Die Sache mit den Rezensionen, die nicht geschrieben werden

Für uns Autoren sind Rezensionen ja immer so ein Thema.
Haste keine, dann kauft fürderhin keine Sau dein Buch und es dümpelt unsichtbar auf Platz hassenichgesehen herum. Haste viele, dann unterstellen dir Kollegen, du hättest deine Rezis* in einer asiatischen Clickfarm gekauft. Haste nur zwölf Rezensionen und zwei davon sind niederschmetternd, dann wirst du die nächsten zwei Wochen mit einer Papiertüte über dem Kopf im Wandschrank verbringen.

Es gibt miese Rezensionen, die einzig darauf abzielen, den Autor in Grund und Boden zu schmettern. Vielleicht hatte der Verfasser einen schlechten Tag im Büro (die Chefin hat dich ins Kellerarchiv zum Aktenabstauben versetzt, deine Kaffeetasse wurde geklaut und in der Kantine gab’s heute Leber mit Rosenkohl). Oder der Rezensent ist der Meinung, dass blutrünstige Splatterromane grundsätzlich verboten gehören und will die Welt unbedingt an seiner Meinung teilhaben lassen. Also kauft er sich einen Roman von Jack Ketchum oder Hubert Selby, liest die ersten zehn Seiten, kotzt sich anschließend öffentlich bei Amazon aus und lächelt dabei grimmig.

Foto: Andrew Neel/unsplash

Lustigerweise – und hier verrate ich ein Geheimnis, das keines ist – wissen potentielle Leser, was sie von solchen Rezis zu halten haben: Nix.
Leser suchen in Rezensionen ausschließlich nach individuellen Entscheidungshilfen. Gibt es Sex mit Dinosauriern im Buch? Ein Happy End oder einen Cliffhanger? Niedliche Katzenbabys? Ordentlich Blut und Eingeweide?
Und es ist keine Seltenheit, dass ein Buch gekauft wird, gerade weil es massenhaft üble Slasherszenen enthält. »American Psycho« von Bret Easton Ellis (der angeblich brutalste Roman der Literaturgeschichte, der nach Klage des Verlages 2001 von der Indexliste für jugendgefährdende Schriften genommen wurde) mit fast 20% Ein-Sterne-Meinungen ist ein bekanntes Beispiel. Viele haben das Buch nur gekauft, weil sie wissen wollten, ob an der Kritik etwas dran ist.
Was der eine bemängelt, findet der andere nun mal lesenswert. Andere wollen lieber selbst herausfinden, ob der Negativ-Rezensent mit seiner vernichtenden Meinung Recht hat oder einfach nur zu blöd war, die Botschaft des Buches zu verstehen (bei „American Psycho“ ist die Botschaft simpel: Wer die Musik von Genesis** mag, muss ein koksender Psychopath sein).

Was ich damit sagen will: Jede (!) Rezension ist wichtig. Auch die von den giftspritzenden Hatern. Wer nämlich Hater hat, wurde offenkundig als Bedrohung von wasauchimmer wahrgenommen. Bedrohungen fürchtet der Wutbürger, darum bekämpft er sie dort, wo er sich sicher fühlt: in den anonymen Weiten des Internet. Wahlweise bei Amazon.
Wenn du also unfaire negative Bewertungen zu deinem Roman bekommst, dann klopfe dir auf die Schulter, weil du jemanden dazu gebracht hast, sich mit dir zu beschäftigen. Vielleicht träumt er nachts von dir, mit Schaum vor dem Mund, weil du einen Roman veröffentlicht hast und dieser auch noch gekauft wird. Ätsch. Also lass die Hater getrost haten.

Foto: 2photo-pots/unsplash

„Richtige“ Rezensionen sind Kundenmeinungen. Jemand liest ein Buch und schildert seinen Eindruck. Er tut das freiwillig, weil das Buch ihm in irgendeiner Form wichtig ist. Ob er seinen Eindruck in zwei orthografisch fragwürdigen Sätzen abhandelt und von seinem Hund korrekturlesen lässt oder einen fulminant formulierten Sechs-Seiten-Artikel schreibt, ist piepegal. Mir jedenfalls.

Leider ist es so, dass viele Leser sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu einem Roman öffentlich kundzutun.
Ich bekomme oft persönliche Feedbacks zu meinen Büchern, in denen steht, dass man lieber keine öffentliche Rezension abgeben möchte.
Weil man nicht weiß, wie das geht.
Weil man Angst hat, niedergemacht zu werden.
Weil man nicht für seine Rechtschreibung verurteilt werden möchte.
Weil man glaubt, man müsse mindestens Bloggerqualität abliefern, besser noch einen eloquenten Feuilleton-Beitrag verfassen, der locker auch in der FAZ abgedruckt werden könnte.
Weil man fürchten muss, eine blutrünstige Fanbase könnte sich zur Hetzjagd auf den Verfasser zusammenrotten, wenn man den Roman bestenfalls mittelmäßig fand.

Richtig ärgerlich wird es, wenn sich ausgerechnet Autoren in den Social Media über Rezensenten oder diverse orthografische Patzer lustig machen und die Hemmschwelle, eine Lesermeinung zu schreiben, dadurch noch erhöhen (Letztens noch gesehen: „Haha, da schreibt schon wieder einer Rezession! Und Hauptprotagonist! Unfähige Nulpe, sollte erst mal den Duden lesen statt meine Bücher.“)
Mir ist bewusst, dass manche zum Sheldon Cooper werden, wenn sie einen Rächtschraipfeler finden. Mir ist auch bewusst, dass manche Menschen die Kommasetzung, nur, teilweise, verstanden, haben oder am Wort Portmonnee/Portemonnaie/Poatmonäääää verzweifeln. Sie dürfen das. Sie dürfen trotzdem eine Meinung zu einem Buch haben.

Foto: Rita Morais/unsplash

Sehr fies wird es, wenn ein Leser eine sachliche (!) Negativrezension abgibt und in Kommentaren von den Fans des Autors angegriffen wird. Da kommen dann Reaktionen wie »Ich verstehe nicht, warum solche Leute ihre Meinung abgeben dürfen! Das Buch ist toll und jeder, der das anders sieht, doof wie Toastbrot.«
Oder der Autor höchstselbst (meist unter kreativem Pseudonym) kotzt sich im Kommentar aus, wie unverschämt es doch sei, das Buch/die Preisgestaltung/die Protagonisten nicht zu mögen, wo man doch Herzblut in die Geschichte gesteckt habe und überhaupt dürfe der Autor veröffentlichen, was und wie er will. „Das nennt sich Freiheit. Basta! Geh sterben, blöder Leser. Und lösch die scheiß Rezi!“
Entdecke ich eine solche Reaktion eines getroffenen Hundes, mag ich sein Buch nicht lesen und mein Geld bekommt er natürlich auch nicht.
Kritik tut immer weh, keine Frage. Aber es ist weitaus professioneller, in solchen Fällen in den Keller zu gehen und ein paar Pfeile auf eine Pappfigur zu werfen, die ein Schild mit der Aufschrift BLÖDER LESER um den Hals trägt. Dann setzt man sein Profilächeln auf, geht wieder nach oben und schreibt am nächsten Roman weiter.
Autoren und Leser, die Menschen angreifen, weil ihnen deren persönliche Meinung nicht in den Kram passt, haben den Sinn von Texten jeglicher Art nicht verstanden: GEDANKENFREIHEIT! Die gilt für alle. Auch für Leute, die man nicht mag. Isso.
Faust in der Tasche ballen. Weitermachen. Ruhig schlafen.

Foto: Ben White/unsplash

Wir Autoren dürfen Bücher über Dinosauriersex schreiben, über serienmordende Genesis-Liebhaber oder über junge, hotte Milliardäre, die immer ein Paar Handschellen in der Hosentasche haben (falls ihnen eine geeignete Praktikantin über den Weg läuft).
Die Leser dürfen das öffentlich toll finden, dürfen darüber lachen oder entgeistert den Kopf schütteln. Sie dürfen sich darüber aufregen, dass jemand einen nackigen Dino aufs Cover gepappt hat und damit in die Top 5 gekommen ist. Sie dürfen auch meckern, wenn ein Autor aus einem 250-Seiten-Buch eine 10-bändige Serie macht. Sie dürfen lamentieren, dass sie die weibliche Protagonistin nicht mögen, weil die es mit zwei Männern gleichzeitig treibt oder keinen Spinat isst, wegen der Stückchen, die zwischen den Zähnen hängenbleiben (»Ich versuche, meinen Kindern gesundes Blattgemüse schmackhaft zu machen, und dann so was! Ein Skandal!«)
Sie dürfen eine überhebliche Frustrezension verfassen, weil der Chef sie heute im Büro angeraunzt hat und weil sie Genesis sowieso schon immer doof fanden.
Die Trolle, Hetzer, Neider und Hater verstummen am schnellsten, wenn sie links liegen gelassen werden. Man darf sie ein wenig bemitleiden, weil sie vielleicht akutes Rezensions-Tourette haben oder ein langweiliges Shice Leben führen, einen Kombi fahren statt einer Corvette und überhaupt alles blöd finden, was anderen gefällt.

Interessierte, potentielle Käufer werden die Rezensionen nach ihrem Gutdünken filtern und sich ihren Teil denken. Die sind nämlich nicht so dumm, arglos jede fremde Meinung zu schlucken. Da müssen wir Autoren oder Fans nicht eingreifen.
Selbst eine kurze Botschaft wie »Ich fand das Buch super. Keine Ahnung, wie ich das besser formulieren soll« ist ein Fingerzeig. Jemand hat sich die Mühe gemacht, sich irgendwo einzuloggen und die erstbesten Worte geschrieben, die ihm eingefallen sind. Vielleicht war es seine erste Rezension, vielleicht sitzt er gerade im Büro, tippt hastig seinen Text auf dem Handy, während der Chef durch die Gänge pirscht, vielleicht kann er auch nicht auf den Punkt bringen, was genau er an dem Buch so toll fand.
Am Ende war er jedenfalls glücklich mit der Lektüre und das möchte er gerne mal loswerden.
Okay, vielleicht ist er doch ein Asiate in einer Clickfarm und bekommt pro Rezension 0,012 Dollar. Übersetzt von Google Translator. »Auspack und Freu. Diese vielseitig verwendbare Produkt hat akzeptable Feierung zur Gemutlichkeit erzeugt.«
Potentielle Käufer merken es, ob eine Rezension Wischiwaschi ist oder von einem anderen echten Leser verfasst wurde, der nur nicht mit Worten so gut umgehen kann. Hat ein Buch hundert gekaufte Wischiwaschis, dauert es nicht lange und es hagelt Ein-Sterne-Feedbacks. Leser lassen sich nicht gerne verarschen.

Foto: Artem Kovalev/unsplash

Gute Bücher überleben Trolle, Hater und natürlich auch Leser, die das Buch aus Gründen nicht so toll fanden. Letztere helfen dem Autor sogar, das nächste Buch besser zu machen. Wenn zehn Leser sagen: »Dass der Bösewicht plötzlich vom Blitz erschlagen wurde, gerade als er die Heldin töten wollte, war jetzt irgendwie unglaubhaft«, dann hat der Autor etwas, worüber er nachgrübeln kann.
(Im nächsten Buch wird der Bösewicht dann von einer umstürzenden Straßenlaterne dahingerafft. Und ein Leser wird schreiben: »Wieso steht eine Straßenlaterne mitten im Wald? Und warum kippt sie ausgerechnet jetzt um???« Vielleicht schreibt der zutiefst getroffene Autor dann in einem Kommentar: »Das nennt sich künstlerische Freiheit, du Kretin!« Und die erboste Fanbase echauffiert sich: »Typen wie dir sollte man die Tastatur wegnehmen! Die umstürzende Straßenlaterne ist eine Metapher für die Einsamkeit der ukrainischen Landbevölkerung und wer das nicht kapiert hat, soll Genesis hören, bis ihm das Blut aus den Ohren läuft!«)

Unsere Bücherlandschaft würde ziemlich traurig aussehen, wenn nur noch begeisterte, rechtschreibaffine »Fünf-Sterne-sind-noch-zu-wenig«-Claqueure und Superduper-Profirezensenten ungestraft ihre profunde Meinung kund tun dürfen.
Für Autoren ist negative Kritik natürlich schmerzhaft und sie reißt einen erst mal rein. Aber wenn mehrere Leser das Gleiche bemängeln, dann hat man einen wichtigen Hinweis bekommen, der das nächste Buch hoffentlich besser macht.
Wenn es um Geschmacksfragen geht („Ich mag keine Bücher, die im Präsens geschrieben sind, darum nur zwei Sterne.“) – Tja, da kann man nix machen, außer in den Keller zu gehen und ein paar Pfeile zu werfen.
Kleiner Trost: Schau dir an, wie die internationalen Bestseller und die ganz großen Literaten bewertet wurden. Danach geht es dir wieder besser. Die werden nämlich richtig zerfleddert und bis aufs Blut analysiert. Meine persönlichen Lieblingsromane haben im Schnitt oft gerade mal drei Sterne und ich denke mir gerne im Stillen: „Habt ihr alle keine Ahnung? Dieses Buch ist ein fucking Meisterwerk!“ Dann schreibe ich eine Rezension, warum ich das Buch für ein fucking Meisterwerk halte („Ich fand das Buch super, weil auf jeder Seite etwas anderes steht. Mehr fällt mir nicht ein. Cat.“)

Foto: Annie Spratt/unsplash

Es tut mir in der Seele weh, wenn Leser sich nicht trauen, laut zu sagen, ob und warum ihnen ein Buch gefallen hat, weil sie befürchten müssen, dass ihnen die Finger abgehackt werden. Es sind manchmal Leute mit Lese-Rechtschreibschwäche darunter, meist aber sind es ganz normale Leser, die glauben, sie müssten erst ein Literaturstudium absolvieren und einen Korrekturleser engagieren, bevor sie „offiziell“ was zu einem Buch sagen dürfen.

Darum mein Appell: Egal, ob du Autor, Blogger oder Leser bist – entmutige andere Leser nicht, ihre Meinung zu schreiben! Reg dich nicht über Meinungen auf, die dir nicht in den Kram passen! Greife um Himmels Willen niemanden an, der dein (Lieblings-)Buch nicht toll fand! Er will keinen Krieg führen, er ist schlicht nicht deiner Meinung.
Diskutieren geht in Ordnung, Nachfragen zeigt Größe, aber Anfeinden ist würdelos. Wir haben schon genug Gemetzel in der Welt, da sollte es zumindest im Bücheruniversum friedlich zugehen. Niemand von uns wünscht sich eine Diktatur, in der man für seine persönliche Meinung angefeindet oder gar an den Pranger gestellt wird.

Liebe Leser, lasst euch nicht einschüchtern oder gar entmutigen!
Schreibt Rezensionen!
Wir Autoren brauchen Rezensionen, denn sonst sieht niemand, dass wir ein Buch geschrieben haben, welches sogar von wildfremden Menschen gelesen wurde.
Teilt anderen mit, was ihr gut oder schlecht fandet. Bleibt dabei sachlich.
Bücher werden nicht geschrieben, um damit (oder dagegen) geifernd in den Krieg zu ziehen. Sie sollen unterhalten, zum Nachdenken anregen, Emotionen hervorrufen. Wenn eure Emotion darin besteht, das Buch frustriert in die Ecke zu pfeffern, ist das auch schon was.
Ich behaupte, ein erwachsener Autor wird es überleben, wenn ihr schreibt: „Ich musste das Buch leider in die Ecke pfeffern, weil es mich nicht glücklich gemacht hat.“ Und kluge Leser sind in der Lage, andere Geschmäcker (und fehlende Kommata) generös zu akzeptieren.

*»Rezi« hat übrigens gute Chancen, auf meiner »Zehn Abkürzungen, die ich hasse«-Liste zu landen. Auf Platz eins: klkrkl (Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links; digitale Begrüßung unter Leuten, die ich im realen Leben mit der Schulter anremple).

** Ich finde „That’s All“ von Genesis ziemlich cool. Nein, ich kokse nicht.

Unverzeihlich!

Weibliche Hauptfiguren in Romanen haben ein massives Problem: Sie sind selten perfekt.
„Oh, was für eine Überraschung!“, schallt es sarkastisch aus dem Hintergrund. „Männer sind auch alles andere als perfekt. Im Gegenteil: Je mehr Ecken und Kanten die Jungs haben, umso sympathischer. Fehler sind menschlich!“
Okay, ich formuliere um. Weibliche Hauptfiguren werden mutmaßlich nicht sympathischer, je mehr Ecken und Kanten sie haben. Sie laufen schneller Gefahr, abgelehnt zu werden als ein männlicher Held.

Foto: Lucas Lenzi

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass harsche Kritik an den Protagonisten größtenteils auf die weiblichen Figuren abzielt, während man dem männlichen Helden versöhnlicher gegenübersteht.
Beim Rezensionen-Querlesen durch mehrere Genres ist mir mal aufgefallen, dass das Verhalten der Heldinnen nicht nur analysiert, sondern auch streng bewertet wird, was sich dann etwa so liest:

-„Ich konnte mich mit Martha Hari nicht anfreunden, weil sie Hans Dampf ständig beschimpft und beleidigt hat. Und dann haut sie ihm auch noch die Bratpfanne um die Ohren, die aggressive Tussi! Zwei Sterne Abzug für unnötiges Herumzicken.“

-„Warum hat Maria Kron nicht sofort kapiert, dass Tim Buktu sie nur verarscht, um an ihr Millionenerbe zu kommen? Wie strunzdumm ist diese siebzehnjährige Bling-Tussi eigentlich? Einen Stern Abzug für Blödheit.“

-„Martha Pfahl mochte ich gar nicht mit ihrem abweisenden Getue. Sie muss doch gemerkt haben, dass der süße Peter Silie total scharf auf sie war. Aber als sie ihm in der Mensa die Erbsensuppe über den Kopf kippte, da hatte sie bei mir verloren. Hätte ich die mürrische Streberin auf dem Schulhof getroffen, hätte ich sie glatt vermöbelt. Einen Stern Abzug für Widerworte und einen weiteren fürs Erbsensuppe-Auskippen, wo anderswo doch Kinder hungern und so.“

-„Rosa Schluepfer war mir total unsympathisch mit ihrem Schuhkauftick. Das ist doch Klischee pur! Und dann noch ihr ständiges Geflirte und Augenklimpern. Gleich im zweiten Kapitel hat sie Sex. Mit zwei Männern! Im Warenlager des Schuhgeschäfts! Notgeile Schlampe! Hab mich sooo gefreut, als sie ihren Job verlor.“

Foto: Warren Wong

Kritik an männlichen Protagonisten liest sich hingegen eher so:

-„Hmm, als Hans Dampf die Beherrschung verlor und Martha Hari verprügelte, weil sie sich mit der Bratpfanne zur Wehr gesetzt hat, war ich ja ganz, ganz kurz irritiert. Aber wenn man fest die Augen zusammenkneift, hat er sie eigentlich nur gespankt. Mit einem Schürhaken. Und sie hat ihn ja auch nicht angezeigt, weil er sie monatelang im rostigen Wohnwagen gefangen hielt, also: Selbst schuld. Okay, sie konnte ihn nicht anzeigen, weil er sie ja immer noch gefangen hält. Aber bitte: Für einen sadistischen Psychopathen ist er doch ein unglaublicher Hottie mit diesem Wahnsinns-Sixpack!“

-„Ja gut, Tim Buktu ist schon ein verlogenes Arschloch. Macht mit drei Frauen gleichzeitig rum und erklärt nebenher der Vierten – der minderjährigen Maria Kron –, dass sie seine große Liebe sei, nur weil sie ein Millionenerbe erwartet. Aber er ist eben ein echter Bad Boy. Und sooo süß mit den Tattoos und dem Sixpack! Außerdem brauchte er ja auch dringend Geld für Zigaretten.“

-„Naja, Peter Silie ist schon etwas ungeschickt vorgegangen. Nicht jede Frau mag es, wenn man ihr in der Essensschlange in der Mensa von hinten spontan zwischen die Beine fasst und ihr die Zunge ins Ohr steckt. Vielleicht waren die Schwanzbilder, die er ihr alle fünf Minuten aufs Handy schickte, auch etwas zu viel des Guten. Aber er war halt scharf auf Martha Pfahl. Sie muss man ihm nicht gleich Erbsensuppe über dem Kopf kippen (ich hätte sie ihm übrigens sofort abgeschleckt). Und, oh. Mein. Gott. Sein Sixpack!!!“

-„Okay, ich hätte Fred Frikandel gern in den Arsch getreten (Gott, sein knackiger Arsch …!), weil er Rosa Schluepfer zu einem Dreier überredet hat, obwohl sie nur Schuhe in seinem Laden kaufen wollte. Aber bei seinem heißen Körper kann ja wohl keine Frau widerstehen. Hachz! Und dass er das Ganze heimlich auf Video aufgenommen und online gestellt hat, ist ja irgendwie auch lustig gewesen. Gut, nicht für Rosa, die anschließend ihren Job bei der Sparkasse verlor. Aber hey … Fred hat nicht nur ein Sixpack, sondern auch eine echt große Frikandel!“

Foto: Kinga Cichewicz

Ich gebe zu, die Szenarien sind dezent übertrieben.
Was ich damit sagen will: Es könnte durchaus sein, dass ich falsch liege, aber mir scheint, dass man (zumindest in meinen Genres) männlichen Figuren oft sehr viel mehr durchgehen lässt, weil sie ja so heiß sind. Sogar Serienmord geht beispielsweise in Ordnung, aber wehe, du treibst dich als Rocker Bitch in einem Clubhaus herum!
Das Verhalten der Frauen hingegen wird sehr viel harscher kritisiert. Dreimal zu viel rumgezickt und schon sind sie untendurch.
Ich rätsle über den Grund. Da der überwiegende Teil der Leserschaft weiblich ist, liegt die Vermutung nahe, dass man dem eigenen Geschlecht gegenüber unversöhnlicher eingestellt ist. Eine Autorenkollegin meinte dazu lakonisch: „Da kommt halt manchmal die Stutenbissigkeit durch.“
Oder aber man vergleicht die Protagonistin unbewusst mit sich selbst und überlegt, wie man selbst in manchen Situationen gehandelt hätte. Man wünscht, dass die Heldin keine Fehler macht. Wenn sie es dann doch nicht elegant hinbekommt, nimmt man es hin oder man nimmt es ihr krumm.
Vielleicht spielt auch ein archaisches Rollenbild unterbewusst in das Urteil hinein. Von Männern erwartet man Auf-die-Brust-trommeln und die Tür eintreten, statt die Klingel zu drücken. Wenn sie mit einem 32-Liter-V10-Muscle Car im Stau stehen, ist das cool. Bei einer Frau würde man sofort „Umweltverschmutzerin – einen Stern Abzug“ murmeln. Wenn Männer die Kassierin bei Aldi anflirten und fünf Minuten später eine andere flach legen (draußen auf der Motorhaube, während Junior im Wagen in seiner Babyschale sitzt), ist das alpha. Kann man drüber hinwegsehen. Männer walzen nun mal knurrend durch die Weltgeschichte, da gibt es halt Kollateralschäden (erst recht, wenn sie Maßanzug tragen).
Von Frauen erwartet man … ja, was eigentlich?

Mich interessiert eure Meinung:
Denkt ihr, dass man an weibliche Hauptpersonen andere bzw höhere Erwartungen hat als an männliche? Wird man einem Helden eher einen Fehler verzeihen als einer Heldin? Wenn ja, warum?

Germany is pretty uncool …

Das Setting eines Romans (also der Ort, wo die Story spielt), steht für die meisten AutorInnen ja außer Frage: Alles, bloß nicht Dschörmäny!

Foto: Austin Neill

In der Regel toben sich die Protagonisten irgendwo in den USA aus, selbstverständlich in den coolen Orten der USA, nicht in Lower Choopaloosett, Wisconsin (es sei denn, die schüchterne Heldin zieht nach der High School von Lower Choopaloosett, Wisconsin nach New York, kämpft sich ehrgeizig durch Job & Society und angelt sich den hotten Milliardär).

 

Warum spielen so viele Romane aus deutscher Feder eigentlich in den Staaten?
Ganz einfach: Die meisten Verlage bestehen auf ein internationales Setting, weil die Leser es angeblich so wollen (Kerstin Gier hat erfolgreich das Gegenteil bewiesen).
Die Indie Autoren gucken, was sich in den Charts so tummelt („Ah, unbedarfte Literaturstudentin aus Washington und ein Milliardärs-Penthouse an der Fourth Avenue!„) und nehmen sich daran ein Beispiel.
Die Leser wiederum fragen in Foren verzweifelt, ob jemand Buchtipps geben kann, die in Deutschland spielen. Als Antwort folgt meist Schweigen im Wald.
Meine ersten Schreibversuche habe anno dunnemals ich auch in den Staaten angesiedelt, weil es halt alle so machen. Leider fand ich Amerika nie so richtig toll. Nachdem ich dort etwas zu viel Zeit verbracht hatte, fand ich es noch untoller, also habe ich ganz ketzerisch angefangen, mit nichtexotischen Schauplätzen rumzuspielen.

Foto: Flo Karr

Die USA sind zugegebenermaßen erheblich größer als Dschörmäny (von Palmenstrand bis Grizzlybär haben sie alles im Angebot), aber die Leute dort haben erstens Trump zum Präsidenten gewählt und zweitens Jar Jar Binks erfunden.
Gut, wir plagen uns aktuell mit einer GroKo herum, aber einen Jar Jar hätte es bei uns nie gegeben. Nicht einmal die Erfindung des Dschungelcamps können wir uns auf die Peinlichkeitsfahne schreiben.
Ich habe auch mal eine Zeitlang in China gelebt und dort schielt das Jungvolk, was Trends angeht, angestrengt nach Japan. Die Deutschen tun es den Chinesen gleich und schielen, was Trends angeht, halt nach Amerika.
Die Amerikaner haben niemanden, zu dem sie schielen können, also erschaffen sie Dinge wie Monsanto und den Black Friday und Marshmallows (man muss schon sehr verzweifelt sein, um Mäusespeck auf einen Stock zu spießen, über offenem Feuer zu grillen und das dann auch noch zu essen).

Eine Motorradtour über die Route 66 macht sich bei Instagram zwar richtig schick, ist aber stinklangweilig. Überall trifft man auf nostalgisch verklärte Touristen mit Road Kings und sonnenverbrannten Nasen.

Foto: Craig Philbrick

New Yorker essen Sachen, die bei uns in der Gelben Tonne landen würden. Sie trinken ihren Kaffee im Gehen, schlucken anschließend Magentabletten wie Smarties und schaffen sich klitzekleine Hunde an, nur um auf einer Party sagen zu können, dass sie einen Gassigeher engagieren müssen, weil sie täglich 16 Stunden arbeiten, um die monatliche Kreditkartenabrechnung finanzieren zu können.
Amerikaner stecken besagten klitzekleinen Hund in die Mikrowelle, um das nasse Fell zu trocknen, und verklagen anschließend erfolgreich den Hersteller. Sie schlagen sich mit miserabler Krankenversorgung und Sperrholz-Eigenheimen herum, die beim ersten Stürmchen in einen Haufen Essstäbchen zerlegt werden.
Sie haben die Barbie erfunden, wir hingegen den Buchdruck. (Muss mal gesagt werden.)
Die amerikanische Geschichte beginnt 1492 mit „Das alles hier gehört jetzt uns!“, kombiniert mit ein paar dicken portugiesischen Kanonen. Die deutsche Geschichte hat lange, lange vor Arminius, dem Germanen, begonnen, der den römischen Besatzern ordentlich den Arsch versohlt hat. Arminius war obercool, Kolumbus war Europäer, also nahe dran an cool.

Foto: Max Bender

Die Amerikaner würde es nicht geben, wenn Düsseldorf-Mettmann nicht den Neandertaler erfunden hätte. Die eigentlichen Ur-Amerikaner, die Native Americans, haben im eigenen Land nicht viel zu sagen.
Die schönen hohen New Yorker Wolkenkratzer wären keine zwanzig Meter hoch, wenn die Europäer nicht ihr beeindruckendes Kathedralenbau-Wissen in die USA exportiert hätten.
Zwei Jahre vor den Gebrüdern Wright hat Gustav Weisskopf den ersten erfolgreichen Motorflug gewagt. Nicht einmal die Börse haben die Amis erfunden (das waren die europäischen Kaufleute im 16. Jahrhundert), dafür aber den Börsencrash. Während amerikanische Jugendliche Nervenzusammenbrüche bekommen, weil sie zum Abschlussball kein passendes Outfit finden, haben wir Sophie Scholl, Beate Uhse und Alice Schwarzer. Und die beste Band der Welt kommt auch aus Deutschland 🙂

Man hört also zwischen den Zeilen heraus, dass ich persönlich Amerika jetzt nicht sooo superduperklasse finde, sodass ich mir nun unbedingt ein amerikanisches Pseudonym zulegen und einen stinkreichen Chicagoer Mafiaboss als Helden haben möchte. (Die Mafia wurde übrigens auch nicht von den Amis erfunden). Für das Setting von Demonized hatte ich gotische Dramatik und morbide Freimaurer-Mystik im Sinn, gewürzt mit ketzerischer Vergangenheit, Inquisitionsgemauschel und heidnischen Bräuchen. So etwas findet man in Bamberg und Rothenburg eher als in Seattle oder Cleveland.
Stephen King und H.P. Lovecraft haben bei der Erfindung ihrer gruseligen Orte Castle Rock und Innsmouth ebenfalls tief in die europäisch-gotische Kiste gegriffen.

Foto: Markus Spiske

Natürlich besitzt Amerika massenhaft spannende Örtlichkeiten, aber wozu in die Ferne schweifen, wenn wir hierzulande den Multikulti-Schmelztiegel Ruhrpott samt Rockerszene haben, den Hamburger Kiez samt Hafenmilieu und Porno-Paule oder Berlin samt seiner Künstler, Punker und Sexleben-Blogger?
Amerikanische Settings funktionieren ganz hervorragend, wenn das Buch von einem Amerikaner geschrieben wurde, der sein Land und dessen Abgründe kennt. Bei deutschen AutorInnen verkommen die USA oft zu einem oberflächlichen, von TV-Serien inspirierten Bühnenbild, das wie auf eine flache Leinwand gepinselt wird.
Ausnahmen bestätigen übrigens die Regel.

Dabei besteht Dschörmäny überraschenderweise aus mehr als dem spießigen 70er-Jahre-Flair mit seinen orangefarbenen Tapeten, der Riesterrente und Angela Merkels Hosenanzügen (aber hey, immerhin haben wir eine Frau an der Landesspitze!).
Bei uns geht auch nicht gleich das Abendland unter, wenn man unverhüllte Brustwarzen im Netz zeigt. Die Deutschen sind, was Sexualität betrifft, weit weniger verklemmt als die Amis (wir hatten ja schon Oskar Kolle überlebt), aber die Amerikaner haben – das sei neidlos anerkannt – die lässigere und lebendigere Sprache. Und der Ford Mustang macht auch mehr her als der Opel Manta.
Sprache und Autos (und Harleys) und iPhones kann man importieren, und das tue ich selbstverständlich mit hemmungsloser Freude. Meinen Namen werde ich trotzdem nicht in Virginia Lou-Anne Collister ändern, nur damit ich zwischen all den anderen amerikanischen Autorennamen nicht so auffalle.
Jede Woche erscheinen hunderte neuer Romane, die in den Staaten spielen, da muss ich nicht auch noch meinen Senf dazugeben. Dann gibt es noch Thriller aus Skandinavien und dann lange Zeit nichts.
Oder doch?

Auf Anhieb fallen mir nur wenige Titel ein, die in Deutschland angesiedelt sind.
Das Leben fällt, wohin es will von Petra Hülsmann (Bastei Lübbe)
Gib dich hin von Kerstin Dirks (Ullstein)
Die Lehmann-Trilogie von Sven Regener (Bastei)
Sahnehäubchen von Anne Hertz (Knaur)
Ein unmoralisches Sonderangebot von Kerstin Gier (Bastei)
Deal mit Dorian von Nora Melling (Self Publishing)
Unterleuten von Julie Zeh (Luchterhand)
Anonym von Ursula Poznanski und Arno Strobel (rowohlt)

Foto: Eddy Lackmann

Eine Leserin aus den Staaten sagte mir, dass amerikanische Autoren furchtbar gerne deutsche Handlungsorte benutzen, weil sie Deutschland ziemlich cool finden. Nicht wegen Neuschwanenstein und Oktoberfest, sondern weil sie der Meinung sind, die Deutschen (ebenso wie die Franzosen und Italiener) besäßen weitaus mehr Kultur als ihre Landsleute. Vermutlich waren sie noch nie auf einem Die Kassierer-Konzert …

Was ich damit sagen will: Traut euch mal was, liebe AutorInnen! Überrascht eure Leser mit unbegrenzten Möglichkeiten und schreiberischer Kreativität. Make Dschörmäny spannend again. Oder zumindest die Nachbarländer. Gibt es eigentlich niederländische Romance?

How to … ein eBook von Amazon auf anderen Geräten lesen

Meine eBooks (und nicht nur meine) sind exklusiv bei Amazon erhältlich. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Besitzern von Tolino- und anderen eBook-Readern meine Bücher nicht gönne (so blöde bin ich wahrhaftig nicht), sondern damit, dass die Tolino-Allianz leider nicht mal ansatzweise so viele Leser erreicht wie der große US-Konzern.

Faustregel: Wenn ein Titel über Kindle Unlimited ausgeliehen werden kann, ist er nicht anderen Shops erhältlich.

Kindle Unlimited ist die Lese-Flatrate für Amazon, die sich vor allem für Vielleser lohnt und für diejenigen, die gerne mal Bücher von neuen oder ihnen unbekannten Autoren ausprobieren möchten. Wir Autoren werden übrigens pro gelesene Seite vergütet, also scheut euch nicht, das Unlimited-Programm zu nutzen! So ist zum Beispiel auch die gesamte Bullhead MC-Reihe über Kindle Unlimited erhältlich.


Ob ein Buch am Kindle Unlimited-Programm teilnimmt, seht ihr in der Produktbeschreibung. Es steht direkt über der Coverabbildung und bei den erhältlichen Formaten.

 

Die Erfahrung zeigt häufig, dass Bücher von Indie-Autoren auf anderen Plattformen oft nur sehr schleppend verkauft werden (abhängig vom Genre). Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass man einen Indie-Titel dort meist erst findet, wenn man explizit nach ihm sucht. Gerade für noch unbekannte Indie-Autoren, die sich ihre Leserschaft erst aufbauen müssen, ist das ein wichtiges Argument.

Als Autor steht man vor der rein wirtschaftlichen Entscheidung, ob man sein Buch exklusiv im Kindle Unlimited-Programm von Amazon anbietet oder auf das Ausleihprogramm verzichtet und stattdessen auch in anderen eBook-Shops vertreten ist.
Ich kann nur für mich sprechen: Für mich hat es sich nicht ansatzweise gelohnt, meine Bücher in anderen Shops anzubieten und dafür auf die Kindle Unlimited-Leserschaft zu verzichten.
Das bedeutet aber längst nicht, dass man ohne einen Kindle-Reader aufgeschmissen ist und auf das Lesen von Amazon-exklusiven eBooks verzichten muss.

Das Amazon-eigene Format heißt mobi. Alle anderen Reader verwenden das epub-Format. Aber auch wenn du keinen Kindle Reader besitzt, kannst du eBooks von Amazon lesen.

1. Die Kindle Lese-App gibt es nämlich auch auch für Computer (Mac + PC), für Tablet und Smartphone (iOS + Android). Ihr könnt die kostenlose App hier herunterladen.

2. Ihr könnt eure bei Amazon gekauften Bücher legal und problemlos in ein epub umwandeln, z.B. mithilfe des kostenlosen Programms Calibre. Mit diesem Programm kann man übrigens auch seine eBook-Sammlung katalogisieren. Calibre ist simpel in der Bedienung und überträgt das umgewandelte Buch anschließend auf den per USB an den Computer angeschlossenen Reader. Alternativ zieht man die Datei einfach auf das Gerät.
Die meisten Bücher von Indie-Autoren sind nicht mit einem Kopierschutz versehen (aus gutem Grund: Diese dämliche Einschränkung trifft vor allem die ehrlichen Leser, die ihren Kauf auch auf anderen Geräten lesen wollen. Die Kriminellen hebeln den Kopierschutz sowieso mit wenigen Klicks aus). Noch ein wichtiger Hinweis: Der fehlende Kopierschutz bedeutet nicht, dass ihr Kopien des Buches an Dritte weitergeben, in Foren oder sozialen Netzwerken verteilen oder weiterverkaufen dürft. Damit macht ihr euch strafbar.

DRM-Hinweis

DRM-Hinweis

Ob ein Buch mit diesem DRM-Schutz versehen ist, erkennst du an der Produktbeschreibung des eBooks. Steht dort der Satz Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung, dann ist das eBook kopierschutzfrei.

3. Falls euch die beiden obigen Punkte nicht weiterhelfen, schreibt euren Autor einfach an. In meinem Fall schickt mir einfach per eMail einen Screenshot eures Kaufs bei Amazon und ihr bekommt von mir das gekaufte eBook im epub-Format zugeschickt.

4. Wer meine Bücher grundsätzlich nicht bei Amazon kaufen möchte, der kann schlussendlich einfach auf das physische Format umsteigen und das gedruckte Buch entweder in der Buchhandlung, in diversen Online-Büchershops (Weltbild, Thalia etc) oder direkt in unserem kleinen hauseigenen Kayenne-Shop erstehen. Bei Letzterem bekommst du es sogar signiert und mit passendem Lesezeichen. Da kann das eBook, so praktisch es auch ist, nicht mithalten.

Silent

Bevor ich mit den Bullheads oder Demonized weitermache, steht erst einmal die Arbeit an einem kleinen exklusiven Projekt an, das mich schon jetzt in seinen Bann zieht.
Die Geschichte zu Silent spukte schon eine geraume Zeit in meinem Kopf herum. Nach und nach wurde Silents düstere Welt immer konkreter und die Charaktere immer lebendiger. Ich liebe Storys, in denen vollkommen unterschiedliche Personen zusammentreffen und sich in unbekannten, gefährlichen Situationen behaupten müssen.
Marie, die zweite Hauptfigur, hat mich überrascht, da ich sie zu Beginn ganz anders eingeschätzt habe. Aber unterschätze niemals eine Frau mit sanfter Stimme! Auch Silent wird das bald zu spüren bekommen …

Derzeit schreibe ich fiebrig an der Rohfassung und lasse euch an den Fortschritten und Inspirationen zu Silent teilhaben.

Genre: Thriller-Romance
Veröffentlichung: Wenn es fertig ist.

Wo wir gerade über Pläne reden … oder Happy New Year

Der Jahreswechsel steht an, nicht wahr?
Wie die meisten Hundebesitzer bin ich kein Freund von Geböller. Mein haariger Assistent kommt auf die Knallerei nicht klar – wenn es kracht und ballert, fällt er tot um. Bis Mitte Januar richtet er sich bibbernd hinter dem Sofa ein und muss zum Gassigehen rausgetragen werden (habe ich schon erwähnt, dass er um die 50 Kilo auf die Waage bringt?).
Aber davon abgesehen wirft man ganz gerne einen Blick zurück und schmiedet ein paar Zukunftspläne. Dazu kommt der gute Vorsatz, dieses Jahr aber ganz, ganz bestimmt keinen guten Vorsatz zu fassen (ist eh zum Scheitern verurteilt, macht aber dennoch irgendwie Spaß. Zum Beispiel endlich die Wollmäuse unter den Schränken wegzufegen. Oder die gängigen Standardtänze zu lernen. Oder ein Jahr lang auf das Recken des Mittelfingers zu verzichten und stattdessen mal … Dingens, wie heißt es noch? … mal nett zu sein).

Foto: Ian Schneider

Wie so ziemlich jeder Indie-Autor lerne ich durch Learning by Doing. Wir schreiben, wir veröffentlichen und wir vermarkten unsere Romane anders, als die Verlage es tun. Wenn wir Mist bauen, bekommen wir es direkt und ungefiltert zu spüren. Wir lernen daraus und ändern unsere Strategie.
Verlage wollen Geld verdienen – gut, das wollen wir auch (zumindest möchten wir wenigstens die Unkosten wieder reinbekommen; einer Studie zufolge kann nur ein Bruchteil aller deutschen Autoren vom Schreiben leben. An dieser Stelle: Scheiß auf Studien! Einer anderen Studie zufolge können wir auch nicht fliegen; wir tun’s aber trotzdem). Sowohl Verlag als auch Indie-Autor sind sehr daran interessiert, das Risiko eines Flops zu minimieren, wenn sie ein Buch veröffentlichen. Trends können da hilfreich sein – allerdings werden Trends auf Dauer auch langweilig, erst recht für die Leser.
Ich behaupte daher mal, dass es ohne uns Self Publisher auf dem Buchmarkt ziemlich öde aussähe. Das Science Fiction-Genre hätte man vielleicht längst zu Grabe getragen. Sicherlich wären hierzulande auch die Veröffentlichungen im Bereich Rocker-Romance und Bad Boy wesentlich überschaubarer ohne uns (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, falls ich falsch liege).
Self Publisher trauen sich was, weil ihnen niemand sagt: „Schreib um Himmels Willen nix mit Raumschiffen! Sci-Fi ist Autoren-Selbstmord und ruiniert jeden Verlag!“
Darum findet sich plötzlich ein Sci Fi-Roman wie „Transport“ von Philipp P. Peterson auf dem Markt, wird ungeheuer erfolgreich und die Verlage kratzen sich ratlos am Kopf. „Aber … Raumschiffe …! Kein Mensch liest heutzutage Bücher mit Raumschiffen!“
Ätsch.
Damit will ich eigentlich nur sagen, dass keiner von uns so genau weiß, ob das, was er tun möchte, bei den Lesern ankommt oder nicht. Also können wir den Blick in die Kristallkugel auch gleich sein lassen und einfach machen, wie es uns in den Sinn kommt.

Foto: Austin Neill

Auch ich habe ja, was Pläne angeht, gleich zu Anfang meine Lektion gelernt.
Demonized – Dreizehn Tage habe ich damals nur so aus Spässken veröffentlicht, weil mich erstens keine Sau kannte, ich zweitens eine Wette verloren hatte und mir drittens dachte: „Och, warum nicht?“ Ich konnte ja nicht ahnen, dass es gekauft wird.
Eigentlich hatte ich mir erhofft, dass mein liebevoll über fast drei Jahre geschriebener Erstling Die Armee der Tausend Söhne (den ich ursprünglich unter dem Pseudonym Luka Elliott herausgebracht habe) wie eine Bombe einschlägt.
Die Tausend Söhne sind von all meinen Titeln bis heute derjenige, der sich am schlechtesten verkauft. Dieses Buch darf man getrost einsortieren unter: „Hauptsache, Cuddy war eine Zeitlang von der Straße und konnte keinen Unsinn anstellen“.
Heute würde ich ein Buch wie Dreizehn Tage nicht mehr in die Welt hinauslassen. Es hat die Leserschaft ziemlich gespalten. Andererseits würde mich ohne diesen Roman möglicherweise immer noch keine Sau kennen und ich hätte direkt nach den Tausend Söhnen auf weitere Veröffentlichungen verzichtet. So viel zu liebevollen Plänen.

2017 habe ich nur zwei Bücher veröffentlicht; zusammengerechnet waren das um die 1100 Seiten. Und der zweite Roman war nicht einmal geplant … Jepp, wenn’s um Pläneschmieden geht, bin ich richtig gut.
Zwei Bücher in einem Jahr: das ist für einen Self Publisher, der vom Schreiben lebt, erschütternd wenig. Viele Autoren veröffentlichen im Zweimonatsrhythmus oder sogar monatlich, haben sich auf Kurzromane spezialisiert und fahren damit sehr gut.
Mittlerweile herrscht auf dem Büchermarkt ein rasantes Tempo, denn die Leserschaft erwartet regelmäßigen Nachschub. Das gilt ganz besonders für Buchserien (der arme George R.R. Martin traut sich nicht mal mehr in den Supermarkt). Für viele Self Publisher ist es schwierig, sich diesem permanenten Druck zu entziehen. Sie fürchten (vielleicht nicht zu Unrecht), in Vergessenheit zu geraten, wenn sie zu lange an einem Buch arbeiten.
In dieser Hinsicht mache ich also schon mal alles falsch. Und wenn man, so wie ich, acht zähe Monate lang an einem dicken Klopper schreibt, sich danach ziemlich ausgelutscht fühlt und keine zwei Wochen nach Veröffentlichung mit der Frage bombardiert wird: „Wann kommt endlich das nächste Buch raus?“, gerät man durchaus ins Grübeln.
Autorenkollegen schütteln bei meiner … nun ja, nennen wir es … „Veröffentlichungsstrategie“ regelmäßig den Kopf. Recht haben sie, vor allem aus existenzieller Sicht. Dicke Klopper können dir aus verschiedenen Gründen das Genick brechen (man denke an die illegalen Downloads oder die durchaus reale Gefahr, einen veritablen Flop zu landen). Über dicke Klopper werde ich also nachdenken müssen.

Foto: All Bong

Leider tauge ich auch im nächsten Jahr nicht zur planvollen Veröffentlichungsmaschine, die quasi auf Knopfdruck alle paar Wochen ein neues Buch ausspucken kann – das zudem noch gut ist. Die AutorInnen, die das hinbekommen, ohne den Verstand zu verlieren, haben meine uneingeschränkte Bewunderung. Jason Dark veröffentlicht ja seit Äonen jede Woche einen Kurzroman, aber der kann das auch. (Und jetzt lästert mir nicht über John Sinclair-Romane! Der Mann ist auf dem Markt, seit ich ich als kleine Göre mein Taschengeld zusammengekratzt habe, um mir das neueste Geisterjäger-Heftchen am Kiosk zu kaufen. Das soll ihm mal jemand nachmachen.)
Halten wir daher fest: Ich würde bei einer solchen planvollen Arbeitsweise nur Bullshit verzapfen. Spaß würde es auch nicht machen und ich bestehe darauf, dass Arbeit Spaß machen darf.
Mir deucht weiterhin, dass ich im nächsten Jahr kein Buch mit dem Titel Der verruchte Bad Boy-Millionär rausbringen werde – was marketingtechnisch gesehen verdammt dumm ist, denn kluge Autoren verwenden Buchtitel, die die meistgegoogelten Schlüsselwörter enthalten. So gesehen hätte Der verruchte Bad Boy-Millionär durchaus das Zeug zum Bestseller.

Foto: Jeremy Beadle

(An dieser Stelle muss ich gestehen, dass die wenigen Stinkreichen, die ich im realen Leben kenne, in vielfacher Hinsicht eher abtörnend als verrucht sind. Um die geile Villa in Südfrankreich zu kaufen und nebenher ihr Vermögen vorm Fiskus in Sicherheit zu bringen, haben sie sich jahrzehntelang bis an den Rand des Herzinfarkts malocht. Da bleibt verständlicherweise keine Zeit fürs Sixpack-Training oder für zeitraubende Sessions beim angesagten Tätowierer. Tattoos werden überdies von den Lobbyisten im Bundestag gar nicht gern gesehen und wirken auf schwabbeliger Haut in Kombination mit dem schütteren Mittfünfziger-Haarkranz auch eher albern.
Wenn der Millionär nichtsdestotrotz jung, durchtrainiert und ein verruchter SM-Nachtclub-Dauergast ist, könnte das damit zusammenhängen, dass er von Beruf Sohn ist. Dann handelt es sich meist auch um einen arroganten Großkotz, der nur mal ordentlich übers Knie gelegt werden müsste – natürlich nur, um ihm den goldenen Löffel aus dem Allerwertesten zu ziehen. Oder er heißt David Beckham und hat eine viel zu dünne Frau geheiratet, womit eigentlich auch schon alles gesagt ist.
Lange Rede, kurzer Sinn: Mir persönlich fällt es immer noch schwer, die Worte Hot Guy und Ich-bezahle-meine-neue-Yacht-aus-der-Portokasse unter einen Hut zu bringen.)

Also nehme ich mir auch fürderhin die Freiheit, das zu schreiben, was ich selbst gern lesen würde. Ich möchte mit jedem Roman besser werden und öfter was Neues ausprobieren. Im neuen Jahr werde ich mich also vermehrt darum bemühen, nicht allen Erwartungen der Leserschaft gerecht zu werden und euch (und mich) stattdessen zu überraschen.
Wenn es klappt: wunderbar. Wenn nicht, haben wir alle zumindest etwas Spaß gehabt. Die Welt besteht nicht nur aus Büchern und Amazon-Rankings (diese überraschende Erkenntnis hat mich eiskalt erwischt 🙂 ).

Meine Lieben: Kommt gut und unversehrt ins Neue Jahr!
Wir lesen uns.

Der Advents-Cuddylender!

Dieses Jahr gibt es einen ADVENTS-Cuddylender!
Und zwar nicht ohne Grund: Die Bullheads bekommen auch diesen Winter einen unterhaltsamen, weihnachtlichen Kurzroman. SEVEN SINNERS wird als eBook und als „echtes“ Buch erscheinen (das Print enthält dann auch die letztjährige Weihnachtsgeschichte NAUGHTY NIGHT).

Ich weiß, ich bin mal wieder spät dran mit meiner Weihnachtsstory. Spekulatius kann man schließlich auch schon im Oktober kaufen, nur Cuddy hat mal wieder verpennt.
Egal, wir feiern Vorfreude und stimmen uns auf Weihnachten ein.
Hinter den 24 Türchen erwartet euch täglich etwas anderes; zum Beispiel:

  • kreative Gewinnspielchen (mit höllischen begehrten Preisen)
  • fiese Quizfragen (mit höllischen begehrten Preisen)
  • vertrackte Rätsel (mit … ihr wisst schon)
  • hochspannende Interviews mit den Protagonisten
  • Rocker
  • Knallharte Fakten aus dem Corner Stable
  • schonungslose Blicke hinter die Kulissen
  • Rocker
  • irre Duelle
  • peinliche Fragen und krude Antworten
  • Männer mit Sixpacks (und Bommelmütze)
  • bei jenen Männern handelt es sich um Rocker
  • unzensierte Schnipsel und Teaser
  • Rocker
  • die Möglichkeit, Teil des Buches zu werden
  • irgendwann ein Weihnachtsroman, der nichts, aber auch gar nichts mit zuckriger Besinnlichkeit zu tun hat
  • und Rocker

 

Lächeln, nicken, Fäuste schwingen – Die Frankfurter Buchmesse 2017

Die Frankfurter Buchmesse hätten Shakey und ich also erfolgreich überlebt.
Es ist eine sehr wichtige Messe, die in den ersten drei Tagen traditionsgemäß von furchtbar wichtigen Anzugträgern und Damen im Businesskostüm dominiert wird. Wichtige Reden werden gehalten (Festredner: „Glücklicherweise muss ich keine Gemeinschaft beschwören, die es zwischen uns nicht gibt.“) und noch wichtigere Preise werden verliehen. Margaret Atwood bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. „Wer ist die Frau?“, fragte eine Freundin an meinem Stand.
Ich outete mich als Groupie, da ich nach „Der Report der Magd“ alle Bücher von Frau Atwood verschlungen habe, und schob vorsichtshalber hinterher, dass sie nicht so ganz im Bad Boy Romance-Genre veröffentlicht. Die Laudatorin Eva Menasse bezeichnete Frau Atwood in ihrer Rede als „boshaft kichernde weise Frau“ und Frau Atwood nickte lächelnd zu jedem Satz.
„Beeindruckende Preise werden immer an Autoren verliehen, die stinklangweilige Bücher schreiben, welche man nur kauft, um sie auf dem Wohnzimmertisch zu drapieren“, sagte meine Freundin unbeeindruckt.

Meinem winzigkleinen Stand gegenüber befand sich das Universum von Random House, wo Kellnerinnen mit Silbertabletts voller Häppchen und Sektgläser umherhuschten. Heyne, Blanvalet, Blessing, Goldmann, C. Bertelsmann und andere wichtige Namen sind unter Random Houses Dach vereint. Wenn Random House die Sonne ist, um die all diese Namen kreisen, dann bin ich der kleine klapprige Sputnik, der irgendwo unbemerkt seine Bahnen zieht. „Seien Sie froh“, sagte der graubärtige Mann vom Börsenverein. „Wenn Sie einen Spiegel-Bestseller landen, werden Sie von denen schneller aufgekauft, als Sie Hups! sagen können.“
Da habe ich ja Glück gehabt, haha.
Wann immer ich zu Ramdom House hinüber schaute, begegnete ich dem missbilligenden Blick von Kazuo Ishiguro, der mich von einer überdimensionalen Werbewand fixierte. Man sah ihm förmlich an, wie er dachte: „Wieso muss ich auf diese Indie-Autorin gucken? Wer ist die überhaupt?“
Herr Ishiguro hat den Literaturnobelpreis gewonnen und ich habe zuvor nie von ihm gehört. Vielleicht sollte ich eines seiner Bücher kaufen und auf den Wohnzimmertisch legen, damit ich mich weniger dumm fühle. Blöderweise stecke ich derzeit in einer ausgedehnten Bad Boy-Romance-Phase.
Aber auch mit Kochbüchern kann man Ruhm erlangen, wie wir auf der Open Stage erleben durften. „Ich bin der Mario Barth der Fernsehköche“, sagte Steffen Henssler und es wurde wild gejubelt. Thomas Anders, die Ex-zweite Hälfte von Modern Talking, hat übrigens auch ein Kochbuch veröffentlicht, ebenso wie Roberto Blanco. Allerdings muss man sich bei Letzterem erst durch zig Seiten Lebensgeschichte wühlen, bis man zu den Rezepten kommt. Ein bisschen Spaß muss halt sein.
Das Lachen verging Herrn Blanco allerdings, als er auf der Messe während der Vorstellung seiner (jetzt aber richtigen) Autobiografie von seiner Tochter Patricia attackiert wurde. Zuuufällig hatte die Dame einen Kameramann im Schlepp und konnte sich ordentlich medienwirksam von Securitys abführen lassen.

Das Eklätchen war natürlich nichts gegen die handgreiflichen Tumulte rund um Björn Höckes Auftritt und dem Gerummse am Stand des Antaios-Verlages. Beim Sieferle-Podium, das dem Fachpublikum vorbehalten war, ging es noch sehr gesittet zu, doch am Samstag prallten Links und Rechts aufeinander und plünderten im Vorfeld noch einen Stand.
Jan Böhmermann twitterte später spöttisch: „Gastland der Buchmesse in diesem Jahr? Dunkeldeutschland!“ und fragte: „Was suchen Fans von Leuten, die Bücher verbrannt haben, eigentlich auf einer Buchmesse?“
Jutta Ditfurth kritisierte, dass die Leitung der Buchmesse mit der Ausrede „Meinungsfreiheit“ die Enthemmung und Ausbreitung von Nazis zugelassen habe. Der Veranstalter verteidigte sich, er könne Ausstellern, deren Werke nicht gegen das Strafrecht verstoßen, schlecht die Ausstellungsfläche verweigern. Ebensowenig könne er am Eingang Männer mit Seitenscheitel und Schnürstiefeln abweisen.
Natürlich bekam das Fest der Bücher durch die Ereignisse einen sehr schalen Beigeschmack. Kann Meinungsfreiheit solche Eklats ab oder sollte der Veranstalter zukünftig nach politischer Gesinnung selektieren, um Übergriffe zu vermeiden? Vielleicht war auch einfach nur das Sicherheitskonzept scheiße.
Mein Männe fand das Sicherheitskonzept gut; er wurde jeden Tag gründlichst gefilzt, bevor er in die Hallen durfte. Das könnte daran liegen, dass er aussieht wie ein tätowierter, langhaariger Bombenleger und die scharfen Kanten seines Ausstellerausweises dazu nutzen könnte, Herrn Macron oder Frau Künast zu attackieren.

Die arme Frau Künast hat weitestgehend unbeachtet ihr Interview am Random House-Stand gegeben. Im Hintergrund lungerte eine aufgeregte Mama mit ihren beiden Kindern herum, die auch mal ins Fernsehen kommen wollte. Draußen standen silberne und schwarze Bonzenkarren aufgereiht, bewacht von Anzug-von-der-Stange-Trägern, die an ihren Zigaretten zogen und drinnen machte man Literatur. Oder was man in den ersten drei Tagen auf der Buchmesse halt so macht, bevor man das Fußvolk – uns Leser – in die heiligen Hallen lässt.
Wer wichtig ist, trägt eine schwarzlederne Mappe unterm Arm, durchaus auch einen wehenden Schal um den Hals und nascht Häppchen. Nach Feierabend besucht man eine der unzähligen Partys, wo die Krawatten skandalös locker sitzen und man sich singend in den Armen liegt.
Wir hatten im Vorfeld viele Einladungen bekommen, aber für mich am interessantesten war die Digital Night, weil ich dort mit dem Chef und IT-Tüftler einer kleinen Dienstleistungsfirma etwas Konspiratives aushecken konnte.

Ich mag die Buchmesse. Sie ist bunt und illuster und voller spannender Menschen. Die unbekannten Autoren feiern sich selbst, weil es sonst niemand tut, die ganz Großen kommen, lächeln und gehen wieder. Ständig stehen irgendwo Leute an, und wenn man sich dazustellt, bekommt man ein Autogramm von Ken Follett auf das frisch gekaufte Thomas Anders-Kochbuch.
Ich hätte allerdings wirklich gern ein Autogramm von Till Lindemann (Rammstein-Frontmann) abgestaubt, der zusammen mit Joey Kelly einen interessanten Bildband namens „Yukon – mein gehasster Freund“ veröffentlicht hat (und dessen Ex zufällig Lektorin ist). Den Auftritt von Kelly und Lindemann habe ich leider verpasst, weil ich ja zum Arbeiten auf der Messe war und nicht zum Herumstromern. Das verdammt teure Buch habe ich trotzdem gekauft.
Aber Ken Follett habe ich in voll echt gesehen, sowie Kai Meyer, Poppy J. Anderson, Sebastian Fitzek und dann waren auch noch Reinhold Messner da, Daniel Kehlmann uuund Sven Regener. Hachz. Und Tad Williams!!! (Hier bitte enthemmtes Kreischen einfügen). Und noch viele andere, die aber schnell wieder abreisten, so wie Martin Walser oder Jan Brandt, dem niemand ein Hotelbett spendieren mochte. Der Buchbranche geht es nämlich schlecht, wird mal wieder gemunkelt. Selbst der Taschen Verlag hat sich dieses Jahr gar nicht erst blicken lassen. Und Ebooks laufen ja ü-ber-haupt nicht!
Für eine Buchmesse gab es auffallend viele Non-Book-Produkte zu bestaunen, von Eierbechern und Handtaschen über eine Flotte Audis bis hin zum Computerspiel.
Die FAZ-Redakteurin Lena Bopp schrieb: „[…] und während einige renommierte Buchhandlungen schon konkret darüber nachdenken, Kaffee und Geschenke ins Sortiment aufzunehmen, um die Ladenmieten zahlen zu können, schlug auch auf der Buchmesse die große Stunde des Nichtbuchs, und das Ergebnis war eine betretene Stille.“
Also, von Stille habe ich herzlich wenig mitbekommen. Ich hatte meinen Spaß.

Shakey

An meinem Stand gab es keine Eierbecher und auch keine teuren deutschen Autos, nur Bücher, Goodies, Leckerchen und viele großartige Gespräche. Mit Protesten konnte ich auch nicht dienen. Meine Bullhead-Rocker sind nicht kontrovers genug und an Shakey, der alles im Blick behielt, war auch nichts Anstößiges. Ich habe mich trotzdem wie Bolle gefreut, dass man auch bei mir Schlange stand. Ich durfte Bücher, Postkarten, Lesezeichen signieren, habe professionell in Kameras gelächelt (oder es versucht; ich bin scheiße unfotogen) und viele großartige Gespräche und Begegnungen erlebt. Und ich habe viele tolle Mitbringsel und Geschenke von euch bekommen, unter anderem einen selbstgemachten Schoki-Orden, dazu Bücher (weil ich öffentlich geschworen hatte, dieses Jahr aber ganz wirklich kein Buch auf der FBM zu kaufen) und den besten Kaffee der Welt. Sogar an Herrn Hund wurde gedacht.
Tausend Dank, ihr Lieben!
Mein persönliches Higlight waren also all die großartigen Leser und Fans, die Neugierigen und KollegInnen. Ihr habt alle meine „Lucky Bastard“ weggekauft 🙂 Und natürlich waren auch die engagierten Damen vom cuddifiziert!-Clubhaus zu Besuch sowie meine wunderbaren Testleser! Allein wegen euch habe ich meinen Stand aufgebaut.
Auch der Herr Börsenverein des deutschen Buchhandels (wiederum der Veranstalter der FBM) hat mich gezielt aufgesucht und ausgiebig mit mir über Dieses und Jenes geplaudert. Vor allem über Jenes. Darum darf ich mich nun auch auf die Vorweihnachtszeit freuen, ich kleine Indie-Autorin.
Vor allem sehr viele Blogger kamen zu Besuch an meinem Stand – freiwillig und freudig, und das war wirklich großartig. Netzwerken ist nämlich geil!
Ich lernte die supersympathischen Damen vom Plaisir d’Amour Verlag kennen sowie das engagierte Team von CounterFights, außerdem habe ich fast Bruderschaft mit dem tätowierten Gabelstaplerfahrer und dem kroatischen Shuttlebus-Lenker getrunken (nur fast wegen „kein Alkohol im Dienst“ und „Sorry, aber ich stehe nicht auf rosafarbenen Prosecco“). Sehr kompetente Jungs, an denen sich der eine oder andere wichtige Anzugträger mal ein Beispiel nehmen sollte. Die wussten nämlich, wann man wo was finden würde.
(Notiz an mich: Das nächste Mal einen Kasten Männer-Bier für die kompetenten Jungs einpacken).
Das kryptische System der Buchmessen-Standbeschilderung war allerdings uns allen ein unlösbares Rätsel. Am chaotischen Aufbautag irrte ich mit meinem Kastenturm-Rollwagen durch die Halle (die zu dem Zeitpunkt noch absolut null Buchmessen-Glamour hatte; überall Holzpaletten, Akkuschrauber-Geheule und blanker Betonboden) und fragte jeden, der nicht schnell genug wegrannte: „Tschuldigung, ist das hier Gang E?“
„Sehen Sie die Pissoirs dort an der Wand? Sie sind in der Herrentoilette! Ich kann nicht pinkeln, wenn jemand zuguckt.“
Apropos Toiletten: Die waren vor allem während der Publikumstage so begehrt wie das einzige saubere Dixi auf Wacken. Es sei denn, man ging zur Halle 6.2 (International Publishers); dort herrscht angenehme Leere.
Frankfurt selbst lernte ich auch ausgiebigst kennen, weil ich einmal auf dem Weg zum Hotel eine Straße zu früh abgebogen bin. Eben waren da noch die schicken gläsernen Banken-Türme, im nächsten Moment tuckerten wir durch ein schmales, zugeparktes Einbahnstraßenlabyrinth mit Handy-Shops, Mini-Markets und „All you can fukk“-Etablissements.
Unser Hotel lag ein wenig außerhalb und hat sich als echter Geheimtipp entpuppt. Große, gemütliche Zimmer; grandioses Restaurant; weltbeste Bar; familiäre Atmosphäre mit schicker Innendeko; Hammer-Ausblick auf die Skyline und Goethe war auch schon mal da. Ist allerdings ein Weilchen her. Den Namen behalte ich für mich, sonst bekomme ich zur nächsten Messe kein Zimmer mehr. Sorry, da bin ich Egoist.
Letztes Jahr residierte ich übrigens in einem süßen kleinen Renaissance-Hotel mitten im weniger schnuckligen Bahnhofsviertel. Dort lernte ich einen Ex-wichtigen-Superduper-Manager kennen, der wegen Wirtschaftsspionage aus China ausgewiesen wurde, stantepede in die Frankfurter Drogenszene abrutschte und nun mit den hiesigen Hells Angels verschwippschwägert ist. Jetzt sind wir Freunde.

Die Organisation der FBM war vornehm ausgedrückt für’n Arsch. Jede Vororts-Tattoo-Messe ist besser organisiert. Da kann der liebe Vadim Soundso von der Veranstaltungsleitung mir tausendmal mit geduldigem Lächeln sagen: „Ja, bei über 7000 Ausstellern und diversen Eklats ist das nun mal …“ Nein, ist es nicht! Ihr macht diese dämliche Mega-Messe nicht erst seit gestern. Ihr wisst seit Jahren, was da auf euch zurollt.
In meiner grenzenlosen Naivität war ich ja der Meinung, dass Lastenaufzüge dazu da sind, Lasten rauf- und runterzutransportieren. Dazu müssten die verf…ten Dinger natürlich in Betrieb sein. In den Personenaufzug passen die Rollwagen nämlich nicht hinein, lieber Vadim. Am Stand selbst fehlten so ziemlich alle Regale, die dort sein sollten. Der Hallenmeister fehlte auch. Die Palette, auf der die vermissten Regale sein sollten, war immerhin da. Allerdings ohne Regale.
Von meinem lautstarken Vortrag über „Warum kann ich meinen Scheiß Transporter nicht vor der Messehalle abladen, wie es sich gehört, sondern muss ihn im oberf…tken PARKHAUS lerrräumen und den ganzen Kladderadatsch durch die mehrstöckige Messe-Pampa wuchten?“ klingeln Vadim vermutlich noch immer die Ohren. Ich glaube, er nuschelte etwas von „Ja, wenn Sie zufällig Frau Random House wären, könnte ich …. Seien Sie froh, dass wir Sie überhaupt reingelassen haben, Frau WieheißenSienoch?“
Vadim hat mich auf Facebook entfreundet.

Fürs nächste Jahr planen wir jetzt auch einen medienwirksamen Eklat. Dazu benötigt man im Vorfeld lediglich ein skandalöses Buch; eine Art verbalen Brandbeschleuniger mit einem Titel, der wirklich jeden auf die Palme bringt. Vielleicht: „Kim Jong Un und ich – Eine Bad Boy-Romance“ von Donald Trump. Oder „Wer Bücher liest, ist zu blöd für Sex“. Das nenne ich mal provokant!
Der Rest ist Marketing, garniert mit breitschultrigen Männern mit Knopf im Ohr, die dem Ganzen eine gewisse bedrohliche Souveränität verleihen.

Ken Follett

Die Frankfurter Buchmesse war also bunt, kontrovers, kistenschleppig, spannend und die Teppiche – auch die roten – waren keine drei Millimeter dick. Etwa zwanzig Minuten nach Torschluss der FBM rissen kernige osteuropäische Arbeiterinnen den schicken Bodenbelag wieder raus, während wir noch unsere Stände abbauten. Zack – Glamour weg.
Männe und ich haben anschließend ein wenig über die Höhe des Müllbergs sinniert, den so eine Buchmesse hinterlässt. Halde Hoheward in Recklinghausen oder doch eher Mount Everest?

Der Rest war maßgeschneiderte Wichtigtuerei und empörtes Herumschreien. Und Bücher natürlich. Hier und da gab es noch etwas Bigotterie obendrauf. Der richtige Spaß fand bei uns kleinen Guerillas statt, wenn man mich fragt.
Man kann sich feiern, wie man will: Unterm Strich zählt allein der Leser, der das Buch entweder begeistert liest oder den Schmöker nach wenigen Seiten in die runde Ablage wirft und ein Kochbuch kauft.

Hier noch ein paar wichtige Sätze, die auf der FBM fielen:
– „Gibt es Suhrkamp-WLAN?“
– „Ich lese grundsätzlich keine Bücher unter 500 Seiten.“
– „Bei denen am Stand bekommt man nur Häppchen mit Lachsersatz.“
– „Der da drüben, der ist doch auch ein Berühmter.“
– „Da wünscht man sich glatt die Zensur zurück.“
– „Ich wollte auf keinen Fall barockes Deutsch emulieren.“ (Daniel Kehlmann)
– „Ich wusste, dass die Dings … wie heißt sie noch? … dass sie den Preis bekommt.“
– „In die Augen schauen, sonst gibt’s sieben Jahre schlechten Sex. Stößchen!“
– „Sind Sie Self-Publisher oder gehören Sie zu den richtigen Autoren?“

Demon Inside – Bullhead MC V — LESEPROBE

Heute gibt es die versprochene Leseprobe aus dem fünften Band der Bullhead MC-Serie „Demon Inside“. Die Story ist ist düsterer als ihre Vorgänger, aber ebenso spannend und heiß und natürlich gibt es auch hier ein Wiedersehen mit vielen lieb gewonnenen Charakteren 🙂
Das Buch ist wieder einmal ein dicker Klopper geworden mit über 640 Seiten (Amazon-Taschenbuch) bzw über 700 Seiten (stationärer Buchhandel; Hard- und Softcover). Das eBook verspricht eine durchschnittliche Lesezeit von 15-20 Stunden.
Viel Spaß!

Demon Inside

Prolog – Zwölf Jahre zuvor
Auf den ersten Blick könnte man den Jugendlichen, der mit einer Gitarrentasche über der Schulter durch den Park eilt, für einen Musikschüler halten, der zu spät zum Unterricht kommt.
Niemand ahnt, dass er in Begriff ist, einen Mord zu begehen.
Er hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schwarze Haarspitzen kringeln sich um die Wangen, die Augen liegen im Schatten. Seine Kleidung ist von gedeckter Farbe: dunkelgrauer Parka und khakigrüne Hose. Tiefes Schwarz ist ungeeignet, wenn man tagsüber unauffällig sein will, das hat er von seinem Vater gelernt. Die Schuhe, die er trägt, sind ihm zwei Nummern zu groß. Er musste drei Paar Socken anziehen, damit sie nicht an den Füßen schlackern.
Im Laufen wischt er die feuchtkalten Hände an der Jeans ab und widersteht dem Drang, sich umzuschauen. Es ist später Nachmittag, die Sonne schickt blassgoldene Strahlen durch die Baumkronen. Ein kleiner Hund bellt ihn an und wird von seinem Besitzer zurückgezerrt. Rund um den See ziehen Jogger ihre Bahnen.
Sein Weg führt ihn zum Waldrand jenseits der Liegewiese. Auf den Schildern im Unterholz steht NATURSCHUTZGEBIET – BETRETEN VERBOTEN. Er ist diese Strecke in den letzten Tagen mehrfach abgelaufen und hat dabei die Zeit gestoppt.
Der kaum erkennbare Pfad schlängelt sich durch wild wucherndes Gestrüpp, vorbei an einem sumpfigen Teich und verliert sich unter hohen Eichen. Ab hier muss er seinen Markierungen folgen, den kurzen Stöckchen, die er in den Boden gesteckt hat. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigt ihm, dass er gut im Rennen liegt. Das Gitarrenbag schlägt bei jedem Schritt gegen seinen Rücken. Er muss aufpassen, dass er nicht mit der Tasche hängenbleibt. Der Boden ist weich, die Abdrücke seiner Schuhsohlen zeichnen sich deutlich ab. Er klettert einen Hang hinauf und kämpft sich voran, darauf achtend, keine Zweige abzubrechen. Neben einer Buche mit tiefhängenden Ästen bleibt er stehen und drückt sich gegen den Stamm. Dies ist der höchste Punkt der Umgebung. Unter ihm breiten sich Felder aus. In der Ferne kann er den Schotterweg erkennen – eine helle Linie in der grünbraunen Umgebung. Der verfallene Viehunterstand am Wegrand ist fast vollständig von Nesseln und Brombeergestrüpp überwuchert, krumme Zaunpfosten ragen aus dem Gras.
Jared nimmt die Gitarrentasche ab und holt die dicke Plastikplane aus dem Seitenfach. Sorgfältig breitet er sie auf dem Boden aus, dann öffnet er das Hauptfach. Das G22 liegt sicher eingebettet in seinem Schaumstoffnest. Mattschwarzes Metall, schlanker Lauf. Dieses Gewehr ist das teuerste – das einzige – Geschenk, das er je von seinem Vater bekommen hat, darum liebt er es. Mehrmals am Tag nimmt er es auseinander, um es in Rekordzeit wieder zusammenzusetzen, oft mit einer Binde über den Augen. Jedes winzige Detail ist ihm vertraut, von der herausgefrästen Seriennummer bis hin zu dem befriedigenden Klacken, wenn er den Kammerstängel des Verschlusses zum Durchladen zurückzieht. Die Waffe wurde für die Scharfschützen der Bundeswehr entwickelt und für Ziele bis achthundert Meter Entfernung konzipiert. Die Distanz zu dem Feldweg mit dem alten Viehunterstand beträgt neunhundertvierundachtzig Meter. Mit diesem Gewehr hat er auf Ziele bis tausend Meter geschossen und immer getroffen.
Sein Vater hat ihm das G22 zum vierzehnten Geburtstag geschenkt. Vorher hatte er nur mit den Pistolen seines Dads auf dem Schießstand üben dürfen, und er erinnert sich auch jetzt noch, drei Jahre später, an das warme Glücksgefühl, das ihn überflutete, als er es zum ersten Mal in die Hand genommen hat.
»Im Club wissen sie natürlich Bescheid über dieses Geschenk«, hat Sick Man, sein Dad, gesagt. »Niemand sonst darf davon erfahren, hast du verstanden?«
Jared hatte auf den Hinweis verzichtet, dass er nicht blöd sei. Er hat auf die harte Tour gelernt, sich vor dem aufbrausenden Charakter seines Vaters in Acht zu nehmen. Mit neunmalklugen Bemerkungen tut man sich keinen Gefallen. Aber es erfüllte ihn mit unbändigem Stolz, dass sein Vater auf seine Verschwiegenheit vertraute. Fast, als wäre er bereits Teil der Bruderschaft, der Sick Man angehört.
Jetzt hebt er die Waffe behutsam aus der Tasche, klappt das Zweibein und die Schulterstütze heraus und schiebt das Magazin in die Halterung, bis es spürbar einrastet. Er schraubt das Schalldämpferrohr auf, wohl wissend, dass der Schuss dadurch längst nicht unhörbar sein wird. Lediglich der Mündungsknall der Munition wird teilweise gedämpft. Gegen den Überschallknall des Geschosses kann keine Technik der Welt etwas unternehmen. Trotzdem werden sie eine Weile brauchen, bis sie wissen, aus welcher Richtung der Schuss kam.
Er legt sich auf die Plane und richtet sich und die Waffe aus. Seine Position ist gut gewählt, der Schatten des mächtigen Baumes und das Gestrüpp verbergen ihn. Sorgfältig stellt er das Visier des Zielfernrohrs ein. Das G22 ist ein Repetiergewehr; nach jedem Abschuss muss manuell durchgeladen werden. Das bedeutet, dass der erste Schuss sitzen muss, weil er möglicherweise keine Zeit für einen zweiten hat. Aber der vermeintliche Nachteil hat auch einen Vorteil. Bei einem halbautomatischen Gewehr würde sich die Waffe mit jedem Nachladevorgang um eine Winzigkeit verschieben.
Im Magazin befinden sich vier Überschallgeschosse. Ich schaffe das, redet er sich zu. Vier Kugeln sind mehr als genug.
Die extreme Distanz zum Ziel ist bei dieser Unternehmung der kritischste Faktor. Geschosse sausen nicht schnurgerade durch die Luft, sondern beschreiben einen flachen Bogen, beeinflusst von Seitenwind und Gravitation. Auf dem Weg bis zum Einschlag kann vieles geschehen. Doch näher kommt er nicht an sein Ziel heran, ohne das Risiko einzugehen, entdeckt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschusses liegt auf dieser Distanz bei zwanzig Prozent. Bisher hat er immer getroffen.
Allerdings hat er bisher auch noch nie auf einen Menschen schießen müssen.
Die ansteigende Nervosität verändert seine Atemfrequenz. Er schließt die Augen und vollführt sein Beruhigungsritual: Einatmen, bis fünf zählen, langsam ausatmen. An Lea denken. In seiner Erinnerung lächelt sie ihn verstohlen an. Das tut sie oft, wenn sein Vater es nicht mitbekommt. Ihr Lächeln ist winzig, doch es stellt verrückte Sachen mit ihm an. Auch wenn sie lange nicht so üppig gebaut ist wie die anderen Clubhuren und kaum Kurven besitzt, ist sie dennoch das hübscheste Mädchen, das Jared je gesehen hat. Ihre langen Beine erinnern an ein Fohlen und ihrem Gesicht sieht man das Kind an, das sie eigentlich noch ist. Er sehnt sich danach, mit den Fingern durch ihr glattes blondes Haar zu kämmen, ihre Haut zu berühren und ihr tröstende Worte zuzuflüstern. Wann immer sie ihm einen heimlichen Blick zuwirft, sieht er den Hilferuf darin.
Lea ist etwa so alt wie er selbst und sie gehört seinem Dad. Er hat sie wenige Monate zuvor vom Vizepräsidenten seines MCs abgekauft und ihr am gleichen Tag noch ein Tattoo auf die Arschbacke stechen lassen. Property of Sick Man.
Sie redet wenig, antwortet oft nur mit Ja oder Nein, wenn sie etwas gefragt wird. Sein Vater bringt Lea manchmal mit nach Hause, damit sie kocht und putzt und anschließend vor seinem alten Herrn auf die Knie sinkt, um seinen Gürtel zu lösen. Sick macht sich selten die Mühe, mit ihr ins Schlafzimmer zu verschwinden. Er vögelt sie, wo, wie und wann es ihm beliebt. Sick nimmt sie grundsätzlich von hinten. Er mag es hart und grob, er mag es, wenn sie vergeblich darum kämpft, ihre Schmerzensschreie zu unterdrücken. Ihr Schluchzen feuert ihn an. »Verfickte trockene Pussy«, knurrt er regelmäßig, ihren Kopf am Haar nach hinten reißend. Spätestens dann flüchtet Jared in sein Zimmer, verfolgt vom spöttischen Lachen seines Dads. »Ist es dir peinlich, zuzusehen, wie ich meine Kleine durchnehme oder geht dir dabei einer ab?«, ruft er ihm hinterher. »Das stört mich nicht, Boy.« Ihr schmaler nackter Leib ist äußerst hübsch, doch in Kombination mit ihren rotverweinten Augen und der schmerzverzerrten Miene verursacht der Anblick bei Jared nur Übelkeit. Sein Dad predigt ihm ständig, er müsse stärker werden, dürfe sich keine Weichherzigkeit erlauben. »Niemand wird dich respektieren, wenn du Mitleid mit Schwächlingen zeigst. Sie werden denken, du seist angreifbar.«
Jared ringt mit sich, ob er ein Feigling ist, weil er Lea nicht hilft, oder ob sein Dad Recht hat. Fakt ist, dass er gar nicht helfen könnte. Sollte er wagen, sich einzumischen, würde Sick Man kein Erbarmen kennen. So einfach ist das.
Sick hat Erfahrung damit, eine Frau auf Spur zu bringen, wie er es nennt. Er gehört zur Rotlicht-Truppe des Clubs, die die Bordelle betreibt. Er bestraft Lea grundsätzlich so, dass keine Spuren zurückbleiben, sie die Schmerzen aber noch tagelang spürt. Nur einmal verlor er die Beherrschung, als sie ganz zu Anfang leise über den starken amerikanischen Akzent seines Vaters gekichert hatte. Was darauf folgte, wird Jared seinen Lebtag nicht vergessen. »Du musst den Bitches von Anfang an beibringen, wie sie sich zu benehmen haben, sonst tanzen sie dir auf der Nase herum«, stieß sein Dad schnaufend hervor, nachdem er mit ihr fertig gewesen war. Die nackte Lea lag schluchzend am Boden, das Gesicht, den Rücken und die Schenkel blutverschmiert. Jared hat sich gewünscht, er könnte … Doch er stand nur da, die Fäuste geballt, die Nackenmuskeln schmerzhaft angespannt. Mit aller Gewalt kämpfte er darum, nicht zu kotzen.
Sein Zorn war ihm anzusehen, denn sein Vater grinste verächtlich und verbot ihm, sich dem Mädchen zu nähern. »Die Kleine gehört mir, Boy. Solltest du sie je anrühren, breche ich dir jeden Finger einzeln.« Er fädelte den Gürtel wieder ein, der die tiefen Striemen auf ihrer Haut hinterlassen hatte. »Ruf den Clubarzt an. Morgen muss sie wieder arbeitsfähig sein.«
Der Gedanke an die Szene führt dazu, dass seine Schultermuskeln sich erneut versteifen und er wiederholt seine Atemübung. Es ist ihm unmöglich, auch nur eine Minute allein mit Lea zu verbringen. Sein Dad bewacht sie wie ein Schießhund. »Hast dich in die Kleine verknallt, eh? Nicht gut, glaub mir. So ein Shit verwirrt dich nur und lässt dich die falschen Entscheidungen treffen. Kontrolle – darum geht es.« Sick Man ist ein Bär von einem Mann und trägt immer noch den gleichen Haarschnitt wie zu seinen Army-Zeiten. Nicht einmal das Tattoo seiner Einheit hat er sich überstechen lassen – als Mahnung, wie er sagt. Man hat ihn unehrenhaft aus der US-Army entlassen, Jared hat nie erfahren, warum. Er weiß nur, dass sein Vater seinem Geburtsland anschließend verbittert den Rücken gekehrt und in einem deutschen MC ein neues Zuhause gefunden hat.
Seine Bikerbrüder nennen ihn Sick Man, weil er einige Dinge getan hat, über die in Jareds Gegenwart niemand ein Wort verliert. Im Club begegnet man ihm mit einer Mischung aus Angst und Respekt. Anfangs war Jared seltsam stolz darauf, diesen Mann als Vater zu haben, doch mittlerweile grübelt er immer öfter über richtig und falsch nach. Die Clubhuren geben sich verzweifelt Mühe, nicht von ihm bemerkt zu werden. Einmal hatte Jared den Fehler begangen, ihn vor seinen Clubbrüdern Dad zu nennen. Die Abreibung, die daraufhin folgte, hat er bis heute nicht vergessen. »Ich bin Sick Man, nicht dein verfluchter Daddy, der dir Gutenachtgeschichten erzählt!« Vielleicht war dies der Zeitpunkt, da er insgeheim anfing, seinen … Sick Man kritischer zu betrachten. Vielleicht wurde er auch nur erwachsen.
Seine Gedankengänge brechen jäh ab, als er Bewegung in der Ferne wahrnimmt. Zwei Limousinen nähern sich von Norden. Sie verlangsamen und kommen gute dreihundert Meter vor dem alten Viehunterstand zum Stehen. Er unterdrückt einen Fluch. Warum halten die dort hinten?
Aus der anderen Richtung braust ein dunkler Transporter heran, bremst vor dem Stall ab. Der Fahrer betätigt die Lichthupe. Die vordere Limousine bestätigt das Signal mit zweimaligem Aufleuchten, ohne sich jedoch in Bewegung zu setzen. Langsam rollt der Lieferwagen auf die beiden Fahrzeuge in der Ferne zu.
»Das war so nicht abgemacht, ihr Arschlöcher«, murmelt Jared und justiert das Zielfernrohr neu. Das Gras vor ihm gerät in Bewegung, als eine Böe darüberstreicht. Wolken schieben sich vor die Sonne. Er hebt den Kopf und spürt die Kälte des Windes auf der Haut. Die Distanz zu den drei Fahrzeugen beträgt nun über tausendzweihundert Meter. Sein Zielfernrohr mit der sechzehnfachen Vergrößerung ist nicht zuverlässig genug für Entfernungen über tausend Meter. Er wird sich vor allem auf sein Gefühl verlassen müssen. Die Wahrscheinlichkeit eines präzisen Treffers dürfte jetzt noch bei fünfzig Prozent liegen.
Durch das Visier beobachtet er, wie zwei Männer in Rockerkutte den Transporter verlassen. Einer bleibt beim Wagen, der andere nähert sich den Limousinen, deren Türen sich ebenfalls öffnen. Er kennt die beiden Biker. Sie gehören zum MC seines Vaters. Wenn sein Dad im Garten Steaks für seine Freunde grillt, sind sie immer dabei. Nette Männer, die seit ihrer Kindheit dick befreundet sind und immer im Doppelpack herumlaufen. Jared hat sich mit ihnen mal angeregt über Kampfsport unterhalten. Er trainiert seit seiner Kindheit Ninjutsu und der eine Mann – Boom ist sein Name – betreibt Karate. Sein Vater hält nichts von asiatischer Kampfkunst; er bevorzugt ehrliches, männliches Boxen. Um jemandem die Fresse zu polieren, sagt er gern, müsse man nicht Körper und Geist in Einklang bringen.
Aus den Limousinen steigen jetzt vier Männer aus. Zwei suchen die Gegend mit den Augen ab, die Hände unter die Jacken geschoben. Boom hebt in einer beschwichtigenden Geste die Arme. Die beiden anderen Männer marschieren mit gezogenen Pistolen zum Lieferwagen, ziehen die Seitentür auf und checken den Innenraum. Sie stecken ihre Waffen weg, einer schaut über die Schulter und nickt.
Die Fondtür der hinteren Limousine öffnet sich. Der Mann, der gemächlich aussteigt, ist recht klein und trägt das lange graue Haar zu einem dünnen Pferdeschwanz gebunden. Er knöpft seine Anzugjacke zu, richtet seinen Krawattenknoten und schlendert zu dem Transporter. Seine Leibwächter machen ihm Platz. Zwar gilt es als Vertrauensbeweis, sich mit einem zukünftigen Geschäftspartner persönlich zu treffen, trotzdem ist Pferdeschwanz auf der Hut. Jared vermutet, dass es zu seiner Standardprozedur gehört, nie exakt am vereinbarten Treffpunkt zu halten. Ein paar hundert Meter können den Unterschied zwischen Tod und Leben ausmachen.
Er weiß nicht, warum Pferdeschwanz sterben soll. Sein Vater hat ihn bis heute aus allen Clubangelegenheiten rausgehalten, denn Jared ist bloß ein minderjähriger Hangaround. Um als Prospect aufgenommen zu werden, muss er sich bewähren. So verlangen es die Regeln der Dirty Demons. Jared ist sich nicht mehr sicher, ob ihm eine Anwartschaft bei einem der gefürchtetsten Motorradclubs des Landes gefallen würde. Er ist möglicherweise nicht annähernd so hartgesotten, wie Sick Man es erhofft. »Enttäusch mich nicht«, hat der große Mann mehr als einmal zu ihm gesagt. »Ich weiß, du hast es in dir. Du musst es nur noch finden.«
Was dieses Es sein soll, hat Jared bisher nicht herausfinden können. Aber es wäre furchtbar, zu versagen. Wenn er erst Member bei den Dirty Demons ist, dann hat er es geschafft. Dann hat er einen festen Platz im Leben, den ihm niemand je streitig machen kann. Dann hat er Brüder, die fest zu ihm halten, komme, was wolle.
Er rupft ein paar Grashalme aus und wirft sie hoch. Der Wind hat leicht zugenommen. Die Luft ist merklich kühler geworden.
Sein Vater hat ihm von Anfang an beigebracht, Entfernungen mit bloßem Auge zu ermitteln, falls seine Zieleinrichtung versagen sollte. Er hat verinnerlicht, dass auf sechshundert Metern eine Person zu einem Schemen wird und eine Nasenspitze nur bis hundert Metern erkennbar ist. Eine Senke im Gelände, so wie hier, kann dazu führen, dass man die Distanz zu kurz einschätzt.
Er stellt im Kopf Berechnungen an, verwirft sie wieder und beginnt von Neuem. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Der Seitenwind bereitet ihm Sorgen. Seine Hände sind schwitzig, er zerreibt etwas Erde zwischen den Fingern.
Zwei Taschen werden aus dem Van geladen, geöffnet und überprüft. Jared vermutet, dass sich Drogen darin befinden; die Dirty Demons engagieren sich seit einigen Jahren stark im Kokainhandel. Er visiert Pferdeschwanz an, achtet darauf, mit dem Auge nicht zu nah ans Okular zu kommen. Den Fehler hat er einmal begangen und er hat ihm eine hübsche Narbe eingebracht, als der Rückstoß beim Abfeuern das Zielfernrohr gegen seine Braue schlug.
Sichelschatten wachsen am Rand seines Sichtfeldes, er korrigiert den Abstand zum Visier um wenige Millimeter. Die Kuppe seines Zeigefingers legt sich an den Abzug. Stille senkt sich über ihn, nun hört er nur noch seinen eigenen Herzschlag.
Pferdeschwanz gibt einem seiner Männer ein Signal, während er mit den Rockern redet. Die Leibwächter scannen die Umgebung und bleiben keine Sekunde ruhig stehen. Immer wieder schiebt sich einer vor Jareds Ziel. Ein Mann schleppt einen grauen Hartschalenkoffer heran und öffnet ihn. Durch das Fernrohr kann Jared Booms freudiges Grinsen erkennen. Pferdeschwanz tritt einen Schritt zurück.
Freies Schussfeld.
Jared leert seine Lunge und krümmt den Finger um Winzigkeiten, bis er spürt, dass er den Abzugspunkt fast erreicht hat. In dieser letzten Millisekunde muss er die absolute Kontrolle behalten. Sein Herz schlägt ruhig. Er kann bereits die Flugbahn des Geschosses vor seinem inneren Auge sehen. Sanft zieht er den butterweich eingestellten Hahn durch, spürt augenblicklich den harten Rückschlag bis in die letzte Faser seiner entspannten Muskeln, noch bevor der gedämpfte Knall ertönt. Durch das Visier beobachtet er, wie Pferdeschwanz zusammenzuckt. Seine Arme fliegen hoch, dann kippt er hintenüber.
Die Lautlosigkeit der Todesszene ist gespenstisch. Sekundenlang ist Jared unfähig, sich zu rühren.
Die Bodyguards geraten in hektische Bewegung. Es ist, als beobachte man aufgeregte Ameisen, in deren Nest man mit einem Stock herumfuhrwerkt. Die Rocker grabschen nach dem Koffer und wollen zu ihrem Van stürmen. Schüsse ertönen. Erst bricht Boom zusammen, dann sein Freund. Der Koffer fällt zu Boden und der Deckel springt auf, Geldscheine flattern umher.
Hau ab!, flüstert ihm sein entsetzter Verstand zu.
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Dies war ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel von „Demon Inside“. Du willst wissen, wie es weitergeht? Klick hier.

Kuba – Der Rum, die Baumratte und diese komischen weißen Dinger, die nach nichts schmecken

Mein Kuba-Bericht lümmelt sich schon eine ganze Weile auf der Festplatte und fragt sich, warum er überhaupt geschrieben wurde.
Nun hatte ich endlich „Demon Inside“ veröffentlicht und überlegte müßig, was ich als Nächstes in Angriff nehme, als die Nachrichten über Hurricane Irma berichteten, der auch Kuba heimsuchte.
Wer einmal durch die bröckligen Seitenstraßen Havannas gestreunt ist, kann sich sehr gut ausmalen, dass Irma leichtes Spiel hatte. Wie die Bewohner mit den verheerenden Schäden zurechtkommen sollen, entzieht sich meiner Vorstellung. Kuba ist keine Industrienation, gehört nicht zur Ersten Welt und schafft es gerade eben so, seine Bevölkerung nicht verhungern zu lassen. Die alten, dicht besiedelten Stadtteile in Havanna, in denen mein Männe und ich im Frühjahr unsere Unterkünfte fanden, wurden überflutet, viele Gebäude stürzten ein. Auch die Regionen Matanzas und Camargüey haben es dick abbekommen
Die Katastrophe in Kuba spielt in den Medien nur eine Nebenrolle. Wenn überhaupt, gibt es vor allem Artikel über kaputte Hotelresorts und ruinierte Urlaube.

Angesichts der Ereignisse fühle ich mich reichlich beklommen, über unseren Backpackertrip auf die Karibikinsel zu berichten. Andererseits kann ich nur aufgrund dieser Reise ansatzweise verstehen, was eine solche Naturkatastrophe für Kuba bedeutet. Die Zeitungsartikel hätte ich sonst bestenfalls überflogen und bald darauf vergessen.
Meinen Bericht schrieb ich, bevor Irma über Kuba hinwegtobte. Lediglich eine Anmerkung habe ich nachträglich hinzugefügt.

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Centro Viñales
Foto: C.Cudd

Der triste deutsche Vorfrühling (der nahtlos in einen nicht weniger tristen Sommer überging), weckte auch in mir den innigen Wunsch, sofort diesem kalten Dauerregen zu entfleuchen, am besten in die Karibik.
Und weil ich ich bin, heißt Sofort bei mir: Scheiß drauf, ich buch jetzt nen Flug, bevor ich wieder bei Verstand bin.
Also: Zwei Flugtickets gekauft. Der Rest wird sich finden.
So laufen übrigens alle meine Trips ab. Erstmal ankommen, dann weiterschauen. Backpacker-Mentalität.
Mein Männe sagte: „In drei Tagen? Echt jetzt?“, packte unnütze Dinge in seinen Rucksack, die ich heimlich wieder rausräumte (seine dicke Jacke, eine handliche Machete und ein Ché Guevara-T-Shirt – man muss ja keine Eulen nach Athen tragen) und kaufte immerhin ein Büchlein namens Spanisch für Nicht-Kubaner oder so ähnlich.
Kubanisches Spanisches unterscheidet sich hier und da vom Standard-Spanisch, aber das lernten wir erst vor Ort. Mein Spanisch reicht sowieso auch unter optimalen Umständen gerade mal für eine Pizza-Bestellung beim Italiener umme Ecke, der eigentlich ein Kosovare ist.
Wir schulterten unsere Rucksäcke, fuhren im frostigen Nieselregen zum Köln-Bonner Flughafen und landeten irgendwann in schwüler Wärme unter ausgebleichtem Himmel auf dem Aeropuerto Internacional José Martí in Havanna.

Kuba ist immer noch kommunistisch. Also quasi die DDR unter Palmen. Man sieht erst einmal viel buntbemalten Beton, viele Leute in Uniform, dazu Reklametafeln mit revolutionären Parolen und kein einziges McDonalds.
Erfahrene Backpacker wissen, dass man immer irgendwie zurechtkommt, wenn man nur sein Maul aufmacht und fragt. Wir fanden einen Taxifahrer, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte … Er fuhr uns mitten hinein ins Labyrinth von Centro Havana und setzte uns vor einer Casa Particular ab.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Casa Particulares sind Privatunterkünfte meist mit Familienanschluss. Das Angebot reicht vom einfachen Zimmer mitten in der kubanischen Wohnung bis zum eigenen Haus. Bekocht wird man oft auch und bekommt viel Unterstützung bei der Erkundung des Landes. Die Vermieter müssen für das Casa einen festen Betrag an den Staat zahlen, auch wenn es nicht vermietet ist. Während unserer gesamten Tour hatten wir nie Probleme, eine Unterkunft zu finden.

Centro Havana sieht auf den ersten Blick aus wie ein Slum, über den ein Weltkrieg hinweggetobt ist und wo die Trümmerfrauen noch nicht durchgefegt haben. Verfallene Fassaden mit schnörkeligen, rostzerfressenen Fenstergittern, massenhaft herabhängende Kabel, morsche offenstehende Holztüren, die den Blick nach innen freigeben, Schutthaufen am Straßenrand, Straßenkreuzer ohne Räder und viel Improvisation.

Metzgerei in Havanna
Foto: C. Cudd

Die meisten Leute verlagern ihr Familienleben vor die Haustür. Wenn man niesen muss, ruft jemand aus der übernächsten Gasse „Gesundheit!“ und aus der anderen Richtung kullert eine Vitamin C-haltige Zitrone heran. Zwei Häuser von unserem Casa entfernt lebte ein Irrer, der unregelmäßig hinter einem Gitterfenster schrie.

 

Trinidad
Foto: C.Cudd

Hinter der knarzenden Eichentür unseres Casas verbarg sich ein überraschend schöner gefliester Innenhof mit Palmen und ein luftiges, gelb gestrichenes Zimmer mit hohen schmalen Fenstern ohne Glas, dafür mit geschnitzten Holzläden. Unsere Wirtin Olga war ein Schatz und tischte das weltbeste Frühstück im Patio auf – nach kubanischen Verhältnissen. Der Fruchtsaft wird aus Guave gepresst und schmeckt mit viel Wohlwollen gesund, das Brot ist Baguette und ansonsten legt man Wert auf tierische Proteine und schwitzenden Käse. Wenn du Vollkornbrot- und Müslifan bist, hast du ganz schlechte Karten. Kuba ist Seitenbacher-freie Zone.
Kubanische Kaffeebohnen werden nicht geröstet, sondern getrocknet; der Kaffee ist Hardcore für ein Weichei wie mich. Wer nach Hafermilch fragt, darf ein verständnisloses Lächeln erwarten. Milch besteht hierzulande aus Pulver und Wasser; echte Milch ist den Kleinkindern und den Hotelgästen vorbehalten.

Dominospiel in Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Das Leben in den Gassen von Centro Havana findet rund um die Uhr statt. Im Erdgeschoss vieler Häuser sind Friseursalons, Cafés und Imbisse untergebracht; alles wirkt improvisiert und irgendwie reingequetscht. Manche Privatwohnungen wurden zu Paladares umfunktioniert. An den Fassaden entdeckt man kunstvolle Graffitis, schnörkelige schmiedeeiserne Balkongitter und hübsche kleine Kacheln.
Auf den Straßen wird Domino gespielt, zu Musik getanzt und laut geschwatzt. Hunde streunen durch die Gassen, Hahnengeschrei wirft dich morgens aus dem Bett, der Zwiebelverkäufer schiebt unter lautem Singsang seinen Karren über den maroden Asphalt. An manchen Plätzen drängen sich Marktbüdchen, wo man sehr günstig frische Lebensmittel kauft. Ohne diese Bauernmärkte müssten die Einwohner den Gürtel erheblich enger schnallen.

Trinkgefäße für Rum
Foto: C.Cudd

Obst und Gemüse haben beste Bio-Qualität, da Pestizide in Kuba gegen Devisen importiert werden müssten – zu teuer. Auf manchen Hausdächern wird „Urban Farming“ betrieben.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Kubaner erhalten eine Art Bezugsheftchen, die monatlich die allernötigste Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen sollen, aber maximal 14 Tage ausreichen. In den normalen Läden sieht es tatsächlich aus wie zu schlimmen Zeiten in Ostberlin: leere Regale, draußen lange Schlangen.
Die Dinge des täglichen Bedarfs werden mit der hauseigenen Währung Peso Cubano (CUP) bezahlt. Für uns Touristen gibt es den Peso Convertible (CUC), dessen Wert an den US-Dollar gekoppelt ist und mit dem man auch Luxusgüter und seine Unterkunft bezahlt. Beim Einkauf sollte man aufs Wechselgeld achten; manchmal wird man mit den geringwertigen CUP ausbezahlt.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Havanna ist eine Wahnsinnsstadt, deren Eindrücke flashen. Wunderschöne Paläste, noch schönere blankpolierte Straßenkreuzer unter Palmen, viele geschichtsträchtige Orte, die an Hemingway, Cocktails und an elegante, scharfzüngige Frauen in Twinsets erinnern. Um Hemingways Liblingsbars Floridita und La Bodeguita schlägt man übrigens besser einen Bogen – da drin herrscht Sardinenbüchsen-Touristenflair.
Havanna hat sich in eine kapitalistische Metropole gewandelt und das Zentrum gehört den Touristen (der kubanische Otto Normalverdiener kann sich hier fast gar nichts leisten), den Geschäftemachern, Anlockern und penetranten Schnorrern. An den Rändern tickt die Stadt aber noch nach altem Rhythmus.
Wir trafen eine junge Funktionärin, die uns erklärte, welche Paläste sich einst hinter den Ruinen verbargen. Überall sieht man den Che, überall sind Säulen, kleine bunte Stände und üppige Bougainvilleen, viel Lärm, tausend Gerüche. Musiker an den Straßenecken, Männer, die dich zu einem obskuren Festival einladen wollen (meist geht es um illegalen Zigarrenverkauf), Frauen, die in bunten Kleidern für Fotos posieren und umgestülpte Kanonenrohre, die zu Straßenpollern umfunktioniert wurden.

Havanna Vieja
Foto: C.Cudd

In den Seitengassen entdeckt man die kleinen baumbestandenen Plätze voller junger Leute, weil es hier WiFi gibt. Die dunklen Läden, die nur heute Mädchenkleider anbieten. Versteckte kleine Krammärkte, komische Buchläden, die Revolutionslektüre anbieten, und Markthallen mit Kunstkrimskrams. Die unglaublich tiefen Löcher im alten Pflaster, die halb zusammengestürzten Palacios mit den schönen Kacheln und dazu die Paladares, in denen das beste Essen serviert wird.

Innenhof in Havanna
Foto: C.Cudd

Paladares sind Privatrestaurants. Ebenso wie die Casa Particulares werden sie mit staatlicher Erlaubnis von Familien betrieben und haben oft nur sehr wenige Tische. Hier wird gute kubanische Küche serviert, manchmal garniert mit einer Salsaband. Kubaner stehen auf Musik. Es ist kein Klischee: Sie singen und tanzen tatsächlich ständig herum und erfüllen die Straßen mit Musik. Ja, auch die Männer singen und tanzen und sind trotzdem extreme Machos.
Kleiner Tipp am Rande: Speise niemals in einem staatlichen Restaurant oder einem Hotel! Erstens zu teuer, zweitens unlecker, drittens hat das Personal keinen Spaß an seinem Job. Und viertens sind Paladares sowieso viel gemütlicher.
Empfehlenswert: 1. Das Nao an der schönen Plaza de Armas, Seitengasse rechts vom eleganten Hotel Santa Isabel. Restaurant und Bar, oft mit hervorragender Live-Musik.
2. Paladar Doña Eutimia an der Plaza de la Central in Habana Vieja, in einer Privatwohnung gelegen. Authentische kubanische Küche und kubanisches Ambiente, nette Leute. Rechnung vorm Bezahlung checken!

Havanna – Plaza des Armas
Foto: C.Cudd

Auf der Plaza de Armas weht immer noch kolonialer Wind, ebeso wie auf der Plaza Vieja und der Plaza de la Catredal. Auch die alten Apotheken, zu lebendigen Museen umfunktioniert, und die vielen historischen Gebäude lohnen einen Besuch. Ich empfehle jedoch, einen Abstecher in die Seitengassen zu machen und dort all die Details und den morbiden, pittoresken Charme des modernen Havanna zu entdecken.
Kubas Hauptstadt sollte man aber spätestens dann verlassen, wenn das erste gigantische Kreuzfahrtschiff seine Ladung ausspuckt und die Altstadt von zighunderten buntgemusterten Souvenirjägern mit Tagesrucksäcken und Flipflops überschwemmt wird.

Guama Foto: C.Cudd

Mit einem Taxi Colectivo ging es für uns weiter nach Trinidad. Vergesst Leihwagen; die Straßen in Kuba sind scheiße, die Beschilderung auch und GPS ist eh verboten. Auf den Autobahnen trocknen Bauern ihr Getreide oder treiben ihre Rindviecher voran. In den Schlaglöchern könnte ein Panzer auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich schwöre, ich habe Löcher gesehen, die bei uns als Tagebau durchgingen! In Kuba spannt man nicht mal ein Flatterband drumherum. Dazu kommt die rudimentäre Straßenbeschilderung. Selbst erfahrene Colectivo-Fahrer müssen sich durchfragen, um ans Ziel zu gelangen. So auch unser Fahrer: er rumpelte mit uns durch krumme Kopfsteinpflastergassen, bis wir endlich im historischen Kern von Trinidad in einer bogenförmigen mittelalterlichen Gasse vor einem Kolonialhaus hielten.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

Taxi Collectivo waren für uns das Mittel der Wahl, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Mit großem Auto (oftmals alte amerikanische Schlachtschiffe, seltener moderne Vans) fuhren wir von einer Stadt in die nächste und der Fahrer lud seine Passagiere direkt vorm Eingang ab. Gerade auf solchen Fahrten lernten wir die interessantesten Leute kennen.
Die Gehälter in Kuba sind mickrig; 2017 beträgt der Durchschnittslohn (den jedoch nur etwa 40% der Bewohner erhalten), umgerechnet 28 Euro. Oftmals sitzt ein Arzt oder Akademiker hinterm Steuer eines Taxi Colectivo, das in Deutschland mitunter niemals durch den TÜV käme. Auf Kuba gibt es übrigens weder TÜV noch Abgasverordnung. Die privaten Taxis sind selten gekennzeichnet, dafür zahlt man für die Fahrt einen läppischen Preis.
Allein mit dem Tourismus lässt sich auf Kuba gutes Geld verdienen. Viel Wirtschaft gibt es nicht und die ist größtenteils staatlich kontrolliert. Der Tourismus ermöglicht auch, dass das einst extrem verfallene Havanna nach und nach wieder instand gesetzt wird – allerdings vorrangig im touristischen Zentrum.
Taxis Colectivo lohnen vor allem, weil man unterwegs tolle Bekanntschaften schließt. Wir lernten ein unterhaltsames Punkerpärchen aus Hamburg kennen, die Leute aus der Szene kannten, die wir wiederum kannten (die Welt ist ein Dorf undsoweiter), einen jungen Belgier, der sich nach einem Burnout eine lange Auszeit genommen hat und mit dem wir ein paar Tage in der Schweinebucht verbrachten, zwei überforderte Japanerinnen, die nicht wussten, wo sie waren, Mario, den durchgeknallten Italiener, und natürlich auch viele Kubaner, die richtig viel zu erzählen hatten und immer jemanden kannten, der gerade eine Unterkunft zu vermieten hatte.

Irgendwo im Nirgendwo
Foto: C.Cudd

Auch schön waren die Unterwegs-Stopps an urigen kleinen Fincas mitten im Nirgendwo, wo es lecker Essen, frisch gepressten Zuckerrohrsaft und Holzbauten auf Stelzen gab, das Ganze garniert mit Hühnern, die im Straßenstaub pickten, frisch gebauten Sandwiches und traurig guckenden, mageren Hunden.
Auf Kuba hilft man sich gegenseitig. Wenn Reisende sich auf den Lebensrhythmus des Landes einlassen, empfängt man sie gemeinhin mit offenen Armen und gibt ihnen hilfreiche Tipps. Je weiter man ins Landesinnere dringt, desto offener und weniger abgezockt sind die Menschen – und desto schlechter kommt man mit Englisch zurecht. Macht nix, auch mit ein paar Brocken Spanisch hat es immer irgendwie geklappt. Unser kluges Buch „Spanisch für unvorbereitete Deppen“ war sehr hilfreich.

Der Tourismus ist wirtschaftlich gesehen ein Segen, zeigt aber bereits seine schäbige Seite. Varadero, das Paradies der Pauschaltouristen und faktisch gesehen eine Sonderregion, ist sozusagen No Go-Area für Einheimische. Nur wer dort arbeitet, darf die Halbinsel betreten. Varadeo wird von schönen Hotelresorts und Strandbars dominiert und man ist von all den Leuten umgeben, vor denen man eigentlich flüchten wollte. Wer das echte Kuba erleben möchte, macht einen Bogen um die Region. Wer jedoch karibischen Strandurlaub und All Inclusive bevorzugt, steuert Varadero an.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

In Trinidad kamen wir in einem wahnsinnig schönen Casa keine vierhundert Meter von der Plaza Major entfernt unter. Unser Zimmer befand sich auf der grün bewachsenen, herrlichen Dachterrasse. Schmiedeeiserne Möbelchen, pastellfarbener Anstrich und der obligatorische Gecko an der Wand rundeten das Ambiente ab. Die Aussicht über die einstige Schmuggler- und Sklavenhandelsstadt war göttlich und unsere Gastfamilie superlieb und sehr hilfreich. Wenn wir das Haus verließen, führte der Weg die Treppe hinab durch ihre ordentliche Erdgeschosswohnung und immer gaben sie einem Tipps mit.
In Trinidad ist man am besten zu Fuß unterwegs und möglichst nicht mit den schicken High Heels. Das Kopfsteinpflaster stammt noch aus dem 18. Jahrhundert und fällt zur Mitte der Gassen hin ab zu einer Rinne, durch die früher der Unrat mit dem nächsten Regenguss zum Meer hinuntergespült wurde.

Trinidad – Plaza Major
Foto: C.Cudd

Die Plaza Major mit ihrem mittelalterlichen Stadtbild und den schönen alten Fassaden erwacht abends zum Leben, mit winzigen Bars, an den man sich seinen Cocktail holt, den man draußen schlürft, während man einer Band lauscht. Auf der großen Treppe sitzen hunderte Leute, manche tanzen.
Direkt daneben befindet sich das liebevoll hergerichtete Los Conspiradores mit einem winzigen hölzernen, von Bougainvilleen überwucherten Balkon. Das Essen dort ist sehr empfehlenswert, die Mojitos waren naja.

Paladar Sol y Son in Trinidad
Foto: C.Cudd

Aber auch das nahegelegene Paladar Sol Y Son (Calle Desengaño) mit seiner kolonialen Wohnung, dem schönen Innenhof und dem edlen Geschirr samt Silberbesteck ist einen Besuch wert.
In Trinidad lohnt es sich, in all die Palacios, Kolonialbauten und Häuser reinzuschauen, die zum Besuch offernstehen. Die verfallene Kathedrale und all die ersteigbaren Türme sollte man sich nicht entgehen lassen. Trinidads Umland von oben zu sehen, versetzt einen in die Zeit der Piraten und der East India Company zurück.

Ausblick über Trinidad von unserem Casa
Foto: C.Cudd

Wir haben einen Abstecher zur Halbinsel Ancon gemacht, an der sich Trinidads Hausstrand befindet; genauer ließen wir uns etwa fünf Kilometer davor in einem stillen Kaff absetzen und liefen unter sengender Sonne an der Küste entlang. Dort entdeckten wir zahllose zauberhafte einsame Buchten mit glasklarem Wasser und exotisch buntem Fischzeugs. Für die läppischen fünf Kilometer brauchten wir dann entsprechend länger. Wir mussten ja die Wasserqualitäten testen. Außerdem freundeten wir uns mit Chica an, einer gefleckten Straßenhündin, die zufällig Langeweile hatte. Chica schloss sich unserer Tour an, weil wir Proviant im Rucksack hatten. Unterwegs kreuzten immer wieder aggressive Krebse unseren Weg, die drohend die Scheren erhoben.
Kaum erreichten wir Ancon, verließ uns Chica, die vierbeinige Schlampe, zugunsten eines Amerikaners, der mit Salami-Sandwiches punkten konnte. Ancon mit seinem Palmenstrand könnte wunderschön sein, wenn da nicht dieser sechziger-Jahre-Beton-Bettenbunker in den Himmel ragte. Waschechter Ostblock-Urlaubscharme. Wir trösteten uns mit eiskaltem Cristal-Bier, das in etwa so gehaltvoll wie Wasser ist.
Am nächsten Tag fanden wir einen Fahrer, der uns ins Valle de los Ingenios brachte, dem Tal der Zuckerrohr-Plantagen. Neben dem Tourismus ist der Zuckerrohranbau immer noch der wichtigste Wirtschaftszweig Kubas. (Anmerkung: Hurricane Irma hat 40% aller Zuckermühlen zerstört).

Valle de los Ingenios
Foto: C.Cudd

Wir besuchten die spektakuläre Seilbahn übers Tal (Nix Kabine; man bekommt Helm und Handschuhe und einen Gurt um die Hüften), anschließend eine ehemalige Zuckerrohrplantage, auf der Archäologen und Arbeiter zugange sind, ein altes Herrenhaus samt Sklavenunterkünfte, Lagerhäuser und Destillerien wiederaufzubauen. Das Hauptgebäude und den Glockenturm hat man bereits hergerichtet und augenblicklich bekommt man so ein Vom Winde verweht-Gefühl, sobald man die Stufen hinaufschreitet. Ich war drauf und dran, meinem Männe einen Rhett Butler-Schnäuzer ins Gesicht zu malen.

Archäologen im Valle de los Ingenios
Foto: C.Cudd

Mit etwas Glück findet man vor Ort einen englischsprachigen Führer, der einen für ein paar CUC in die Welt der Zuckerrohrbarone entführt. Wir allerdings fanden einen jungen Arbeiter, der für uns Mangos pflückte. Als Gegenleistung gaben wir ihm ein paar unserer Haribo-Gummibärchentüten. Kubaner lieben Süßigkeiten, besonders die von weit, weit weg. Kugelschreiber, bunte Notizblöcke und Pflegeprodukte werden auch sehr gern angenommen. Wir hatten massenhaft dieser kleinen Gummibärchentüten im Gepäck. Im Verlauf der Reise schmolzen einige zu einer festen Masse zusammen, aber die Kubaner, vor allem die Kiddies, freuten sich trotzdem.
Trinidad und das Valle de los Ingenios tragen noch dieses unverfälschte Kolonial-Flair in sich, das einen unvermittelt in Fluch der Karibik oder alte Erroll Flynn-Piratenfilme katapultiert, doch auch hier schleicht sich der Massentourismus sichtbar ein. Der weithin sichtbare Turm Manaca Iznaga ist fest in Hand der Souvenir- und Snackhändler. Trotzdem sollte man sich die Kraxelei zur Turmspitze gönnen; der Ausblick entschädigt für das Treiben untenrum. Das Restaurant sollte man links liegen lassen, doch beim Straßenhändler kann man mit Rum gefüllte Kokosnüsse kaufen und alles wird noch bunter.

Zwei KS (Kuhstärken)
Foto: C.Cudd

Ein Wort zu den Sehenswürdigkeiten: Die Kubaner sind noch lange nicht in der deutschen Vollkasko-Mentalität angekommen. Viele Wege, Denkmäler, Höhlen und Gebäude sind eher rudimentär abgesichert (oder auch gar nicht) und man sollte nicht auf gerade Stufen, ordentliche Geländer und warnende Schilder hoffen. Barrierefreiheit kennt man hier nicht. Der Reisende passt auf, wo er hintritt, bringt eine gewisse Fitness mit und erfreut sich daran, dass Kuba einem vieles ermöglicht, was in Good Old Germany zu empörten Das ist doch viel zu riskant!-Beschwerden führen würde. Hier kann man eh niemanden verklagen, wenn man sich mit Schmackes den Kopf am niedrigen Türsturz eingerannt hat.
Von Trinidad aus reisten wir mit einem Taxi Colectivo irgendwann weiter zum Playa Largo nahe der berühmten Schweinebucht. Eigentlich hatten wir geplant, dort in einem Hotelresort am Strand unterzukommen und ein bisschen luxuriös abzuhängen, doch der Securitymann an der Schranke machte uns auf eine winzige Siedlung auf der anderen Seite der Sstraße aufmerksam, direkt am Mangrovendschungel und sagte, dass es dort weitaus bessere und günstigere Unterkünfte gäbe.
Er hatte Recht.

Mitbewohner
Foto: C.Cudd

Die Siedlung bestand aus drei unfestigten … nennen wir sie mangels besserer Bezeichnung Straßen, und einem Dutzend hübsch hergerichteter Fincas. Eine davon hatten wir ganz für uns allein, samt hervorragend gefülltem Weinschrank, einem tropischen Aquarium und opulenten Mahlzeiten. Die Tagesdecke war mit Rüschen besetzt und der Kühlschrank mit Kaltgetränken überfüllt. Vorm Haus standen Schaukelstühle und die Klimaanlage hatte Flüstermodus. Der obligatorische Gecko klebte auch an der Wand und war hier ein glubschäugiger Frosch. Zum Abendessen bekamen wir frisch zubereitetes Krokodilfleisch serviert, gebratenen Fisch mit den üblichen Moros y Cristianos (Mauren und Christen = Reis und Bohnen) und komische weiße Dinger, die nach nichts schmeckten. Das war quasi die Zucchini-Version der Kubaner. Den Namen habe ich mir mehrmals sagen lassen und konnte ihn mir trotzdem nicht merken. Ist auch besser so.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Wir blieben drei Nächte in dem kleinen Luxushäuschen und zahlten inclusive Mahlzeiten umgerechnet insgesamt um die fuffzich Euro. Der Strand befand sich auf der anderen Straßenseite.
Playa Largo: Herrliche leere Strände, einsame Buchten, in denen man riesengroße gewundene Muscheln sammeln kann – und Krebse. Sehr große Krebse. Rote, schwarze und graue Krebse. Massenhaft Krebse. Die Straßen dort sind übersät mit plattgefahrenen Krebsen. Ständig huschen die scherenbewehrten Viecher über den Asphalt und bäumen sich aggressiv auf, wenn sich ein Wagen nähert. Ein fischiger Geruch hängt in der Luft. Unsere Vermieterin sagte uns, dass sie zur Hauptwanderzeit wochenlang sämtliche Türen und Fenster geschlossen halten muss, um das Kroppzeug draußen zu halten. Invasionen von Krebsen schwappen über die Fassaden und Dächer in die Mangrovenwälder; Klicken und Klacken überall. Gegessen werden übrigens nur die Grauen, die eher selten anzutreffen sind. Die roten und schwarzen Krebse sollen Gift enthalten.

Krokodile in Guama
Foto: C.Cudd

Mit unserem Mitreisenden, dem ausgebrannten jungen Belgier, besuchten wir eine Krokodilfarm in Guama keine dreißig Kilometer entfernt. Dort legte mir jemand ein Jungreptil mit zugebundener Schnauze um den Hals und wir beide fühlten uns ziemlich beschissen. Von dort kam übrigens auch unser Abendessen. Es wurde mit Pferde- und Ziegenfleisch gefüttert und wir durften mithelfen. Sagte ich schon, dass ich Vegetarier bin? Ich habe keine Ahnung, wie Krokodilfelisch schmeckt. Männe sagt, es schmeckt wie Hühnchen, das im Sumpf gestorben ist.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Veggies werden auf Kuba nicht glücklich. Lediglich in Havanna und Viñales habe ich Pflanzenfresser-Restaurants gefunden – oh, und eine Art Pizzeria, die lange herumexperimentiert hat, bis sie den Teig richtig hinbekam. Salat und Fischgerichte gelten als Arme-Leute-Mahlzeiten. Hühnchen ist Status Quo, danach kommt Schweinefleisch. Kuba ist kein Land, in dem man alles zu jeder Zeit bekommt. Da merkt man wieder, wie verwöhnt man ist. Sehr vieles muss importiert werden; Kartoffeln sind kein Alltagslebensmittel, Rum hingegen schon. Die kubanische und auch die kreolische Küche hält keine kulinarischen Offenbarungen bereit, aber in den Paladares und den meisten Casas bekommt man dennoch richtig gutes, üppiges Essen serviert.

Der Hafen von Playa Largo
Foto: C.Cudd

In dieser namenlosen kleinen Siedlung am Playa Largo lernten wir einen jungen Masseur kennen, der im Hotelresort reihenweise einsame Amerikanerinnen flachlegte und der seinen Elektroroller liebte (den ihm seine ausländische Freundin finanziert hatte. Auf Kuba kostet so ein Ding ungefähr so viel wie ein Reihenhaus). Am Rande des Magrovendschungels direkt am Dorfrand hatte ein kanadischer Backpacker sein Zelt aufgeschlagen. Der drahtige junge Mann war der Inbegriff des smarten Hippies: langes blondes Lockenhaar, leicht bekifftes Lächeln, weite bunte Klamotten und ein Haifischzahn am Lederriemen um den Hals, dazu Gitarre samt Sangesbegabung. Er kam bestens zurecht. Abends klimperte er sein Repertoire im „Zentrum“ von Playa Largo – ein paar staubige Straßen und ein Hafenbecken voller Fischerboote und öliger Wasseroberfläche –, anschließend ließ er sich auf Partys einladen oder verbrachte die Nacht bei einer geneigten Touristin. Er war unterhaltsam und immer ein wenig verträumt und wir hatten lustige Gespräche.

Playa Largo
Foto: C.Cudd

Sein bester Kumpel war ein kubanischer junger Lehrer und Dokumentarfilmer mit dem typisch sarkastischen Pseudo-Patriotismus, der seine Generation auszeichnet. Er hat an einem Film über die Ernst Thälman-Insel mitgewirkt, die die kubanische Regierung mal feierlich der ostdeutschen Regierung geschenkt hatte. Die „Insel“ bestand aus einer Sanddüne mit zwei Büschen und einer hübschen Ernst Thälmann-Büste, die halb aus dem Wasser ragte. Die Doku, auf Arte ausgestrahlt, kennzeichnete ein Highlight im Leben des Mannes. Wir sahen uns seine Mitschnitte an, lauschten seiner Erzählung über den kubanischen Alltag, tranken Crystal und erfuhren, wie junge Intellektuelle und Künstler in dem Land zurechtkamen. Sein Vater war glühender Fidel Castro-Anhänger und weigerte sich, mit dem Kapitalistenpack (also uns) auch nur ein Wort zu wechseln. Hühner gluckerten um unsere Beine herum, während wir der Familie die Aufschiften auf deutschen Baby-Pflegeprodukten übersetzten, die man ihnen geschickt hatte: Baby-Puder, Baby-Shampoo, Zeugs, das man auf wundgenuckelte Nippel schmiert (ja, lustig; wir waren eh alle besoffen, also wurde es doppelt lustig beim Übersetzen). Im Mangrovenwald schrien die Nachtwesen und die Zirpsen zirpten. Ein kleines Schwein kam neugierig angegrunzt und Wäsche flappte träge im Nachtwind. Von irgendwo waberte Musik. Salsa, natürlich. Die Luft roch nach Salz und Schlick und toten Krebsen. Um die wenigen Laternen taumelten irrsinnig große Falter.

Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Ein paar Tage später fuhren wir ins Valle de Viñales, mitten in Kuba. Es ist der geologisch älteste Teil der Insel und die Mogotes, die buckligen Berge, die sich aus dem Flachland erheben, muss man gesehen haben, um an ihre Existenz zu glauben. Viñales ist grün und karstig und rau und ungemein fruchtbar. Wir kamen in einem Casa nicht weit vom Centrum unter. Hinter dem Haus begann bereits das sattgrüne, üppige Tal. Die Gastfamilie besaß ein paar Pferde und betrieb Landwirtschaft (ohne Traktor, dafür mit Kuhgespann und Handhacken wie so ziemlich alle Bauern auf Kuba). Unser Casa war ein Teil des Hauses mit eigenem Eingang; zwei Zimmer plus Bad und Terrasse, die auf den Garten hinausging. An unserem ersten Abend wurde ein Schwein im Garten abgestochen. Man schlitzte ihm flink die Halsschlagader auf und es rannte quiekend herum, bis es zusammenbrach. Auf Kuba gibt es keine Schlachthöfe, keine Fleischbeschau und keine gelben Clips im Ohr des Viehs. Man mästet sein Vieh mit allem, was man kriegen kann und schlachtet meist selber mithilfe der Nachbarn. Mein Männe hatte am nächsten Morgen überraschenderweise keinen Hunger auf Schinken.

Bullhead
Foto: C.Cudd

Das Valle de Viñales schreit geradezu danach, erforscht zu werden. Ich empfehle einen Abstecher in den Botanischen Garten „Jardin de Caridad„, den man keinesfalls mit dem botanischen Garten der Bochumer Uni vergleichen sollte. Dieser lauschige, bunt bewucherte Garten wird privat betrieben und ist problemlos fußläufig vom Zentrum Viñales‘ erreichbar. Die beiden Schwestern, die den Garten begründet haben, sind bereits bereits verstorben; nun führt der Sohn den Garten weiter. Skurrile Dinge wie Plastikpuppen, ausrangierte Stühle und Bettgestelle säumen die karibischen Pflanzen. Kolibris surren um die tropischen Pflanzen und in der Mitte gibt es eine kleine offene Bar mit frischen Säften und reichlich gutem Essen. Man kann einen Guide anheuern, aber eine Spende sollte so oder so selbstverständlich sein.

Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Für den nächsten Tag fanden wir einen Vaquero, mit dem wir zu Pferde das Tal erkunden konnten. Zuerst besuchten wir eine Höhle mit unterirdischem Schwimmbassin. In meiner Naivität stellte ich mir türkisgrünes Wasser unter einer luftigen Felsenkuppel vor, möglichst noch dezent verborgene Beleuchtung und vielleicht eine Felsen-Cocktailbar. Aber Höhle bedeutet nun mal: No Tageslicht. Diese Höhle war kein offizieller Sightseeig-Point, sondern ein tiefes, tiefes Loch im Berg mit Wasser.
Wir gaben dem Führer, einem knittrigen alterslosen Vaquero, einen CUC und er führte uns mit einer Funzel ins Innere des Mogote. Wir waren nicht allein; Marco, unsern verrückter Italiener, wollte auch mal im Dunkeln schwimmen. Unterwegs rutschte ich auf dem Gestein ab und landete in einem seichten Flusslauf; im Halblicht hatte ich Schwierigkeiten, festen Untergrund von Wasseroberfläche zu unterscheiden. Gottseidank herrschten die üblichen tropische Temperaturen und nasse Klamotten waren eine Wohltat.
Das Wasserbassin war einfach nur schwarz, genau wie sein Umgebung, dazu kühl, bodenlos und mineralisch. Die Luft schmeckte nach Stein. Aber ich musste trotzdem eine Runde schwimmen.

Finca Raoul Reyes
Foto: C.Cudd

Die Rückkehr ans Tageslicht tat richtig gut. Wir ritten zu einer Finca samt Freiluft-Bar mitten im Tal, wo wir uns und den Pferden eine Pause gönnten. So langsam dämmerte mir, warum Ernest Hemingway hier so begeistert gesoffen hat. An jeder Ecke, sogar im ländlichen Nichts, wurde Rum, Rum-Cocktail oder Rum in Kokosnuss zu Spottpreisen kredenzt. Entsprechend fröhlich ritten wir weiter zu einer Tabakfarm. Der dortige Betreiber zeigte uns, wie der erfahrene Kubaner seine Zigarre raucht – mit Honig, aber ohne dieses Zigarrenspitzenabschneidegerätdingens, das die Mafia gerne zum Fingergliederabtrennen benutzt – und er erklärte uns, dass die Tabakpflanzer den Großteil ihrer Ernte (ich glaube, etwa 90%) an die Regierung liefern müssten, die die genormten Montecristos, Cohibas und Romeo y Julietas produziert. Den Rest dürften die Bauern zu „nonkonformellen“ Zigarren verarbeiten und verkaufen. Ach ja, Honig spielt auch bei der Herstellung eine gewichtige Rolle. In den staatlichen Fabriken werden Zigarren mit einer Art Leim geklebt, die Bauern benutzen kubanischen Honig. Unser Tabakpflanzer teilte seinen selbstgebrannten Schnaps mit uns und sagte ehrlich, dass er ohne den Nebenher-Verkauf am Arsch wäre.

Tabakschuppen
Foto: C.Cudd

Die Arbeit der Tabakpflanzer ist mörderisch; im Valle kann man keine Maschinen einsetzen, alles wird bei gleichbleibend tropischen Wetterbedingungen von Hand erledigt.
Wir kauften brav ein Zedernholzkistchen voller handgewickelter Zigarren und beendeten den Tag in einem der vielen Paladares, die die Hauptstraße von Viñales säumten. Möglicherweise suchten wir danach diese schöne Bar auf, die gegenüber des maroden kleinen Baseballstadions liegt und die von einem alten  katzenliebenden Ex-Deutschen mit langen weißen Haaren betrieben wird.
Wenn ihr Zeit habt: Besucht dort ein örtliches Baseball-Spiel und genießt anschließend einen feinen Mojito an einem der rustikalen winzigen Holztische gegenüber. Ehm ja, Mojito enthält Rum. In dieser Bar ist es hervorragender Rum.
Eine Höhlentour sollte man sich im Valle de Viñales keinesfalls entgehen lassen. Die Cueva del Indio ist gut erschlossen, aber überlaufen. Cueva del Santo Tomas verlangt hingegen eine gewisse Anstrengung und ist entsprechend weniger stark frequentiert: Man muss einen halbwegs gesicherten steilen Berghang hochkraxeln (ganz recht, kraxeln), dafür darf man sich anschließend ein bisschen wie Fitzcarraldo fühlen im größten Höhlensystem Kubas.

Die vierbeinige Lara Croft in der Cueva de Santo Tomas
Foto: C.Cudd

Auf der Fahrt zur Höhle überholte ein Cadillac unser Taxi; im geöffneten Kofferraum saß ein junger Mann mit baumelnden Beinen, hielt mit einer Hand die Klappe fest und winkte uns mit der anderen lachend zu. „Das ist euer Guide Miguel“, sagte unser Taxifahrer.
In der riesigen Cueva del Santo Tomas gibt es keine Wegweiser oder Beleuchtung, keine Notausgang-Schilder, keine Drahtseilabsicherungen. Die oberen drei der sieben Etagen dürfen begangen werden, aber nur in Begleitung eines Führers. Miguel, von Beruf Speläologe, geht grundsätzlich davon aus, dass seine Schäflein schlau genug sind, ihm zu folgen und die Lichter oben an ihrem Helm zu benutzen. Er verzichtete aufs Durchzählen und marschierte voran ins wahrhaft beeindruckende Höhlenlabyrinth. Unser Trupp wurde von einer kleinen getupften Hündin begleitet, die irgendwann unten am Gebäude auftauchte und seitdem bei jeder Höhlentour dabei ist. Füttern der vierbeinigen Lara Croft ist erlaubt. Nach einem halben Tag kamen wir wieder unversehrt ans Tageslicht – ich glaube, sogar vollzählig.

Valle Viñales, von irgendeiner Höhle aus gesehen
Foto: C.Cudd

Das üppige Valle de Viñales war mein persönliches Highlight während unserer Backpackertour, obwohl der nächste Kokospalmenstrand von hier ziemlich weit entfernt liegt. Wir pflückten Bananen und Mangos im Tal und hingen ungefähr die Häfte der Zeit auf Raouls großartiger Finca ab, die am Wegrand des Pfades zu einem Kletter-Mogote lag. Der weißhaarige, freundliche Raoul Reyes baut Ananas an und betreibt eine kleine, gemütliche Outdoor-Bar unter Palmenblätterdach. Die Finca besteht aus Holzbauten auf Stelzen, aus der kleinen Bar, wo man Rum in Kokosnüssen bekommt sowie frisch gepressten Ananassaft und aus Hängematten zwischen Palmen. Dort kann man bei der netten Mulattin (Mulatta ist auf Kuba kein Schimpfwort) auch fermentierten Kaffee kaufen, der in Plastikflaschen abgefüllt wird. Zahme Baumratten betteln um die Kokosnussschalen, die vom Rum getränkt sind. Baumratten sehen aus wie Biber, nur ohne den platten Schwanz, und werden wegen ihrer Harmlosigkeit gerne als Haustier gehalten. Den Großteil ihres Lebens scheinen sie mit Fressen zu verbringen, alternativ mit der Suche nach etwas Fressbarem. An der Wand der Finca-Bar hinterließ ich, wie es Tradition ist, meine Catalina Cudd-Visitenkarte zwischen all den anderen Karten, Zetteln und Fotos.

Finca Raoul Reyes im Valle Viñales
Foto: C.Cudd

Raouls Finca hätte das Potential, mein Lieblingsort zu werden. Palmen, Holzhütten und krummbeinige Vaqueros mit Schlapphüten, dazu diese knuffigen Baumratten, die um Kokosnussstückchen betteln, und die Stille. Die Finca liegt außerhalb von Viñales an der Sandpiste und ist vor allem bei Freeclimbern, Backpackern und Wanderern bekannt.
Von Viñales aus ging es zurück nach Havanna. Wir besuchten den gigantischen Friedhof – tausend schneeweiße Grabmäler und Mausoleen, eines prunkvoller als das andere – und lernten zwei uralte knittrige Totengräberinnen kennen, die wussten, wo die Gräber der ganzen Persönlichkeiten lagen. Pyramiden, Säulen, symbolträchtige Figuren und eiserne Bacardi-Fledermäuse: Das komplette morbide Programm unter Palmen. Der Friedhof ist einen Abstecher wert.

Blick nach Havanna von der Festung aus
Foto: C.Cudd

Das Museo de la Revolución im Präsidentenpalast stellt gefühlt massenhaft getragene Hosen, fleckige Hemden und kopierte Zeitungsartikel aus. Im Hof stehen säuberlich angepinselte Panzer, Flugzeuge und die aufgehübschte Yacht Granma, mit der Castro samt seinen Mitstreitern am 25. November 1956 von Tuxpan (Mexiko) nach Kuba übersetzten, um das Batista-Regime zu stürzen. Der „Che“, der unsterbliche Popstar der kubanischen Revolution und allgegenwärtig in Havanna, war auch mit an Bord. Che war sexy, aber schwer verpeilt. Fidel Castro war … nicht Gott, aber anscheinend nahe dran.
Ich persönlich hatte mehr Spaß an den maurischen, kulturgeschichtlichen und künstlerischen Ausstellungen, die in überall in Havanna zu finden sind.
Leuchtturmwärter Fernando lud uns auf seinen Arbeitsplatz auf der Festung von Havanna (Castillo de los Tres Reyes del Morro) ein und zeigte uns die säuberlich zusammengelegte ostdeutsche Flagge, das handgeschriebene Logbuch und wie man „Deine hässliche Schaluppe kommt nicht in meinen Hafen!“ mit dieser riesigen Messinglampe morste.

Centro Havanna
Foto: C.Cudd

Nach knapp vier Wochen düsten wir zurück in die Heimat. Auf unserem Trip haben wir die linke Hälfte Kubas erkundet und werden uns die andere, bergigere Seite im nächsten Frühjahr vornehmen. Wir hatten keinen Reiseplan, nur ein schlaues Lonely Planet-Büchlein und unser „Kubanisch für hoffnungslose Fälle“-Wörterbuch. Mit den 65-L-Rucksäcken waren wir bestens ausgestattet und hatten noch reichlich Platz für Mitbringsel.
Mach dir Kopien deiner Dokumente und lass die Originale in deinem Casa. Das Visum für Deutsche hat eine Dauer von 30 Tagen und kann um weitere 30 Tage verlängert werden. Unser kanadischer Freund durfte 6 Monate bleiben.

Trinidad
Foto: C.Cudd

Auf Safetykram kann man getrost verzichten: Kuba ist eines der sichersten Länder der Erde. Verliert man etwas, wird das komplette Dorf auf den Kopf gestellt und eine Telefonkette in Gang gesetzt.

Was wir gelernt haben:

  • Kubaner sind Helden der Improvisation. Sie können aus einer Ventilatorabdeckung und etwas Draht eine Fischreuse basteln.
  • Wird man zum Essen eingeladen, bringt man einen Teil des Essens mit.
  • Die jungen Kubaner haben meist mehr Kultur als wir und anscheinend mehr Spaß am Leben. Wir haben nur mehr Geld, das neueste EiFon, einen Sack voller Versicherungen und meckern trotzdem (meist über das Essen). Japaner brechen weinend zusammen wegen des rudimentären WLANs, Neuseeländer nehmen in Flipflops an Höhlenexkursion teil und bei Amerikanern fällt einem manchmal gar nichts mehr ein. Es gab Momente, da war ich froh, sagen zu können: „No, I’m from Dschörmäni.“
  • Die Kubaner lieben ihren Zusammenhalt und erlauben sich mehr Freiheiten als wir prüden Europäer. Sie sind liebenswert, sarkastisch, hilfsbereit und unglaublich locker. Alleinerziehende sind keine Seltenheit, One Night-Stands und wechselnde Partner nicht verpönt.
  • Auf drei Kubaner kommt ein Polizist – oder war es umgekehrt?

Ein Fazit: Wenn du das echte Kuba kennenlernen möchtest, bevor der Tourismus es vollständig okkupiert hat, dann beeil dich. Kuba ist (noch) ein Paradies für Individualreisende, für Freaks und Backpacker, die bereit sind, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Das Land lebt und pulsiert und ist voller Musik, Gerüche und ungewöhnlicher Begegnungen.