Die Presskohlenphase oder Ein Buch ist kein Haufen Schmutzwäsche

Eigentlich sollte ich am dritten Teil der Bullhead MC-Serie schreiben, aber ich muss dringend etwas loswerden:

Die Phase, wenn sich ein Buch der letzten Überarbeitung nähert und fast bereit ist, auf die Testleser losgelassen zu werden, nenne ich gerne die Presskohlenphase. Dann kommt nämlich alles auf einmal und verdichtet sich zu einem dicken schwarzen Klumpen, der die überaus bemitleidenswerte Autorin niederdrückt (hier bitte angemessenes Mitgefühl einfügen, danke).

Erstens: die üblichen Zweifel.
»Das ganze Buch ist Schrott! Die Geschichte ist laaaangweilig und hanebüchen, die Charaktere wirken wie mit der Nagelschere aus der BUNTEN ausgeschnitten, die Erzählperspektive (zwölfte Person nonkonformistischer Plural) zu experimentell und überhaupt – viel zu viele Seiten. Wie soll ich die alle …? Gnaaarf!« Man verspürt den Drang, das Werk in die runde Ablage zu verschieben und ans Ende der Welt zu flüchten, wo niemand deinen Namen aussprechen kann. Autoren kennen das Gefühl.

Zweitens: Die anstehenden Dienstleistungen und Hilfestellungen.
Das Buch muss ins Lektorat und Korrektorat. Das Buch wird von Testlesern unter die Lupe genommen. Man kann niemanden zwingen, 924 Normseiten (lasst euch diese epische Zahl auf der Zunge zergehen. In Worten: neunhundertundverdammtviele Normseiten!) in mal eben einer Woche durchzuackern, Wort für Wort, und dann noch tagelange Diskussionen mit der Autorin zu führen, ob der Duden Recht hat (»Der Duden hat immer Recht!«) oder ein spießiges A…loch ist (»Ich bin Künstler, ich kann so nicht arbeiten!«).
Das Lektorat sorgt dafür, dass aus einem stümperhaft zusammengetippten Manuskript eine eloquente, spannende, wohlformulierte Perle der Literatur wird, die weder Logikfehler noch überflüssige Absätze aufweist. Das Korrektorat merzt jeden Rächtschraipfeler gnadenlos aus und gibt dir das dumpfe Gefühl, nach der zweiten Klasse Grundschule endgültig der Doofheit anheim gefallen zu sein. Die Testleser machen dich darauf aufmerksam, dass sie den Helden extrem unsympathisch finden, weil er ständig »fuck!« sagt (in meinem Blog darf ich das übrigens auch: Fuck. Fuck. FUCK! Hehe) und einen Vokuhila trägt. Sie sagen dir auch, dass die süße Tankstellenangestellte, die der unsympathische Held rettet, bereits im letzten Buch unter die Räder gekommen ist – buchstäblich. Also musst du umdisponieren und aus einem 924 Normseiten langen, tiefsinnigen Liebesdrama einen Hardcore Zombie-Thriller machen. Über Nacht. Ich wette, auf eine ähnliche Weise ist das Drehbuch zu Warm Bodies entstanden.

Quelle: stokkete/123rf

Quelle: stokkete/123rf

Drittens: die Verpackung.
Die Verpackung steht an, wenn das Manuskript endlich, endlich mit Jauchzet und frohlocket gekennzeichnet, siebzehnmal sicherheitskopiert und somit für FERTIG erklärt wurde. Eine Sicherheitskopie wird mit unfälschbaren Metadaten und der aktuellen Titelseite der SZ auf Datenträger gebrannt, versiegelt und beim Notar hinterlegt (wir leben im Zeitalter von Copy&Paste. Zum Kotzen, aber nicht zu ändern).
Das Manuskript muss zum eBook formatiert werden. Wer das schon mal gemacht hat, weiß, dass man man nicht auf eine Taste drückt und hinten kommt ein eBook raus. In der Regel bekommt man graue Haare und ein Magengeschwür, bis es leserlich formatiert ist und Kapitel dreizehn nicht gleich nach dem Vorwort kommt. Das Gleiche gilt für die Printausgabe. Das Buch muss – no shit – Satz für Satz in druckbare Form gebracht werden. Setzer durchlaufen nicht ohne Grund eine dreijährige Ausbildung oder studieren Mediengestaltung mit Schwerpunkt Typografie. Man kann ein Buch natürlich auch aus einer Word-Datei drucken lassen. Dann sieht es aber auch so aus, als wäre es aus einer Word-Datei gedruckt. Schusterjungen und Hurenkinder* …Stört nicht jeden, aber mich macht es wahnsinnig. Schlecht gesetzte Bücher verbrenne ich zeremoniell im Vorgarten, und wenn es sich um eine Melville-Erstausgabe handelt.
Das Cover muss gestaltet werden. Man durchwühlt die Archive der Fotoagenturen und ruft dann doch einen Fotografen an. »Sag mal, kannst du heute Nachmittag noch schnell ein Shooting mit halbnackten Waschbrettbauch-Männern und einer Harley im Hintergrund machen? Nein, ich nehme keine Drogen.« Die Bilder müssen in Photoshop bearbeitet werden (aus Blond wird Braun und das Mutti-Tattoo kann so auch nicht bleiben). Der Titel muss … Himmel, ich habe ja noch keinen Titel!!!
Mit dem einen Cover ist es nicht getan; es gibt ja verschiedene Ausgaben und jede will ihr eigenes Format. Eine mit Rückseite, eine für den Kindle, für den Tolino, fürs EiFon …
Das Buch bekommt einen Klappentext, der nicht umsonst die Nemesis der Autoren genannt wird. Manche brüten monatelang über den Klappentext. Der ist es nämlich, der potentielle Käufer neugierig macht oder ihnen ein mitleidiges Kopfschütteln entlockt.
Dann kommen die Nebenhers; die Lesezeichen, Postkarten, Sticker, die Werbeposter, Flyer und die hübschen Goodies, bei denen Frautorin ein bisschen in Shoppingwahn verfällt. »Ooooh, ein Zündkerzensatz mit Bullhead-Logo drauf! Hechel!«
Von Haus aus Designerin, bin ich allein für die Verpackung zuständig. Weil ich ja sonst nix zu tun habe 🙂

CreateSpace meldet sich und sagt, dass deine Druckdatei Fehler aufweist. Du durchforstet penibel alle 924 Normseiten und findest auf Seite 897 ein Komma, das 0.3 Millimeter aus dem Satzspiegel ragt.
Du kalkulierst den Endpreis des eBooks und kommst auf 78 Euro fuffzich. Noch mal von vorn. Jetzt sind es 355 Euro.
Gleichzeitig bekommst du eine Mail von einer Testleserin, der aufgefallen ist, dass dein grandioses Finale irgendwie an einen John Sinclair-Roman aus den späten Sechzigern erinnert. Du hast Schiss, wegen Plagiarismus hingerichtet zu werden und tippst über Nacht die letzten drei Kapitel neu. Mit Rächtschraipfelern, um die sich jemand anders kümmern muss.
Übrigens ist das Korrektorat im Verzug, weil die Korrektorin Röchelhusten hat und unter Quarantäne gestellt wurde. Ersatz muss her.
Dann fällt dir ein, dass du unbedingt eine Limited Edition rausbringen willst. Mit Illustrationen. Und im anderen Druckformat. Also setzt du das Manuskript mit der linken Hand ins gewünschte Format und zeichnet parallel mit der rechten. Heraus kommen Pokémons. Die einzig gelungene Illustration sabbert der Hund voll.
Das Finanzamt mahnt die Umsatzsteuererklärung fürs letzte Quartal an (»Morgen um acht Uhr, sonst öffentliche Hinrichtung!«). Du musst dich um passende Versandkartons für die umfangreiche Sonderausgabe samt Goodies kümmern. Es gibt keine. Also fragst du eine Verpackungsfirma an und erhältst einen Kostenvoranschlag, mit dem man eine kleine Revolution finanzieren könnte.
An dieser Phase fühlst du dich wie eine Presskohle, aus der jedes Sauerstoffmolekül rausgequetscht wurde.

Quelle: wilhei_Pixabay

Quelle: wilhei_Pixabay

Und dann erreichen dich diese Posts.
»Hurra, in drei Tagen erscheint das neue Buch! Wag es ja nicht, die Veröffentlichung zu verschieben, Frautorin! Wir werden dich teeren und federn und hinten an einen Trecker binden, der nach Kasachstan rumpelt. Über die Schotterpiste.«
»Ich kann es kaum noch abwarten. Warum dauert das so laaaange?«
»Das Buch ist doch fertig, Frautorin. Du hast es selbst gesagt. Was hampelste denn da noch rum? Ich will es haben. JETZT!«
Dein Blick trübt sich und du denkst, dass ein Nachtschicht-Job in einem Callcenter vielleicht doch recht spaßig sein kann. Da wird man nicht hinten an einen Trecker gebunden, wenn ein Gespräch siebzehn statt dreieinhalb Minuten dauert.

Nicholas Sparks braucht drei Monate, um die Idee zu einem Roman zu entwickeln. Dann erst beginnt er mit dem Schreiben.
Andreas Eschbach schreibt bis zu sechs Jahren an einem Roman, und für die Idee lässt er sich gern mal fünf Jahre Zeit, bevor er den ersten Buchstaben tippt.
Håkan Nesser ist ein ganz Flotter und bringt jedes Jahr einen Roman heraus, aber er muss sich auch nicht um das Drumherum kümmern, das macht sein Verlag. Dafür schreibt er jedes Buch acht- bis zehnmal um, bevor er es für fertig erklärt, sich gemütlich mit einer Zigarre zurücklehnt und den Designern, Klappentexttextern, Setzern und Formatierern beim hektischen Überstunden-Kloppen zusieht.
Und all diese Autoren müssen sich oft nicht einmal selbst ums Recherchieren kümmern, dafür haben sie beflissene Assistenten (»Besorg mir mal alles, was du über übergewichtige, hochintelligente Clowns mit mindestens drei Geschwistern und einem Muttermal auf der Schulter finden kannst, und fasse es in einem hübschen Zwanzig-Seiten-Essay zusammen. Mit Quellenangaben. Du hast zehn Minuten.«)
Mein Assistent sabbert meine Illustrationen voll und klaut anschließend die Schokolade. Außerdem haart er. Unnötig zu erwähnen, dass er höchstens nach verschollenen Käsebrötchen recherchieren kann. Wenn ich Glück habe, findet er sie. Wenn nicht, muss ich ein paar Wochen warten und das Käsebrötchen wird zur lebenden Kultur und kommt mir freiwillig entgegengelaufen.

Was ich damit sagen will: Ein Buch ist kein Haufen Schmutzwäsche.
Ich habe da so eine schlaue Waschmaschine (das Ding sieht ein bisschen aus wie vom Kernforschungsinstitut CERN geklaut; ich schwöre: es kann denken). Man schaltet es an, es veranstaltet eine beeindruckende Lichtshow und schüchtert mich mit seinen tausend Knöpfen und Programmen ein (Was zum Henker ist »positive Adsorption« – die Vorwäsche?). Man stopft seine schmutzigen Klamotten rein, das Gerät macht Miep-Miep und benennt auf die Zehntelsekunde genau, wann die sauberen Sachen schranktrocken (und nach Blümchen duftend, hüstel) aus der Trommel genommen werden können.

Quelle: bierfritze_Pixabay

Quelle: bierfritze_Pixabay

(Vermutlich sendet sie während des Waschvorgangs Informationen über meinen Kleidungsgeschmack in die große weite Welt. Anders kann ich mir all die Werbeanzeigen nicht erklären, die mir sagen, ich solle mir endlich mal vernünftige Klamotten zulegen. Hab mich schon gewundert, warum ich beim Aufstellen der Maschine das WLAN-Passwort eingeben musste. Und ich bin sicher, sie plant heimlich die Übernahme der Weltherrschaft. Zur Sicherheit trage ich jetzt einen Hut aus Aluminiumfolie.)
Wäre toll, wenn das mit einem Buch auch ginge. Man hat eine Idee, das Hirn macht Mipe-Miep und sagt: »Okay, am 23. September um 15:45 Uhr ist der Roman in den Läden.«
Blöd nur, dass Bücher – Überraschung! – kein Haufen Schmutzwäsche sind.
Man beginnt mit der Rohfassung, dann stellt man fest, dass die Figuren ihr übliches Eigenleben entwickeln und winkt heulend dem ursprünglich geplanten Finale hinterher. Man beginnt von vorne. Nach Kapitel siebzehn schläft man über der Tastatur ein. Langweilig. Kein Spannungsbogen. Man beginnt von vorne. Aus dem Erotik-Thriller wird plötzlich eine gesellschaftskritische Studie. Weil man Cuddy heißt und nicht George Orwell, beginnt man von vorne. Endlich funzt es. Die Worte fließen nur so auf den Bildschirm. Man schaltet die Statistik hinzu und bekommt die Info, dass das eklige (O-Ton einer Rezension) altmodische Wort hanebüchen überproportional häufig verwendet wird. Das ist echt verflucht hanebüchen. Also verzweifelt man über Synonymen. Dann fällt einem auf, dass man zwar eine Menge über positive Adsorption geschrieben hat, aber keine Ahnung, was das überhaupt ist. Man kauft sich Fachbücher und lernt, dass es sich mitnichten um ein raffiniertes Waschprogramm handelt.

Quelle: Pixabay

Quelle: Pixabay

Man ruft das CERN-Institut an, lässt einen unverständlich hochwissenschaftlichen Vortrag über sich ergehen und bekommt eine Einladung in die Schweiz, um sich vor Ort anzuschauen, wie todesmutige Kittelträger in subatomaren Wurmlöchern zu anderen Dimensionen gebeamt werden (jedenfalls stellt mein Autorenhirn sich das so vor). Man gesteht anschließend der Institutsleitung, dass irgendwie – also, ich weiß auch nicht … – eines ihrer hochkomplizierten milliardenschweren Geräte in der eigenen Abstellkammer gelandet ist und nun schmutzige Socken wäscht. Man wird wegen Wissenschaftssabotage verhaftet, wegen Dummheit wieder auf freiem Fuß gesetzt und kann an seinem Roman weiterarbeiten.
Immer dann, wenn das Schreiben richtig gut läuft, hat der Hund Durchfall und muss alle fünf Minuten raus. Das ist Naturgesetz. Wenn es ihm nach drei Wochen besser geht, bekommt man eine Schreibblockade.
Leser fragen an, wann denn nun endlich Teil drei erscheint. Ich solle gefälligst aufhören, mir an den Füßen zu spielen und Fotos von Bikes im Sonnenschein zu posten, sondern SCHREIBEN. Ich murmle irgendwas von »Mitte September« und bekomme Panik. Was habe ich getan?
Plopp, taucht ein Countdown im Netz auf: Noch siebenundzwanzig Tage bis zur Veröffentlichung. Jemand organisiert eine Releaseparty mit männlichen Gogo-Girls und postet den Termin bei Facebook.
Ich habe gerade einmal die Rohfassung fertig und die ist hanebüchen scheiße. Außerdem hat sie über neunhundert Normseiten. Wer soll die alle überarbeiten?
Wie jetzt – ich etwa? Fuck (hehe).
Ich geißle mich selbst, weil ich mein Maul nicht halten konnte.
Es soll Leser geben, die Voodoopuppen von ihren Autoren basteln und Schrauben reindrehen, weil die das Veröffentlichungsdatum nicht eingehalten haben. Andere haben einen Shitstorm losgelassen, der seinesgleichen suchte und der gedemütigte Autor ward nimmermehr gesehen.
An diesem Punkt kreuze ich die ersten Stellenangebote an (Verdienen Sie 5.000,-€ mit nur drei Stunden Arbeit wöchentlich!!! Klingt seriös, das mache ich) und überlege, ob Argentinien meine neue Heimat werden könnte. Oder Hobbingen. Hobbingen ist schön. Man kann sich in kleinen Höhlen verkriechen und so tun, als hieße man nur zufällig Catalina Cudd, diese verlogene Nulpe von einer Autorin, die den Lesern erst den Mund wässrig macht und dann nicht pünktlich abliefert.

Wir leben im Zeitalter der schnellen Bücher. Manche Autoren hauen alle paar Wochen einen Roman raus. Gut, der hat dann nur 96 Seiten und strotz vor Fehlern und das Cover wurde in Paint gestaltet, aber …
Ich stamme noch aus der Zeit der laaangsamen Bücher, wo die Schriftsteller jedes. Einzelne. Wort. Dreimal in ihrem Kopf umgedreht und dann doch durch ein anderes ersetzt haben. Manche schreiben achtzehn Jahre lang an zweihundert Seiten, verwerfen alles und fangen noch mal von vorn an.

Quelle: MorningbirdPhoto_Pixabay

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Schreibratgeber empfehlen, das Manuskript drei, besser zwölf Monate in die Schublade zu legen, bevor man mit dem Überarbeiten beginnt. Das kann man machen, wenn man entweder von Beruf verwöhnte Tochter, Bestsellerautor mit Mega-Vorschuss oder jenseits von Gut und Böse ist. Aber nicht, wenn draußen vor der Tür die Leserschaft mit den Füßen scharrt und der Hund nachdrücklich auf sein Bio-Gourmetfutter besteht. Schreibratgeber sind Bitches.
An den neunhundertverdammtvielen Normseiten habe ich die Rekordzeit von knapp vier, fünf Monaten geschrieben, inklusive Plotten, Recherche (ja, ich habe Fachbücher gelesen) und Timeline und Charactersheets und hassenichgesehen. Meine verrückten Jungs haben mein Wissen um Dinge erweitert, die ich nie kennenlernen wollte. Nun weiß ich, wie es im Hinterzimmer eines Laufhauses aussieht und was dort an krummen Geschäften abgewickelt wird. Danke, Jungs – auch für die, nun ja, erbaulichen Anekdoten (sie sind nicht mal ansatzweise romantauglich, aber die Bilder im Kopf werde ich nie wieder los).
Ein Buch zu schreiben ist ein kreativer Prozess, der von vielen, vielen Faktoren beeinflusst wird, nicht zuletzt von dem, was im eigenen Oberstübchen geschieht (oder auch nicht), von den Figuren, die nie das tun, was sie sollen (und die Figuren haben IMMER Recht) und vom Drumherum, das viele Leser und Autoren unterschätzen. Während des Schreibens sieht man vage die Zielflagge am Horizont auftauchen und reibt sich schon freudig die Hände, aber dann macht die blöde Straße einen scharfen Schlenker nach links und man guckt auf ein Gebirge.

Also, Fazit: ICH WEISS NICHT, AN WELCHEM TAG DAS VERD… BUCH ZU KAUFEN SEIN WIRD!
ich will euch keinen hastig hingeschmierten Murks zumuten, sondern einen sauber ausformulierten, durchdachten, möglichst spannenden, einen dicken, einen sehr, sehr dicken Roman, den ihr gerne auch ein zweites oder drittes Mal lesen wollt. Der euch das Geld wert ist, das ihr dafür hingeblättert habt, und der euch nicht nur unterhält, sondern für kurze Zeit aus der Realität entführt und hier und da zum Nachdenken oder Staunen anregt. Und es wäre nett, wenn er im Bücherregal nicht wie ein Reclambüchlein aussieht.
Irgendwie – noch eine Überraschung! – lässt sich das nicht aus dem Ärmel schütteln.
Das aktuelle Manuskript ist umfangreicher geworden als geplant. Drei externe kritische Gruppen werden es durchforsten, bevor ich es zurückerhalte, und nur die Götter wissen, wie lange das dauert. Ich weiß es nicht. Wenn ich es wüsste, würde ich mit Schreiben aufhören und als mysteriöses Medium weltberühmt werden.
Also, bitte bitte, nagelt mich nicht auf ein Veröffentlichungsdatum fest und bitte bitte bitte, richtet mich nicht virtuell hin, wenn es länger dauert.

Das Schlimmste, was einem Autor nämlich passieren kann ist dies: Man lässt sein Baby mit ängstlicher Erwartung auf die Welt los und bekommt keine vierundzwanzig Stunden vernichtende Feedbacks.
»Strotzt vor Fehlern.«
»Hanebüchen zusammengestrickter Plot.«
»Oberflächliche Charaktere, wirkt wie hastig hingeschmiert.«
»Hätte die Autorin sich mehr Zeit gelassen, hätte es ein nettes Buch werden können, aber so …? Schade um die Buchstaben.«
Es gibt gute Bücher und es gibt schnelle Bücher. Lese-Fastfood sozusagen. Früher waren das diese Heftchenromane. Heute gibt es mit Sicherheit Textbausatzprogramme, aus denen man sich einen Roman zusammenstellen lassen kann. Oben gibt man Genre: Thriller ein, darunter Schmutzige Wörter in Prozent: 10 und Anzahl Pimper-Szenen: 6, dann drückt man Enter und hinten kommt ein 350-Seiten-Roman raus.
Mit jedem Roman, den ich in Angriff nehme, lerne ich dazu; meine Ansprüche steigen, auch meine Dingens, meine Professionalität (das wollte ich schon immer mal behaupten).
Daher mein Plädoyer:
Gebt euren Lieblingsautoren die Zeit, GUTE Bücher zu schreiben! Setzt sie nicht unter Druck! Beleidigt sie nicht öffentlich, wenn sie der Meinung sind, dass ihr Roman noch nicht perfekt ist und sie das Veröffentlichungsdatum nach hinten verschieben.
Sie wollen euch nicht ärgern. Sie wollen euch das bestmögliche Buch liefern, zu dem sie fähig sind, keinen Haufen Schmutzwäsche.

P.S.: Habt ihr mitgezählt, wie oft ich das herrlich eklig altmodische Wort hanebüchen in diesem Artikel verwendet habe? Wenn ja, schreit es heraus!
Die ersten fünf richtigen Antworten bekommen von mir eine kleine Belohnung zugeschickt.

*Hurenkinder und Schusterjungen nennt man in der Typografie zwei typische Satzfehler, die erstens den Leserhythmus stören und zweitens scheiße aussehen.

Rocker, Street Gangs und Dentisten

Freitag, Open House Party bei einem einschlägig bekannten MC:
Eine junge Frau – nennen wir sie Sandy – nähert sich dem Eingang, der von einem Prospect bewacht wird. Der Mann mit der Optik eines Panzers geht der Frau entgegen und donnert ihr wortlos die Faust ins Gesicht.
Geschrei. Blut. Noch mehr Geschrei.
Die Polizei kommt und nimmt den Prospect fest, die Frau wird ins Krankenhaus verbracht.

„Besuch“ vorm Clubhaus
Foto: Hannibal

Die Geschichte ist wahr.
Der Vorfall machte in der Stadt schnell die Runde. Brutaler Rocker schlägt junge hübsche Frau grundlos zu Klump. Empörte Politiker und besorgte Bürger forderten ein Durchgreifen, gar eine Schließung des Clubhauses.
Meine Freundin, die niemals auch nur in die Nähe Clubhauses gehen würde, sagte sinngemäß: »Siehste, Cat. Wenn du weiterhin mit solchen Leuten zu tun hast, dann wird man eines Tages deinen steifen kalten Körper aus einem Müllcontainer bergen.« (Sie neigt zu dramatischen Formulierungen).
Besagte Freundin ist, wie ihr euch schon denken könnt, nicht ganz vorurteilsfrei, wenn es um die Rocker geht. Ich habe sie mal zu einer Party eingeladen, aber sie hat irgendwo gehört, dass Frauen dort zum Einstand von der gesamten Mannschaft vergewaltigt würden, also verzichtet sie dankend und guckt lieber Tatort. Dennoch: Obwohl ich privat mit einem OMCG verbandelt bin, hält sie an der Freundschaft fest. Das will was heißen; in meiner Familie und im Freundeskreis habe ich durch diese subversive Verbindung massiv Sympathien eingebüßt (was wiederum viel über den Wert mancher Freundschaften aussagt).
Zurück zu Sandy und ihrem lädierten Gesicht.
Das Verfahren gegen den Prospect wurde eingestellt; Sandy hat keine Anzeige erstattet. »Natürlich nicht. Sie wurde bestimmt von den Rockern eingeschüchtert«, sagte meine Freundin.
In der Rockerszene selbst regte sich niemand über die Sache auf, aber nicht, weil es dort zum guten Ton gehört, Frauen zur Begrüßung die Nase zu brechen, sondern weil bald die Hintergründe zu der Geschichte die Runde machten.
Es gibt da nämlich noch eine andere Frau – sagen wir, sie heißt Bibi.
Bibi, von Beruf Kindergärtnerin (korrekter: Pädogische Fachkraft bwz Erzieherin), hat auf einem Schützenfest einen jungen Mann kennengelernt. Dass der junge Mann zu einem berüchtigten MC gehört und von den anderen Besuchern komisch angeguckt wurde, war Bibi egal. Sie ist da vorurteilsfrei und außerdem hatte sie schon ein paar Weinschorle intus. Man flirtete, redete, traf sich zwei Tage später wieder, ging essen, ins Kino. Das Übliche halt. Aus dem Techtelmechtel (hach, ich liebe altmodische Worte) wurde nicht nur zu Bibis Überraschung eine ernsthafte Beziehung.

Foto: Salvadorlia

Foto: Salvadorlia

Sandy, die oft im Clubhaus abhing, freute sich nicht über das Glück der beiden. Sie war krankhaft verliebt in den Biker und liebäugelte damit, Old Lady zu werden. Das Objekt ihrer Begierde entschied sich zu ihrem Verdruss leider für besagte Bibi und aus Sandys verliebter Fixierung wurde Hass, der sich wiederum gegen die vermeintliche Konkurrentin richtete.
Also begann Sandy, Bibi zu drangsalieren. Erst waren es nur Zettel unter dem Scheibenwischer ihres Fiat, dann in den Autolack geritzte Botschaften, in denen das Wort Schlampe verdächtig häufig Verwendung fand. Nächtliche Anrufe, Sekundenkleber in den Türschlössern, Hundescheiße auf der Fußmatte oder der Motorhaube, vergossene Cola im Briefkasten.
Bibi hatte keine Ahnung, wer da sauer auf sie war; sie kannte Sandy überhaupt nicht. Ihr Freund und sie trafen sich meist außerhalb des Clubs, obwohl natürlich längst alle wussten, dass er eine feste Beziehung hat. Sie erzählte ihm nichts von der Sache, weil sie erstens eine Arbeitskollegin in Verdacht hatte und zweitens nicht zu Unrecht befürchtete, dass er die unschöne Angelegenheit auf seine Art regeln würde.
Sie ging zur Polizei, aber die konnte ohne einen Tatverdächtigen nicht viel ausrichten. Man gab ihr mehr oder weniger sinnvolle Tipps mit auf den Weg, zum Beispiel umzuziehen.
Sie änderte stattdessen ihre Telefonnummer.
Bald darauf wurde Bibi von ihrer Chefin im Kindergarten mit einer anonymen Anzeige konfrontiert, die behauptete, sie würde ihre Schützlinge verprügeln. Ihr Auto musste in die Werkstatt, weil jemand Zucker in den Tank geschüttet hatte. Dann waren alle vier Reifen platt. Eines Tages fand ihr Hund eine Fleischwurst, die jemand auf den Balkon geworfen hatte. Er fraß sie und starb qualvoll. Die Wurst war mit zerbrochenen Rasierklingen gespickt worden. Bibi drehte fast durch.
Jetzt konnte sie auch ihrem besorgten Freund nicht mehr verschweigen, dass sie schon länger Opfer böswiliger Attacken war. Er sagte, er werde sich kümmern.
Ein paar Prospects verbrachten abwechselnd die Nächte vor ihrem Haus, gut sichtbar. Ruhe kehrte ein. Bibis Freund zog die Bewacher ab. Eine Woche später flog ein Backstein durchs geöffnete Fenster und traf Bibi am Kopf.
Die Bewachung wurde fortgesetzt; diesmal versteckten sich die Prospects. Einer ertappte Sandy, als diese aus ihrem eigenen Auto hinaus eine Flasche Ketchup auf die Windschutzscheibe von Bibis Fiat warf.
Sandy gab Gas, konnte entkommen und ward nicht mehr gesehen …
… bis sie im darauf folgenden Jahr bei besagter Open House Party auftauchte, überzeugt, über die Sache wäre längst Gras gewachsen. Vielleicht hoffte sie sogar, die beiden hätten sich getrennt.
Der Prospect an der Tür – derjenige, dem sie damals entwischt war – erkannte sie sofort und rastete aus. Das Ergebnis war besagte gebrochene Nase.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Jener Prospect hat die Angelegenheit spontan auf die Weise geregelt, die ihm gerade am effektivsten erschien. Nicht elegant, juristisch äußerst fragwürdig, aber in seinen Augen effektiv. Ab sofort hatte Bibi ihre Ruhe.
Die Öffentlichkeit erfuhr von diesen Hintergründen natürlich nichts.
Rocker, also die echte Sorte, sind keine Chorknaben, sondern Machos mit nostalgischen Ansichten und der Neigung, Dinge nicht allzu kompliziert werden zu lassen. Der Club ist ihre Familie und ihr Leben. Das Colour, das Clubhaus und jeder, der dazugehört, werden mit allen Mitteln verteidigt. Juristische Feinheiten oder moralische Abwägungen spielen eine untergeordnete Rolle. Man greift zu Wildwestmethoden, weil die halt immer schon funktioniert haben und man ordentlich Dampf ablassen kann. Außerdem verschafft man sich so mehr Respekt, als wenn man sagt: „Du, das mit dem Brandsatz gestern fand ich irgendwie echt nicht okay. Können wir da mal drüber reden?“
Ein Einprozenter, der nachts von Membern eines verfeindeten Clubs überfallen und seiner Kutte beraubt wird, kann natürlich zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Das wäre der korrekte, gesellschaftlich anerkannte Weg.
Wenn er sich dann das nächste Mal auf der Straße blicken lässt, wird man ihm auch noch die Buxe samt Unterhose abziehen und ihn mit Gaffatape am Laternenpfahl vor seinem Clubhaus fixieren. Tief im nackten Hintern steckt eine Bierflasche, in der sich wiederum eine Kopie der zusammengerollten Anzeige befindet. Anschließend wird sein Club ihn einstimmig rauswerfen (auch das ist übrigens eine wahre Geschichte, die nie den Weg an die Öffentlichkeit fand).

Quelle: Polizei NRW

Quelle: Polizei NRW

1986 prägte ein Plakat der Polizei maßgeblich das Bild der Rocker in der Öffentlichkeit: Bewaffnet, kriminell, gewaltbereit, gefährlich. Dieses Plakat war der Auslöser für die Gründung der Biker Union, in der sich die MCs an einen Tisch setzen und über Wege aus der Diskriminierung der Rocker-Szene beraten wollten. Die Biker Union gibt es immer noch, aber Erfolge verzeichnen sie nur im Bereich der politischen Arbeit zu verkehrstechnischen Fragen wie Lärmbestimmung und Abgasuntersuchung. Das Bild der Rocker als gewalttätige, kriminell organisierte Bandenmitglieder bleibt bestehen.
Daran sind die MCs beileibe nicht unschuldig. Einige Chapter kontrollieren das gesamte Rotlichtmilieu einer Stadt, andere kämpfen um die Macht im Drogengeschäft oder führen blutige Kriege gegen konkurrierende Clubs, in denen auch mal zu Sprengsätzen gegriffen wird.
Warum tun die das?
Vor etwa fünfzig Jahren, als Biker sich noch vornehmlich mit dem Dasein als prügelfreudiger, schmuddeliger Bürgerschreck begnügten, verdienten viele nicht-motorradfahrende Gruppierungen sich bereits eine goldene Nase mit dubiosen Geschäften. Sie beschäftigten die finanziell oft klammen Rocker als Kuriere, Leibwächter, Geldeintreiber. Es dauerte nicht, bis die ersten ehrgeizigen MCs auf den Trichter kamen, nicht länger nur den Handlanger zu spielen, sondern selbst die Geschäfte in die Hand zu nehmen. Die Brüder in den Staaten hatten es ja bereits vorgemacht. Statt sich also weiterhin dem Biken, Saufen, Kiffen und Rumvögeln zu widmen, machte man sich engagiert daran, die Clubkasse auf kreative Weise zu füllen. Man lernte von den echten Gangstern und nutzte zudem den Vorteil, einen schlagkräftigen loyalen MC im Rücken zu haben.
Andere MCs wollten bald auch ein Stück vom Unterwelt-Kuchen abhaben und zogen nach. Existenzgefährdende Konkurrenzen entstanden. Man musste seine Mitgliederzahl erhöhen, um seine Pfründe nicht zu verlieren. Es wurde rekrutiert auf Teufel-komm-raus. Manchmal traten ganze Street Gangs oder kleine Clubs geschlossen einem großen MC bei. In den Reihen der Rocker fanden sich plötzlich Gestalten, die mit der ursprünglichen Easy Rider-Szene nicht viel am Hut hatten, die sich dafür aber bestens im Rotlicht- oder Drogenmilieu auskannten.
All das hatte massive politische und juristische Maßnahmen zur Folge. Bilder von Razzien, von Rockern in Handschellen und Blutflecken auf dem Asphalt machten regelmäßig in den Medien die Runde.

2006 gab ein OMCG-President erstmals öffentlich zu, dass in der Vergangenheit »etwas schief gelaufen« sei. Man habe zu viele falsche Leute aufgenommen, die den OMCGs eine neue, gefährliche Ausrichtung gegeben habe. Man habe sich auf sehr schmutzige Geschäfte eingelassen, die den Clubs langfristig schadeten und gestandene Member der Alten Schule dazu brachten, ihre Kutte auszuziehen. Man müsse das Ruder herumreißen, bevor man aus dem Abwärtsstrudel nicht mehr herauskomme. Andere Präsidenten unterstrichen diese Aussagen.
Seitdem verändert sich die Szene sukzessive. Aus den Reihen der Member verschwinden nach und nach die Gangster. Man besinnt sich verstärkt auf alte Werte und auf den Grund, warum es überhaupt MCs gibt. Die Führungsebenen in den großen Clubs wechseln. Der Presi ist kein vorbestrafter Rotlichtkönig mehr, sondern ein Bäckermeister oder Fertighaus-Anbieter. Harmlos sind sie trotzdem nicht, auch wenn sie auf dem Papier eine weiße Weste haben. Loyale Member nehmen für ihren Prez oft die Gefängnisstrafe auf sich. Der Hauptgrund von Verhaftungen in der Rockerszene ist Körperverletzung aufgrund einer Schlägerei mit einem anderen Rocker.

Die Clubs wagen sich vorsichtig an die Öffentlichkeit, rufen zu Demos gegen Diskriminierung auf und greifen vermehrt auf juristische Mittel zurück, wenn eine Razzia, ein Kuttenverbot oder eine Festnahme auf fragwürdigen Gründen beruht, statt wie früher in einem Akt hilfloser Wut den Richter auf dem Parkplatz zu bedrohen.
Rocker haben keine nennenswerte Lobby in der Öffentlichkeit. Wenn ein bekannter MC eine Party ankündigt, riegelt die Polizei die Straßen ab, »um einen reibungslosen Verlauf der Veranstaltung zu gewährleisten«. Dies beinhaltet das Filzen sämtlicher, auch der weiblichen, Gäste, die gründliche Überprüfung ihrer Personalien nebst Eintragung in eine  »Liste von Unterstützern« und einschüchterndes Gebaren von maschinengewehrtragenden Bereitschaftspolizisten, bevor man sie passieren lässt – und zwanzig Meter weiter erneut anhält und durchcheckt. Danach fühlt man sich, als habe man einen Stempel mit der Aufschrift Wir haben dich ab jetzt im Auge, du latent kriminelles Subjekt! auf die Stirn gedrückt bekommen.

Security bei den Hells Angels Foto: Gudrun/Biker News

Uniformierte „Security“ bei den Hells Angels
Foto: Gudrun/Biker News

Der Öffentlichkeit wird signalisiert: Das sind alles Gangster und wir rechnen mit dem Schlimmsten! Kein normaler Mensch kommt bei diesem abschreckenden Aufgebot auf die Idee, sich mal selbst ein Bild während des Open House Abends zu machen. Die meisten Bürger begnügen sich mit dem, was sie aus den Medien erfahren und das ist alles andere als sympathisch.
Doch die Fakten bleiben auf der Strecke.
Im Jahr 2012 richteten sich 26 von 568 Ermittlungsverfahren gegen MC-Member (das sind 4,6%). 2014 gab es sieben (in Worten: 7) Verfahren wegen Rockerkriminalität.
Wenn man diese Zahl der hohen Anzahl an Razzien, Verhaftungen und Vernehmungen, Straßensperren, Vereinsheimschließungen und Kuttenverbote gegenüberstellt, fällt einem ein gewisses Ungleichgewicht auf. Nicht nur mir, auch angesehene Juristen geraten ins Grübeln.
Florian Albrecht, Rechtsanwalt und Akademischer Rat der Uni Passau sowie Dr. Frank Braun, Regierungsdirektor an der FHÖV NRW in Münster, sind öffentlich der Meinung, dass polizeilicher Aufwand und Kriminalitätswirklichkeit, die Rocker betreffend, in keinem Verhältnis stehen. Interessant ist in ihrem Artikel folgender Absatz:
Das Vorgehen der Polizei ist Teil einer erhebliche Ressourcen bindenden Gesamtstrategie. In Kooperation mit den Medien soll in der Öffentlichkeit das vermeintlich positive Bild der Rocker korrigiert, das staatliche Gewaltmonopol unterstrichen und das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessert werden.
Effektive Schadensverhinderung? – Fehlanzeige. Vielmehr wird durch Polizei und Medien das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung manipuliert und instrumentalisiert. Es werden Gefahrenlagen suggeriert, die faktisch so nicht bestehen.
(Quelle: Rockerkriminalität: Die Polizei auf Abwegen)
In Skandinavien, das früher oft von Rockerkriegen erschüttert wurde, hat sich das Blatt übrigens gewendet: In einer dänischen Kleinstadt nehmen Einwohner „ihren“ Hells Angels MC vor den Behörden in Schutz, die den Club unbedingt loswerden wollen.

Das Szenemagazin Biker News listet derzeit roundabout 280 Rockergruppierungen auf, davon rund 70 in der Szene anerkannte MCs – vom Lion of Judah MC über die Hunters bis hin zu den Heaven’s Own. Kaum einer hat je von denen gehört, denn – Überraschung! – nicht jede Gruppierung gehört zur schlagzeilenträchtigen organisierten Kriminalität.
Die Fratres Damnati (Die »Verdammten Brüder«) sagen von sich: »Wer in seinem Beruf noch Karriere machen möchte, der ist bei uns falsch.“ Ihre Member arbeiten nicht im Milieu und schlagen in ihrer Freizeit auch keine anderen Biker zusammen, weil die die falschen Farben tragen. Sie sind Sanitäter, Justizmitarbeiter, Feuerwehrleute, sogar Polizisten. Ihr MC wird totgeschwiegen, vermutlich weil er nicht in das Klischee der bösen Rocker passt. Im Job haben sie Probleme wegen ihrer Tätowierungen, ihrer Kutte und der Nähe zur Rockerszene. Zwar pflegen die einschlägigen Clubs logischerweise keine engen Kontakte zu den Fratres, aber man lässt sie unbehelligt, was wiederum dazu führt, dass sie im Job erst recht misstrauisch beäugt werden.
Die Fratres sehen sich selbst als LEMC, als Law Enforcement Club und halten sich an den Ehrenkodex der Einprozenter: Respekt, Loyalität, Ehre.

Es ist immer wieder ärgerlich zu hören, dass sogar erfahrene Biker gerne Rockerclubs und Street Gangs in einen Topf werfen.
Street Gangs haben einen völlig anderen Hintergrund, stammen oft aus der Türsteher- oder Kampfsportszene und machen sich den Ruf einer Bikergang zunutze, um ihre Interessen durchzusetzen. Optisch unterscheiden sie sich nicht von Rockern; sie tragen Kutten mit Abzeichen und heißen Black Jackets oder Red Label. Aber sie teilen weder deren eiserne Regeln noch die Werte, auf die Rocker so stolz sind. Auf YouTube verbreiten sie martialische Videos mit Kampfansagen und rekrutieren ihre Mitglieder vorwiegend unter den Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Ihre Vorgehensweise ist extrem brutal, ihre Hemmschwelle gering. Sie greifen jeden an, ob Rocker, Polizist oder Bürger. Sie sagen den großen MCs wie den Hells Angels, Outlaws oder Bandidos offen einen blutigen Kampf an und geben Parolen heraus wie: »Wir übernehmen Deutschland!«. Ihre internen Hierarchien wechseln ständig, und auch wenn manche von ihnen sogar Motorrad fahren, haben sie mit dem Kodex der Biker nichts am Hut. Ihnen geht es nicht um den Zusammenhalt untereinander, sondern um Macht und Geld. Sie sind das, was ein Bandido mal lapidar als »gewinnorientierte Zweckgemeinschaft« bezeichnete. Hinzu kommen ethnische Konflikte unter den Gangs, die in blutige Straßenschlachten eskalieren können, wenn beispielsweise die kurdischen La Fraternidad auf die meist türkischen Black Jackets treffen.

Quelle: Black Jackets Nord-End Delmenhorst

Mitglieder der Black Jackets
Quelle: Black Jackets Nord-End Delmenhorst

Street Gangs haben maßgeblich die negativen Veränderungen in der Subkultur beeinflusst. Die großen MCs mussten mit der neuen Entwicklung erst mal klarkommen und sich gleichzeitig gegen die Brutalität der Street Gangs zur Wehr setzen.
Den normalen Bürger interessiert die Unterscheidung zwischen Rockerclub und Street Gang ebenso wenig wie den Biker in der bunten Lederkombi: Man wirft alles, was eine Kutte trägt, in den großen schwarzen Bottich mit der Aufschrift ACHTUNG – GEFÄHRLICH!

Manchmal landet dann auch ein harmloser Dentist in dem Topf.
Ich schwöre, Harleyfahrende Zahnärzte, Manager und Anwälte sind kein Klischee! Es gibt sie wirklich; ich kenne nämlich so einige. Sie liebäugeln gern mit der romantisierten Vorstellung vom Outlaw Biker, der allein durch seine Maschine und sein Auftreten gefürchtet wird.

Freebiker auf den Hamburg Harley Days Quelle: welt.de

Freebiker auf den Hamburg Harley Days
Quelle: welt.de

Sie tragen Braincaps (Halbschalenhelme) und fiese schwarze Boots und binden sich das Tuch nicht vor dem Mund, weil sie keine Käfer zwischen den gepflegten Zähnen haben wollen, sondern weil es so geil Banditen-mäßig aussieht. Ihre Bikes sind gerne schwarz und mit Schädeln verziert und wenn sie am Sonntag von Treff zu Treff fahren (und nach 3 Stunden dezent über Rückenschmerzen klagen, weil das  Muscle Bike mit dem megabreiten Hinterreifen zwar beeindruckend aussieht, aber nicht tourentauglich ist), dann oftmals in einer Kutte. Das macht mächtig Eindruck, wenn die letzte Station des Tages die örtliche Eisdiele ist.
Auch ihre Kutten sind mit Patches verziert. Man kann die Dinger im Netz kaufen oder auf Veranstaltungen erstehen. Oder man bekommt eines, wenn man eine nagelneue Harley beim Vertragshändler ordert; dann wird man nämlich automatisch HOG-Member, ob man will oder nicht.
Viele Freebiker allerdings nehmen ihre Kutte ernst und nähen nichts darauf, das nicht direkt mit ihrer Person zu tun hat. Es sind Freundschafts-, Unterstützungs- oder Gedenkpatches, der Rückenaufnäher einer Gemeinschaft oder Erinnerungen an Orte, an denen sie waren – das legendäre Sturgis beispielsweise oder die Jubiläumsfeier eines OMCG.
Auf anderen Kutten sieht man Fantasiecolours wie beispielsweise das Backpatch der TV-Serie Sons of Anarchy oder etwas anderes Beeindruckendes, das gemeinhin einen Schädel, ein finsteres Symbol und eine martialische Beschriftung beinhaltet.
Als Träger einer Kutte muss man damit rechnen, aus derselben geprügelt zu werden, wenn sie einem MC-Colour ähnelt, zum Beispiel, weil sie dreiteilig ist, aber eben keine ist. Das hat damit zu tun, dass der Einprozenter seine Welt nicht veralbert sehen möchte. Ein echtes Backpatch muss man sich schwer verdienen und das kann mehrere Jahre dauern. Gefakte Colours gelten als Anmaßung und Respektlosigkeit gegenüber denen, die reale MC-Backpatches tragen. Das einzige nicht-MC-Backpatch, das die Szene duldet, ist das der Harley Owners Group, und auch dies nur zähneknirschend, weil man keinen Bock auf einen juristischen Krieg mit der mächtigen Company hat.

Eine Kutte der Harley Owners Group
Quelle: HOG Lakeside Chapter Edersee

Die Träger von SoA-Merchandise-Artikel dürfen sich ebenfalls meist sicher fühlen, weil man sie schlicht nicht ernst nimmt. Auf den Kilometerzählern ihrer Maschinen steht selten eine fünfstellige Zahl, denn das mindert den Wert der Harley.
Nochmal: Ich schwöre, das ist die Wahrheit (Natürlich gibt auch viele, viele richtig coole, schlagkräftige, unkonventionelle Freebiker, die einfach keinen Bock auf Vereinsmeierei oder öffentliche Sippenhaft haben).
Ich traf mal auf einen gut betuchten Unternehmer, der die gleiche Maschine wie ich fuhr und nach einem Blick auf meinem exorbitanten Kilometerstand mitleidig sagte: »Also, dafür wäre mir das Bike ja zu schade. Das sieht ja richtig benutzt aus!« (An meiner Street Bob kleben Insektenleichen, unterm Rahmen hat der Lack Schaden genommen und die Auspuffendkappe habe ich auch bis auf den Endtopf durchgeschliffen. Kurvenfahren macht halt Spaß, Putzen ist nicht so mein Ding.)
Einprozenter heben sich daher auch von Wochenendrockern ab, indem sie fahren, fahren, fahren, möglichst selber schrauben, weitestgehend auf das Tuch vorm Gesicht und immer öfter auch auf einen Schädel als Tankverzierung verzichten. Oder sie bringen Patches heraus mit der Aufschrift Fuck SoA – Support a real MC.
Frauen sollten die Serie aus optischen Gründen dennoch mal schauen (siehe Foto, hüstel).

Charlie Hunnam ("Jax") spielt die Hauptrolle bei SoA. (Quelle: Fanpop)

Charlie Hunnam („Jax“) spielt die Hauptrolle bei SoA.
Quelle: Fanpop

Manche Weekend Warrior schlagen auf Veranstaltungen gerne über die Stränge und legen auf das Negativbild der Rocker noch ein Schüppchen drauf. Der besoffene Anwalt auf der Bikerparty ist leider auch ein real existierendes Klischees.
Der Bürger sieht wieder nur: Aha, Kuttenträger. Gesocks!
Auf Open House Partys oder anderen öffentlichen Veranstaltungen ist es interessant, zu beobachten, wer als erstes auf den Boden kotzt oder die professionell-spärlich bekleidete Blondine angrabscht (absolutes No Go! Die Damen sind kein Freiwild, sondern vom Club als Tänzerin oder Bedienung gebucht und haben ein Recht auf ein sicheres Arbeitsumfeld).
Der gastgebende Club selber hält sich stark zurück mit dem Genuss alkoholischer Getränke. Sie tanzen auch nicht wild zur Live-Rockmusik (meist nicken sie nicht mal mit dem Kopf. Wenn ihr also zufällig zu einer örtlichen Band gehört und der hiesige OMCG euch engagieren will, überlegt es euch zweimal! Finster blickendes, mit verschränkten Armen herumstehendes Publikum kann sehr demotivierend sein).
Wenn Einprozenter mal richtig die Sau rauslassen wollen, tun sie es lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie wissen, warum.

Was ich damit sagen will: Die Rockerszene ist definitiv keine heile Welt, wo sich alle lieb haben. Die hauen sich ganz gerne mal gegenseitig den Kopf zwischen den Ohren weg, wenn die Situation es verlangt. Aber dabei bleiben sie unter sich.
Die pauschale Kriminalisierung einer ganzen Subkultur wird der Sache nicht gerecht, auch wenn kriminelle Auswüchse nicht zu leugnen sind. In den Medien taucht halt nur auf, was für Schlagzeilen taugt, vom großen Rest bekommt niemand etwas mit. Es weiß auch kaum jemand, dass das LKA mal einen falschen Rockerclub gründete, um die Hells Angels zu Straftaten zu provozieren.
Eine Journalistin, ein Angels-Präsident, der gleichzeitig auch selbständiger Fotograf ist, und ein rechercheerfahrener Autor haben über mehrere Jahre herumgestochert, seziert und nachgebohrt und kommen in dem Sachbuch »Jagd auf die Rocker«, (das außerhalb der Szene wahrscheinlich kaum einer liest) zu dem nachweisbaren Schluss, dass die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel und juristischen Grundlagen diverser Aktionen oft fragwürdig sind und der Szene insgesamt durch systematische Kriminalisierung Unrecht getan wird.
Es gibt also wie überall im Leben solche und solche. Brutale Arschlöcher finden sich in den Reihen der Einprozenter ebenso wie in der Politik, der Polizei oder der Nachbarschaft in der Reihenhaussiedlung.
Den Rockern wird zum Verhängnis, dass sie sich sozusagen offiziell von den bürgerlichen Werten und Regeln losgesagt haben und »ihr eigenes Ding machen«. Damit haben sie sich zu Vogelfreien erklärt und benehmen sich mitunter auch so. Und für jedes andere Member gilt: Mitgefangen – Mitgehangen.
Was ihr aus der ganzen Sache macht, bleibt euch überlassen. Es gibt kein Gesetz, das Pauschalurteile verbietet. Aber es schadet sicher auch nicht, einfach mal jemanden zu fragen, der dazugehört. Die beißen nicht.

5 Dinge, die unbedingt in ein erfolgreiches Buch gehören – Teil drei

Ich plotte derzeit fleißig an der Fortsetzung der Bullhead MC-Serie.
Um genau zu sein, starre ich auf den Monitor, schreibe so etwas wie Plötzlich geschah etwas Unerwartetes …, starre wieder auf den Bildschirm und betätige mit resigniertem Seufzer die Killer-Taste, um die Worte zu löschen. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie dieses Unerwartete aussieht.
Ich weiß, dass ich es morgen weiß. Oder, was wahrscheinlicher ist, heute Nacht so gegen halb vier. So ist das mit den unerwarteten Dingen. Sonst wären sie ja erwartet.

Es wird ja immer gerne über Schreibblockaden geredet, wenn es im Text nicht weitergeht, wenn man auf seinen Monitor starrt und darüber nachdenkt, das Mistding zu packen und aus dem offenen Fenster zu werfen. Nimm dies, du doofes Manuskript!
Das Aus-dem-Fenster-werfen erspare ich mir, weil meine Schreibklause ebenerdig ist und der Effekt somit eher unspektakulär. Außerdem befindet sich die Klause ja auf dem platten Ländle, auf einem ehemaligen Bauernhof und die Leute hier halten mich auch so schon für seltsam. Städterin, fährt ein viel zu lautes Motorrad, hat finster blickende Besucher und trägt bescheuerte Klamotten (ich habe so ein echt schickes Beanie mit Nieten und Pailletten drauf. Das sieht toll aus, finde ich, aber der alte Bauer guckt mich so komisch an, als wäre ich eine entlaufene Discokugel). Wenn ich also jetzt noch Monitore aus dem Fenster werfe, muss ich womöglich damit rechnen, dass der Dorfmob mit Fackeln und Mistgabeln …
Also: Schreibblockade.
Ich glaube wirklich, die gibt es nicht. Jedenfalls hatte ich nie eine. Wenn es nicht weitergeht, weiß ich, dass ich mich verrannt habe. Dann muss ich zurück zur letzten Abzweigung (bildlich gesprochen) und einen anderen Weg nehmen. Oder eine Pause machen und mich mit einem anderen Schreibprojekt beschäftigen (zum Beispiel meiner niemals endenden Endzeit-Story, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt … ihr kennt das).
Das Unterbewusstsein, sozusagen der blasse, unterbezahlte, aber unermüdliche Angestellte, den man unten im Keller eingesperrt hat und ab und zu mit kalten Pizzaresten füttert (ich lege für ihn immer die harten Kanten beiseite, die mag ich nämlich nicht), arbeitet derweil fleißig und von mir unbemerkt an dem Problem weiter. Oben im Bewusstsein wird hemmungslos Prosecco getrunken und der Chefin gegenüber mit grandiosen, aber nutzlosen Einfällen angegeben. („Hey, wie wäre es mal mit ’ner Story über einen Luxusliner, der gegen einen Eisberg kracht und dann steht da diese Frau mit ausgebreiteten Armen am Bug und …? Ich wette, auf DIE Idee ist noch keiner gekommen!“)
Irgendwann, meist so gegen halb vier Uhr nachts, klingelt das innere Telefon und eine schüchterne Stimme flüstert: „Ich glaube, ich weiß jetzt, welches unerwartete Ereignis den Bullhead-Bikern zustößt. Ehm, könnte ich vielleicht eine Pizzakante haben? Und eine Decke? Hier unten ist es kalt.“

Während ich also darauf warte, dass das Unterbewusstsein endlich seinen verdammten Job macht (da ist man so großzügig, schneidet extradicke Kanten von der Pizza ab und der faule Herr Unterbewusstsein spielt sich unten im Keller an den Füßen! Ehrlich, man wird nur ausgenutzt!), fällt mir doch glatt ein, dass ich meine Fünf Dinge, die unbedingt in einen erfolgreichen Roman gehören ja auch mal weiterschreiben könnte.
Unvollendete Projekte: Jeder Autor sollte welche haben. Ist gut gegen Schreibblockaden.

5-Dinge-Romanze

Hier also Numero 3: Die Romanze.
Hand aufs Herz: Wollt ihr eine Geschichte lesen, in der Held und Heldin irgendwo aufeinander treffen, sich gemeinsam ins Abenteuer stürzen, verzweifelt um ihr Leben kämpfen, furchtbar finstere Geheimnisse aufdecken – und dann nach getaner Arbeit etwas wie „Dann bis zum nächsten Mal… ehm, wie war noch mal dein Name?“ sagen?
Romanze klingt vielleicht etwas abgedroschen und erinnert an den verwegenen Freibeuter mit Errol Flynn-Bärtchen, der die vollbusige Kommandeurstochter leidenschaftlich in seine Arme reißt. Oder an den smarten jungen Oberarzt mit den hach-so-süßen-Grübchen (und dem Cabrio-Sportwagen), dem die schmachtenden Krankenschwestern gerne mal – „Hupsi, ich bin ja sooo ungeschickt“ – vor die Füße fallen.

Captain Blood (Unter Piratenflagge) 1935 - Warner Bros.

Errol Flynn: Captain Blood (Unter Piratenflagge) 1935 – Copyright Warner Bros.

In der Literatur wird Romanze als lyrisch-epische Verserzählung spanischen Ursprungs definiert. Vergesst das sofort wieder, das ist langweilig.
Romanze klingt nicht von Ungefähr wie Roman und steht in meiner Welt für das „Naaa, wird das was mit den beiden oder erschießt sie den süßen Lockenkopf versehentlich mit der Armbrust beim finalen Kampf gegen den Bösewicht?“
Romanze kann im Buch alles sein, vom braven Anhimmeln des unerreichbaren, sexy Rockstars bis hin zum wilden, animalischen und expliziten Quer-durch-die Stadt-Gevögele zweier verrückter Punker. Vom Popo-Verhauen der ekstatisch quiekenden Praktikantin bis zum herzergreifenden Seufzer am Strand, wo Junge und Mädchen im warmen Sand sitzen und wissen, dass sie sich nie, nie, NIE wieder sehen werden. Weil er gerade an einer furchtbaren Krankheit stirbt oder sie sich der Ewig Zölibatären Schwesternschaft anschließen muss, um ihn zu retten oder so.
Romanze steht für das, was uns im Innern berührt. Action und Abenteuer unterhalten uns, Geheimnisse bringen uns zum Grübeln und fiese Szenen lassen uns mehr oder weniger wohlig erschauern. Aber richtig tief geht eine Geschichte nur, wenn sie auch die Protagonisten tief, tief innen berührt (oder ein, zwei Etagen tiefer). In einem guten Roman erlebt man alles gemeinsam mit den Helden. Wenn man dann das Buch zuklappt, ist es oft, als erwache man aus einem Traum. Man hat binnen kürzester Zeit Gefühle durchlebt und durchlitten, die man vielleicht im ganzen Leben nicht kennenlernt (mangels Gelegenheit oder weil man tatsächlich obiger Schwesternschaft angehört).
Gefühle sind die Essenz des Daseins. Ohne Hass oder Liebe, Angst, Schmerz, Freude haben wir auch keinen Antrieb. Dann landen wir eines Tages im feuchtkalten Verstandeskeller einer stinkfaulen Autorin und arbeiten rund um die Uhr als vernachlässigtes Unterbewusstsein, das sich mit einer steinharten Pizzakante zufriedenstellen lässt.

Mathilde - Warner Bros

Mathilde – Copyright Warner Bros. 2004

Die größten Dramen, die bewegendsten Stories, die verrücktesten Geschichten verdanken wir Romanzen, glücklichen wie unglücklichen. Das fängt bei Paris und Helena, bei Romeo und Julia an, geht über Prince Charles und Camilla, Forrest Gump und seine Jenny, die beiden Brokeback Mountain-Cowboys Jack und Ennis (hach, Heath!) und endet noch lange nicht bei der Romanze um die beiden Game of Thrones-Darsteller von Jon Snow und Ygritte, die nicht nur in der Serie zum Paar wurden.

Die Menschheit wäre gar nichts ohne Geschichten. Geschichten dienen dazu, das Leben zu erklären (ich sage nur: Götter, Dämonen und scheibenförmige Welten), es bunt zu färben, die Realität erträglicher zumachen und uns natürlich anzurühren, wenn der Alltag es nicht schafft. Geschichten sind oft die Motoren, die das Leben vieler Menschen angetrieben oder es verändert haben.
Bücher geben uns Wissen. Damit meine ich nicht das nutzlose, aber beeindruckende Wissen, mit dem man auf irgendeiner öden Stehparty einen auf gebildet macht. Sondern das Wissen, dass alles möglich sein kann. Dass man vieles möglich machen kann.
Gut, manches geht nur in der Fantasie (wie bei „Beauty and the Beast“ oder wenn es um die, nun, nennen wir es „Liebe“ zwischen Mensch und Pterodaktylos geht – ich schwöre, es gibt Romane zu diesem Thema! Creature Romance oder so ähnlich. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, es verstört mich).

Dino Valley - Copyright Verity Vixxen

Dino Valley – Copyright Verity Vixxen 2015

Aber unsere Empfindungen sind real, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ob diese Empfindungen durchs Lesen, Filmgucken oder Selbsterleben hervorgerufen werden, ist dem Verstand erst mal schnuppe. Wenn man zum Kleenex greifen muss, während man die ergreifende Geschichte von Mathilde und Manech verfolgt („Mathilde“ von Jean-Pierre Jeunet mit Audrey Tautou, 2005), dann lässt sich nicht leugnen, dass wir berührt worden sind.
Und wenn Sascha Duncan, die dank eines Defektes „anders“ ist, und Lucas Hunter dafür sorgen, dass es im Magen zu flattern beginnt („Leopardenblut“, erotische Fantasy Romance von Nalini Singh): Perfekt!
Wer fühlt, der lebt. Gefühlsachterbahnen sind toll. Leider ist es im wirklichen Leben –zwischen Aufstehen um sieben, Kinder für die Schule fertigmachen, im Büro Aktennummern raussuchen und die EDV anrufen, weil der Büro-PC abgestürzt ist („Haben Sie es schon mit An- und Ausschalten versucht?“ – The IT-Crowd, britische SitCom, 2006-2013), Mikrowellenmenü einkaufen, danach zum Pilateskurs gehen – nicht ganz einfach, noch ein bisschen Drama, Liebe, Erotik oder Rachegelüste in den Alltag einzubringen.
Manche holen sich ihre Dosis Gefühle beim Tratschen über die Neue in der Buchhaltung, beim Posten von Hasskommentaren auf Facebook oder beim Szenemachen („Du liebst mich nicht mehr! Ich bin dir egahaaal, heul!“), weil der Freund wegen des Staus auf der A40 eine Viertelstunde zu spät ist.
Das ist schlecht fürs Gemüt und fürs Karma sowieso, aber immerhin ist heute etwas passiert.
Die klugen Leute lesen oder schauen gute Filme und fühlen sich auf positive Weise im Innern (oder ein, zwei Etagen tiefer) berührt, sogar wenn es kein Happy End gibt. Gute Geschichten begleiten uns noch eine ganze Weile. Und sie sind deshalb gut, weil sie eine Romanze beinhalten, die zu Herzen geht (und vielleicht ein, zwei Etagen tiefer).

Wenn du also gerade an einem Roman schreibst, vergiss die Romanze nicht. Die Romanze sorgt dafür, dass dein Leser einen triftigen Grund hat, bis zum Ende durchzuhalten. Denn wofür kämpft man sich durch einen Kugelhagel, einen Sumpf der Korruption oder die Warteschlange beim Amt, wenn nicht für die Aussicht, glücklich zu werden tief im Herzen (oder wenigstens ein, zwei Etagen tiefer)?
Und komm mir nicht mit „Ich schreibe aber eine Zombie-Apokalypse aus der Sicht eines Zombies. Da ist kein Platz für romantische Gefühle!“
Die Ausrede zieht nämlich nicht.
Der Beweis: „Warm Bodies“ (2013, USA). Ohne den verliebten Zombie, der dank Julie sogar den Tod besiegt, wäre der Film nur ein weiterer öder Ich-fresse-dein-Gehirn-Splatterstreifen geworden, der es nicht mal in die Kinos geschfft hätte.

„Forever Nomad“ – die signierte, limitierte, illustrierte Sonderausgabe

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Sämtliche Exemplare der limitierten Ausgabe sind ausverkauft! Vielen Dank für euer Interesse und eure großartige Unterstützung!

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Forever Nomad_Exklusivprint

Foto: Catalina Cudd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ihr erhaltet von mir umgehend eine Bestätigungs-eMail mit allen weiteren Infos.


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Rocker-Glossar

In den Bullhead MC-Romanen findet ihr am Ende immer einen kleinen Anhang, der bestimmte Begriffe aus der Welt der Biker erläutert. Hier möchte ich euch nun ein erweitertes Glossar bieten, das nicht nur allgemein bekannte Begriffe erläutert, sondern auch einen tieferen Einblick gewährt, den man nicht im Wiki-Rockerlexikon findet. Ich werde das Glossar unregelmäßig ergänzen.

Foto: Kristina Afanasyeva/123rf

Foto: Kristina Afanasyeva/123rf

311
Cop Killer (311 steht für die Buchstaben C und K. Bei den Hells Angels gibt es das Dequiallo-Patch fürs Polizisten-Verprügeln).

ABMD
Abkürzung für All Bullheads Must Die. In der Realität gibt es analoge Patches für feindliche MCs

Bikerpartys
Oft laden Biker Clubs zu offenen Abenden (Open House Partys) oder auch Family Days ein, auf denen jeder willkommen ist, der sich benehmen kann. Auf manchen dieser Veranstaltungen wird Geld für einen gemeinnützigen Zweck gesammelt oder für die Familien von Mitgliedern, die hinter Gittern sitzen oder sonstwie in Not geraten sind. Egal, ob man als Besucher mit dem Zweck der Spende einverstanden ist: Einen Geldschein zu geben, sorgt für einen guten Eindruck.
Der Zutritt zu internen Partys ist nur geladenen Gästen erlaubt; die Termine werden ausschließlich intern bekannt gegeben. Neben Bands sorgen dort oft Stripperinnen und Erotikshows für Unterhaltung. Auf nicht öffentlichen Partys geht es tatsächlich im Stil von Booze & Sex sehr wild zu. Wie eine Frau auf einer solchen Party behandelt wird, hängt von ihrem Auftreten ab. Ein deutliches Nein wird akzeptiert. Wenn nicht: einfach die Member des Gastgebers ansprechen und um Hilfe bitten. Auf jeder Party sorgt eine Security für Sicherheit, die an diesem Abend nüchtern bleibt. Außenstehende Männer tun immer gut daran, eine Frau erst zu fragen, bevor sie ihr auf den Leib rücken – sie könnte mit einem Member zur Party erschienen sein.
Egal, ob männlicher oder weiblicher Gast: Eine unbedachte Bemerkung nach dem siebten Whiskey-Cola kann schnell zu Ärger führen. Meinungen jeglicher Art behält man besser für sich, auch – und besonders – wenn man gefragt wird, was man von einer bestimmten Sache oder einer Person hält. Ein diplomatisches „Hab davon gehört“ ist die sicherste Antwort. Und um Gottes Willen keine Fragen zu Club-Interna stellen! Wenn man sich stets an die goldene Regel Give Respect to get Respect hält, macht man schon mal nichts falsch.
In vielen Clubs gilt bei Open House-Partys ein Alkoholverbot für Member bzw die Prospects, um Exzesse zu vermeiden und notfalls für Ordnung zu sorgen. Ob Drogen konsumiert werden, hängt vom Club ab. Sex vor versammelter Mannschaft kommt vor (nicht auf Open House Partys), Vergewaltigungen hingegen gehören entgegen landläufiger Meinung nicht zum Biker-Livestyle! Kein Biker, den ich kenne, möchte einen Vergewaltiger als Bruder bezeichnen.
Viele Partys sind mit sogenannten Runs verknüpft, einer offiziellen Ausfahrt im Konvoi, sowie obskuren Wettbewerben auf Bikes, vom Burnout (bei dem der Hinterreifen im Stand durchgedreht wird, bis kein Profil mehr vorhanden ist) bis zum Dixi-Run (bei dem eine mobile Toilettenkabine samt Passagier hinten ans Bike gebunden und schnellstmöglich über eine bestimmte Strecke gezogen wird).

Bottom Rocker
Der untere Aufnäher mit Chapter-Namen oder nationalem Namen (z.B. Berlin, Nomad oder Germany).

Brother’s Keeper
(Engl.: Bruders Hüter) Dieses Patch wird an ein Fullmember vergeben, das für ein anderes Member leben, gesundheit oder Freiheit riskiert hat.

Center Rocker/Center Patch (auch Colour genannt)
Der mittlere Aufnäher, üblicherweise das Club-Logo.

Foto: A. Kottlorz/Biker News

Foto: A. Kottlorz/Biker News

Clubhaus
Die Bandbreite der Clubhäuser reicht vom einfachen Häuschen im Grünen über ein abgeschottetes hochmodernes Gebäude bis zur halben Häuserzeile mitten in der Innenstadt. Clubhäuser sind der Mittelpunkt des MC-Lebens und besitzen neben den Gesellschaftsräumen und der Chapel oft auch einen Fitnessraum, eine Werkstatt, Büros und auch Übernachtungsmöglichkeiten. Biker wohnen üblicherweise nicht dauerhaft im Clubhaus. Die Clubhäuser der ersten Riege in der OMCG-Szene sind niemals unbewacht, auch wenn sie einen verlassenen Eindruck machen.
In vielen Clubhäusern steckt eine Menge mühevoller Arbeit, von der Fassadenbemalung über Sicherheitsvorkehrungen bis zum liebevollen Innenausbau. Bestimmte Bereiche, vor allem die Chapel, sind ausschließlich den Mitgliedern vorbehalten.

Clubhuren/Clubgirls
Ja, es gibt sie. Und auch die willigen Chicks, die Spaß an Sex haben und anschließend noch beim Aufräumen helfen. Als Gegenleistung übernehmen die Männer die Getränke und bieten Unterstützung verschiedenster Art.
Jeder MC ist anders und jeder handhabt die Sache mit den Frauen anders. Es gibt Clubgirls, Clubhuren, Clubmuschis, Sheeps, Mamas … es gibt aber auch Freundinnen, Partnerinnen, weibliche Kumpel und Ehefrauen. In den 50ern und 60ern nahmen einige Hells Angels Chapter Frauen als vollwertige Member auf und bis vor wenigen Jahren hielt ein deutscher MC es ebenfalls so.
Die Property of …-Kutte ist heutzutage eine Seltenheit. Auch Clubhuren sind mitnichten in jedem MC anzutreffen. Es gibt MCs, die ihren Mädels Zimmer zur Verfügung stellen, für deren leibliches Wohl sorgen und dafür sexuelle Exklusivität verlangen. Vor allem in den Staaten ist ein solches Arrangement nicht selten. Einige Groupies werden zu Old Ladys, andere verschwinden wieder, nachdem sie sich ausgetobt haben. Clubhuren hingegen können zum (allgemeinen) Eigentum des Clubs werden und stehen fortan unter dessen Schutz. Andere Clubs sind so freizügig wie ein Modelleisenbahnverein und im nächsten MC wiederum geht es zu wie auf einer verrückten Studentenparty: Man weiß nicht, was als Nächstes geschieht.
Einige Member teilen ihre aktuelle Freundin mit ihren Brüdern, weil man schließlich alles mit seinem Bruder teilt, andere sind seit fünfzehn Jahren verheiratet, höllisch treu und haben drei Kinder. Wiederum andere halten sich gleich drei achtzehnjährige Blondchen, die nebenher als Erotikdarstellerinnen jobben.
Auch hierzulande trifft man mitunter Mädels aus dem Milieu – Stripperinnen, Prostituierte, Erotikdarstellerinnen – bei diversen MCs an. Die meisten jedoch sind ganz normale Frauen, manchmal auch gestandene Schrauberinnen, die sich gut mit den Jungs verstehen oder deren Freund ein Member ist. Natürlich gibt es auch die üblichen Groupies, die einfach nur Bock auf eine wilde, schmutzige, alkoholgeschwängerte Zeit mit ein paar tätowierten Kerlen haben.
Biker legen naturgemäß keinen gesteigerten Wert auf Gender Correctness, spielen aber gerne den Beschützer. Wie sie eine Frau behandeln, hängt vor allem von deren Verhalten ab. Sie können durchaus zwischen einer Lady und einem Piece unterscheiden und behandeln Frauen überraschenderweise oft erheblich respektvoller als der Rest der Gesellschaft. Sex kann man ja trotzdem haben …

Chapter
Die Ortsgruppe des jeweiligen Clubs. Bei den Hells Angels werden sie Charter genannt.

Drogen
In vielen Clubs ist der Drogenhandel verboten und wird mit sofortigem Ausschluss geahndet. Nicht alle MCs handeln jedoch zugegebenermaßen so rigoros. Der eigene Konsum wird großzügiger gesehen, solange es sich nicht um harte bzw synthetische Drogen handelt. Niemand möchte Junkies in den eigenen Reihen sehen.

Einprozenter/Onepercenter
Der Begriff geht auf den sogenannten Hollister Bash 1947 zurück, als ein Motorradtreffen ein wenig, nun, außer Kontrolle geriet. Die American Motorcycle Association (AMA), die das Treffen organisiert hat, sagte später angeblich, dass 99% aller Biker rechtschaffene und friedliche Bürger seien. Die »echten« Biker, die nicht nur am Wochenende fuhren und sich nicht stigmatisieren und drangsalieren lassen wollten, nahmen diese Äußerung zum Anlass, sich fortan als Onepercenter zu bezeichnen. Später wurde der Begriff von den OMCGs übernommen und steht heute für Rocker, die ihren Lebensstil ohne Rücksicht und Kompromisse leben.

Foto: Susi Bodmer/express.ch

Foto: Marcus Reichmann

Enforcer
(Engl.: Vollstrecker) Die Aufgaben des Enforcers werden in jedem MC anders definiert. Oft stehen sie dem Sergeant at Arms helfend zur Seite, wachen über die Clubdisziplin oder fungieren als Security Chief. In anderen Clubs ist der Posten des Warlord mit dem des Enforcers kombiniert. Der Enforcer untersteht ausschließlich dem Prez und sorgt dafür, dass dessen Order befolgt wird. Er ist derjenige, der durchs Land geschickt wird, wenn eine Aufgabe aus der Distanz erledigt werden muss. Meist handelt es sich beim Enforcer um ein besonders taffes Mitglied des Clubs, das nicht vor Gewalt zurückschreckt. Manche Nomadtruppen bestehen aus Enforcern.

Expect no Mercy (Erwarte keine Gnade)
Auch: Filthy Few (Die wenigen Dreckigen) oder Men of Mayhem (grob übersetzt: Männer des Verderbens; wird in der TV-Serie Sons of Anarchy verwendet)
Patches, die für die Tötung oder schwere Körperverletzung eines Menschen »verliehen« werden. Die Bedeutung dieser Patches wird offiziell gerne von den OMCGs bestritten.

Freebiker
Ein Biker ohne Clubzugehörigkeit (der dennoch einem MC nahe stehen kann). Wird manchmal auch Loner oder Indie Biker (Independent Biker) genannt. Fühlt er sich einem MC verbündet, wird er zum Associate, also einer Person, der man ein gewisses Vertrauen entgegenbringt.
Freebiker erkennt man manchmal daran, dass sie eine 62 oder ein „Indie“-Patch auf der Brust tragen. Rückencolours sind verpönt und auch unsinnig, denn der Freebiker will ja seine Unabhängigkeit zeigen. Mit einem Back Patch macht man sich nur lächerlich und provoziert schlimmstenfalls Verwechslungen.

Foto: AndreyArmyagov/123rf

Foto: AndreyArmyagov/123rf

Fullmember
Vollmitglied, auch Fullcolour genannt.
Der Weg zum Vollmitglied führt in der Regel über einen ➝Supporterclub oder einem ➝Hangaround, von dort zum ➝Prospect-Status, bis man irgendwann für würdig befunden wird, das Full Colour zu tragen. Ein geregeltes Einkommen ist unabdingbar, denn allein die Harley ist schon ein teurer Spaß; hinzu kommen die Mitgliedsbeiträge und unregelmäßigen Zahlungen, um z.B. ein Member in Not zu unterstützen.
Die Mitgliedschaft gilt lebenslänglich; ein Aussteigen ist nur in sehr, sehr seltenen Fällen möglich (aber eben möglich: ich kenne einen Ex-Angel, der jetzt einem anderen OMCG aus der zweiten Reihe angehört und sich dennoch bester Gesundheit erfreut.)

Gebietsanspruch
Nicht jeder Club sieht es gern, wenn in seiner Nachbarschaft oder gar im gleichen Ort ein weiterer Club entsteht. Grund für Gebietsansprüche sind einfaches Revierverhalten und der Ehrenkodex, sein Gebiet „sauber“ zu halten. Benimmt sich der neue MC daneben, steht die Polizei meist vor der Tür des Platzhirschen, da sich selten ein Kläger die Mühe macht, die Colours auseinanderzuhalten. Konkurrenzgerangel spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Beschließen Motorrad-Enthusiasten, einen (Freizeit-)Club oder eine Gemeinschaft zu gründen, der nicht in die 1%er-Riege gehört, werden sie beim herrschenden Club vorstellig und bekommen in der Regel die Erlaubnis, ihre Farben zu tragen, sofern diese deutlich unterscheidbar sind vom „richtigen“ MC. Desweiteren zeigt die neue Gemeinschaft ihre geplante Gründung öffentlich in einem Szenemagazin an und wartet ab, wer reagiert.
Zum Gebietsanspruch gehört auch ein Durchfahrtverbot für feindliche MCs bzw das Verbot, eine feindliche Kutte im beanspruchten Gebiet zu tragen.

Gewalt
Die OMC-Kultur ist so komplex und vielfältig, dass es unmöglich und unfair ist, ein Urteil über alle Einprozenter aufgrund der Aktionen weniger zu fällen.
Gewalt findet statt, keine Frage. Es gibt durchaus einige sehr gewaltbereite, brutale Gestalten in der Szene. Es gibt Clubs, in denen Macht und Geld an erster Stelle stehen und deren Member alles daran setzen, ihre Pfründe zu verteidigen. Es gibt aber auch die unzähligen OMCGs, für die allein der Zusammenhalt und das Fahren an erster Stelle steht und deren Member ansonsten einer ganz normalen Tätigkeit nachgehen. Und es gibt ein paar MCs in der Szene, die sich gern mit dem kriminellen Image schmücken, weil das dem Geschäft zuträglich ist.

Foto: Astroid/123rf

Foto: Astroid/123rf

Biker sind jedoch grundsätzlich keine Neandertaler und sie rennen auch nicht ständig mit einer Waffe im Gürtel und einer geballten Faust in der Tasche herum. Sie gehören zu einem kleinen Kreis von Menschen, die sich für ein Leben am Rande der Gesellschaft entschieden haben und nach ihrem eigenen Kodex leben. Ihnen ist bewusst, dass sie stets am Rande der Legalität entlang balancieren und sei es nur, weil die Komponenten ihrer Bikes illegal sind oder sie im Milieu ihr Geld verdienen (was nicht gleich illegal sein muss. Das Betreiben eines Nachtclubs oder eines Tattoostudios stellt noch lange keine organisierte Kriminalität dar).
In vielen Clubs gibt es eine strikte Trainingspflicht für die Member, und als konfliktscheu würde ich die Biker, die ich kenne, nun auch nicht bezeichnen. Ihre Sprache ist direkt, manchmal grob, und ihr Verhalten körperlich geprägt. Meinungsverschiedenheiten werden auch mal mithilfe eines Fights ausgetragen, wenn die Worte ausgehen.
Sie fallen deswegen aber weder über eine unwillige Frau her, nur weil sie gerade Lust auf Sex haben, noch knallen sie wahllos Menschen ab oder werfen im Vorbeifahren Brandsätze durch die Fenster anderer Clubs. Salopp gesagt wollen Biker nur ihr eigenes Ding durchziehen und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen leben. Nicht von ungefähr standen sie früher der Hippieszene sehr nahe. Der Zusammenhalt des Clubs und das bedingungslose Füreinander Einstehen entsprechen absolut der Realität. Zum Schutz ihrer Brüder sowie deren Ladys sind viele Biker bereit, ihr Leben zu riskieren.
Im Übrigen ist kein MC wild auf die juristischen und politischen Konsequenzen bis hin zum Clubverbot, die Gewaltexzesse nach sich ziehen. Hitzköpfe und kriminelle Elemente gibt es natürlich trotzdem in der Szene, aber die findet man in jeder Gesellschaftsschicht (wo sie manchmal nicht sofort auffallen, weil der Fokus der Öffentlichkeit stark auf die „bösen Jungs in schwarzer Kutte“ gerichtet ist).

Gottesdienst
Das wöchentlich stattfindende Clubtreffen; die Teilnahme ist Pflicht für alle Full Member. Prospects, Frauen und Außenstehende bleiben selbstverständlich vor der Tür. Fast alle Clubhäuser besitzen eine sogenannte Chapel, in der die Treffen abgehalten werden. Die Chapel ist tabu für alle Nichtmitglieder, es sei denn, sie werden dorthin zitiert.

Hangaround
Meist ein Freebiker, der in loser Verbindung zum Club steht, ihn unterstützt und den Vollmitgliedern Gelegenheit gibt, ihn zu beschnuppern, bevor er den Anwärter-Status erlangt. Hangarounds dürfen das Clubgelände betreten.

Harley-Davidson
In fast allen OMCGs ist es für die Member Pflicht, eine Harley zu fahren. Bei Prospects wird mitunter eine Ausnahme gemacht, mindestens gelten i.d.R. aber 750ccm Hubraum.
Die Liebe zu den amerikanischen Bikes erklärt sich daher, dass die ersten Motorradclubs sich aus US-Veteranen formierten, die oft als Meldefahrer oder Kuriere tätig waren. Die schweren, robusten Harleys waren Standard-Armeefahrzeuge. Nach der Entlassung aus der Armee kamen viele Veteranen mit dem „normalen“ bürgerlichen Leben nicht mehr klar und vermissten die bedingungslose Brüderlichkeit, die ihnen im Krieg oft das Leben gerettet hat. Viele gerieten in Armut, litten unter Traumata und fühlten sich ausgestoßen von der Gesellschaft, für die sie in den Krieg gezogen waren. Sie formierten sich zu den ersten MCs, führten auf ihren geliebten Militärmaschinen ein Vagabundenleben abseits der Gesellschaft, konsumierten Drogen und Alkohol und wurden schnell zu Ausgestoßenen.
Harleys wurden und werden gerne als Grundlage für umfangreiche Umbauten benutzt, so dass der Besitzer ein möglichst einzigartiges Bike fahren kann. Kein Biker aus meinem Bekanntenkreis fährt ein unverbautes Motorrad.
Chopper sind Bikes, an denen alles Unnötige entfernt wurde, um sie so leicht und schnell wie möglich zu machen. Heutzutage fahren US-Bikerclubs gerne langstreckentaugliche moderne Maschinen mit Verkleidung (sog. Bagger), während hierzulande der Old-School-Look mit hohen Lenkern (Apehangern) und tiefen Sitzen im Trend liegt.

Hierarchie
In den Clubs wird Demokratie in Reinform praktiziert: Ein Mann – eine Stimme. Mitunter macht das manche Entscheidungen etwas schwierig, dafür läuft es aber gerecht zu. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist der Präsident nicht der Alleinherrscher über den Club.

Kutte
Das Wort stammt vermutlich vom englischen Cut (to cut: schneiden). Die ersten MC-Member trennten damals die Ärmel von ihren Jeansjacken ab und versahen diese Westen mit den Insignien ihres Clubs. Heute sind die Kutten aus praktischen Gründen üblicherweise aus Leder. Auf dem Rücken befindet sich das dreiteilige Colour des Clubs oder das Anwärter-Patch ohne Clublogo. Die Vorderseite enthält das Einprozenter-Patch, den Clubnamen und persönliche Abzeichen (Name, Rang bzw Position, In Memoriam-Aufnäher, erworbene Auszeichnungen etc). Der sogenannte Side Rocker trägt den Namen des Chapters. Es gibt in jedem Club genaue Vorschriften über die Platzierung der Patches.
Die Kutte ist das wichtigste Statussymbol eines MC-Members und zählt zum Clubeigentum. Viele Onepercenter dulden nicht, dass ihre Kutte von Fremden berührt wird, da dies als respektloses Verhalten gegenüber dem Club gilt. Wann und wo die Kutte gertagen wird, schreiben die internen Regeln vor. So kann es untersagt sein, die Kutte im Auto oder während der Arbeit zu tragen.
In vielen MCs erhält das frisch gebackene Clubmember neben seinen eigenen Full Colours zusätzlich eine Property of-Kutte, die er an eine Frau weitergeben kann.

Mother Chapter
Bei dem Mother Chapter handelt es sich in der Regel um das Gründungschapter eines Clubs (national oder weltweit). Manche Biker, die in ein anderes Chapter gewechselt sind, benutzen den Begriff für das Chapter, das sie als Fullmember aufgenommen hat.

Foto: Marcus Reichmann

Foto: Susi Bodmer/express.ch

Nomad
Es gibt verschiedene Arten von Nomad Chaptern in der MC-Welt. Grundsätzlich gehören sie keinem Resident Chapter an; im Bottom Rocker der Kutte steht daher der Schriftzug Nomad. In einigen MCs sind Nomads eine Gruppe von Membern, deren Zahl nicht ausreicht für ein eigenes Resident Chapter, in anderen Clubs sind die Nomads vom Rang her Enforcer bzw Offiziere und besitzen ein hohes Ansehen (beispielsweise die berühmten Hells Angels-Nomad-Chapter). Sie nehmen an den Versammlungen desjenigen Resident Chapters teil, in dessen Revier sie sich gerade aufhalten und entrichten an dieses auch ihre Beiträge. In manchen MCs unterstehen die Nomads dem Mother Chapter, meist jedoch gelten sie als unabhängig und tragen Sorge, dass die Order eines President durchgesetzt wird.
Auf dem Backpatch tragen sie dort, wo sonst der Name des Chapters steht, den Schriftzug Nomad. Auf dem Side Rocker findet sich oft der Name des Landes, in dem die Nomads beheimatet sind.

Old Ladys
(bei den Bullheads Princesses genannt)
Entgegen landläufiger Meinung haben Frauen in der Bikerszene durchaus Menschenrechte. Das Property of … auf der Rückseite vieler Kutten bedeutet nicht, dass eine Frau auf immer und ewig zum rechtlosen Besitz eines Mannes wird und sich alles gefallen lassen muss, sondern lediglich, dass sie Teil des Clubs ist und somit unter dessen Schutz steht. Der Mann übernimmt die volle Verantwortung für alles, was seine Lady tut oder sagt.
Die Property of …-Kutten gibt es übrigens nur bei den Einprozenter-Clubs (Manche MCs vergeben die Kutte auch an Clubhuren, dann lautet die Aufschrift z.B. Property of Hells Angels).
Old Ladys sind feste Freundin oder Ehefrau eines Bikers und hoch angesehen in der Szene. Die Frau eines Bikers ist tabu für alle anderen Männern. Clubangelegenheiten werden offiziell zwar weitestgehend von den Frauen ferngehalten, doch es ist bekannt, dass viele Ladys in die Geschäfte ihrer Männer involviert sind, z.B. aus steuerlichen Gründen oder weil der Mann seine Zeit im Gefängnis absitzen muss. Stirbt ein Member oder landet er im Gefängnis, kümmert sich der Club um Frau und Kinder, so gut es ihm möglich ist.
Die Gefängnisklausel gibt es tatsächlich. Sie erlaubt einer Old Lady Affären, wenn ihr Mann längere Zeit im Knast sitzt. In der Realität wird das allerdings nicht gern gesehen; Treue hat einen sehr hohen Stellenwert (wobei die Männer dies auf ihren Runs, an denen die eigenen Frauen nicht teilnehmen, auch wieder differenziert sehen …).
In manchen Clubs dürfen Frauen nicht selber Motorrad fahren oder nur, wenn sie nicht ihre Kutte tragen, aber grundsätzlich hat kein Rocker etwas gegen Bikerladys einzuwenden – im Gegenteil erfahren sie großen Respekt und viel Hilfsbereitschaft. Auf offiziellen Runs reisen Frauen oft im Wagen hinter dem Konvoi, da sie als Sozia (gerne auch Backwarmer genannt) sonst das Colour verdecken würde.

OMCG
Abkürzung für Outlaw Motor Cycle Gang (auch Outlaw Motor Cycle Club); der Begriff wurde von den US-Strafverfolgungsbehörden geprägt und wird seit einigen Jahren auch in Europa verwendet für Motorradclubs, die dem organisierten Verbrechen zuzuordnen sind wie z.B. die Hells Angels, der Gremium MC oder die Bandidos. Eines der Erkennungszeichen eines OMCG-Mitglieds ist das Onepercenter-Zeichen (siehe Einprozenter).
Die Clubs selber benutzen diese Bezeichnung übrigens nicht, da sie eine Behördenabkürzung ist.

Open House
Fast alle größeren MCs veranstalten regelmäßig Open House Partys, zu denen jeder willkommen ist, der einen netten Abend verbringen will und sich benehmen kann. Auf solchen Partys geht es anständig zu, es gibt maximal Oben ohne-Bedienung und die obligatorische Erotic-Show auf der Bühne. Wer mal beim MC in der Nachbarschaft reinschnuppern will, kann dies also bedenkenlos beim Open House tun. Handelt es sich um einen einschlägigen Club, muss man mit Polizeipräsenz vorm Clubhaus rechnen, die jeden Gast erfasst, befragt und eventuell auch durchsucht; dies dient jedoch eher der Abschreckung (gerne auch Showjustiz genannt).
Die Open House-Termine geben die MCs auf ihren Webseiten bekannt.

Out in Bad Standing
Status eines ehemaligen Vollmitglieds, das dem Club geschadet oder gegen die Regeln verstoßen hat und nun als vogelfrei gilt. Das Gegenteil ist Out in Good Standing.
Das Out in Bad Standing wird eher selten ausgesprochen, es ist die ultimativ letzte Maßnahme. Bei einfachen Verstößen wird das Member i.d.R. zum Prospect zurückgestuft (z.B. zu wenige Kilometer mit den Brüdern, egoistisches Verhalten, häufige Nichtanwesenheit oder seit Monaten ohne Bike). Ein Out in Bad Standing spricht man fast immer gegen Führungsmitglieder aus, die ihre Verantwortung bzw ihre Position missbraucht oder den Club in die falsche Richtung geführt haben (z.B. Bad Boy Ulli, Ex -Vize des HAMC Kassel oder Ruben Cavazos, Ex-International Prez des Mongols MC).
Beim Out in Bad Standing wird alles, was man vorher für den Club geleistet hat, komplett vergessen und der Rausgeworfene ausschließlich auf sein unrühmliches Ende reduziert. In der Realtät bedeutet das auch, dass man dem Mann jederzeit und überall „an den Karren pissen“ kann. (Lars Petersen).
Der Status wird öffentlich im Netz und den Szenemagazinen bekanntgegeben. Die Gründe werden nicht veröffentlicht; Ein Out in Bad Standing kann also auch bedeuten, dass das Ex-Member sich nicht mehr mit dem Cub identifizieren konnte, bestimmte, fragwürdige Regeln angezweifelt und sie darum nicht eingehalten hat etc.

Patch
Die Übergabe des Fullmember-Patches wird gerne mit fiesen Aufnahmeritualen verbunden. Ein eingemauertes oder irgendwo eingegrabenes Patch ist keine Seltenheit. Die Leipziger Red Devils ließen einen Prospect durch den eiskalten Fluss Luppe schwimmen, um sein Patch vom anderen Ufer zu holen.
Die Patches auf der Vorderseite der Kutte geben viel über den Träger preis; für bestimmte Handlungen werden Patches wie militärische Abzeichen verliehen.

Patch-over
Gemeinsamer Übertritt eines gesamten Chapters zu einem anderen Club.

Prospect
Anwärter oder auch »Bruder auf Zeit«. Bewährt sich ein Hangaround, kann er den Anwärter-Status erlangen mit weiterreichenden Rechten und Pflichten. Die allgemeine Annahme, dass Prospects gering geschätzt werden, trifft auf die meisten MCs übrigens nicht zu. Ein Prospect trägt nur den Bottom Rocker mit der Aufschrift PROSPECT auf der Jacke, die Anwärterschaft dauert i.d.R. ein Jahr oder länger. Dem Prospect steht ein Fürsprecher oder Mentor zur Seite, der ihn „coacht“. Er erledigt in der Zeit jede Arbeit, die ihm angetragen wird, beweist seine Loyalität und ist zur Stelle, wenn der Club es verlangt. Diese Phase soll den Anwärter darauf vorbereiten, dass der Club immer an allererster Stelle kommt und dies gesellschaftliche und soziale Nachteile mit sich bringen kann. Manche Prospects erlangen den Fullmember-Status nie.
Bei den Bandidos gibt es nach der Prospect-Phase noch den Probationary-Status (erkennbar am Full-Colour und der Aufschrift PROBATIONARY im Bottom Rocker), das Mitglied auf Zeit bedeutet.

Foto: Igor Stevanovic/123rf

Foto: Igor Stevanovic/123rf

Polizei
Das Verhältnis zur Polizei ist natürlicherweise eher angespannt. Ein Rocker redet nie mit der Polizei, selbst wenn er Opfer einer feindlichen Gang wurde. Man regelt seine Angelegenheiten unter sich.
Oft kann man bei Open House Partys riesige Polizeiaufgebote sehen, die das Umfeld des Clubhauses abriegeln und jeden Besucher filzen. Nicht selten steckt reiner Aktionismus dahinter. Rockerclubs haben in der Gesellschaft keine große Lobby und ein Vorgehen gegen sie bietet sich für Politiker und Behörden geradezu an, um Pluspunkte bei der Bevölkerung zu sammeln. In dem Sachbuch „Jagd auf die Rocker“ (Lutz Schelhorn u.a., Huber Verlag, ISBN: 978-3-927896-67-3) wurde hierzu interessantes Material zusammengetragen.
Nicht alle Rocker sind kriminell, gewalttätig oder vorbestraft; viele leben eine bürgerliche Existenz und alle gehen einer geregelten Arbeit nach. Dennoch stellt das Tragen einer OMCG-Kutte heutzutage für viele Außenstehende schon einen Generalverdacht dar.

Regeln und Rituale
In Bikerclubs wird nach Regeln gelebt, die dem normalen Bürger oft übertrieben oder sogar albern vorkommen. Auch die Rituale sind martialisch, manchmal brutal; es geht um Überlegenheit, Stärke und Loyalität notfalls bis in den Tod. Begriffe wie Ehre, Respekt, unbedingter Zusammenhalt nehmen einen sehr hohen Stellenwert ein. Wenn man jedoch bedenkt, dass viele Biker in unsicheren Verhältnissen oder gar auf der Straße groß geworden sind, sind diese Verhaltensweisen schlüssig. Wer in der Gesellschaft keinen Rückhalt erfahren hat, sucht ihn eben woanders. Viele Member kennen nur das Leben im Milieu, in dem viele ausländische Gangs rücksichtslos um die Macht kämpfen. Nur mit einem verlässlichen Club im Rücken kann man sich dort behaupten. Viele MCs sind für ihre Mitglieder die einzige Familie. Dort erfahren sie bedingungslose Freundschaft und wissen, dass sie jederzeit auf ihre Brüder zählen können, solange sie sich an die internen Regeln halten.
„Your Brother ain’t always right, but he is always your Brother“ ist ein gängiger Spruch in der Szene.

Resident
Ein regionales Chapter, erkennbar am Namen im Bottom Rocker

Road Captain
Ist bei Runs zuständig für die Organisation, die Reiseroute, Unterbringung und Sicherheit der Biker. Unter anderem bestimmt er die sog. Road Blocker, die bei großen Konvois die Straßen abriegeln, damit sich keine Autos dazwischendrängen und die Biker gefährden bzw den Konvoi auseinanderreißen.

Foto: Miha Perosa/123rf

Foto: Miha Perosa/123rf

Red Light Crew
Der Träger dieses Patches ist entweder Zuhälter oder anderweitig im Rotlichtgeschäft tätig. Große Clubs betreiben ihre Bordelle wie Franchiseunternehmen mit klaren Vorgaben, wie viel Geld pro Monat erwirtschaftet werden muss. Zwangsprostitution existiert, ist aber nicht an der Tagesordnung.
Als Mitglied eines OMCG ist es mitunter schwer, einem normalen Broterwerb nachzugehen, daher verdienen viele ihren Lebensunterhalt als Tätowierer, Nachtclubbetreiber, Zuhälter o.ä.
Einem Bekannten, Full Member eines einschlägigen OMCG und Feuerwehrmann, wurde von den Vorgesetzten dringend nahegelegt, seinen Club zu verlassen, da er in seinem Beruf ansonsten keine Zukunftschancen hätte. Er betreibt jetzt einen Saunaclub, um seine Familie zu ernähren.

Secretary
Der Schriftführer im Chapter.

Sergeant at Arms
Ist für die Sicherheit und Disziplin des Clubs bzw Chapters zuständig. Auch wenn sein Name anderes vermuten lässt, hat er eher nichts mit Waffen zu tun, sondern sorgt hauptsächlich dafür, dass die Regeln eingehalten werden.

Street Gangs
Viele kriminelle Gruppierungen machen sich die einschüchternde Optik und das Auftreten eines Rockerclubs zunutze und tragen Kutten mit dreiteiligem Rückenpatch. Sie suchen den offenen Kampf mit etablierten Clubs wie den Hells Angels oder Bandidos, um sich die Macht im Drogenhandel oder Rotlichtmilieu zu sichern und treten in ihren YouTube-Videos mitunter wie Gangsta Rapper auf. Street Gangs – auch »rockerähnliche Gruppierungen« genannt – sind vor allem für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten interessant; ihr Altersdurchschnitt liegt bei unter 30 Jahren. Sie übernehmen die strengen Hierarchien der Rockerclubs, tragen einheitliche Kleidung, aber das Motorrad spielt bei ihnen ebensowenig eine Rolle wie Ehre oder Loyalität. Die Fluktuation innerhalb der Gangszene ist enorm; Chapter und Führungsmember kommen und gehen. Mitgliedern von rockerähnlichen Gruppierungen wie den Black Jackets oder United Tribuns schreibt das LKA eine extrem hohe Gewaltaffinität und niedrige Hemmschwelle zu. Die Street Gang-Szene besteht laut Autor und Ex-Polizist Stefan Schubert zu 90% aus Migranten, was wiederum zu ethnischen Gewaltkonflikten zwischen z.B. türkischen und kurdischen Gangs führt.
Während bei den klassischen OMCGs eine »Bereitschaft zum Minimaldialog« (LKA-Mann Huber) erkennbar ist, lehnen die Street Gangs den deutschen Staat offen ab. Auf den ersten Blick sind sie nicht von »normalen Einprozentern« zu unterscheiden, so dass in der Öffentlichkeit MCs und Street Gangs oft in einen Topf geworfen werden.

Supporter/Supporterclub
Ein befreundeter, meist kleinerer Club, der diverse Dienste für den »Großen« übernimmt und ihm unterstützend beisteht.

S.Y.L.B.
Abkürzung für Support Your Local Bullheads.
In der Realität findet man das Kürzel beim Bandidos MC, andere Clubs haben analoge Abkürzungen. Man findet diese Kürzel oft auf Supportstuff.

Tattoos
Ein Member, das sich die Colours seines Clubs tätowieren lassen möchte, muss in manchen MCs mehrere Jahre warten, bevor er die Erlaubnis bekommt. Verlässt er den Club, muss das Tattoo entfernt bzw übergestochen werden.

Top Rocker
Der obere Aufnäher auf der Rückseite der Kutte, üblicherweise mit dem Clubnamen.

Train
Bei einer Train hat eine Frau hintereinander Sex mit mehreren Männern, die in der Schlange warten, bis sie an der Reihe sind.

Treasurer
Schatzmeister bzw. Kassenwart des Chapters.

Zahlen und Buchstaben
MCs verwenden gerne Zahlencodes und Abkürzungen, deren Bedeutung sie nicht immer öffentlich machen. Der Abkürzungsfimmel stammt noch aus der Zeit, als MCs hauptsächlich aus Armeeveteranen bestanden (Das Militär und Behörden sind bekannterweise abkürzungsaffin, das sieht man auch hierzulande).
Die 81 steht z.B. für das H und A im Alphabet und verweist auf die Hells Angels, die 86 steht für Heroin Forbidden. 1312 bedeutet ACAB (All Cops Are Bastards). Ein 31er ist ein Spitzel oder Verräter, der vor Gericht ausgesagt hat, um Strafmilderung zu bekommen; die Abkürzung basiert auf dem §31 StGB.
Das FF in Verbindung mit dem Namen des Clubs ist weit verbreitet, z.B. BFFB (Bandidos Forever, Forever Bandidos) oder DFFL (Dope Forever, Forever Loaded).

Self Publisher – Die Schmuddelkinder der schreibenden Zunft

Dissident-Writer

Urheber: bowie15/123rf

Hallo, ich heiße Catalina und ich bin Self Publisherin …
(Hier betretenes Schweigen einfügen)
Heutzutage sollte man solche Geständnisse tunlichst für sich behalten (beziehungsweise mit dem Hashtag #ichbinmeineGeschichte versehen) oder aber höchstens nach dem schuldbefreienden Genuss von wenigstens einem Dutzend Caipirinhas und anderer hemmschwellensenkender Getränke im vertrauten Kreise deiner aller-allerbesten Freunde ausplaudern.
(Mach dir keine Hoffnung: Die weltbeste Freundin wird es zwei Minuten später kichernd bei Facebook posten, begleitet von einem Handyfoto, über das man lieber den Mantel des Schweigens breiten möchte. Ihr wisst schon, diese Art von Foto, auf dem man so aussieht, als sei man mit ungewaschenen Haaren aus der geschlossenen Abteilung ausgebrochen und in den nächsten Schnapsladen gestolpert, ohne je wieder den Ausgang zu finden. Über dem Foto steht: Hihi, die talentfreie Nulpe hält sich für ne Autorin!)
Self-Publisher*innen (Das Gendersternchen verwende ich in diesem Artikel nur dieses eine Mal. Die restlichen Sternchen müsst ihr euch also denken) … Also Self-Publisher, das sind die, die zwar keinen Verlagsvertrag, aber fatalerweise Zugang zum Internet haben. Die alle zwei Wochen Romane mit Titeln wie „In der Besamungsklinik hart rangenommen“ oder „Peng macht der Hamster und andere lustige Mikrowellenspiele“ auf den Markt werfen. Die entweder bei alten Heftchenromanen abschreiben oder wochenlang darüber diskutieren, warum sie Erotikromane unwürdig finden, Einhörner aber nicht und warum sie auf externe Dienstleistungen wie Korrektorat, Lektorat, Coverdesign und anderen lustigen Schnickschnack verzichten.Mir persönlich ist es schnuppe, ob andere Autoren zu rebellisch, geizig oder genial sind für Lektorat, Impressum, korrekte Interpunktion oder dem Ausfüllen der Steuererklärung. Jeder soll nach seinem Gusto schreiben, veröffentlichen oder prokrastinieren, ohne sich ständig für die Wahl seiner Mittel rechtfertigen zu müssen. Das Urteil fällt am Ende sowieso der Markt (manchmal auch das Finanzamt).
Der Markt, das bist übrigens du, lieber Leser.
Ich habe keine Lust, mich in einen der zahllosen Echauffierungs-Threads einzureihen, weil eine mir unbekannte Autorin vergessene Textdateien auf ihrem 15 Jahre alten USB-Stick findet – na hupsi! – und sie einer spontanen Laune folgend auf den Buchmarkt wirft. Darüber, dass eine andere Autorin Manga-Comics das Urheberrecht aberkennt oder darüber, dass seitdem gefühlt jeden Tag auf den digitalen Schafotten, eh, Plattformen weitere Klautoren angeprangert und vom lesenden oder schreibenden Wutbürger begeistert mit faulen Tomaten beworfen werden.
Unter der Flut von selbstgerechten Shitstorms wird der sowieso schon anrüchige Begriff Self Publisher mit peinlichen braunen Sprenkeln versehen. „Ach Gottchen, Self Publisher: diese Abschreiber, Rechtschreib-Anarchisten und Ich-rotz-mal-eben-nen-Bestseller-runter-Dilettanten! Nur weil Tante Trude einem damals fünf Mark für den Einser-Aufsatz gegeben hat, ist man noch lange nicht der neue Jonathan Franzen von Coesfeld.“

Urheber: mindscanner/123rf

Urheber: mindscanner/123rf

Als Self Publisher sollte man dieser Tage besser gar nicht erst das Bett verlassen, sondern schön unter der Decke bleiben – ausgerüstet mit Taschenlampe, einer Dose Ravioli und einem leeren Notizbuch – und darauf warten, bis sich an der Oberfläche die Situation wieder beruhigt hat.
Streckt man leichtsinnigerweise den Kopf aus der Haustür raus, bekommt man nur braune Spritzer ab und wird beim Brötchenkauf von der Bäckereifachverkäuferin misstrauisch beäugt, ebenso wie der Zehn-Euro-Schein, den man ihr über die Theke reicht. Der könnte ja plagiiert sein. Beim Verlassen des Ladens hört man jemanden wispern: „Sie ist Self Publisherin. Schlimm, dass so was heutzutage noch frei rumlaufen darf.“
„Ich hab schon immer gewusst, dass mit der was nicht stimmt“, flüstert eine andere Stimme. „Sie hat irgendwie diesen verschlagenen Copy-Paste-Blick drauf!“
„Und dann noch diese ekligen Sprenkel auf der Wange. Pfui!“
In der Öffentlichkeit sollte man sich nur zeigen, um stolz zu verkünden, dass man jetzt einen VERLAGSVERTRAG habe.
Jawoll – man sei jetzt ein richtiger Autor und man könne das auch beweisen (an dieser Stelle unbedingt das Foto vom Vertrag posten und dabei auch nicht das Schwärzen des Klarnamens vergessen. Das sieht erstens verschwörerischer aus und hält einem zweitens die Hey-Kennst-du-mich-noch?-Hab-gelesen-du-wirst-jetzt-reich-Schulfreunde vom Hals, die gerade knapp bei Kasse sind).
Als VERLAGSAUTOR muss man nicht jeden Monat einen neuen Titel veröffentlichen, den man mühselig abgetippt hat. Man darf als VERLAGSAUTOR die ersten sechs Monate damit verbringen, seinen Vorschuss zu verprassen, während man sich über den ersten Satz bedeutungsschwangere Gedanken macht (vielleicht sind’s auch stark vernebelte Gedanken, wegen des teuren Cognacs, den man in seinen Kaffee kippt, aber hey! – ein bisschen Bohéme gehört dazu). Man schreibt Kapitel eins in die handgebundene Kladde mit dem Umschlag aus Delfinpenisleder, kaut ein bisschen am Goldfüller herum und ruft anschließend den Anwalt an, um in den Verlagsvertrag noch schnell ein Mitspracherecht bei der Verfilmung des neuen Romans einfügen zu lassen, weil man unbedingt Tom Hiddleston (hachz!) in der Hauptrolle haben möchte.
Währenddessen schrubbt der Self Publisher immer noch an den Sprenkeln im Gesicht herum und kommentiert auf Facebook die Ein-Sterne-Rezension, die ein enttäuschter Leser mit dem Benutzernamen Literaturpapst bei Amazon veröffentlicht hat: „Ich habe ja nix gegen freie Meinungsäußerung, aber muss sie unbedingt negativ sein? Heul!“ Danach beginnt er mit anderen, meist hämisch reagierenden Autoren eine hitzige Diskussion über Sinn und Unsinn von Zensur in Onlineshops, die viele jugendgefährdende Worte enthält und damit endet, dass er seinen Account löscht.
Danach setzt er sich hin, hämmert 280 Seiten runter, liest sie einmal quer und zwingt den Ehepartner/die Katze/den dreijährigen Sohnemann, es abzunicken. Vierundzwanzig Stunden später findet sich eine neue unentdeckte Perle des Buchmarktes in den Shops.
Und unentdeckt bleibt sie auch, bis jemand „Ha! Alles abgeschrieben!“ in die Welt ruft. Oder der Self Publisher den Preis auf neunundneunzig Cent senkt und unter seinem neu angelegten Account eine penetrante Werbewelle lostritt, die dafür sorgt, dass er aus zahllosen Freundeslisten gekickt wird. Er schreibt eine eMail nach Asien, kauft dort hundert Fake-Rezensionen ein und wird in die Top Ten katapultiert. Dort bleibt der Titel zwei Tage, bis jemandem auffällt, dass das Buch Schrott ist. Es fällt auf Rang 13.257. Der Self Publisher muss sofort ein neues Buch nachschieben oder sich ernsthaft mit der Option anfreunden, zur Abwechslung einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Pfandflaschensammeln oder so.
Ja, Self Publisher sind derzeit Pfui Bah.
Das waren sie vorher natürlich auch schon, aber mehr so im Geheimen, mit einem mitleidigen Lächeln von oben herab. Man musste nicht jeden Tag damit beginnen, sein auf Briefmarkengröße zusammengeschrumpftes Indie-Ego aufzubügeln, bevor man sich an die Tastatur setzte und so tat, als könne man schreiben.

Idiot

Urheber: Aaron Amat/123rf

Self Publisher – In der Welt von Goethes Erben sind das die, die wollen, aber nicht können. Die den Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat nie lernen werden und ihr Buch nur dann in der Buchhandlung finden, wenn sie es heimlich in den Laden schmuggeln. Man knipst hastig ein Selfie – Juhuuu: Ich und mein neuer Roman in der Mayerschen, auf dem Stapel der SPIEGEL-Bestseller! –, lädt es flott hoch und lässt sich anschließend samt Buch von der Security nach draußen befördern. Dort lamentiert man ein bisschen über die ignoranten Großkotze auf dem Buchmarkt und angelt nebenher eine Pfandflasche aus dem Mülleimer.

Es würden sich nicht so viele Menschen über Self Publisher aufregen, wenn sie sich nicht von ihnen bedroht fühlen würden.

Writer

Urheber: stokkete/123rf

Ich persönlich finde es cool, Self Publisherin zu sein.
In meinem früheren Leben war ich u.a. als Buchillustratorin und Coverdesignerin für bekannte Verlage und Verlagsautoren tätig. Und manchmal als seelischer Mülleimer für den einen oder anderen verzweifelten Autoren, wenn das mit dem Mitspracherecht beim Buchtitel mehr so als höfliche Phrase gemeint war („Hör mal, Autor, unsere Marketingabteilung hat sich für Der Milliardär mit der Bullwhip und das blonde Dummchen entschieden.“ – „Aber es ist ein Sachbuch über Zündkerzenwechsel an Aufsitzmähern!“ – „Unsere Marketingabteilung sagt, dass Milliardäre im Titel immer gehen. Ende der Diskussion!“).
Manchmal trifft man einen Verlagsautor, der ewig lang in der Bestsellerliste stand, beim Pfandflaschensammeln im Park wieder, weil die erste Tantiemenabrechnung auch neun Monate nach Veröffentlichung noch nicht geschickt wurde. Und wenn sie dann kommt, braucht man eine Enigma, um sie zu entschlüsseln. Und nur, weil man endlich die Abrechnung bekommen hat, heißt das noch lange nicht, dass auch das Geld überwiesen wurde. Abzüglich Vorschuss, versteht sich.
Andererseits: Der Verlag übernimmt den ganzen unliebsamen Krempel, der nichts mit dem Schreiben an sich zu tun hat: Lektorat, Korrektorat, Satz und Coverdesign. Werbung und Lieferung an den Buchhandel. Hin und wieder übernimmt er sogar das Schreiben oder sagt einem zumindest, was tunlichst im Manuskript zu stehen hat, entweder knallhart über den Lektor oder ganz subtil über „Wenn du einen Vertrag über drei weitere Bücher willst, dann schreib was über Milliardäre mit einer Vorliebe für lederne Züchtigungsinstrumente.“
An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass man nicht automatisch einen fetten Vorschuss bekommt, nur weil man als Frischling beim Wir-machen-Bestseller-Verlag untergekommen ist. Den fetten Vorschuss behält man den berühmten Autoren vor, die über Verkäufe und Lizenzen das Geld in den Verlag spülen und die Frischlinge mitfinanzieren. Frischlingsbücher sind Rote-Zahlen-Bücher und da buttert man anfangs lieber nicht so viel rein. Manchmal gibt es auch keine Werbung. Darum soll sich der Frischling gefälligst selber kümmern; er will ja unbedingt ein berühmter Autor werden. Er darf auch mal am Verlagsstand auf der Buchmesse eingeschüchtert am Schampus nippen, während sich die begeisterten Massen um den seit Wochen groß angekündigten Thriller-Superstar drängeln. Nur, weil man jetzt (Verlags-)Autor ist, kann man noch lange nicht vom Schreiben leben. Etwa zehn Prozent aller publizierenden Schreiber verdienen roundabout 2000 Euronen im Monat (brutto, war ja klar), der Rest sammelt beispielsweise Pfandflaschen oder geht einer anderen sinnvollen Tätigkeit nach, um sich das Schreiben leisten zu können.
Nein, ich will bestimmt nicht über Verlage meckern. Es gibt viele tolle Verlage, groß oder klein, die sich hingebungsvoll um ihre Autoren kümmern und ihnen ermöglichen, ihre Bücher zu schreiben und sich dafür die Zeit zu nehmen, die sie brauchen. Sie zaubern großartige Cover, gestalten tolle Werbeflyer und sorgen dafür, dass der Autor das bestmögliche Buch veröffentlichen kann.
Aber einen solchen Verlag muss man erst mal finden.
Ich gestehe, ich hatte schlicht keine Lust, mich auf die zermürbende Tretmühlentour der Agenten- bzw Verlagssuche einzulassen.
Ich hatte auch nie vor, vom Schreiben leben zu können. Mir fehlt das Rampensau-Gen, um der Welt da draußen „Ich bin Schriftstellerin, verdammt! Ihr könnt mich bald in wahnsinnig wichtigen TV-Diskussionsrunden sehen!“ ins Gesicht zu brüllen. Und die Geduld, jahrelang auf Ablehnungsschreiben zu warten. Oder vom Verlagslektor eine Mail mit folgendem Inhalt zu bekommen: „Tolles Manuskript, ich bin begeistert! Allerdings sollten Sie das Ende umschreiben und das Buch um etwa die Hälfte kürzen, wegen der Endpreiskalkulation. Und der Anfang Ihres Romans kann so auch nicht bleiben, das verstehen Sie doch. Ach, und wenn Sie schon dabei sind: Warum ist die Hauptperson kein Milliardär mit Peitschenfetisch?“
Eigentlich will ich nur in Ruhe meine Geschichten schreiben, überarbeiten, angemessen verzweifeln, noch mehr überarbeiten und mich fragen, wie ich mir anmaßen konnte … Ich will mir den Kopf über Cover und Klappentext zerbrechen und über das Feedback eines Testlesers, der unbedingt einen züchtigungserfahrenen Milliardär als Helden haben will.
Irgendwann will ich mein frisch geborenes Baby zögerlich der Sonne entgegenhalten. Schauen, was geschieht.
Meine Werbetaktik verdient den Namen What? Welche Taktik? Hätte ich eine PR-Abteilung, würde sie ernsthaft über kollektiven Selbstmord nachdenken. Ich bin zu faul (oder zu blöd) für Twitter, öffentliche Lesungen, SEO, raffinierte Werbekampagnen und Preisaktionen. Und glücklich damit.
Die endlosen, manchmal triefend gemeinen Diskussionen über andere Autoren, ihre Bücher, Arbeitsweisen oder ihren unprofessionellen Umgang mit kritischen Lesern verursachen mir einen Klumpen im Magen. Außerdem sind sie Zeitverschwendung und Kreativitätskiller.
Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als während des Schreibens in meinen Geschichten zu ertrinken (und in der Kaffeekanne), mich laut mit meinen Charakteren streiten, darüber die Zeit zu vergessen und den Rest der Welt gleich mit. Ich muss keine Vorschüsse erwirtschaften, keine Deadline einhalten, mich nicht über den Lektor ärgern, der meinen anarchistischen Frischlingshumor im Manuskript mit säuerlichen Bemerkungen versieht, mir nicht die Haare raufen, weil ich voreilig einen Vertrag über drei Folgebände abgeschlossen habe (der erste Band endete dummerweise mit dem Dahinscheiden des sympathischen Helden, der bei der Gelegenheit auch gleich den Super-Bösewicht mit in den Tod riss. Shit aber auch.)
Das Self Publishing lässt mich meinen Kram machen, wie ich es für richtig halte und wie ich es am besten kann. Vielleicht lande ich mit meiner Taktik grandios auf der Fresse, aber bis dahin kann ich mich immerhin austoben.
Die braunen Sprenkel im Gesicht gehen übrigens auch als Sommersprossen durch.
Das Tolle am Self Publishing ist das Tu’s einfach! Es gibt keinen einheitlichen Weg. Self Publisher können Anarchisten sein, Marketing-Guerillas, Perfektionisten oder mutwillige Textverbrecher, Ausprobierer, Überraschungserfolge oder Scheiterer, spitzes Steinchen im Schuh der schwerfälligen Verlagsbranche, Nischenbesetzer oder einfach Menschen, die UNBEDINGT schreiben wollen.
Okay, manche schreiben ab, aus welchem Grund auch immer.
Deppen gibt es überall und in der Regel wird man für seine Vergehen früher oder später vom Karma gefi … äh, ihr wisst schon. Es ist nicht meine Aufgabe, über Plagiatoren zu richten (Spaß macht es ehrlich gesagt auch nicht so wirklich). Gerne wird allerdings vergessen, dass dieser Handvoll Deppen ein Heer aufrechter, kreativer Autoren gegenüber steht. Und dass sich in einer finsteren Ecke tatsächlich so illustre Gestalten wie Bertolt Brecht (Dreigroschenoper), Helene Hegemann (Axolotl Roadkill) und Dan Brown (Der Da Vinci Code) herumdrücken, die allesamt des Plagiates überführt wurden. Sie sind nicht die einzigen Verlagsklautoren, sorry. Aber während die Berühmtheiten mit hübsch konstruierten, fremdwortgespickten Schachtelsätzen im Feuilleton der Süddeutschen niedergemacht werden (die man nur abonniert hat, um den Nachbarn zu beeindrucken), wird der überführte Self Publisher ausgiebigst durch die sozialen Netzwerke getrieben und mit Matschobst beworfen, bis auch der letzte hartnäckige Leseverweigerer mitbekommen hat, dass dieses verkommene Subjekt fremde Texte geklaut hat. Self Publisher halt. Hat jemand was anderes erwartet?

Nachwörtle: Ich habe allen Ernstes einen Verlagsangebot abgelehnt, ehrlich jetzt 🙂 Weil: Ich wollte schon immer mal ein Ablehnungsschreiben an einen Verlag schicken. Eat this, hehe.

5 Dinge, die unbedingt in ein erfolgreiches Buch gehören – Teil zwo

Nein, ich drücke mich nicht vorm Überarbeiten des „Forever Nomad“. Ich brauche nur mal eine Pause. Zu viele Biker, ihr wisst schon …
Sagte ich schon, dass ich mit meiner Schreibklause aufs Land gezogen bin? Und ich meine Land, im Sinne von Verdammt viel Gegend drumherum. Morgens hüpfen Rehe durch meinen tiefgefrorenen Vorgarten, frische Brötchen sind nicht mehr frisch, wenn sie auf dem Frühstücksteller landen, sondern heißen dann Backwaren vom Vortag und wenn der nette Nachbar keinen Traktor besäße, wäre ich am … ehm, ihr wisst schon. Der schaufelt sogar Schnee mit dem Ding und schubst damit Kühe um (okay, letzteres ist Spekulation).
Zum Geburtstag wünsche ich mir auch einen Traktor. In schwarz. Mit Totenkopf vorne drauf, bitte. Das nur nebenbei.

Wenn ich gehofft hatte, im tiefsten westfälischen Death Valley vor Heimsuchungen gefeit zu sein, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Hat jemand ganzseitige Anzeigen mit meiner neuen Adresse geschaltet? Wahrscheinlich steht an der Bundesstraße eine beleuchtete Plakatwand mit Hier entlang zu Cuddy. Dort gibt’s heißen Kaffee!
Die Heimsuchungen (fiktive wie echte, dabei ist nicht mal Biker-Saison) fallen also weiterhin zuverlässig in meiner neuen Klause ein. Das Internet hingegen beschließt regelmäßig, nicht mehr zu existieren. Das ist so auf dem Lande, wurde mir gesagt. Jemand hat ein langes Kabel quer durch die Gegend gelegt, durch das das Internet tröpfelt, und wenn da ein Wildschwein drüber stolpert, könne das schon mal zu Totalausfällen führen, wurde mir gesagt. Überhaupt solle ich froh sein, dass ich an dieses neumodische Dings … wie heißt es noch? Ah, ja STROMNETZ! … angeschlossen sei, wurde mir gesagt. Stell dich nicht so an, du verwöhnte Großstadtpomeranze, wurde mir gesagt. Internet wird überbewertet. Wozu gibt es Brieftauben?

Jetzt aber genug der Abschweifungen. Weiter geht’s im Programm.
Numero zwei auf meiner Was-unbedingt-in-ein-erfolgreiches-Buch-gehört-Liste:
1. Die tödliche Bedrohung.
Reden wir mal über die meistverkauften Romane. Auf Platz eins mit über 200 Mio Exemplaren ist Dickens‘ Eine Geschichte aus zwei Städten. Darin enthalten: Ein Protagonist, der in den Revolutionswirren mehreren lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt ist und später sogar zum Tode verurteilt wird. Tödlicher geht die Bedrohung kaum.
Auf Platz zwei mit ca. 150 Mio Verkäufen finden wir Tolkiens Herr der Ringe.
Ich sage nur: Sauron. Blutrünstige Orks. Knechtschaft, Völkermord und nie wieder zweites Frühstück im Auenland.
Platz drei mit immerhin etwa 100 Mio Verkäufen (auf die wir Autoren überhaupt nicht neidisch sind, nein): Und dann gabs keines mehr von Agatha Christie. Zehn unterschiedliche Personen finden sich auf einer einsamen Insel ein. Bald werden die ersten nach dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip auf unterschiedliche Weise dahingerafft und die Verbliebenen haben plötzlich dringendere Sorgen als die ausbleibende Cateringlieferung per Schiff.
(Quelle: Fabelhafte Bücher)

Kim jong-Un - Bad Hair Day

Foto: Daily Mail

Was sagt uns diese Hitliste?
Jetzt komm mir nicht mit: Warum zum Henker kennt kaum ein Mensch Dickens‘ Buch, wenn es doch auf Platz eins steht? (Wahrscheinlich, weil es noch keine App dafür gibt. Das ist wie mit der Bibel, dem meistverkauften Sachbuch der Welt. Wobei ich glaube, dass die von vielen nicht gelesen wird, weil sonst der goldbedruckte Rücken verknickt und das will man ja nicht. Sieht unschön aus im Regal. Außerdem kennt man das Ende schon).
In diesem Beitrag geht es um erfolgreiche Romane, also um Verkäufe, und nicht um die meisten Leser. Wenn du auf viele, viele Leser aus bist, veröffentlichst du deinen Roman besser gleich auf einer Piratenseite und tarnst ihn als unter höchsten Gefahren illegal beschafftes unveröffentlichtes Manuskript von, sagen wir, Kim Yong-Un, dem nordkoranischen Diktator. (Womit wir doch wieder bei der tödlichen Bedrohung gelandet sind).
BTW: Kim Jong-Un ist es laut eigener Aussage gelungen, zur Sonne und wieder zurück zu fliegen. The Onion wählte ihn 2012 zum Sexiest Man Alive. Großartiger Typ, der Kim. Ich verneige mich in Demut. Und der Londoner Friseur Mo Habbach hat 2014 Kims Porträt zu Werbezwecken in sein Schaufenster gehängt, versehen mit der Unterschrift Bad Hair Day? Kurz darauf erhielt der Coiffeur Besuch von einer Abordnung der nordkoreanischen Botschaft und das Plakat wurde flugs entfernt. Ich möchte auch solche Kumpels, falls mal wieder jemand ein peinliches Handyfoto von mir schießt.
Schweife ich ab?
Also, du brauchst ZWINGEND eine tödliche Bedrohung in deinem Roman, wenn du eine erkleckliche Zahl an Käufern finden willst. Und selbstredend solltest du mit dieser Bedrohung nicht hinterm Berg halten. Hau in deinem Klappentext ordentlich auf die Kacke (Das Thema Klappentext kommt auch noch, keine Sorge. Meine 5-Dinge-Reihe ist sozusagen das Rundum-Sorglos-Paket für deinen Bestseller, nur schreiben musst du ihn noch selber).
Vielleicht wirst du jetzt einwenden, dass es in deinem Roman aber um eine heitere, positive, locker-flockige Liebesgeschichte zwischen einer sympathischen Bulettenwenderin aus armen Verhältnissen (die zufällig wie ein Topmodel aussieht – das tun sie doch alle) und einem international erfolgreichen Karnickelzüchter mit Dreitagebart geht (und Sixpack, logo. Karnickelzüchter sind die neuen Brad Pitts, ich schwöre. Wie ich darauf komme? Mein Nachbar mit dem Traktor sieht auch nicht so aus, wie ich mir immer einen Bauern vorgestellt habe, so mit Gummistiefeln, Plautze, Schnapsfahne und graumeliertem Doppelkinn. Nope. Au Contraire. Jetzt weiß ich: Magic Mike fährt einen Trecker. Und er hat einen Kaninchenstall auf seinem Hof. UND ER IST MEIN NACHBAR … Kreisch! Natürlich ist es reiner Zufall, dass mein Auto regelmäßig im Schlamm steckenbleibt und von seinem schicken Traktor freigezogen werden muss …). Back to Topic: Deine Romanstory ist nett, ehrlich. Aber im Vertrauen: Wir beide wissen doch, dass Nett der kleine Bruder von … Naaa? … richtig, von Scheiße ist.
Mach aus dem erfolgreichen Karnickelzüchter einen knackigen jungen Waffenhändler, der dem IS ein paar Nerf-Guns untergejubelt hat und nun auf deren Abschussliste steht. Die Bulettenwenderin wird über sich hinauswachsen, um ihre noch taufrische Liebe des Lebens vor der bärtigen Bedrohung zu retten, bevor die ihn vor laufender Kamera köpfen, ich schwöre abermals!
Das ist dir zu starker Tobak? Dann bleib beim Kaninchenzüchter und nimm einen skrupellosen, erfolgsgeilen Küchenchef dazu, der den preisgekrönten, ungewöhnlich intelligenten Rammler Ramses mit den flauschigen Knickohren unbedingt mit Knoblauch spicken will, weil er ja dieses ganz besondere Buffet für den arabischen Ölprinzen … Zack, tödliche Bedrohung. Schon bekommt die Story ordentlich Drama. Und Drama, Baby, ist alles, was zählt.
Helden und Heldinnen brauchen etwas, das sie vor Verzweiflung und Angst zu Höchstform auflaufen lässt. Sie müssen sich einer Bedrohung gegenüber sehen, die gewichtiger ist als eine angebrannte Bulette und einem Anschiss von der Chefin (die auch nur Realschulabschluss und sich in der Fastfoodkette zur Geschäftsführerin hochgeschlafen hat, die arrogante Schlunze). Mittelmäßige Dramen bietet unser Alltag zur Genüge: Der Nachbar hat wieder Kartoffelschalen in die Gelbe Tonne geworfen und am Wochenende kommen Schwiegerelterns zu Besuch und meckern über dein bioveganes Fünf-Gänge-Menü. „Der arme Junge fällt ja vollkommen vom Fleisch! Hier, nimm diese Gutscheine für die Fastfoodkette, die machen dort tolle Buletten. Das nette Mädel am Grill weiß nämlich noch, was Männer brauchen – und übrigens: Sie hat keinen Freund, mein Junge.“
Nichts gegen romantische Liebesbriefe auf zartrose Papier, die der Heldin tiefe Seufzer hervorlocken, und nichts gegen philospohische Unterhaltungen beim Spaziergang im Park, die so verkopft sind, dass man am Ende des Satzes nicht mehr weiß, womit er angefangen hat. Nichts gegen alte Männer, die aus dem Fenster des Seniorenheims klettern und erst recht nichts gegen junge Millionäre, die ihrer Praktikantin vorm Geschäftsessen noch schnell den Hintern versohlen.
Aber die dicken Fische fängt man mit Blut, Schweiß und Tränen und der tödlichen Bedrohung. Das wusste schon Herman Melville. Okay, Ahabs Fischfang ging mächtig nach hinten los und er endete als Sushi mit Holzbein (Ups, Spoiler). Aber wenn er nur am Dorfteich gehockt und Willy, den legendären Einen-Meter-fünfzig-Wels hätte angeln wollen, hätte Moby Dick mit Sicherheit weniger Käufer gefunden. Du siehst, selbst aus einem läppischen Angelausflug kann man mächtig was herausholen, wenn eine tödliche Bedrohung eingebaut wurde.

Was ich damit sagen will: Wenn du eine tödliche Bedrohung in dein Buch einbaust (und derer gibt es viele, sie liegen quasi überall herum) und dein Buch wird deswegen ein Bestseller, darfst du mir gerne eine angemessene Gewinnbeteiligung überweisen 🙂
Alternativ auch einen Trecker in mattschwarz. Mit Totenkopfemblem vorne drauf.
Wenigstens eine Tafel Schokolade? Eine ganz kleine aus dem Aldi?
Seufz … Naja, einen Versuch war es wert, oder?

Betriebsferien mit integrierter Leseprobe :-)

Kurz vor Weihnachten: Die Mandelentzündung hat mich voll erwischt, ich liege brach und sterbe vor mich hin. Zwischen Umzugskartons. Weil: Die Schreibklause zieht ja um. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich noch nicht alle Geschenke beisammen habe? Welcher Tag war heute noch mal? Der 23. Dezember. Argh …
Bevor ich mit dem Blog weitermache (und den 5 Dingen, die unbedingt in ein erfolgreiches Buch gehören), gönne ich mir über die Feiertage eine schöpferische Pause (ehrlich, das wollte ich schon immer mal sagen: Schöpferische Pause. An dieser Stelle werfe ich meinen imaginären weißen Seidenschal mit den Fransen über die Schulter und denke darüber nach, mich in meine italienische Villa am Lago Carbonaro zurückzuziehen. Oder doch das Bauhaus-Loft in New York? Hmm, Decisions, Decisions …)
Nichtsdestotrotz wird die Testleserunde zu „Forever Nomad“, der Fortsetzung von „Lucky Bastard“ nach Weihnachten starten. Der Roman erscheint im Januar (worüber ich sehr, sehr froh bin. Über die Feiertage, während gleichzeitig noch ein Umzug gewuppt werden muss, hektisch ein Buch auf den Markt zu prügeln, macht keine Freude).
Ich verabschiede mich mit einer weiteren Leseprobe aus „Forever Nomad“ in die Betriebsferien (haha!) und wünsche euch und euren Liebsten wunderschöne, ruhige und dennoch fröhliche Weihnachten!!!
——————————Christmas
»Hast du Preacher erzählt, dass eine neugierige Möchtegern-Journalistin ihre Nase in fremde Angelegenheiten steckt?« Nuts schiebt sich eine Gabel voller Nudeln in den Mund und kaut mit konzentriertem Gesichtsausdruck darauf herum. Seiner Miene nach zu urteilen, sind die Makkaroni mit Käsesauce bestenfalls mittelmäßig. An Speedys Kochkünste kommt so schnell kein Chapter heran.
»Warum sollte ich?« French schiebt den Teller von sich, ohne einen Bissen gegessen zu haben. In seiner Magengegend sitzt ein fetter bleierner Klumpen; da ist kein Platz mehr für eine Mahlzeit. »Was Pepper tut, ist nicht unsere Sache. Sie kann ihre Nase meinetwegen sonst wohin stecken.« Er blickt sich schnell um und sagt leiser: »Offiziell jedenfalls.«
Crush zieht die Brauen zusammen. »Wusste ich’s doch.« Zufrieden tauscht er einen Fauststoß mit Finn aus. »Wann brechen wir auf, Boss?«
»Morgen geht es nach Südwesten, zur luxemburgischen Grenze. Die Bullheads haben dort ein neues Chapter bekommen, das Hilfe nötig hat.« Er greift nach dem neuen Handy, das neben seinem Teller liegt. Das flache Ding sieht viel zu glatt, viel zu makellos aus. Er gibt ihm eine Lebensdauer von etwa drei bis vier Wochen. French ist gut darin, regelmäßig seine Telefone zu zertrümmern. Wahrscheinlich hängt in jeder asiatischen Handyproduktionsfirma ein goldgerahmtes Foto von ihm an der Wand und die Arbeiter verneigen sich jeden Tag davor.
»Nach Luxemburg?« In Finns Gesicht steht ein dickes Fragezeichen. »Warum nicht gleich in die verfickten Karpaten?«
»Ich dachte, wir müssen rauf in den Norden, ins Demons-Revier«, sagt Crush. »Krabbenkutter und Salzwasser und dieser ganze Mist. Du hast uns Action versprochen, Boss.«
»Action: ja. Ärger mit unserem Club: nein. Preacher will, dass wir Richtung Luxemburg fahren und ein paar Nägel in Wände klopfen.« French deutet Richtung Nordwesten.
»Na klasse«, murrt Crush. »Sind wir jetzt also auch noch Zimmermänner.«
Finn gräbt nachdenklich die Zähne in die Unterlippe. Seine fröhliche Unbeschwertheit ist verschwunden. French sieht deutlich, wie es hinter der Stirn des jungen Bikers arbeitet.
»Hast du ein Problem, Finn?«, fragt er geradeheraus.
»Kein Problem, aber eine Frage.« Finn kratzt sich an der Nasenspitze. »Wer von uns fährt noch mal in Richtung Luxemburg?«
Die anderen blicken ihn an, abgesehen von Nuts, der seine Makkaroni mit Messer und Gabel seziert.
»Deine Schlauheit wird dir noch mal zum Verhängnis, Brüderchen.« French schüttelt grinsend den Kopf. »Nuts und ich müssen noch eine kleine Sache erledigen, dann kommen wir nach.«
»War ja klar«, brummt Crush. »Wir dürfen Bretter zurechtsägen und die beiden Wichser machen Abenteuerurlaub.«
Nuts deutet mit der Gabel auf ihn. »Vorsicht, Kumpel, du redest gerade abfällig über deinen Boss. Und über mich. Ich bin dein Vize-Boss.«
»Und ein Wichser.« Crush lächelt ihn harmlos an.
»Ein Wichser, der dich gleich draußen neben dem Lattenjupp ans Kreuz nagelt.«
»Hey!«, bellt einer der hiesigen Biker herüber. »Keine blasphemischen Sprüche über unseren Heiland oder es knallt!«
Die Nomads blicken sich an.
»Habe ich gerade im Ernst die religiösen Gefühle eines Bikers verletzt?«, fragt Nuts verwirrt.
Crush zuckt mit den Achseln. »Andere Chapter, andere Sitten.«

5 Dinge, die unbedingt in ein erfolgreiches Buch gehören – Teil eins

Anmerkung vorweg: Ich bemühe mich stets um Gender Correctness. Und weil die Grünen justament dieses grandiose Gender Correctness-Sternchen * erfunden haben, bin ich mal so innovativ und wende es hier hemmungslos an.
Unsere Welt hat ja sonst keine Problem*Innen.

Es ist Wochenende, ich habe die Rohfassung von „Forever Nomad“ gestemmt und sitze noch immer fassungslos vor dem Wordcount. 225.000 und ein paar zerdrückte Buchstaben! Das Ding ist dicker geworden als geplant (vermutlich, weil meine Heimsuchungen wieder ihren Senf ins Manuskript hinzugeschrieben haben, als ich selig den Schlaf der dummen Autorin schlief. Die Überarbeitung wird lustig, wenn da wieder mittendrin so Sätze auftauchen wie: Der depressive Haifischwürger Werner setzte den Korkenzieher an und bohrte ein hübsches Loch in den Rumpf des Greenpeace-Flaggschiffs. Solche Sachen schreiben die nämlich rein. Nur, um mich zu ärgern, weil ich die Kaffeedose mit einem Vorhängeschloss gegen unbefugtem Gebrauch gesichert habe.)
Das Manuskript ist also schon mal ein dickes Ding. In gedruckter Form kann man damit jemanden erschlagen. Allein dafür sollte man mir bitte einen Orden aus Schokolade verleihen. Mit Krokantstückchen drin.
Aber ist es auch gut? (Eure Standardantwort, liebe Autor*innen, sollte an dieser Stelle lauten: Selbstverständlich ist es das! Es ist ja schließlich von mir! Sollte jemand*In anderer Meinung sein, so ist er*sie schlicht noch nicht bereit für meine literarischen Visionen … Wie immer, seufz.)
Es wäre darüber hinaus nicht von Nachteil, wenn das gute Buch sich auch verkaufen würde.
Aber was sorgt eigentlich dafür, dass ein Buch bei den Leser*Innen gut ankommt?
Okay: Worte. Viele, viele Worte – und es wäre durchaus von Vorteil, wenn sie aneinandergereiht Sinn ergäben.
Weil ich mich vorm Überarbeiten drücke, stelle ich also mal meine höchstpersönliche Blog-Serie auf mit den 5 Dingen, die meiner Meinung nach unbedingt in jedes erfolgreiche Buch gehören.
Und wenn ich die Liste fertig habe, darf ich meinen Roman komplett umschreiben, weil ich mich nicht an meine eigene Liste gehalten und ein düster-progressives Meisterwerk verfasst habe, mit dem keine Sau etwas anfangen kann. (Leser*Inmeinung: „Der depressive Haifischwürger hat mir solche Angst eingejagt, dass ich meinen E-Reader in den aufgeheizten Backofen stecken musste.“
Worauf ich dem/der Leser*In schreibe: „Liebe/r Leser*In, Der Haifischwürger steht als Metapher für die Position reduzierter potentieller Gravitationsenergie dort, wo die Emission musikalischer Vokalsequenzen die Präsenz mit negativer psychosozialer Prognose behafteter humaner Individuen negiert.“
Antwort: „Geh sterben, Autorin.“)
5-Dinge_StereotypHier also meine Numero eins:
1. Mindestens einen Stereotypen.
Yup, in den Schreibratgebern steht was vollkommen anderes. Da steht sinngemäß: Um der Liebe Christi willen: KEINE KLISCHEES, oder du wirst auf ewig in der Autor*Innenhölle schmoren, eingepfercht zwischen Rosamunde Pilcher, Bushido und der gesamten BILD-Redaktion! (Anmerkung: Dies ist meine ganz persönliche Hölle. Bitte fügt hier eure eigene Höllenvorstellung ein)
Aber mal ehrlich. In einem Buch, in dem es von doppelkinngeplagten Getränkefachverkäufern im bestickten Bademantel, alleinerziehenden Orks mit Hundeallergie und Haifischwürgern namens Werner nur so wimmelt, freut man sich doch über altbekannte Klischeecharaktere. Wenn man dem geschiedenen norwegischen Kommissar mit Alkoholproblem begegnet, ist das ungefähr so, als treffe man einen guten alten Kumpel wieder. Und mit etwas Glück kommt noch der dominante Millionär im Maßanzug um die Ecke und verhaut mal eben die unbedarfte Studentin, die ständig errötet.
Hach, Stereotypen: Das ist doch so, als säße man mit Freunden auf dem Sofa.
In einem Fantasyroman erwarte ich mindestens einen blonden, arroganten Elben mit delikaten Gesichtszügen. Wenn er noch auf einem Einhorn reitet und sein Name so viele Apostrophe beinhaltet, dass man ihn nicht aussprechen kann, kriegt er ein Stück von meinem Schokoladenorden.
Der Bösewicht im Thriller sollte mindestens einmal im Buch teuflisch/grausam/sadistisch lachen. (Nichtzutreffendes bitte streichen). Gerne darf er eine weiße Perserkatze kraulen und er muss ZWINGEND nach der Weltherrschaft streben.
BTW: Warum streben die eigentlich immer nach der Weltherrschaft? Ich meine, was macht man so, wenn man endlich die Welt beherrscht? Bringt man erfrischend neue Gesetze raus, dass sämtliche Bäume ab jetzt verkehrt herum gepflanzt werden? Lässt man sich jeden Morgen per Live-Übertragung von der gesamten Menschheit anbeten? Schickt man eine Rakete zum Mond, um dort oben sein Porträt aus bunten Straßsteinen als gigantisches Mosaik fertigen zu lassen, damit man bei Vollmond in die Schlafzimmer der Untertanen funkeln kann?
Ich stelle mir das ziemlich öde vor, so eine Weltherrschaft. Keiner will mehr mit dir Minigolf spielen, weil sie Angst haben, zu gewinnen. Ständig muss man Rebellen hinrichten lassen und kleine, aufmüpfige Könige einschüchtern. Und mit dem Geldzählen kommst du auch nicht nach. Bei Drölfzigzilliardendreihundertneunzehntausendundelf platzt dein beflissener Butler herein, um dir deine Blattgoldtrüffel auf spinnwebfeinem Kobe-Rind-Carpaccio zu servieren. Shit! Also musst du den Burschen enthaupten, das Blut von verängstigten Subalternen wegwischen lassen und darfst wieder von vorne anfangen mit zählen. Nervig.
Egal, Bösewichter müssen Weltherrrschaft und so …
Und wehe, er entpuppt sich als netter Kerl, der ehrenamtlich im Tierheim die Nagetiere betreut und an der Kasse der drängeligen Oma, die einem den Einkaufswagen in die Hacken fährt, freundlich lächelnd den Vortritt lässt. Er soll die Oma gefälligst mit ihren Tiefkühlbohnen bewusstlos schlagen, ihr mit dem Edding SLUT auf die Stirn schreiben und die Hamster im Tierheim lebendig herunterschlingen, wenn keiner hinguckt.
Meinetwegen darf er auch Haifische würgen und mit dem Schlüssel Kratzer ins Greenpeace-Flaggschiff machen.
Und der Held möge bitte ein Held sein. Wenn er direkt im ersten Kapitel am Herd schluchzend über seine angebrannte Penne zusammenbricht, anschließend den Müll runterträgt und Schilder für eine feministische Demo malt, esse ich meinen Schokoladenorden lieber selber. Der Held soll gefälligst Dreitagebart, einen eingeschränkten Wortschatz („Ich hol dich da raus, Baby!“) und ein Sixpack haben. Ohne Sixpack kommt mir kein Held ins Haus! Er darf gerne ein vom Schicksal geplagter alkoholkranker skandinavischer Kommissar sein, aber er sollte um Himmels Willen nicht so aussehen! Sondern mehr so wie Magic Mike mit ohne T-Shirt.
Gibt es eine Heldin, dann erwarte ich Modelmaße, große blaue Augen und einen engelsgleichen Charakter. Quasi das nette Mädchen von nebenan, das zufällig wie eine Mischung aus Miss World und Doppel-D-Pornosternchen aussieht und Mutter Teresa wie eine billige Bordsteinschwalbe wirken lässt. Und sie kann stundenlang in Stöckelschuhen durch die Gegend rennen. Treppen rauf und runter. Über Kopfsteinpflaster. Ohne Blasen. Hammerzehen hat sie auch nicht.
Die Heldin wird im Showdown über den Boden robben, die weggeworfene Pistole grabschen und den Bösewicht erschießen, der gerade damit beschäftigt ist, den Helden zu töten. Im letzten Moment, bitteschön. Und selbstverständlich muss sie nicht hilflos am Sicherungshebel herumfummeln, während unser sterbender Held röchelt „Kriegst du eigentlich gar nichts gebacken, du nutzlose Tussi? Danke auch“ und der Rückschlag der Waffe haut ihr auch keinen Bluterguss ans Kinn. Von abgebrochenen Fingernägeln rede ich gar nicht erst.
Dass nach getaner Arbeit die Heldin nicht sagt: „Hör mal, Magic Mike, das ist mir zu stressig mit dir. Ich stehe mehr so auf Bankangestellte und friedliche Bingoabende. Geh mit Gott, aber geh – und zieh dir endlich dein T-Shirt über!“ bedarf wohl keiner Erwähnung.

Also: keine Angst vor Stereotypen! Sie machen Spaß, man fühlt sich wohl und heimelig mit ihnen.
… Und beim Überarbeiten kann man sie löschen oder gleich im ersten Kapitel sterben lassen oder am Ende mit Haifischwürger Werner auf einen Kreuzzug gegen Greenpeace schicken. Unser Magic Mike schaut nicht lange in die Röhre. Er schnappt sich die weiße Perserkatze, kündigt seinen Job als Spezialagent (oder alkoholkranker Kommissar oder Ex-Navy SEALS) und wird in Las Vegas eine interessante Karriere als Showtänzer starten, in der ein flauschiges Haustier und ein ansehnliches Sixpack eine nicht unwesentliche Rolle spielen. (Das Kopfkino, das ich gerade bei mir selber erzeuge, behalte ich lieber für mich.
Die arme Katze …)
Was ich damit sagen will, weiß ich selber nicht so richtig.
Nur soviel: Eigentlich könnt ihr euch an alle, an gar keine oder an eure höchst eigenen Regeln halten beim Schreiben. Dafür ist Schreiben schließlich da. Und auch, wenn euer Buch nicht augenblicklich zum Spiegel-Bestseller avanciert, kann ich euch versichern, dass ihr etwas getan habt, dass euch Freude, Befriedigung und mit etwas Glück einen Schoki-Orden einbringt (Aber nicht den mit den Krokantstückchen! Der ist meiner!).

P.S.: Gender Correctness-Sternchen sucks!

Beten schadet nicht, hilft aber auch nicht – Aufruf zum Trotz

„You must not lose faith in humanity. Humanity is an ocean; if a few drops of the ocean are dirty, the ocean does not become dirty.“
Mahatma Gandhi

So um das Wochenende herum mache ich mir immer Gedanken um einen neuen unterhaltsamen Blogbeitrag. Nach diesem furchtbaren Freitag, den 13., der bis dato nie wirklich ein Unglückstag war, dürfte klar sein, dass das dieses Mal flach fällt.
Ich möchte aber auch nicht über Fassungslosigkeit, Schock, Beileid, Mitleid und „Rottet sie alle aus!“ lamentieren. Die erste Reaktion nach dem ungläubigen Schock ist immer der blutrot gefärbte Ruf nach Vergeltung.
Denn das, was eigentlich jedem denkenden Menschen heilig sein sollte – Leben, das friedliche Miteinanderleben, das Leben und Leben lassen, immer wieder das LEBEN  – wurde wieder einmal in tausend Fetzen gerissen.
Niemand kann nachvollziehen, was in einem Kopf vorgeht, der der Schöpfung dermaßen hasserfüllt und mordlüstern gegenübersteht, dass er sogar sein eigenes Leben dafür gibt, um sie auszurotten. Ich glaube, deutlicher kann man seiner Gottheit nicht klarmachen, wie sehr man Sein schöpferisches Werk verachtet.
Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an das Leben. An die Kraft hinter allem, die diesen Planeten mit überbordenden Leben gefüllt hat und dafür sorgt, dass ebendieses Leben immer seinen Weg findet. Denn das wird es, ganz gleich, wie viele Bombenattentate, Massaker, Geiselnahmen verübt werden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte Hass und Vernichtung Bestand.
Noch nie.
Wir Menschen sind mickrige lamentierende Würstchen angesichts der ungeheuren Lebenskraft, die am Ende immer siegen wird. Selbst wenn wir alle Atombomben gleichzeitig zünden würden und alle in Schutt und Asche legten, würde das Leben eines fernen Tages zurückkehren (dann aber wahrscheinlich ohne uns).

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Die Zeichnung stammt vom französischen Zeichner Joann Sfar, der auch für die Zeitschrift Charlie Hebdo gearbeitet hat, auf die im Januar ein Terroranschlag verübt wurde. (Quelle: Tonspion)

Auf Facebook habe ich sehr erschüttert und reichlich hilflos  „Pray for Paris, Lebanon, Syria …“ gepostet.
Dann habe ich über den Post nachgedacht. Bescheuert, sorry. Beten schadet sicher nicht, hilft aber auch nicht. Gegen gar nichts. Eine Kerze ist eine schöne Geste, aber irgendwann ist sie abgebrannt.
Die Anschläge in Paris, ebenso wie alle vergangenen brutalen Ereignisse sind die übelste Form der Blasphemie, denn sie richten sich gegen die Schöpfung. Tiefer kann kein Mensch sinken. Es ist schnurzpiepegal, ob man an Gott, Allah, Mutter Natur, die Matrix oder was auch immer glaubt. Wer sich gegen das Leben richtet, richtet sich damit auch gegen alles, an was er eigentlich zu glauben behauptet. Er tritt seinem Gott mit Anlauf in den Arsch, mit Verlaub.
Die Zerstörung der Schöpfung ist kein Akt der Demut, der gläubigen Hingabe, der Dankbarkeit und ganz gewiss macht sie die Welt nicht zu einem besseren Ort.
Dafür gibt’s keine Jungfrauen im Paradies. Kein Gott, keine Kraft der Natur wird sich erkenntlich dafür zeigen, dass ein paar hasserfüllte Verstrahlte sich gegen sein oder ihr Werk gerichtet haben.
Beten hilft nicht. Sich verschanzen und nach größtmöglicher Überwachung schreien hilft auch nicht. Paris war nicht zuletzt wegen Charlie Hebdo ständig in latenter Alarmbereitschaft.
Hasstiraden und „Schickt alle Flüchtlinge dahin, wo sie hergekommen sind!“-Rufe helfen erst recht nicht. Egal, ob man Parolen in sozialen Netzwerken postet oder militärische Vegeltungsschläge plant – all das haut in die gleiche Kerbe, die die Attentäter geschaffen haben: Nieder mit dem Leben!
Die Aufgabe jedes Einzelnen, davon bin ich fest überzeugt, liegt darin, die Welt auf seine oder ihre Art besser zu machen. Denn dies ist die einzig wirkungsvolle Art des Betens, die einzige Art, sich für das Leben zu bedanken, das einem gegeben wurde.
Okay, das ist verflucht schwierig, wenn man die Bilder ansieht, die über die Bildschirme flimmern, wenn man die fanatische Hingabe bedenkt, mit der Menschen dahingemetzelt wurden und werden.
Aber von leicht war nie die Rede.
Meine Kollegin Kay Noa hat es prägnant auf den Punkt gebracht: Tut doch einfach, was ihr könnt. Was ihr schafft. Was ihr wollt. Redet nicht. Tut es einfach.
Wer es schafft, uns in einen Zustand aus Angst, Hass und permanentem Misstrauen zu bomben, hat gesiegt. Über das Leben, über die Menschlichkeit, über das angeborene Recht, das beste Leben zu führen, das man führen kann, über all das Gute, das es gibt.
Ich appeliere an euren Trotz: Feiert das Leben! Seid Menschen, seid menschlich! Versucht, so glücklich wie möglich zu sein und gebt so viel wie möglich von dem Guten ab, das in euch steckt. Noch einmal: Feiert das Leben!
Hass macht nicht glücklich. Hass führt zu noch mehr Hass und endet in Asche. Niemand möchte seine Kinder in einer brennenden Welt aufwachsen sehen, in der Hass und Angst zum permanenten Begleiter gehören. Wer sich dem Hass hingibt, tritt die Schöpfung mit Füßen.
Und falls es jemand nicht mitbekommen hat: Das Gute siegt immer. Sonst wäre die Menschheit längst schon ausgerottet.

Nachsatz in eigener Sache:
Gerade noch habe ich „Ode an die Nacht“ beworben, das Buch, dessen Finale u.a. im legendären Pariser Bataclan-Club spielt. Vor einigen Jahren habe ich dort ein großartiges Opeth-Konzert besucht und war einige Stunden lang unglaublich glücklich. Jetzt ist mir schlecht und es zerreißt mir das Herz, auch nur das Buchcover anzuschauen.
Aber das ändert nichts daran, dass das Bataclan ein Ort ist, an dem sehr, sehr, sehr viele Menschen sehr, sehr, sehr glückliche Momente genossen haben. Das kann kein durchgeknallter Mörder, kein fanatischer Attentäter je auslöschen. Stellt euch auf den Kopf, ihr feigen kranken traurigen seelenlosen kreischenden Schwanzlutscher, ihr habt schon verloren! Das Gute, Glücklichmachende hat längst stattgefunden, als ihr über diese Orte hergefallen seid.
(Und ehrlich, wenn ich je sterben müsste, dann wäre ein geiles Konzert für mich persönlich nicht der schlechteste Ort. Ich poche auf mein Recht, das Beste vom Leben mitnehmen zu dürfen, keine hasserfüllte, schwarze traurige Seele wird mich auf ihr trostloses Niveau herabziehen! (hier bitte Stinkefinger einfügen))