym und wisperte überlaut: »Wenigstens hat das Teil keine Lederflecken am Ellbogen wie beim ollen Fitzgerald.«
»Sehr komisch«, murrte ich. »Was wollt ihr?«
»Erstens«, Raym deutete auf meinen Monitor, »das da war gigantischer Bullshit. Ich habe es sicherheitshalber gelöscht, bevor du eine peinliche Dummheit damit anstellen würdest. Es veröffentlichen zum Beispiel.«
Ich fuhr herum und starrte auf den Bildschirm. Der Cursor blinkte auf einer jungfräulich weißen Fläche. »Du hast ein nicht reproduzierbares koffeininduziertes Meisterwerk in den Orkus geschickt, Höllenreiter!«, brachte ich hervor.
Raym schnaubte. »Nur weil ein Text einen zum Weinen bringt, muss es nicht ein Meisterwerk sein, Schreiberin. In diesem Fall waren es Tränen des Grauens. Du kannst mir später danken.«
»Ich werde dich aus meinem nächsten Buch rausstreichen«, grummelte ich.
»Womit wir beim zweiten Grund unseres Besuch wären.« Gelal lehnte sich vor und faltete die Hände. »Du hast da wieder was über uns geschrieben, nicht wahr?«
»Jepp. Geschrieben und veröffentlicht.« Ich versuchte mich vergeblich an die Geistesblitze zu erinnern, die ich vorhin noch im Halbkoma getippt hatte. Weg, einfach ausgelöscht!
»Schutt und Asche?«
»Hm?« Ich versuchte es mit dem cmd-z-Tastenkürzel, mit dem man die letzten Schritte wiederherstellen konnte. Netter Versuch, Schreiberin erschien auf dem Monitor.
»War es diesmal eine ordentliche Schutt-und-Asche-Geschichte?«, sagte er so aufreizend geduldig, als sei ich zurückgeblieben. »Du weißt schon. Armageddon, Armeen der Finsternis und all dies.«
»Klar war es das«, sagte ich abwesend und versuchte es erneut mit cmd-z. Wenn ich etwas lösche, dann gründlich las ich diesmal.
Haha  – danke, Raym. Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu; er inspizierte seine Fingernägel.
»Oder war es mal ein bisschen düsterer, mit Geheimnissen, die aufgedeckt werden müssen und Begegnungen der richtig finsteren Sorte?«
»Aber immer.« Nächster Versuch. Hartnäckig bist du ja, das muss man dir lassen. Ich rollte mit den Augen und gab auf.
Raym lächelte süffisant.
Gelal warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Weißt du, Schreiberin, das hat mich nämlich immer ein wenig gestört, dass wir in deinen Büchern eher einseitig dargestellt wurden. Vergnügungssüchtige Typen, die nur das Eine im Kopf haben.«
»Und? Wo ist das Problem?« Ich seufzte und schloss das Schreibprogramm. Es war mitten in der Nacht und ich redete mit Romanfiguren, die meine Texte löschten und meinen Kaffee wegtranken. Zeit, wieder ins Bett zu gehen. Dringend!
»Wir haben durchaus auch andere Facetten«, sagte Gelal. »Und falls es dir entgangen ist: Wir treiben nicht zum Spaß unser Unwesen in eurer Welt.«
»Sag bloß, ihr habt neuerdings einen Job.«
Die beiden wechselten einen Blick, Gelal schürzte die Lippen. »Ja  … das kann man so sagen. Einen Job. Durchaus.«
»Und was für eine Tätigkeit wäre das, bitteschön? Kneipen zerlegen? Niedliche blonde Mädchen auf alte Burgen verschleppen? Einem Autor seinen lebenswichtigen Kaffeevorrat wegsaufen?« Die letzten Worte betonte ich besonders und versuchte verzweifelt, mich daran zu erinnern, wovon mein letzter Roman um die Höllenreiter …
Raym kratzte sich am Kinn. »Das weißt du doch. Oder geht in deinem dritten Buch nicht genau darum? Um unseren Auftrag?«
»Auftrag?« Ich dachte angestrengt nach. Okay, ich zog ein annähernd nachdenkliches Gesicht, während in meiner Erinnerung Vakuum herrschte. Schließlich war es mitten in der Nacht und ich litt unter Koffeinentzug. Was genau hatte ich eigentlich über die Eidbrüder geschrieben? »Ihr habt das Buch doch gelesen, nehme ich an.«
Die beiden tauschten einen Blick. »Wir? Unser eigenes Buch? Nichts läge uns ferner.«
»Hm, wir haben vielleicht kurz einen winzigen Blick hineingeworfen, bevor du es veröffentlicht hast.« Raym zupfte ein Fusselchen von seiner Lederjacke. »Wollten nur sichergehen, dass du keinen Bullshit verzapfst.« Er grinst.
»Und – habe ich Bullshit verzapft?«, grollte ich.
»Nö. Wir haben die entsprechenden Passagen rechtzeitig abgeändert.«
Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut. »Das  … Ihr habt  … BITTE WAS?«
»Klitzekleine Details, hier und da. Nichts von Belang.« Rayms Grinsen wuchs in die Breite. »Gelals bis dato unbekannte Facetten seiner Persönlichkeit fand ich übrigens sehr unterhaltsam. Die hab ich alle dringelassen.«
»Hab mich köstlich amüsiert«, knurrte Gelal. »Ehrlich, musste das sein, Schreiberin?«
Ich rieb mir über die Augenlider; sie hingen immer noch auf Halbmast. »Ich habe nur aufgeschrieben, was ihr mir erzählt habt, Jungs. Was kann ich dafür …«
»Das habe ich dir ganz sicher nicht erzählt! Die Leute bekommen ein völlig falsches Bild von mir.« Seine Augen färbten sich pechschwarz; kein gutes Zeichen. »Bin nicht wild darauf, mir meinen miesen Ruf zu versauen. Hab schließlich lange daran gearbeitet.«
»Och, um deinen Ruf mach dir mal keine Sorgen, Eidbruder.« Raym versucht vergeblich, ernst dreinzublicken.
Ah, jetzt wusste ich, wer mir all diese Ideen über Gelals weichen Kern in mein schlaues Notizbuch gekritzelt hatte. Die Handschrift war mir gleich so seltsam vorgekommen.
»Die Episode mit dem kleinen Höllenreiter, der durch den Tankstutzen seiner eigenen Maschine gequetscht wurde, muss offenbar auch noch geschrieben werden.« Gelal fixierte ihn grimmig. »Du solltest dir dringend mal die Haare schneiden, Wischmop.«
Raym neigte sich verschwörerisch vor. »Wenn er sauer ist, hackt der Kahlschädel jedesmal auf meiner Frisur herum«, flüsterte er. »Blanker Neid, im wahrsten Sinne des Wortes.«
Ich gab ein seltsames Geräusch von mir.
»Was du Frisur nennst, bezeichnen andere als Untergang der Zivilisation«, brummte Gelal. »Können wir jetzt zum Thema zurückkommen?«
»Was wollt ihr von mir hören?«, murmelte ich schläfrig, stützte den Ellbogen auf die Schreibtischplatte und das Kinn in die Hand. »Dass ich euch einen heißen, extrem spannenden Dark Urban Fantasy-Thriller mit einer Portion Verschwörung und einem Hauch Apokalypse geschrieben habe?«
»Das wäre ein guter Ansatz.« Gelal lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Und? Hast du? Denk nach!«
Mist, ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich da verzapft hatte! Ich setzte mein Pokergesicht auf. »Aber selbstverständlich. Kein Vergleich zu euren ersten beiden Büchern. Der absolute Wahnsinn in Schwarz, ein wahrer Pageturner mit Fingernagelgebeiße, feuchten Augen und einer Prise Schwefel. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen  …«
»Irgendwie fühle ich mich gerade verarscht, Schreiberin«, unterbrach Raym mich grollend.
Ich stöhnte auf. »Ihr habt doch in meinem Manuskript herumgedoktort, also wisst ihr am besten, worum’s geht.«
»Wir kennen deinen Hang zum, ehm, Verschlimmbessern, kurz, bevor alles in Druck geht. Hast du irgendwo noch schnell ein Einhorn untergebracht? Oder einen glitzernden Blutsauger?«
Ich starrte ihn an. »Bitte, was?«
»Glitzer. Du weißt schon.« Raym verdrehte die Augen.
»Naja  …«, sagte ich zögernd. »Sam ist schon ein bisschen flimmrig, oder nicht?«
»Sam trinkt Kaffee mit Haselnusssirup! Das ist alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt«, grollte Gelal. »Sollte er es je wagen, zu glitzern, stopfe ich ihm eine seiner heißgeliebten Tauben ins Maul. Ungerupft.«
Raym unterdrückte ein Prusten. »Josea würde dich lynchen, wenn du das versuchen solltest, Eidbruder.«
Gelal brummte etwas Unverständliches, vermutlich war es ein unübersetzbarer Fluch in Henochisch, und die Luft begann zu knistern. Aus meinem Rechner kam ein entsetztes Fiepsen; eine Meldung erschien auf dem Monitor: Selbstzerstörungsmodus gestartet. Dieser heimgesuchte Rechner verglüht in 59 Sekunden zu Asche. Drücken Sie ESC, um …
Eilig hämmerte ich auf die Escape-Taste. Die Meldung verschwand.
»Ich mag Sam.« Ich atmete durch. »Er ist nett.«
»Nett ist der kleine Bruder von Scheiße«, schnaubte Gelal und stupste gegen seine leere Tasse. »Wie wäre es mit noch einem Kaffee, Schreiberin?«
»Ihr habt ihn leergesoffen. Schon vergessen?« Ich seufzte. »Es gibt im Übrigen keine Einhörner in eurem Buch. Aber eine Menge schlechtes Wetter, einen finsteren Gegenspieler …«
»Und ein süßes, bissiges Löwenmädchen«, sagte Raym mit süffisantem Grinsen.
»Lass sie aus dem Spiel«, grollte sein Eidbruder.
»Sie hat dir den Arsch gerettet.«
»Schnauze!«
Wow, selbst ich zuckte unter Gelals Bellen zusammen, dabei schlief ich eigentlich noch. »Ist dir das, ehm, irgendwie peinlich, Gelal?«, fragte ich vorsichtig nach.
»Quatsch!«, gab er zurück. »Aber darüber, wer wem aus der Bredouille geholfen hat, müssten wir noch einmal eingehend reden.«
»Naja  …«, ich blätterte durch mein Notizbuch. »Da war diese schreckliche Episode an dem nächtlichen Bahnhof  …«
»Was ist mit der Sache in der miesen Rocker-Spelunke?«, warf er sofort ein. »Ich habe sie vor dieser Meute gerettet!«
»Sie sagt, du hättest sie beinahe erwürgt  …« Sein pechschwarzer Blick ließ mich sofort verstummen.
»Ein Missverständnis«, murrte er. »Ihr Benehmen ließ zu wünschen übrig.«
Raym feixte. »Ich glaube, sie hat’s ihm angetan« wispert er überlaut.
»Der Tankstutzen wartet immer noch auf dich, Eidbruder«, sagte Gelal mit drohendem Unterton.
Die Festplatte in meinem Computer rotierte verzweifelt in ihrem Gehäuse, ein Rauchfähnchen stieg aus der Lüfteröffnung auf. Ich räusperte mich. »Um noch mal auf diese Sache mit den Änderungen zurückzukommen, die ihr angeblich in meinem Manuskript  … Das habt ihr nicht wirklich getan, oder?« Mein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her.
»Och  …«, sagte Raym.
»Nun ja  …«, meinte Gelal.
»Nur Marginalien.«
»Ein Komma hier, ein Pünktchen dort.«
»Einen winzigkleinen Dämon dazwischengeschoben  …«, murmelte Raym.
»Ein satanisches Rituälchen hier, unbedeutende okkulte Dingelchen dort, einige finstere Geheimnisse … Das Übliche.«
Wieder blieb mir der Mund offen stehen. Ich wusste nichts von Ritualen, okkultem Krempel oder Dämonen  – mal abgesehen von den fünf ungehobelten Kerlen, für die ich regelmäßig den Ghostwriter spielen durfte, wenn ich nicht in der Klapse enden wollte. »Ich muss das veröffentlichte Buch unbedingt lesen«, brachte ich hervor und blickte mich hektisch um. Ich hatte doch Belegexemplare …
»Ähm, ja, und der Umfang ist vielleicht ein klein wenig, nun, umfangreicher geworden als von dir gedacht«, fügte Raym.
Ich hielt inne. »Von wievielen zusätzlichen Seiten reden wir?«
Raym hatte den Anstand, verlegen dreinzublicken. »Eine Handvoll, sozusagen.«
»Einhundertachtundneunzig.« Gelal lehnte sich mit zufriedenem Lächeln zurück. »Wir waren kreativ, Schreiberin. Was man von dir nicht gerade behaupten kann.«
Ach. Du. Schande.
Was hatte ich da auf den Markt geworfen? Ich erhob mich mühsam, stützte mich auf dem Schreibtisch ab. »Ihr habt in meinem Buch herumgepfuscht  …«
»Das ist immer noch unser Buch. Unsere Geschichte.« Gelal zog seine Sonnenbrille aus der Tasche und setzte sie auf. »Du hast einige markante Details ausgelassen und wir haben sie wieder eingefügt. So what?«
»Mein Buch  …«, ächzte ich, tastete mich zum Buchregal und zog DEMONIZED III heraus. Warum war mir vorher nicht aufgefallen, dass es irgendwie dicker war als die beiden ersten Bände?
»Und ich war in der Nacht vor der Veröffentlichung noch kurz hier und habe Gelal ein bisschen im Sonnenlicht glitzern lassen.« Raym sprang auf und war schon an der Tür. Im gleichen Augenblick zersplitterte die Kaffeetasse direkt neben seinem Kopf und hinterließ einen unschönen Fleck in der frisch verputzten Wand. Er lachte.
»Ich rate dir, in zwei Minuten an der Stadtgrenze zu sein, Kleiner«, grollte Gelal. »Oder du wirst deinen Tank von innen betrachten dürfen. Hau ab!«
»War nett, mit dir geplaudert zu haben, Schreiberin«, rief Raym aus dem Treppenhaus. Ich hörte ihn die Stufen hinabpoltern, das Lachen hallte laut durch den Flur. Natürlich hatte er die Tür nicht hinter sich geschlossen.
Morgen würde mich der olle Schröder von gegenüber wieder mit seinem wässrigen Missbilligungs-Blick aufspießen und so etwas sagen wie: »Ihre nächtlichen, ehm, Herrenbesuche, Frau Cudd  … also, das geht langsam zu weit.«
»Ich glaube nicht, dass du glitzerst«, merkte ich an. »So weit würde selbst Raym nicht gehen.« Ich schlug das Buch auf und blätterte darin herum. Meine Brauen zogen sich zusammen. »Ein widerlich stinkender Hund? Der See der Tränen? Eine Séance, zum Deibel? Und woher kommt dieser Exorzist? Ich kann mich nicht  …«
»Aber wir«, unterbrach Gelal mich. »Und das ist die Hauptsache. Du hättest nur ein nettes Heile-Welt-Unterhaltungsheftchen auf den Markt geworfen. Dass es dort draußen«, er deutete zum Fenster, »weitaus gefährlicher und düsterer zugeht, wissen die wenigsten. Als Autorin trägst du eine verfluchte Verantwortung!«
»Ihr macht aus mir eine Verschwörungstheoretikerin«, brummte ich. Mein Auge blieb an einem Absatz hängen. »Und wer zum Teufel ist dieser  …?«
»Ist doch egal. Der Drops ist gelutscht, Schreiberin.« Gelal zog mir das Buch unter der Nase weg und warf es in die Ecke. »Sag mir lieber, welche Story du als Nächstes verdrehen willst.«
Ich betrachtet ihn missmutig. »Das werde ich dir garantiert nicht auf die Nase binden, Popeye.«
Er grinste. »Willst du uns aus deiner Klause aussperren? Keine Chance. Verzapf bloss keinen Mist, hörst du?« Er ging zur Tür und drehte sich auf der Schwelle um. »Und vergiss das nächste Mal den Kaffee nicht. Koffein ist gut für die Stimmung. Oder willst du mich lieber schlecht gelaunt?«
»Hau ab!« Ich suchte nach einem Wurfgegenstand, der keinen allzu großen Schaden anrichten würde, knüllte schließlich einen Notizzettel zusammen und schnippte ihn durch den Raum. Unbefriedigend lautlos landete er vor Gelals Stiefelspitze.
Gelal blickte stirnrunzelnd auf das Papierkügelchen hinab. »Oh Mann, hoffentlich schreibst du besser, als du wirfst.« Und schon war er seinem Eidbruder gefolgt – selbstverständlich, ohne die Tür zu schließen. Ein eisiger Luftzug wehte durch die Räume und ließ mein Papiergeschoss über den Boden kullern.
Ich schlappte durch das Büro und warf die Tür ins Schloss, dass es nur so krachte. Immerhin etwas. Draußen grollten Motorräder auf. Von Gegenüber brüllte der olle Schröder: »Anständige Menschen schlafen um diese Zeit!« Zur Antwort wurden die Gashebel unten auf der Straße extra laut aufgedreht. Ich ging zum Fenster und sah nach draußen.
»Ich ruf gleich die Polizei, ihr Vandalen!«, schrie der olle Schröder, der sich im Bademantel aus dem Fenster beugte. »Und Sie, Frau Cudd, Sie können sich auf was gefasst machen. Wir sind hier nicht auf St. Pauli!«
Ich zog die Jalousie herab, schlurfte zum überhitzten Rechner und schaltete ihn aus. Sachbücher schreiben, das wäre doch was, dachte ich. Irgendwas über Hege und Pflege von Zwiebelstauden vielleicht. Oder die Auswertung von Wellen-Algorithmen beim Flusslachsfischen. Kreatives Mäntelchen-häkeln für Meerschweinchen  – egal was: Hauptsache, es hatte nichts mit nächtlichen Heimsuchungen der finsteren Art zu tun, die meinen Kaffee klauten und heimlich meine Romane umschrieben.
Ich klemmte mir mein Notizbuch unter dem Arm, schloss sorgfältig die Studiotür hinter mir ab und schlappte in die Wohnung hinüber.
Ein jugendfreier Liebesroman zwischen Collegestudenten wäre auch ganz nett. Ich könnte eine kleine Recherchereise nach Florida machen. Palmen, Sonne, Cocktails am Strand  … glitzernde Typen. Nein, das ginge wirklich zu weit! Keine glitzernden Typen.
Morgen sollte ich mich jedenfalls dringend über Runen schlau machen, die man auf die Tür malte, um ungebetenen Besuch fernzuhalten. Ich müsste mir einige kluge Bücher zu dem Thema anschaffen. Vielleicht im Vatikan anrufen und fragen, ob sie bei mir auch mal einen Exorzisten vorbeischicken könnten. Ja, das klang nach einem guten Plan.
Ich öffnete mein Notizbuch, um mir selbst ein Memo zu schreiben, als mein Blick an den hingekritzelten Ideen für Teil 4, 5 und 6 hängen blieb. Wann hatte ich die denn niedergeschrieben? Und warum sah meine Handschrift so anders aus?
Seufz  …